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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Mittwoch, 17. Oktober 2012

SUCKER PUNCH (2011)

Regie: Zach Snyder, Drehbuch: Steve Shibuya und Zack Snyder, Musik: Tyler Bates und Marius De Vries
Darsteller: Emily Browning, Abbie Cornish, Vanessa Hudgens, Jamie Chung, Jena Malone, Carla Gugino, Oscar Isaac, Jon Hamm, Scott Glenn, Gerard Plunkett, Richard Cetrone, Malcolm Scott, AC Peterson
 Sucker Punch
(2011) on IMDb Rotten Tomatoes: 23% (4,1); weltweites Einspielergebnis: $89,8 Mio.
FSK: 16, Dauer: 110 Minuten.

USA, 1960er Jahre: Nach dem Tod ihrer Mutter und ihrer Schwester wird ein junges Mädchen (Emily Browning, "Lemony Snicket") von ihrem bösartigen Stiefvater in eine psychiatrische Anstalt gebracht. Dort besticht der Stiefvater einen schmierigen Pfleger (Oscar Isaac, "Drive", "Robin Hood"), der dafür sorgen soll, daß sie innerhalb weniger Tagen lobotomisiert wird und somit niemandem von seinen schändlichen Verbrechen erzählen kann. In ihrer Verzweiflung flüchtet sich das Mädchen in eine Phantasiewelt, in der die Anstalt ein Bordell ist, sie auf den Namen "Babydoll" hört und mit vier weiteren Mädchen – der besonnenen Sweet Pea (Abbie Cornish, "Ohne Limit"), deren jüngerer Schwester Rocket (Jena Malone, "Stolz und Vorurteil"), Blondie (Vanessa Hudgens, "Spring Breakers") und Amber (Jamie Chung, "Premium Rush") – einen Fluchtplan schmiedet ...

Kritik:
Wäre der gesamte Film so gut wie die umklammernde "reale" Ebene, bei der vor allem der absolut grandiose, etwa fünfminütige Prolog begeistert, hätte Regisseur und Drehbuch-Autor Zack Snyder die kleine Delle, in der sich seine rasant gestartete Hollywood-Karriere befand, problemlos ausbügeln können. Denn nachdem Snyder zunächst mit "Dawn of the Dead" die große Filmbühne betrat und eines der besten Horror-Remakes aller Zeiten schuf, gefolgt von seinem äußerst erfolgreichen Fantasy-Actionstreifen "300", in dem er den Look von Frank Millers Graphic Novel-Vorlage mittels computergenerierter Szenerien perfekt einfing, geriet sein scheinbar unaufhaltsamer Aufstieg in die A-Liga der Hollywood-Regisseure etwas ins Stocken. Seine Adaption der kultigen Graphic Novel "Watchmen – Die Wächter" fand zwar viele Fans, aber auch etliche Kritiker und blieb kommerziell hinter den Erwartungen zurück. Gleiches galt für seinen vierten Film, das Animationsabenteuer "Die Legende der Wächter".

"Sucker Punch" sollte Snyder zurück in die Erfolgsspur bringen, doch an der komplexen und metaphernreichen Story, die nicht nur die in der obigen Inhaltsbeschreibung angesprochenen zwei Realitätsebenen umfaßt, sondern auch noch eine dritte, hat er sich mächtig verhoben. In der "Videospielebene" müssen die fünf Mädels, angeleitet von einem "Weisen Mann" (Scott Glenn, "Das Bourne Vermächtnis") quasi in Levels gegen Horden von Monstren ankämpfen, um bestimmte Items zu besorgen, die sie zur Flucht aus dem Bordell benötigen. Dummerweise beherrscht Snyder das höchst anspruchsvolle Hantieren mit verschiedenen Realitätsebenen jedoch bei weitem nicht so virtuos wie Christopher Nolan in "Inception". Während ihm die leider sehr kurze, aber hochdramatische erste Ebene hervorragend gelingt und die zweite Ebene mit dem Fluchtplan aus der zum Bordell gewordenen Anstalt immerhin noch recht ordentlich ausfällt, ist die "Videospielebene" leider ein nahezu kompletter Reinfall.

