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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Mittwoch, 2. Mai 2012

THE GREY – UNTER WÖLFEN

Originaltitel: The Grey
Regie: Joe Carnahan, Drehbuch: Ian Mackenzie Jeffers und Joe Carnahan, Musik: Marc Streitenfeld
Darsteller: Liam Neeson, Dallas Roberts, Frank Grillo, Dermot Mulroney, James Badge Dale, Nonso Anozie, Joe Anderson, Ben Bray, Anne Openshaw
 The Grey
(2011) on IMDb Rotten Tomatoes: 79% (6,9); weltweites Einspielergebnis: $77,3 Mio.
FSK: 16, Dauer: 117 Minuten.

Als eine Gruppe hartgesottener Ölarbeiter auf dem Heimflug von Alaska abstürzt, geraten die wenigen Überlebenden in ein wahres Alptraum-Szenario: Lediglich ein gutes halbes Dutzend hat den Absturz überstanden, einige davon verletzt. Sie haben keine Waffen (außer ein paar Messern) und kaum Proviant und da sie sich mitten in der menschenleeren Wildnis Alaskas befinden, besteht kaum Aussicht auf Rettung. Und als ob das noch nicht deprimierend genug wäre, müssen die Männer auch noch feststellen, daß sie offenbar mitten in einem Wolfsrevier gelandet sind, dessen Bewohner es ausgesprochen aggressiv verteidigen. Wenigstens hat John Ottway (Liam Neeson, "Batman Begins") das Unglück überlebt, jener Mann, dessen Job es sowieso ist, die Ölarbeiter vor Wolfsangriffen und ähnlichem zu beschützen. Unter seiner Führung macht sich das traurige Häufchen Überlebender auf den beschwerlichen Weg durch die schneebedeckte Wildnis, in der verzweifelten Hoffnung, das Wolfs-Territorium zu verlassen und diese damit von weiteren Angriffen abzuhalten ...

Kritik:
"The Grey" reiht sich nahtlos in die lange Liste der irreführend vermarkteten Filme ein. Zum Glück, denn das, was Regisseur Joe Carnahan ("Narc", "Das A-Team") dem Publikum hier bietet, ist weit origineller und besser als das, was Inhaltsbeschreibung und Trailer vermuten lassen. Wenn Liam Neeson im Trailer in bester Rambo-Gedächtnismanier verkündet, man müsse die Wölfe einen nach dem anderen umbringen, dann erwartet man einen rasanten Action-Thriller mit jeder Menge toter Wölfe. Was "The Grey" liefert, ist jedoch ein waschechter Tierhorrorfilm mit ziemlich unverbrauchtem Szenario, atemloser Spannung, überraschend gut ausgearbeiteten Figuren und sogar einer (etwas aufgesetzt wirkenden) philosophischen Note.

Es ist geradezu erstaunlich, wie es Carnahan auf Grundlage einer Kurzgeschichte von Ian Mackenzie Jeffers (der diese gemeinsam mit Carnahan in ein Drehbuch umgearbeitet hat) gelingt, die anfänglich wenig sympathisch und ziemlich reißbrettartig wirkenden Arbeiter echte Persönlichkeit entwickeln zu lassen. Wie das (imaginäre) Handbuch der Horrorfilme lehrt, ist der Aufbau einer Verbindung zwischen Charakteren und Publikum ein entscheidendes Element für das Gelingen des Werks. "The Grey" zeigt, wie das selbst dann funktionieren kann, wenn die Figuren denkbar ungeeignet dafür erscheinen. Es ist gar nicht mal so, daß die Männer deutlich sympathischer würden, wenn man sie näher kennenlernt und mit ihnen mitleidet. Doch sie wirken in all ihrer Rohheit und mit ihrer teilweise aufgesetzten Macho-Attitüde absolut authentisch. Das ist natürlich auch ein Verdienst der bis auf Neeson wenig bekannten Darsteller. Für Neeson selbst, der sich weiterhin in allen möglichen Genres ausprobiert, ist die Rolle des depressiven und schon vor dem Absturz mit seinem Leben hadernden Ottway ein – man möge mir das kleine Wortspiel verzeihen – gefundenes Fressen. Aber auch die übrigen Schauspieler sind hervorragend besetzt und hauchen ihren Figuren gekonnt Leben ein.

