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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Freitag, 5. Oktober 2012

LOOPER (2012)

Regie und Drehbuch: Rian Johnson, Musik: Nathan Johnson
Darsteller: Joseph Gordon-Levitt, Bruce Willis, Emily Blunt, Jeff Daniels, Pierce Gagnon, Noah Segan, Paul Dano, Garret Dillahunt, Piper Perabo, Summer Qing, Tracie Thoms, Nick Gomez, Marcus Hester
 Looper
(2012) on IMDb Rotten Tomatoes: 93% (8,1); weltweites Einspielergebnis: $176,5 Mio.
FSK: 16, Dauer: 119 Minuten.

Im Jahr 2044 gibt es eine ganz spezielle Gruppe von Auftragsmördern, genannt "Looper". Ihre recht einfache Aufgabe ist es, zur festgelegten Zeit an einem festgelegten Ort ein von der Mafia in der Zukunft per streng verbotener Zeitreise um 30 Jahre zurückgesandtes, gefesseltes Opfer wegzupusten. Wer diesen gutbezahlten Job als "Zukunftskiller" annimmt, muß sich allerdings auch verpflichten, irgendwann sein älteres Ich zu erschießen – daher der Name "Looper", denn auf diese grausame Weise wird der Kreis geschlossen. Joe (Joseph Gordon-Levitt, "The Dark Knight Rises") ist solch ein Looper, doch als ihm eines Tages sein Zukunfts-Ich (Bruce Willis, "The Expendables 2") geschickt wird, geht etwas schief und Old Joe kann fliehen. Was absolut das Schlimmste ist, das einem Looper je passieren kann. Während der junge Joe noch verzweifelt versucht, seinen Fehler selbst zu korrigieren, werden beide bereits gnadenlos von den Männern des skrupellosen Anführers und Kontrolleurs der Looper, dem ebenfalls aus der Zukunft geschickten Abe (Jeff Daniels, "Good Night, and Good Luck."), verfolgt ...

Kritik:
Müßte ich eine Liste der zehn besten Filme seit der Jahrtausendwende erstellen, so befände sich Rian Johnsons größtenteils eigenproduziertes Low Budget-Debüt "Brick" aus dem Jahr 2005 mit Sicherheit darauf. Ich liebe Johnsons ultra-atmosphärischen Highschool-Noir, der auch Joseph Gordon-Levitt vom Ex-Sitcomdarsteller ("Hinterm Mond gleich links") zum kommenden Kinostar beförderte, einfach. Dank zahlloser guter Kritiken und etlicher Festivalauszeichnungen für "Brick" konnte Johnson für seinen zweiten Film "Brothers Bloom" bereits Schauspiel-Kaliber wie Adrien Brody, Rachel Weisz, Mark Ruffalo und Maximilian Schell verpflichten. Und obwohl die melancholische Gaunerkomödie kommerziell eher ein Mißerfolg war, führte sie Johnson weiter hinauf auf der Karriereleiter in der US-Filmbranche. Ehe ich nun jedoch zur eigentlichen Analyse des Films komme, möchte ich es keinesfalls versäumen, darauf hinzuweisen, daß – wie kürzlich bereits bei Joss Whedons "The Cabin in the Woods" – der Filmgenuß umso größer ausfallen sollte, je weniger Vorwissen über die Handlung man mitbringt. Ich werde den folgenden Text zwar möglichst allgemein halten, dennoch gilt ausdrücklich: Weiterlesen auf eigene Gefahr!

Mit "Looper", der, gestärkt von überragenden Rezensionen, ein über den Branchenerwartungen liegendes US-Startwochenende hingelegt hat, dürfte Johnson den so verdienten Sprung in die A-Liga geschafft haben. Verdient deshalb, weil seine Drehbücher vor Kreativität nur so sprühen und weil es ihm als Regisseur regelmäßig gelingt, diese schriftstellerischen Qualitäten auch verlustfrei auf die Leinwand zu transportieren. Nun beweist er seine Fähigkeiten aufs Neue, indem er in "Looper" dem vermeintlich ausgelutschten Zeitreise-Subgenre neue Ideen injiziert und die Spannung beim Publikum mit einem über weite Strecken unvorhersehbaren, aber stets schlüssigen Handlungsverlauf konsequent hoch hält. Wobei "schlüssig" und "Zeitreise" zwei Worte sind, die normalerweise nicht allzu gut zusammenpassen. Selbst Johnson gelingt es erwartungsgemäß nicht hundertprozentig, die wohl unvermeidliche Problematik des Zeitreise-Paradoxons glaubwürdig auszuhebeln, aber mit einer gesunden Mischung aus unverbrauchten, nachdenkenswerten Erklärungsansätzen und handfester "Logik wird überbewertet!"-Mentalität sorgt er zumindest dafür, daß die Handlung einer oberflächlichen gedanklichen Überprüfung während des Sehens einigermaßen standhält. Und das ist weit mehr, als die meisten anderen Zeitreise-Filme von sich behaupten können.

