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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Freitag, 20. April 2012

MY WEEK WITH MARILYN (2011)

Regie: Simon Curtis, Drehbuch: Adrian Hodges, Musik: Conrad Pope
Darsteller: Michelle Williams, Sir Kenneth Branagh, Eddie Redmayne, Emma Watson, Dame Judi Dench, Dougray Scott, Julia Ormond, Dominic Cooper, Zoë Wanamaker, Sir Derek Jacobi, Toby Jones, Philip Jackson, Michael Kitchen, Karl Moffatt, Simon Russell Beale
 My Week with Marilyn
(2011) on IMDb Rotten Tomatoes: 83% (7,1); weltweites Einspielergebnis: $35,1 Mio.
FSK: 6, Dauer: 104 Minuten.

1956 befindet sich die Schauspielerin Marilyn Monroe (Michelle Williams, "Die fantastische Welt von Oz") auf dem Zenit ihrer Karriere. In den vergangenen Jahren ist sie mit Filmen wie "Niagara" oder "Blondinen bevorzugt" zuerst zum Sexsymbol geworden und dann mit der legendären Luftschacht-Szene in Billy Wilders "Das verflixte 7. Jahr" zur Kultfigur. Und doch ist sie nicht wirklich glücklich, weder mit ihrem Leben noch mit ihrem Image. Marilyn versucht, sich neu zu erfinden – in ihrem Privatleben durch die Heirat mit dem berühmten Dramatiker Arthur Miller, beruflich durch die weibliche Hauptrolle in der Komödie "Der Prinz und die Tänzerin" neben der britischen Schauspielikone Sir Laurence Olivier (Sir Kenneth Branagh, "Radio Rock Revolution"). Doch schnell gibt es am Set Unstimmigkeiten vor allem zwischen dem perfektionistischen Sir Laurence und der stets verspäteten, durch ihren Schauspielpartner und Regisseur vollkommen eingeschüchterten und zudem von ihrem hohen Tablettenkonsum beeinträchtigten Marilyn. Als Arthur Miller für eine Woche zurück in die Vereinigten Staaten zu seinen Kindern fliegt, gibt Sir Laurence dem jungen Produktionsassistenten Colin (Eddie Redmayne, "Les Misérables") den Auftrag, sich um Marilyn zu kümmern ...

Kritik:
"My Week with Marilyn" ist die Verfilmung der Memoiren des mittlerweile verstorbenen Colin Clark und erzählt somit theoretisch eine wahre Geschichte. Inwieweit Clarks Erzählungen im Detail tatsächlich der Wahrheit entsprechen, kann heutzutage wohl niemand mehr beurteilen. Für den Film ist das aber auch völlig belanglos, denn seinen Reiz bezieht dieser nicht etwa aus einer möglichst authentischen Abbildung der damaligen Realität, sondern primär aus der märchenhaften, auf die eine oder andere Weise für jeden Zuschauer nachvollziehbaren Konstellation "Durchschnittstyp trifft Weltstar, beide verlieben sich ineinander". Für Cineasten ist natürlich der Blick hinter die Kulissen einer hochkarätigen Filmproduktion ein zusätzliches Schmankerl.

Leider gelingt es Regisseur Curtis und Drehbuch-Autor Hodges nicht so ganz, diese beiden Ebenen ihres Films zu einem homogenen Gesamtwerk zusammenzufügen. In der ersten Hälfte dominieren die "Making Of"-Elemente und diese funktionieren hervorragend. Durch die Augen des von Eddie Redmayne mit ansteckender Begeisterungsfähigkeit gespielten dritten Produktionsassistenten Colin, dessen erster (und übrigens auch einziger) Film "Der Prinz und die Tänzerin" ist, verfolgt man beeindruckt und vielleicht ein bißchen neidisch seine Erlebnisse: das erste Treffen mit der Schauspiellegende Sir Laurence Olivier und seiner nicht weniger berühmten Frau Vivien "Scarlett O'Hara" Leigh (Julia Ormond, "Der 1. Ritter"), den ersten Tag an einem Filmset, die schüchterne Romanze mit einer hübschen Garderoben-Assistentin (Emma Watson, "Vielleicht lieber morgen"), das liebenswürdig-freundschaftliche Verhalten des Theaterstars Dame Sybil Thorndike (Dame Judi Dench, "Skyfall"). Und natürlich die Begegnung mit Marilyn Monroe, dem zur damaligen Zeit vielleicht größten Filmstar der Welt. Da diese erste Filmhälfte zudem von erfrischendem Witz durchzogen ist und mit vielen interessanten Nebenfiguren glänzt, handelt es sich um einen wahrlich faszinierenden Blick durch das Schlüsselloch.

