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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Freitag, 25. Mai 2012

MOONRISE KINGDOM (2012)

Regie: Wes Anderson, Drehbuch: Roman Coppola, Wes Anderson, Musik: Alexandre Desplat
Darsteller: Jared Gilman, Kara Hayward, Edward Norton, Bruce Willis, Frances McDormand, Bill Murray, Tilda Swinton, Jason Schwartzman, Harvey Keitel, Seamus Davey-Fitzpatrick, Bob Balaban
 Moonrise Kingdom
(2012) on IMDb Rotten Tomatoes: 93% (8,2); weltweites Einspielergebnis: $68,3 Mio.
FSK: 12, Dauer: 98 Minuten.

Sommer 1965 auf einer dünn besiedelten Insel vor Neuengland: Zwei Kinder sind ausgerissen. Der 12-jährige Sam (Jared Gilman) ist ein Waisenkind ohne Freunde und hat kurzerhand bei den Pfadfindern gekündigt, um sich mit seiner gleichaltrigen Brieffreundin Suzy (Kara Hayward), einer sich unverstanden fühlenden Tochter eines Anwalts-Ehepaars (Bill Murray und Frances McDormand), in der Wildnis eines früheren Indianergebiets zu treffen. Während die beiden die erste Liebe genießen, werden sie von den Pfadfindern um Scout Master Ward (Edward Norton, "Der unglaubliche Hulk"), dem melancholischen Polizeichef der Insel (Bruce Willis, "Looper") und Suzys Eltern gesucht. Und am Horizont zieht ein Jahrhundertsturm auf ...

Kritik:
Was einen richtig guten Film über Kinder vor allem auszeichnet (neben den üblichen Zutaten wie einer interessanten Geschichte und überzeugenden Schauspielern), ist, daß er seine jungen Protagonisten mit ihren Ängsten, Sorgen und Sehnsüchten wirklich ernstnimmt. Die Anzahl der Filme, die das tun, ist gar nicht so groß, zu den bekanntesten Beispielen gehören "Stand By Me" und "Die Goonies". Natürlich gibt es jede Menge erfolgreicher und oft auch guter Filme FÜR Kinder, die sich aber in der Regel vorrangig auf die humorvollen und/oder romantischen Aspekte des Erwachsenwerdens konzentrieren und echte Probleme höchstens oberflächlich abhandeln. "Moonrise Kingdom" – gefeierter Eröffnungsfilm der Filmfestspiele von Cannes 2012 und OSCAR-nominiert für das Drehbuchdarf glücklicherweise getrost zur erstgenannten Gruppe gezählt werden.

Dabei wirken die beiden Hauptfiguren, wie eigentlich alle Personen in Filmen von Wes Anderson ("Darjeeling Limited", "Die Royal Tenenbaums"), auf den ersten Blick gar nicht allzu glaubwürdig. Der altkluge Sam und die aufbrausende Suzy sind übertriebene Charaktere, die Dialoge führen, die man in der Realität nur höchst selten von Kindern hören dürfte. Dennoch sind sie echt. Sie sind echte Menschen mit echten, ernsten Problemen und ebenso echten, stürmischen Gefühlen. Und Wes Anderson nimmt sie vollkommen ernst. Die zarte Romanze zwischen den beiden von den Newcomern Kara Hayward (die ein klein wenig an Emma Watson erinnert) und Jared Gilman hinreißend verkörperten Außenseitern geht ans Herz, ihre familiären Probleme kann man gut nachfühlen und man sorgt sich um die Zukunft der beiden, vor allem um die des Waisenkindes Sam.

Das ist auch nötig, denn Anderson setzt ein hochinteressantes und wunderbar funktionierendes Stilmittel ein: Die Erwachsenen in "Moonrise Kingdom" sind zwar ausnahmslos wohlmeinend, verschlechtern die Lage der Kinder aber ungewollt immer mehr. Ob Sams Pflegeeltern, die nicht mehr mit ihm zurechtkommen, Suzys Eltern, die nicht wissen, wie sie mit dem "Problemkind" umgehen sollen oder der engagierte, aber tendentiell überforderte Pfadfinderführer Ward; ob der gutherzige Polizeichef, der leicht korrumpierbare Pfadfinder Ben (Jason Schwartzman, "Marie Antoinette") oder das Jugendamt (witzigerweise direkt personifiziert durch Tilda Swinton, deren Rollenname tatsächlich "Jugendamt" beziehungsweise im Original "Social Services" lautet), das Sam im Zweifelsfall per Schocktherapie "helfen" will – allesamt sind sie die von Anderson gewohnten schrägen Charaktere, von ihren hochkarätigen Darstellern glänzend und uneitel gespielt und lange Zeit absolut nicht hilfreich. Genau umgekehrt ist es bei den anderen Kindern. Zunächst sind sie aus Sams und Suzys Sicht die "Bösen", die sie nicht mögen, nichts mit ihnen zu tun haben wollen und die Ausreißer dennoch suchen sollen. Doch im Laufe der Geschichte wendet sich ihre Rolle und sie werden zu den Verbündeten, die Sam und Suzy angesichts der vielen ihnen wohlmeinend schadenden Erwachsenen auch dringend benötigen. Weil sie nunmal ebenfalls Kinder sind und trotz aller persönlichen Differenzen genau verstehen, was Sam und Suzy antreibt.