Johnsons Darstellung der relativ nahen Zukunft erinnert ein wenig an den spanischen Science-Fiction-Film "Eva": Die sichtbaren Veränderungen halten sich in Grenzen, es ist auch schwer zu beurteilen, ob es der Welt besser oder schlechter geht. Einerseits scheinen im Großen und Ganzen weiterhin Recht und Ordnung zu herrschen und die Autos werden umweltfreundlich von Solarzellen angetrieben. Andererseits wirken die Großstadtstraßen sehr verdreckt und generell ziemlich verkommen (was aber in manchen Stadtteilen großer Metropolen bekanntlich schon heute ähnlich aussieht), zudem scheint Obdachlosigkeit ein großes gesellschaftliches Problem zu sein. Johnson präsentiert in seinem Werk also weder eine Utopie noch eine in SF-Filmen so häufig anzutreffende Dystopie, sondern eher eine behutsame und betont realistisch wirkende Weiterentwicklung der heutigen Welt. Folglich hält sich bei dem mit Produktionskosten von geschätzt $30 Mio. verhältnismäßig preiswerten "Looper" auch die Anzahl der Spezialeffekte in Grenzen und beschränkt sich im Wesentlichen auf etliche gut choreographierte Verfolgungs-Sequenzen und bleihaltige Schießereien. Das ist aber überhaupt kein Problem, da die größten Stärken von Johnsons Film eindeutig bei der vielschichtigen Handlung sowie der glaubwürdigen Figurenzeichnung liegen.

Zur Handlung will ich wegen zu großer Spoiler-Gefahr gar nicht viel mehr schreiben als daß sie sich interessant und originell entwickelt und dabei immer wieder auf philosophisch anmutende Fragen eingeht: Vom generellen Nachgrübeln nach dem Sinn des Lebens über die moralischen Probleme, die damit einhergehen, daß Joe sein zukünftiges Ich erschießen soll bis hin zu dem Dilemma, wie viele Menschenleben man riskieren oder auslöschen darf, um damit vielleicht die Zukunft zum Besseren zu verändern. Da "Looper" kein Philosophieunterricht ist, sondern ein Hollywood-Film, vertieft sich der Film naturgemäß nicht allzu stark in diese hochinteressante Thematik; jedoch liefert er dem aufmerksamen Zuschauer lobenswerterweise mehr als genug Denk- und Diskussionsstoff und erinnert damit ein wenig an Christopher Nolans "Inception".

Rian Johnson greift gerne auf Schauspieler zurück, mit denen er bereits gearbeitet hat, und angesichts der atemberaubenden Entwicklung, die Joseph Gordon-Levitts Karriere seit "Brick" genommen hat, war es nur logisch, ihn für die Hauptrolle in "Looper" erneut anzuheuern. Erwartungsgemäß macht er seine Sache auch als Profikiller sehr gut, wenngleich hier keine so große schauspielerische Bandbreite verlangt ist, wie er sie z.B. in "50/50" an den Tag legen konnte. Außerdem sehen sich Gordon-Levitt und Bruce Willis (auch dank der hervorragenden Leistung der Makeup-Abteilung) erstaunlich ähnlich. Action-Veteran Willis wiederum, dessen Name im Abspann als erster genannt wird, spielt eigentlich "nur" eine essentielle Nebenrolle und liefert gewohnt solide Arbeit ab. In weiteren Parts überzeugen Emily Blunt ("Lachsfischen im Jemen", "Fast verheiratet") in der weiblichen Hauptrolle einer Farmbesitzerin, bei der sich Joe versteckt, der junge Pierce Gagnon als ihr traumatisierter Sohn sowie Garret Dillahunt ("Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford"), Noah Segan ("Brick") und Paul Dano ("Ruby Sparks – Meine fabelhafte Freundin") als weitere Looper. Und Jeff Daniels liefert in seiner ungewohnten Bösewicht-Rolle ebenfalls gute Arbeit ab und offenbart zudem in ihren wenigen gemeinsamen Szenen erneut gute Leinwandchemie mit Gordon-Levitt (wie bereits im leider wenig bekannten Thriller "Die Regeln der Gewalt"). Abschließend sei noch angemerkt, daß die Musik von Rian Johnsons Cousin Nathan zwar nicht an die Innovativität seines grandiosen "Brick"-Soundtracks heranreicht, das Geschehen aber passend untermalt.

Fazit: "Looper" ist ein futuristischer Action-Thriller, der "Inception" und "Terminator" kombiniert und mit einem Schuß "Das Omen" anreichert. Gute Darsteller, ein intelligentes Drehbuch und eine actionreiche Inszenierung sorgen dafür, daß die für eine Zeitreise-Story obligatorischen Logikprobleme in den Hintergrund treten und unterm Strich ein sehr gelungener Genrebeitrag herauskommt.

Wertung: 8,5 Punkte.


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