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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Freitag, 26. Oktober 2012

Klassiker-Rezension: DIE UNBESTECHLICHEN (1976)

Originaltitel: All the President's Men
Regie: Alan J. Pakula, Drehbuch: William Goldman, Musik: David Shire
Darsteller: Robert Redford, Dustin Hoffman, Jack Warden, Hal Holbrook, Martin Balsam, Jane Alexander, Jason Robards, Lindsay Crouse, Ned Beatty, F. Murray Abraham, Meredith Baxter, Stephen Collins, Penny Fuller, Dominic Chianese, David Arkin
 All the President's Men
(1976) on IMDb Rotten Tomatoes: 93% (9,1); US-Einspielergebnis: $70,6 Mio.
FSK: 12, Dauer: 138 Minuten.
USA, 1972: Wenige Monate vor den Präsidentschaftswahlen beobachtet ein Wachmann (Frank Wills als er selbst) einen mysteriösen Einbruch im Washingtoner Watergate-Gebäudekomplex, in dem sich auch die Wahlkampfzentrale der Demokratischen Partei befindet. Fünf Männer werden festgenommen und vor Gericht gebracht. Bob Woodward (Robert Redford, "Der Clou", "Jenseits von Afrika"), ein junger Reporter der angesehenen Tageszeitung "Washington Post", berichtet routinemäßig aus dem Gericht und wird neugierig, als einer der Angeklagten sich selbst als ehemaligen CIA-Agenten bezeichnet. Erste Recherchen ergeben Indizien für eine richtig große Story und so wird Woodward gemeinsam mit seinem Kollegen Carl Bernstein (Dustin Hoffman, "Die Reifeprüfung", "Barney's Version") vom Chefredakteur Ben Bradlee (OSCAR für Jason Robards) beauftragt, die Geschichte genauer unter die Lupe zu nehmen. Nach und nach setzen Woodward und Bernstein die Puzzleteile zusammen und mithilfe einer anonymen Quelle (Hal Holbrook, "Lincoln") kommen sie trotz Morddrohungen gegen ihre Person einer Verschwörung auf die Spur, in die selbst der republikanische Präsident Richard Nixon verstrickt zu sein scheint ...

Kritik:
In der berühmten Eröffnungsszene von Alan J. Pakulas legendärem Polit-Thriller ist ganz unspektakulär eine Schreibmaschine bei der Arbeit zu sehen – nur daß sie dabei nicht die üblichen Tipp-Geräusche von sich gibt, sondern das Setzen jedes einzelnen Buchstabens von einer Mischung aus Pistolenschuß und Peitschenknall begleitet wird. Mit dieser innovativen Tonschöpfung wird von Beginn an nachhaltig unterstrichen, daß Worte mächtige Waffen sein können. So mächtige gar, daß sie im Extremfall selbst einen amtierenden US-Präsidenten in Schimpf und Schade aus dem Amt jagen können.

"Die Unbestechlichen" ist Teil und Höhepunkt einer Welle von qualitativ sehr hochwertigen Verschwörungsfilmen, die Hollywood in den 1970er Jahren als Konsequenz aus dem verlorenen Vertrauen großer Teile der Gesellschaft in die Politik nach Vietnam-Krieg und Watergate-Affäre in die Kinos brachte (weitere bekannte Vertreter sind Sydney Pollacks "Die drei Tage des Condor", Francis Ford Coppolas "Der Dialog" sowie Pakulas "Zeuge einer Verschwörung" und "Klute", die gemeinsam mit "Die Unbestechlichen" seine "Paranoia-Trilogie" bilden). Er gilt nicht ohne Grund bis heute als wohl bester Journalismus-Film aller Zeiten, gelingt es ihm doch, eine auf den ersten Blick sehr trockene und verworrene Geschichte mit Unmengen an Namen und Fakten so spannend und unterhaltsam darzustellen, wie dies kaum einem "normalen" Thriller gelingt. Und im Vergleich zu anderen sehr guten Journalismus-Filmen verfolgt "Die Unbestechlichen" einen ausdrücklich positiven Ansatz, während andere Genreklassiker wie Mervyn LeRoys "Spätausgabe" aus dem Jahr 1931 oder Sidney Lumets "Network" (der übrigens direkter Konkurrent von "Die Unbestechlichen" im OSCAR-Wettbewerb 1977 war – letztlich gewannen beide Filme vier der begehrten Trophäen) häufiger negative Aspekte in den Vordergrund stellten.