Dramaturgisch kann "Moonrose Kingdom" insgesamt zwar überzeugen – wobei die erzählte Geschichte im Kern sowieso ziemlich simpel ist, auch das ein Markenzeichen von Andersons Filmen –, ist aber nicht völlig frei von Schwächen. Zumindest trifft das auf die erste Hälfte des leider nur eineinhalbstündigen Werks zu, in der die Balance zwischen den Kinder- und den Erwachsenenszenen nicht hundertprozentig ideal und der Handlungsverlauf recht konventionell ist, weshalb kleine Längen nicht ausbleiben. Dafür zählt die zweite Hälfte ohne jede Frage mit zum Besten, das ist je sehen durfte: Die bis dahin recht gemächlich erzählte Geschichte nimmt, korrespondierend zu der zunehmenden Windgeschwindigkeit des bedrohlich nahenden Sturms, ein irrwitziges Tempo an und ein Füllhorn irrwitziger Ideen und Storywendungen ergießt sich über das staunenden Publikum bis zum abrupten, aber genau angemessenen Schluß.

Zur Illustrierung der Geschehnisse und vor allem der Emotionen seiner beiden Hauptfiguren hat Anderson wieder einmal wunderbare, sorgfältig konstruierte Bildkompositionen geschaffen, die geradezu bersten vor Warmherzigkeit und Skurrilität. Das Schöne an Anderson (zumindest für seine Fans) ist es ja, daß er nur ganz selten einmal auf offensichtliche Gags setzt, sondern viel lieber durch die Situationen selbst sowie durch das nonkonforme Verhalten seiner Figuren für hintergründigen Witz sorgt. Anderson führt sein Publikum nicht gezielt auf brachiale Lacher hin wie eine "normale" Komödie oder eine TV-Sitcom. Er stellt seine Zuschauer gewissermaßen vor vollendete Tatsachen und überläßt es ihnen, sich die Komik selbst zu erschließen. Dabei wird es kaum jemanden geben, der alle Gags und Anspielungen auf Anhieb (oder überhaupt) versteht, dafür sind es einfach zu viele und zu vielfältige, deren Spektrum von der Literatur von Charles Dickens über zeitgenössische 1960er Jahre-Anspielungen über die Songtexte bis hin zu diversen filmischen Reverenzen reicht. Und das sind nur jene Kategorien, die ich beim ersten Sehen bemerkt habe ...

Was die Filme von Wes Anderson zu einem eigenen kleinen Genre macht, sind aber natürlich nicht nur seine Vorliebe für skurrile Charaktere oder seine die Denkarbeit des Publikums fordernde Art des Humors oder sein Gespür für nicht unbedingt realistische, aber umso gewitztere Dialoge (diesmal übrigens wieder mit seinem "Darjeeling Limited"-Co-Autor Roman Coppola geschrieben). Es sind auch die musikalische Untermalung und vor allem seine ganz spezielle Optik und generell der Einsatz visueller Gags. Mit seiner 1960er Jahre-Szenerie in "Moonrise Kingdom" gelingt es ihm und seinem bewährten Team, einerseits eine erkennbare Hommage an die echte Optik der damaligen Zeit zu schaffen, andererseits aber auch stets den typischen Anderson-Stil beizubehalten. Das Setdesign, Ausstattung und Kostüme sind voller liebenswerter Details und offensichtlich zwar von der Realität inspiriert, aber leicht variiert und damit latent künstlich wirkend, wodurch mit einfachsten Mitteln immer wieder eine ungeheure Komik erzeugt wird. Letzteres gilt auch für die erwähnten visuellen Gags, von denen man für gewöhnlich viele beim ersten Sehen des Films gar nicht bemerkt oder einordnen kann. Wie in Andersons "Die Tiefseetaucher" lohnt es sich beispielsweise, stets darauf zu achten, was sich im Hintergrund so alles abspielt. Außerdem darf man sich nicht wundern, wenn der allwissende Erzähler (Bob Balaban, "Das Mädchen aus dem Wasser"), wenn es sein muß, auch mal in die Handlung eingreift, oder wenn selbst der Abspann noch sinnvoll genutzt wird, indem die Musik von Alexandre Desplat erklärt wird ...

Apropos: In musikalischer Hinsicht ist "Moonrise Kingdom" wahrscheinlich das absolute Meisterwerk unter Andersons bisherigen Filmen. Die meist verspielten, manchmal düster-bedrohlichen Kompositionen von Alexandre Desplat ("The King´s Speech", "Harry Potter und die Heiligtümer des Todes") geben dem Film einen eigenen Rhythmus, Andersons eigentlicher Stammkomponist Mark Mothersbaugh steuert einen eingängigen Pfadfinder-Marsch bei. Dazu bindet der Regisseur Country-Klassiker von Hank Williams, einen Chanson von Suzys Lieblingssängerin Françoise Hardy und klassische Musikstücke von Schubert, Mozart und Britten kongenial in den Handlungsverlauf ein. So kurios diese musikalische Mischung auch anmuten mag – sie funktioniert perfekt.

Fazit: "Moonrise Kingdom" ist eine weitere höchst skurrile Komödie von Wes Anderson, die vor allem mit ihren beiden anrührenden jugendlichen Hauptfiguren punktet, daneben aber auch mit einem Panoptikum schräger und toll gespielter Charaktere sowie mit Andersons eigenwilligem visuellen Stil und einem hervorragenden Soundtrack. Wer allerdings mit den bisherigen Filmen des Regisseurs nichts anfangen konnte, der dürfte auch mit "Moonrise Kingdom" wenig Freude haben.

Wertung: 9 Punkte (8 für die erste Hälfte, 10 für die zweite).


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