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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Donnerstag, 20. September 2012

KILLER JOE (2011)

Regie: William Friedkin, Drehbuch: Tracy Letts, Musik: Tyler Bates
Darsteller: Matthew McConaughey, Emile Hirsch, Juno Temple, Thomas Haden Church, Gina Gershon, Marc Macaulay
 Killer Joe
(2011) on IMDb Rotten Tomatoes: 78% (6,9); weltweites Einspielergebnis: $4,6 Mio.
FSK: 18, Dauer: 102 Minuten.

Nachdem seine Mutter seinen Drogenvorrat gefunden und verkauft hat, befindet sich der junge Drogendealer Chris (Emile Hirsch, "Into the Wild", "Savages") in echten Schwierigkeiten. Denn wenn er dem örtlichen Gangsterboß nicht innerhalb weniger Tage seine Schulden zurückzahlt, geht es ihm an den Kragen. Da seine Mutter schließlich an dem ganzen Schlamassel Schuld ist, findet es Chris nur angemessen, daß sie ihm auch wieder heraushilft. Und zwar indem sie mit Zustimmung seines inzwischen mit der pragmatischen Sharla (Gina Gershon, "Showgirls") verheirateten Vaters Ansel (Thomas Haden Church, "Einfach zu haben") von dem im Nebenjob als Auftragskiller tätigen Polizisten Joe (Matthew McConaughey, "Magic Mike") für die Lebens-versicherungssumme von $50.000 umgebracht wird. Ungünstigerweise besteht Joe auf eine Vorauszahlung, die weder Chris noch Ansel leisten können. Als Kompromiß bietet Joe an, den Auftrag dennoch auszuführen, wenn er vorübergehend Chris' attraktive jüngere Schwester Dottie (Juno Temple, "The Dark Knight Rises", "Die drei Musketiere") überlassen bekommt ...

Kritik:
In den 1970er Jahren zählte der US-amerikanische Regisseur und Produzent William Friedkin zu den einflußreichsten Personen der Filmbranche und war neben Männern wie Francis Ford Coppola oder Martin Scorsese eine treibende Kraft des "New Hollywood", das die über Jahrzehnte hinweg verkrusteten Strukturen der Branche radikal aufbrach und damit einen erfolgreichen Neubeginn für die gebeutelte Filmindustrie einläutete. Mit dem rauhen Polizei-Thriller "French Connection" machte er 1971 Gene Hackman zum Star, zwei Jahre später gelang ihm mit "Der Exorzist" das Kunststück, mit einem Horrorstreifen für den OSCAR für den besten Film des Jahres nominiert zu werden. Beide Filme werden heute zu den ganz großen Klassikern der Kinogeschichte gezählt. Mit "Die Harten und die Zarten" und dem (allerdings kommerziell erfolglosen) Remake "Atemlos vor Angst" schuf er in diesem Jahrzehnt noch zwei weitere künstlerische Erfolge, doch dann ging seiner Karriere nach mehreren Kassenflops rasch die Luft aus. Abgesehen von dem Thriller "Leben und Sterben in L.A." (1985) mit William Petersen und Willem Dafoe sowie dem TV-Remake von "Die zwölf Geschworenen" (1997) hat sein Lebenslauf in den vergangenen 30 Jahren wenig Überzeugendes zu bieten. Erst im Alter von 76 Jahren gelingt ihm mit der düsteren, schwarzhumorigen Theater-Verfilmung "Killer Joe" ein nicht mehr erwartetes Comeback. Zumindest in künstlerischer Hinsicht, denn für einen Kassenerfolg ist dieser Film viel zu radikal.

Friedkin stellt eine kaputte Familie ins Zentrum seines Werks, die geradezu die Verkörperung des verächtlichen Begriffs "White Trash" ist. Die Mutter (die im eigentlichen Film gar nicht auftaucht) bestiehlt ihren Sohn, der wiederum ein skrupelloser Kleinkrimineller ist. Der Vater wirkt grundsätzlich halbwegs vernünftig, läßt sich aber von der Aussicht auf etwas Geld schnell zu den größten Schandtaten überreden, was auch seine neue Frau ausnutzt. Lediglich Dottie erscheint zumindest auf den ersten Blick unschuldig, was sie in dieser Familie aber garantiert nicht lange bleiben wird. Womit wir beim titelgebenden "Killer Joe" wären. Erst durch sein (bestelltes) Auftauchen kommt Fahrt in die ganze Szenerie, werden die Abgründe und die tiefgreifende moralische Verkommenheit der Familie offenbar. Dabei ist Joe als einziger stets ehrlich – von Anfang läßt er keinerlei Zweifel an seinen Absichten und macht immer genau das, was er zuvor angekündigt hat. Er ist also eine komplett berechenbare, auf perverse Art und Weise faire Figur, bei der es eigentlich leicht ist, ihn zufriedenzustellen. Wer ihn jedoch um den vereinbarten Lohn bringen will, dem Gnade Gott, denn Joes Zorn ist wahrlich furchterregend!