Ausschlaggebend für den ausgezeichneten Ruf von Pakulas Film ist in besonderem Ausmaß das schlicht geniale und mit dem OSCAR prämierte Drehbuch von Autoren-Legende William Goldman (dessen lakonischer Satz "Nobody knows anything" noch immer als treffendste Beschreibung der Filmbranche gilt ...). Dieses wird in seiner ungeheuren Detailverliebtheit den von Woodward und Bernstein in Buchform veröffentlichten realen Geschehnissen vollauf gerecht, ohne dabei die für die Zuschauerbindung so wichtige Gestaltung der handelnden Figuren auch nur minimal zu vernachlässigen. Robert Redford und Dustin Hoffman verkörpern die beiden ehrgeizigen Investigativ-Reporter zudem ungemein charismatisch, sie bringen deren journalistisches Engagement, ihren Idealismus und ihre persönliche und berufliche Entwicklung im Verlauf der monatelangen Recherchen voll zur Geltung. Und sie sorgen dafür, daß Bob Woodward und Carl Bernstein bis zum heutigen Tag Ikonen der US-Presse sind, deren Bücher sich wie geschnitten Brot verkaufen. Generell ist "Die Unbestechlichen" bis in die kleinste der unzähligen Nebenrollen hinein mit Könnern ihres Fachs wie Jason Robards, Jane Alexander, Hal Holbrook, Martin Balsam, Lindsay Crouse oder Ned Beatty ("Der Ketzer") hervorragend besetzt. Doch obwohl Robards für seine Rolle einen OSCAR gewann und Alexander immerhin eine Nominierung erhielt, wurden ausgerechnet Hoffman und Redford erstaunlicherweise übergangen, was im Nachhinein kaum mehr nachvollziehbar erscheint – vor allem, wenn man sieht, welche fünf Männer stattdessen in der Kategorie "Bester Hauptdarsteller" nominiert wurden und dabei auch auf den Namen Sylvester Stallone für seine Rolle als "Rocky" stößt; sicherlich dessen beste Karriereleistung (neben der in James Mangolds Thriller "Cop Land"), aber besser als Redford und Hoffman in "Die Unbestechlichen"? Ernsthaft?

Wie dem auch sei, nicht nur schauspielerisch, sondern auch in technischer Hinsicht brilliert "Die Unbestechlichen" unter anderem mit innovativen Einfällen (wie den anfangs erwähnten "Schreibmaschinen-Schüssen"), einer souveränen Kameraführung sowie einer stimmungsvollen und subtilen akustischen Gestaltung. Im Zusammenspiel aller Elemente ergibt sich so ein hervorragend inszeniertes flammendes Plädoyer für den Journalismus als beobachtende und Mißstände aufdeckende "vierte Gewalt" des Staates, von dem nicht nur in den USA viele Journalisten noch etwas lernen können – und sollten.

Fazit: "Die Unbestechlichen" zeigt, wie spannend, unterhaltsam und intelligent Hollywood-Kino sein kann. Die komplexe, fast ausschließlich durch pointierte und oft messerscharfe Dialoge vorangetriebene Handlung mag angesichts des lobenswerten Bemühens, größtmögliche Nähe zu den tatsächlichen Geschehnisse zu wahren, nicht ganz so aufregend und temporeich sein wie bei den allerbesten Genrevertretern. Die dramaturgische Könnerschaft und die sprachliche Kreativität von Drehbuch-Autor Goldman wiegen diese minimale Schwäche in Kombination mit der erstklassigen Besetzung und der hochwertigen Inszenierung am Rande der handwerklichen Perfektion aber locker auf.

Wertung: 9 Punkte.


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