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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Donnerstag, 18. Oktober 2012

DAS BOURNE VERMÄCHTNIS (2012)

Originaltitel: The Bourne Legacy
Regie: Tony Gilroy, Drehbuch: Dan und Tony Gilroy, Musik: James Newton Howard
Darsteller: Jeremy Renner, Rachel Weisz, Edward Norton, Oscar Isaac, David Strathairn, Scott Glenn, Albert Finney, Stacy Keach, Joan Allen, Željko Ivanek, Donna Murphy, Louis Ozawa Changchien, Michael Chernus, Corey Stoll, Dennis Boutsikaris, Michael Papajohn, Elizabeth Marvel
 The Bourne Legacy
(2012) on IMDb Rotten Tomatoes: 56% (5,9); weltweites Einspielergebnis: $276,1 Mio.
FSK: 12, Dauer: 135 Minuten.

Die hartnäckige Weigerung des abtrünnigen CIA-Agenten Jason Bourne, sich einfach töten zu lassen, zeitigt nicht nur auf Personen, die in persönlichem Kontakt zu ihm stehen, drastische Auswirkungen. Als Konsequenz aus Bournes Taten befiehlt der für die CIA-Geheimprojekte zuständige Eric Byer (Edward Norton, "Moonrise Kingdom"), alle Hinweise auf die "Operation Outcome" auszulöschen, die eine Art Schwesterprogramm der "Operation Treadstone" ist, der Bourne angehörte. Im Klartext heißt das, daß alle, die damit zu tun haben, getötet werden sollen. Aaron Cross (Jeremy Renner, "The Avengers") kann als einziger "Outcome"-Teilnehmer fliehen. Gemeinsam mit der am Projekt beteiligten Wissenschaftlerin Dr. Marta Shearing (Rachel Weisz, "Agora"), die er im letzten Moment vor einem inszenierten "Selbstmord" rettet, versucht er, sich seinen Häschern zu entziehen. Gleichzeitig muß er einen Weg finden, seine Abhängigkeit von Medikamenten, mit denen die Fähigkeiten der "Outcome"-Teilnehmer stark verbessert wurden und die er nun natürlich nicht mehr erhält, zu überwinden ...

Kritik:
Man konnte erwarten, daß "Das Bourne Vermächtnis" entscheidend für die Regiekarriere von Tony Gilroy sein würde. Mit seinem Debüt nach vielen Jahren als reiner Drehbuch-Autor, dem siebenfach OSCAR-nominierten Oldschool-Thriller "Michael Clayton" mit George Clooney wußte er zu nachhaltig zu beeindrucken, anschließend enttäuschte er jedoch (abgesehen von einem brillanten Prolog während des Vorspanns) mit der geschwätzigen Wirtschaftskomödie "Duplicity" mit Julia Roberts und Clive Owen. War also "Michael Clayton" eine Eintagsfliege oder "Duplicity" ein unglücklicher Ausrutscher? Da Gilroy bei allen bisherigen "Bourne"-Filmen am Drehbuch beteiligt war, standen die Chancen gut, daß er bei diesem Spin-Off mit neuem Hauptdarsteller, aber bekanntem Szenario gute Arbeit abliefern würde. Doch der fertige Film hätte uneindeutiger kaum ausfallen können: Während die erste Hälfte des 130-Minüters nahtlos an die Stärken von "Michael Clayton" anknüpft, macht Gilroy in der zweiten Filmhälfte ähnlich schwerwiegende Fehler wie bei "Duplicity".

Dabei ist der Ansatz, den ersten "Bourne"-Film ohne Jason Bourne mehr oder weniger parallel zu den Ereignissen des Trilogie-Finales "Das Bourne Ultimatum" spielen zu lassen, dessen Nebendarsteller fast ausnahmslos zu übernehmen und einige hochkarätige neue Schauspieler hinzuzufügen, sehr vielversprechend. Auch wenn es durch die vielen Verweise auf die ersten drei Filme nicht so einfach ist, Serienneulinge zu erreichen. Doch zu Beginn macht "Das Bourne Vermächtnis" tatsächlich fast alles richtig. Gilroy hantiert virtuos mit drei sich ständig abwechselnden Handlungssträngen: Die CIA-Oberen versuchen ihre Spuren zu verwischen, die ahnungslose Dr. Shearing wird von der wichtigen Wissenschaftlerin zur gefährlichen Zeugin und Aaron Cross befindet sich gerade auf einer Art Prüfungsmission in der unwirtlichen Wildnis Alaskas, die für sich genommen schon schwierig genug ist, durch die Säuberungsaktion seiner Vorgesetzten aber erst so richtig brisant wird. Diese drei Erzählstränge sind ausnahmslos spannend, beinhalten interessante Nebencharaktere (allen voran Oscar Isaac als weiteren "Outcome"-Teilnehmer und Željko Ivanek als Kollegen von Dr. Shearing) und führen geschickt die drei neuen Hauptfiguren ein. Doch das furiose Zwischenfinale zur Filmmitte, in dem Aaron und Dr. Shearing aufeinandertreffen, erweist sich als unerwartet scharfer und schmerzhafter Wendepunkt.