Ein absolutes Highlight von "The Grey" ist in meinen Augen zudem die Darstellung der Wölfe. Zwar kann man mitunter leider erkennen, daß neben echten Wölfen sowohl computergenerierte als auch mechanische Tiere verwendet werden, aber die Art und Weise, wie sie innerhalb der Geschichte eingesetzt werden, ist absolut gekonnt: Nicht etwa als böse Alibi-Monster, die einfach nur ohne Sinn und Verstand die Menschen angreifen und von diesen dutzendweise abgeschlachtet werden. Sondern als gefährliche, instinktgesteuerte Raubtiere, die ihr eigenes Territorium rücksichtslos verteidigen, aber keinesfalls "böse" sind. Und vor allem sind sie den Menschen nicht unterlegen. Da kann Ottway noch so grimmig den Kampf gegen die Wölfe anführen – letztlich sind die Menschen gegen das ganze Wolfsrudel chancenlos und alle wissen das, weshalb Flucht die einzige Option für sie ist. Keine Märchenstunde diesmal, Rotkäppchen war gestern.

Einige Tierschutzvereinigungen sahen das zum US-Start zwar anders und kritisierten, "The Grey" würde die in den allermeisten Fällen unbegründete Angst der Menschen vor den Wölfen verstärken, zumal der Grauwolf erst kürzlich in Teilen der USA von der Liste der gefährdeten (und damit geschützten) Tierarten gestrichen wurde. Als erklärter Tier- und Umweltfreund stehe ich normalerweise auf der Seite dieser Organisationen, diesmal muß ich jedoch widersprechen. Es kann ja wohl bei allen Tierschutzbemühungen nicht der Sinn der Sache zu sein, wilde Tiere zu verharmlosen – und da in "The Grey" unzweideutig erläutert wird, daß die Wölfe eben nicht aus bloßer Bösartigkeit handeln, sondern ganz gezielt zum Schutz ihres Territoriums, sehe ich auch keine wirkliche Gefahr für das Image der Tiere. Bis auf eine (der Einführung Ottways dienende) ärgerliche Szene ganz zu Beginn, in der ein einzelner Wolf bei hellichtem Tag eine Gruppe Menschen attackiert, ist mir jedenfalls keine eindeutig falsche Verhaltensweise der Tiere aufgefallen. Natürlich ist manches aus dramaturgischen Gründen etwas zugespitzt und in der Realität mag ein solches Szenario ziemlich unwahrscheinlich sein (wie bei vielen Filmen aus allen möglichen Genres). Aber es handelt sich nunmal um einen fiktiven Film und nicht um eine Dokumentation, da muß so etwas erlaubt sein.

Daß die Wölfe in "The Grey" optisch wie erwähnt nicht immer vollkommen überzeugend wirken, wird übrigens von der ansonsten hervorragenden technischen Umsetzung kompensiert. Vor allem die gekonnte Kameraführung, die Soundeffekte und der Schnitt sind zu loben, die die Spannung stets hochhalten, auch ohne die Tiere ständig im Bild zu haben oder die blutigen Kampfszenen überausführlich herauszustellen. Wenn des Nachts nur das Knurren oder Heulen der nahen, aber für die Menschen unsichtbaren Wölfe zu hören ist oder wenn nur deren Augen in der Dunkelheit gleißen, dann ist das weit furchteinflößender als die Angriffe selbst. Wie es in einem guten Horrorfilm eben sein sollte.

Fazit: Die mitunter etwas aufgesetzt wirkenden philosophischen Betrachtungen und der relative Mangel an Actionszenen mögen manche Zuschauer gerade angesichts des Trailers verärgern, aber insgesamt ist "The Grey – Unter Wölfen" ein hochspannender, atmosphärischer Horrorfilm mit genreunüblich gut herausgearbeiteten, authentischen Charakteren.

Wertung: 8 Punkte.


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