In der zweiten Filmhälfte werden all diese Stärken jedoch zunehmend zugunsten der sich entfaltenden Romanze zwischen Colin und Marilyn vernachlässigt. Das ist ausgesprochen schade, da diese an sich sehr spannende Beziehung im Film deutlich weniger interessant wirkt als die Geschehnisse zuvor. Zwar gibt es einige schöne Szenen zwischen den beiden, aber insgesamt ist die Annäherung dieser beiden Menschen aus komplett unterschiedlichen Welten zu vorsichtig und oberflächlich in Szene gesetzt, um wirklich begeistern zu können. Daß dafür manche der Nebencharaktere aus der ersten Hälfte völlig aus der Handlung verschwinden müssen (beispielsweise Marilyns von Toby Jones verkörperter Presseagent), ist schlicht eine Schande.

Dennoch ist auch dieser inhaltlich schwächere Teil von "My Week with Marilyn" sehenswert und das liegt vor allem an Michelle Williams. Ihre Leistung erinnert an die von Cate Blanchett, die in "Aviator" der echten Katharine Hepburn zwar nur ansatzweise ähnlich sah, aber durch eine darstellerische Glanzleistung eine höchst glaubwürdige Version der Schauspielerin auf die Leinwand brachte. Auch die ehemalige "Dawson's Creek"-Darstellerin und mittlerweile dreifache OSCAR-Nominee Williams ähnelt der echten Marilyn optisch nicht allzu sehr, wenngleich Kostüm- und Makeupabteilung ganze Arbeit geleistet haben. Doch Williams hat sich die Sprechweise Marilyns ebenso akribisch angeeignet wie ihren ganzen Habitus und macht das Publikum damit spielend vergessen, daß es hier "nur" einer hervorragenden Kopie zuschaut und nicht dem Original. Die ständige latente Unsicherheit und Verletzlichkeit von Marilyn Monroe, dieser Kunstfigur, die von der Öffentlichkeit zu ihrem zunehmenden Verdruß mit der echten Person Norma Jeane Baker verwechselt wird, stellt Williams höchst eindringlich dar. Doch auch sie muß letztlich scheitern, wo ihr das Drehbuch nicht genügend Material gibt. Selbst die beste Schauspielerin der Welt könnte keinen echten Tiefgang erzeugen, wo das Drehbuch nur an der Oberfläche der ambivalenten Persönlichkeit und des Mythos Marilyn Monroe kratzt.

Um Williams' auch sprachliche Glanzleistung vollkommen würdigen zu können, empfiehlt es sich naturgemäß, den Film in der Originalversion anzusehen. Noch mehr gilt das übrigens für Kenneth Branagh, dessen (ebenfalls OSCAR-nominierte) Verkörperung des großen Sir Laurence Olivier mindestens so herausragend ist wie Williams' Transformation in Marilyn Monroe. Und wenn sich einem schon einmal die Gelegenheit bietet, den begnadeten Shakespeare-Mimen Sir Kenneth Branagh in der Rolle des begnadeten Shakespeare-Mimen Sir Laurence Olivier in der Originalsprache Shakespeare-Verse rezitieren zu hören, dann sollte man sich diese tunlichst nicht entgehen lassen ...

Fazit: "My Week with Marilyn" ist eine vor allem in der ersten Hälfte der rund 100 Minuten wunderbar leicht und humorvoll erzählte märchenhafte Anekdote der Filmgeschichte, die von zwei herausragenden Schauspielern getragen wird. Die inhaltliche Schwerpunktverlagerung in der zweiten Hälfte kann infolge von Drehbuchmängeln und der sträflichen Vernachlässigung der Nebenfiguren nicht völlig überzeugen, ist aber dank Michelle Williams immer noch absolut sehenswert.

Wertung: 8 Punkte.


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