Denn obwohl sich die Geschichte nun auf zwei Handlungsebenen verengt – auf der einen Seite Aaron und Dr. Shearing, auf der anderen ihre CIA-Häscher – und mit Manila einen exotischen neuen Haupthandlungsschauplatz einführt, wird sie nicht etwa temporeicher (was auch nicht unbedingt nötig wäre, denn die erste Hälfte ist in dieser Hinsicht sehr gelungen), sondern Gilroy nimmt im Gegenteil fast vollständig das Tempo heraus. Wäre das nur bei einem der beiden Stränge der Fall, wäre es noch zu verschmerzen, aber unerklärlicherweise werden weder die Flucht in die philippinische Hauptstadt noch die Versuche von Byer und seinem Team, das ungleiche Duo aufzuspüren, ansprechend präsentiert. Stattdessen verlieren sich die Flüchtigen in medizinischem Geschwafel und ihre Häscher drehen sich ziemlich im Kreis. Die spannenden politischen Dimensionen des ganzen Geschehens werden leider größtenteils ignoriert, weshalb auch die prominenten "Das Bourne Ultimatum"-Darsteller (David Strathairn, Scott Glenn, Albert Finney, Joan Allen) in kaum mehr als Cameos verschwendet sind. Ergo zieht sich die nun simple Story sehr, sehr gemächlich hin, bis es zum unvermeidlichen Action-Showdown in Form einer Verfolgungsjagd zu Fuß und auf Motorrädern kommt. Diese Sequenz ist zwar sehr solide umgesetzt, erreicht aber bei weitem nicht das Niveau des Zwischenfinales und auch nicht das vergleichbarer Szenen in der ursprünglichen "Bourne"-Trilogie. Und das Ende selbst läßt das Publikum recht unbefriedigt zurück.

Die drei neuen Hauptdarsteller machen ihre Sache immerhin sehr überzeugend, Jeremy Renner kann seinem Vorgänger Matt Damon durchaus das Wasser reichen und ergänzt sich gut mit OSCAR-Gewinnerin Rachel Weisz. Edward Norton ist als zwar patriotischer, aber skrupelloser Strippenzieher ebenfalls hervorragend besetzt, wenngleich schauspielerisch eher unterfordert. Problematisch ist, daß die beiden Protagonisten (abgesehen von einer kurzen Rückblende) nie auf ihren primären Gegenspieler treffen, sondern nur auf dessen Schergen. Während Jason Bourne in den vorherigen Filmen immer auf irgendeine Weise Kontakt zu seinen Verfolgern aufnahm und es so zu direkten Konfrontationen in knisternder Atmosphäre kam, versuchen Aaron und Dr. Shearing einfach nur, sich unsichtbar zu machen. In der Folge fehlt schlicht und ergreifend die persönliche Ebene zwischen den beiden Helden und dem Antagonisten.

Als Regisseur macht Tony Gilroy übrigens nur selten Gebrauch von einem der prägendsten Stilelemente der vorherigen Filme, der berühmt-berüchtigten Wackelkamera. Abgesehen vom Showdown kommt sie kaum zum Einsatz und auch dann bei weitem nicht so extrem wie vor allem in den beiden von Paul Greengrass inszenierten Filmen. Etliche Zuschauer wird das freuen, aber andererseits gibt "Das Bourne Vermächtnis" damit auch ein bißchen dessen auf, was die "Bourne"-Filme zu so großen kommerziellen und künstlerischen Erfolgen gemacht hat. Was übrigens auch auf den Komponistenwechsel zutrifft. Die musikalische Untermalung durch Altmeister James Newton Howard ("Die Tribute von Panem", "Auf der Flucht") ist zwar beileibe nicht schlecht, hält sich aber ziemlich im Hintergrund und erreicht damit bei weitem nicht jenen Anteil am Gesamtkunstwerk wie John Powells grandioser Actionscore, der bei der Original-Trilogie ein kleiner, aber nicht zu unterschätzender Mosaikstein war.

An den weltweiten Kinokassen konnte "Das Bourne Vermächtnis" nicht an den Erfolg der Damon-Filme anknüpfen, allerdings war er noch erfolgreich genug, daß eine Fortsetzung mit Renner gesichert sein dürfte. Die Filmemacher haben jedenfalls schon rege über mögliche Entwicklungen spekuliert, selbst ein Aufeinandertreffen von Aaron Cross und Jason Bourne ist im Gespräch. Allerdings gibt sich Matt Damon diesbezüglich sehr zurückhaltend, da er eigentlich nur in diese Rolle zurückkehren möchte, wenn wieder Paul Greengrass die Regie übernimmt.

Fazit: "Das Bourne Vermächtnis" ist eine interessante Fortführung der "Bourne"-Trilogie, die einen überzeugenden neuen Hauptdarsteller einführt, nach einer richtig starken ersten Hälfte aber ziemlich in Bedeutungslosigkeit und Langeweile kollabiert. Dennoch: Der Grundstein für eine bessere Fortsetzung ist zweifelsohne gelegt.

Wertung: 6,5 Punkte (8,5 für die erste Hälfte, 4,5 für die zweite).


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