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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Dienstag, 22. Mai 2012

DARJEELING LIMITED / HOTEL CHEVALIER (2007)

Regie: Wes Anderson, Drehbuch: Roman Coppola, Jason Schwartzman und Wes Anderson
Darsteller: Adrien Brody, Owen Wilson, Jason Schwartzman, Amara Karan, Anjelica Huston, Bill Murray, Barbet Schroeder, Irrfan Khan, Natalie Portman
 The Darjeeling Limited
(2007) on IMDb Rotten Tomatoes: 69% (6,6); weltweites Einspielergebnis: $35,1 Mio.
FSK: 6, Dauer: 105 Minuten.

Die drei ungleichen, nach dem Tod ihres Vaters ein Jahr zuvor entfremdeten Brüder Francis (Owen Wilson, "Midnight in Paris"), Jack (Jason Schwartzman, "Moonrise Kingdom") und Peter (Adrien Brody, "Predators") begeben sich auf Francis' Veranlassung hin auf eine "spirituelle Reise" durch Indien, um wieder zueinander zu finden. Doch Francis hat dabei noch einen Hintergedanken, er hat nämlich ihre Mutter (Anjelica Huston, "50/50") ausfindig gemacht, die die Familie vor langer Zeit verlassen hatte, um eine Nonne zu werden – in einem indischen Kloster. Erwartungsgemäß verläuft die Reise nicht ganz frei von Zwischenfällen ...

Kritik:
In seinen beiden vorherigen Filmen stellte der von einer verhältnismäßig kleinen, aber sehr loyalen Fanschar (zu der auch ich mich zähle) verehrte Regisseur Wes Anderson vor allem jene für ihn typische bizarre Komik mit skurrilen Situationen und äußerst schrägen Figuren in der Vordergrund. Bei "Die Tiefseetaucher" funktionierte das in meinen Augen hervorragend, bei "Die Royal Tenenbaums" nicht ganz so gut die meisten Kritiker sehen das allerdings genau umgekehrt. In "Darjeeling Limited" orientiert sich Anderson eher an seinem zweiten Kinofilm "Rushmore" aus dem Jahr 1998 und konzentriert sich verstärkt auf die Emotionen seiner grundsympathischen Protagonisten. Ohne dabei den Humor zu vernachlässigen, versteht sich.

Absolut hinreißend ist bereits die allererste Sequenz des eigentlichen Films (auf den Vorfilm "Hotel Chevalier" gehe ich weiter unten kurz ein), die ich hiermit kurzerhand spoilern werde, da sie bezeichnend für Andersons Art des Humors ist. Ich denke, man kann sie sogar als eine Art Entscheidungshilfe dafür betrachten, ob man mit Andersons Filmen etwas anfangen kann oder nicht. Also: Wir sehen einen aufgeregten Bill Murray (Hauptdarsteller aus "Rushmore" und "Die Tiefseetaucher") in einem rasenden indischen Taxi. Als dieses vor dem Bahnhof hält, springt Murray heraus, rennt in das Gebäude hinein zum Bahnsteig, auf dem sein Zug – der "Darjeeling Limited" – sich soeben in Bewegung gesetzt hat. Wir sehen Murray, wie er keuchend und mit Koffern in beiden Händen dem abfahrenden Zug hinterherrennt, um noch auf den letzten Waggon aufzuspringen, als er plötzlich auf der Außenbahn von Adrien Brody überholt wird! Die Kamera folgt nun dem schnelleren Brody, der den Zug tatsächlich noch im letzten Moment einholt, aufspringt und bei einem Blick zurück den verzweifelten Murray sieht, der auf dem Bahnsteig zurückbleibt. Und damit ist Murray auch schon raus aus dem Film.

Es ist im Grunde ganz einfach: Wer diese Szene (die in bewegten Bildern natürlich noch weit besser wirkt als in meiner spröden Nacherzählung) witzig findet, dem wird mit großer Wahrscheinlichkeit auch der ganze Film gefallen. Und Andersons übrige Filme ebenso. Die Handlung von "Darjeeling Limited" dient dabei nur als dünner roter Faden, an dem sich die drei ungleichen Brüder auf ihrer Reise entlanghangeln. In Wirklichkeit ist natürlich die Reise selbst das Ziel, samt diverser mehr oder weniger skurriler Begegnungen und Geschehnisse. Es geht um die Brüder und ihre ganz privaten Probleme, um ihr Verhältnis zueinander und, ja, es geht auch um ein hier wunderschön (dabei aber keineswegs komplett romantisch verklärt) dargestelltes Indien. Das Erzähltempo bleibt dabei stets in etwa auf dem gleichen Niveau, es gibt keine großartigen Highlights, aber auch keine längeren Schwächeperioden. "Darjeeling Limited" ist von der ersten bis zur letzten Minute und trotz seiner durchgehend schrägen Machart ein überraschend bodenständiger, durch und durch sympathischer Film, in dessen Verlauf die drei Brüder einem richtig ans Herz wachsen.

Besonders hilfreich für diese Wirkung ist es naturgemäß, daß die Leinwandchemie von Brody, Wilson und Schwartzman trotz ihrer zahlreichen charakterlichen und körperlichen Unterschiede (wie Brüder sehen die drei nun wirklich nicht aus ...) einwandfrei funktioniert. Sicherlich ist dies auch ein Verdienst von Andersons Gewohnheit, immer wieder mit den gleichen Schauspielern zu drehen, wenngleich Brody ein Neuling in der "Anderson-Familie" ist. Besonders stark spielt wieder einmal das in der Öffentlichkeit häufig unterschätzte Multitalent Jason Schwartzman, der seine Kino-Karriere überhaupt erst Anderson verdankt ("Rushmore" war sein allererster Auftritt vor einer Kamera). Seitdem hat er sich zu einem sehr respektablen Charakterdarsteller entwickelt (seine beste Rolle außerhalb des Anderson-Universums war die des König Ludwig XVI. in Sofia Coppolas "Marie Antoinette"), wurde Hauptdarsteller einer hochgelobten TV-Serie (HBOs leider nach drei Staffeln eingestellter Crime-Comedy "Bored to Death"), hatte mit seiner Band Phantom Planet einen Welthit ("California", die Titelmelodie der TV-Serie "O.C., California") und wirkte hier sogar erstmals als Co-Autor am Drehbuch mit.

So gesehen ist es passend, daß Schwartzman auch im 13-minütigen Vorfilm, der einen kleinen Ausschnitt aus der Vorgeschichte von Jack erzählt, im Zentrum steht. In "Hotel Chevalier" trifft Jack im namensgebenden Etablissement seine von Natalie Portman verkörperte Ex-Freundin, die beiden diskutieren ihre Beziehung. Für sich genommen ist das zwar sehr stimmungsvoll in Szene gesetzt, wirkt aber doch eher belanglos. Erst im Nachhinein entfaltet der Kurzfilm seine Kraft durch die Geschehnisse sowie die direkten und indirekten Bezugnahmen im Hauptfilm.

Fazit: "Darjeeling Limited" ist ein typischer Wes Anderson-Film: Eine subtile, humorvolle und von den exotischen Reizen Indiens ebenso wie von den erstklassigen Schauspielern profitierende Reise ins Ich der Protagonisten. Trotz durchaus dramatischer Geschehnisse ein eches Feel-Good-Movie sofern man sich mit Andersons doch recht speziellem Humor identifizieren kann und sich nicht daran stört, daß es eigentlich keine richtige Handlung gibt.

Wertung: 8,5 Punkte.


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