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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Dienstag, 29. Mai 2012

LACHSFISCHEN IM JEMEN (2011)

Originaltitel: Salmon Fishing in the Yemen
Regie: Lasse Hallström, Drehbuch: Simon Beaufoy, Musik: Dario Marianelli
Darsteller: Ewan McGregor, Emily Blunt, Kristin Scott Thomas, Amr Waked, Tom Mison, Rachael Stirling, Conleth Hill
 Salmon Fishing in the Yemen
(2011) on IMDb Rotten Tomatoes: 68% (6,2); weltweites Einspielergebnis: $34,6 Mio.
FSK: 6, Dauer: 108 Minuten.

Als der selbstbewußte und im Staatsdienst befindliche Lachsexperte Dr. Alfred Jones (Ewan McGregor, "Jack and the Giants") von ganz oben den dringenden Auftrag erhält, die Möglichkeit auszuloten, Lachse im Jemen anzusiedeln, hält er das Ganze zunächst für einen Witz. Doch da die Anfrage von einem stinkreichen Scheich (Amr Waked, "Syriana") kommt und die PR-Beraterin des britischen Premierministers (Kristin Scott Thomas, "Der englische Patient") deshalb eine ausgezeichnete Gelegenheit für gute Presse wittert, wird ihm keine echte Wahl gelassen (abgesehen vom sofortigen Jobverlust). Also macht er sich zunächst widerwillig an die Arbeit, unterstützt von der gewitzten Harriet (Emily Blunt, "Looper"), die ihn im Auftrag des Scheichs tatkräftig unterstützen soll. Als Alfred diesen schließlich kennenlernt, läßt er sich von dessen Enthusiasmus anstecken und trotzt fortan allen Widrigkeiten privater und beruflicher Natur, um die Lachse gesund und munter in den Jemen zu schaffen ...

Kritik:
Der schwedische Regisseur Lasse Hallström, Spezialist für ebenso gefühl- wie humorvolle Literaturverfilmungen ("Chocolat", "Gottes Werk & Teufels Beitrag", "Schiffsmeldungen"), hat sich erneut eines Buches angenommen und das gleichnamige Romandebüt von Paul Torday nach einer Drehbuch-Adaption von OSCAR-Gewinner Simon Beaufoy ("Slumdog Millionär") auf die große Leinwand transportiert. Das Resultat fügt sich gut in das Gesamtwerk des Regisseurs ein, ohne auf irgendeine Art und Weise herauszustechen.

Dabei fängt es sehr vielversprechend an, denn das erste Filmdrittel bezaubert mit eigenwilligen Charakteren und spritzigen Dialogen. Vor allem die Nebenfiguren wissen in dieser frühen Phase zu begeistern. Allen voran sorgt die ausgesprochen spitzzüngige und von Kristin Scott Thomas mit Verve verkörperte PR-Agentin Patricia für jede Menge Lacher (unter anderem mit ihren herrlich absurden Internet-Chats mit dem Premierminister), auch Alfreds Vorgesetzter Bernard Sudgen (Conleth Hill alias Lord Varys in der TV-Serie "Game of Thrones") hat etliche höchst amüsante Szenen mit Alfred beziehungsweise Patricia.

Bedauerlicherweise gibt es nach diesem tollen Auftakt relativ schnell jene dramatische Storywendung, die wohl notwendig ist, damit Hallström sich überhaupt für den Stoff interessiert. Reine Komödien scheinen ihm nicht auszureichen (vielleicht abgesehen von "Casanova" mit Heath Ledger). Häufig funktioniert das einwandfrei, manchmal ("Ein ungezähmtes Leben") nicht ganz so gut. So auch bei "Lachsfischen im Jemen". Vermutlich liegt das daran, daß die heitere, unbeschwerte Stimmung des ersten Filmdrittels gleich dreifach gebrochen wird. Einmal direkt durch besagte Wendung (Harriets Freund, ein Elitesoldat, wird vermißt); zusätzlich indirekt dadurch, daß sich die Handlung immer stärker in Richtung Liebesgeschichte zwischen Alfred und Harriet bewegt und dabei den Humor zunehmend außer Acht läßt. Und am allerwenigsten funktioniert es, daß auch noch der Aspekt des islamistischen Terrors integriert wird. Zwar ist das innerhalb der Geschichte nachvollziehbar, da der westlich orientierte Scheich naturgemäß den Zorn eines Teils seiner Untertanen auf sich zieht. Leider ist die Umsetzung aber so oberflächlich und gezwungen, daß es einfach nur ärgerlich ist. Wenn man diese komplexe Thematik schon angehen möchte, dann sollte man es auch richtig tun. Mit einer derart halbherzigen Vorgehensweise wie in "Lachsfischen im Jemen" tut man sich keinen Gefallen. Möglicherweise ist das ein Problem, das mit der Buchvorlage zusammenhängt, die natürlich mehr Raum hat, um die verschiedenen Aspekte der Geschichte einigermaßen ausführlich abzuhandeln. In einem 100-minütigen Film muß man entweder einzelne Aspekte ganz streichen (was meiner Ansicht nach in diesem Fall die richtige Entscheidung gewesen wäre) oder damit leben, daß die Handlung insgesamt ziemlich oberflächlich bleibt.

Daß "Lachsfischen im Jemen" trotz dieser Ärgernisse insgesamt gut zu unterhalten weiß, ist wie so oft vor allem den exzellenten Schauspielern geschuldet. Ewan McGregor beweist als leicht schrulliger Wissenschaftler nach längerer Zeit wieder einmal sein großes komödiantisches Talent (zuletzt gelang ihm das so richtig 2003 mit dem Doppelschlag "Big Fish" und "Down with Love"), Emily Blunt steht ihm in ihrer ungleich emotionaleren Rolle in nichts nach. Vor allem jedoch offenbaren die beiden eine hervorragende Leinwandchemie, die angesichts der das letzte Filmdrittel dominierenden Liebesgeschichte auch dringend nötig ist. Kristin Scott Thomas' Fähigkeiten stehen sowieso außer Zweifel und Amr Waked verleiht dem sympathischen Scheich auf angenehm unaufgeregte Art und Weise königliche Erhabenheit.

Wenngleich das Drehbuch dramaturgisch, wie erwähnt, seine Schwächen aufweist und sich die Handlung etwas zu sehr zerfasert (und dabei die Nebenrollen, die im ersten Drittel so überzeugten, fast vollständig vernachlässigt), sind die Dialoge immerhin weiterhin überzeugend, intelligent und mitunter durchaus tiefgründig. Zudem veredelt Dario Marianelli die schönen Filmbilder aus den Drehorten Schottland und (als Jemen-Double) Marokko mit den von ihm gewohnten spielerischen, klavierlastigen Melodien.

Gewöhnungsbedürftig ist es übrigens, daß Alfred wiederholt als "Dr. Jones" angespochen wird – man sucht automatisch nach Hut und Peitsche. Das war wohl auch den Filmemachern bewußt, weshalb sie sogar eine gelungene direkte Anspielung auf die "Indiana Jones"-Filme eingebracht haben ...

Fazit: "Lachsfischen im Jemen" ist eine inhaltlich etwas unausgegorene, aber stark gespielte Tragikomödie, deren humorbetonte Phasen einwandfrei funktionieren. Die eher dramatischen Handlungsstränge hingegen leiden teilweise unter einer halbherzigen Umsetzung, teilweise unter ihrer Vorhersehbarkeit.

Wertung: 7 Punkte.


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