Matthew McConaughey, Etikett "ewiger Frauenschwarm", das er zuletzt in Steven Soderberghs Stripper-Komödie "Magic Mike" wieder einmal unterstrich, liefert in und als komplett gegen den Strich besetzter "Killer Joe" die beeindruckendste schauspielerische Leistung seines Lebens ab, die Kritiker zurecht ins Schwärmen geraten läßt. Sogar vage Chancen auf eine OSCAR-Nominierung werden ihm eingeräumt, zu der es aber kaum kommen wird, weil der Film selbst viel zu forsch und direkt für viele Academy-Mitglieder ist (ähnliches war vergangenes Jahr beim "Shame"-Hauptdarsteller Michael Fassbender zu beobachten). McConaughey porträtiert den hartgesottenen, korrumpierten Südstaaten-Cop mit lange Zeit reduziertem Mienenspiel und einer so bedrohlichen Intensität, daß selbst die härtesten Gangster nicht auf die Idee kommen würden, ihn gezielt zu hintergehen. Und wenn er seine wie eine Maske zur Schau getragene Coolneß dann doch einmal fallen läßt, resultiert dies in einem eruptiven Ausbruch, der nicht nur Blut fließen läßt, sondern auch dafür sorgt, daß man frittierte Hähnchenteile nach dem Film garantiert nicht mehr auf die gleiche Weise sieht wie vorher. Kurzum: Matthew McConaughey ist als "Killer Joe" eine Wucht.

Befördert wird seine Leistung mit Sicherheit auch durch seine ihm kaum nachstehenden Leinwandpartner. Thomas Haden Church brilliert als lakonischer Vater ebenso wie Gina Gershon, die in einer sehr zeigefreudigen Rolle ihre wohl beste Leistung seit "Bound" im Jahr 1996 abliefert. Emile Hirsch gelingt es in der Hauptrolle überzeugend, den inneren Zwiespalt von Chris darzustellen, der seine Schwester ganz offensichtlich aufrichtig liebt, sie in seiner Verzweiflung und Todesangst aber dennoch dem mörderischen Cop als Sexspielzeug überläßt. Noch besser ist jedoch Juno Temple, die in ihrer kindlich wirkenden Rolle ebenfalls beeindruckt, indem sie, passend zu Dotties ambivalenter Gefühlslage, gekonnt zwischen lolitahafter Verführerin und personifizierter Unschuld changiert, deren Mißbrauch umso stärker emotional aufwühlt. Insgesamt also eine beeindruckende Besetzung, deren Zusammenspiel maßgeblich zum Gelingen von "Killer Joe" beiträgt.

Friedkins erzählt die von Tracy Letts, dem Autor der Theatervorlage, selbst in ein Drehbuch umgearbeitete Geschichte in einem betont lakonischen Tonfall, angereichert mit jeder Menge tiefschwarzen Humors und deutlichen Referenzen an das Genre des Film noir. Der gelungene Südstaaten-Soundtrack unterstreicht die schwüle Atmosphäre von "Killer Joe", einem Film, der nicht nur seinen Figuren und ihren Darstellern alles abverlangt, sondern auch seinem Publikum. Kein Wunder, daß Friedkins Werk in den USA mit dem gefürchteten "NC-17"-Rating abgestraft wurde, das im Normalfall dem kommerziellen Todesstoß gleichkommt, da viele US-Kinos und Videotheken Filme mit dieser (mehr oder weniger mit dem FSK-Urteil "Keine Jugendfreigabe" vergleichbaren) Einstufung gar nicht erst ins Programm aufnehmen (der bis heute erfolgreichste NC-17-Kinofilm ist Paul Verhoevens "Showgirls" mit einem US-Einspielergebnis von gerade einmal knapp $20,4 Mio., "Killer Joe" hat es auf $2 Mio. gebracht). Dabei ist die Story sogar überraschend dialoglastig und zu nennenswerten Gewaltszenen kommt es erst im finalen Akt – dessen Ende übrigens inhaltlich für reichlich Gesprächsstoff sorgt und beileibe nicht jeden Zuschauer zufriedengestellt zurückläßt.

Fazit: "Killer Joe" ist ein höchst unkonventioneller und schonungsloser, von Altmeister William Friedkin kunstfertig inszenierter Thriller mit einem fast ausnahmslos moralisch verkommenen Figurenensemble, grandiosen Schauspielern und jener Art von schwarzem Humor, die den Zuschauern das Lachen regelmäßig im Hals steckenbleiben läßt. Die brachiale Handlung voller Sex und Gewalt ist dabei wahrlich nicht für jeden geeignet.

Wertung: 8 Punkte.


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