Denn obwohl visuell opulent umgesetzt, sind die verschiedenen Levels einfach viel zu monoton und einfallslos ausgefallen, um das Publikum auch nur ansatzweise begeistern zu können. Der Film erinnert in diesen Phasen an einen durchschnittlichen Ego-Shooter von der Stange, in dem man nichts anderes zu tun bekommt, als immer und immer wieder gegen Horden von gesichtslosen Gegnern zu kämpfen, nur um am Ende irgendein unwichtiges Quest-Item zu ergattern. Nur daß man hier noch nicht einmal selbst spielen darf. Dabei hätte gerade diese Ebene eine ideale Möglichkeit geboten, um "Sucker Punch" zu einem echten Genre-Klassiker zu machen. Aber dafür fehlen Phantasie, Kreativität und eine echte Dramaturgie, letztlich hat Snyder ein tolles, aber nicht zu Ende gedachtes Konzept angewandt.

Die fünf attraktiven Hauptdarstellerinnen machen ihre Sache gut und haben sichtlich Spaß an ihren handfesten Rollen. Die Figurenzeichnung fällt zwar eher mittelmäßig aus, doch da hat man schon deutlich Schlimmeres erlebt und zumindest die zentrale Protagonistin Babydoll gibt Emily Browning durchaus Gelegenheit, schauspielerische Facetten zu zeigen. Die Nebenrollen sind zwar allesamt zu kurz, um nachhaltig Eindruck zu hinterlassen, aber Scott Glenn, Carla Gugino ("Sin City") als Ärztin bzw. in der Bordellebene als sexy Tanzlehrerin, Jon Hamm (TV-Serie "Mad Men") als mysteriöser "High Roller" und Oscar Isaac als fieser Krankenpfleger bzw. Bordellbesitzer geben trotz deutlicher Unterforderung ihres Talents ihr Bestes.

Daß "Sucker Punch" allen bedeutenden Schwächen zum Trotz kein totaler Reinfall geworden ist, liegt neben den sympathischen Hauptdarstellerinnen und der stilistisch herausragenden optischen Umsetzung der Geschichte vor allem am begeisternden Soundtrack. Sowohl die eigentliche Musik von Tyler Bates und Marius de Vries als auch die glänzende Auswahl von bekannten Songs (u.a. von Queen, Björk oder den Eurythmics), die in faszinierenden, meist irgendwie melancholischen Versionen, Remixes oder Mash-Ups präsentiert (und teils von den Darstellern selbst gesungen) werden, sorgen dafür, daß "Sucker Punch" ein echter Hörgenuß ist.

Übrigens hat der kommerzielle und zumindest in Teilen auch qualitative Mißerfolg von "Sucker Punch" Zack Snyder nicht nachhaltig geschadet: Im Juni 2013 brachte er mit dem auf einem Drehbuch von "Batman Begins"-Autor David S. Goyer basierenden "Superman"-Reboot "Man of Steel" ein hochkarätiges Prestigeprojekt erfolgreich in die Kinos.

Fazit: Der bunte und in sich verschachtelte Fantasy-/Action-/Drama-Mix "Sucker Punch" ist eine wirre und ziemlich unbefriedigende Kinoerfahrung; allerdings eine, die ich im Nachhinein betrachtet nicht missen möchte. Die beeindruckenden Bildkompositionen, die nur auf einer großen Leinwand ihre ganze Wirkung entfalten können, der meisterhafte Prolog – der eigentlich eigenständig veröffentlicht und bei den OSCARs in der Kurzfilm-Kategorie eingereicht werden sollte – und die unnachahmliche musikalische Begleitung bleiben definitiv im Gedächtnis.

Wertung: Knapp 6 Punkte für die Kinofassung. Der ausschließlich auf Blu-Ray veröffentlichte, rund 18 Minuten längere "Extended Cut" soll etwas besser sein, ich konnte ihn aber noch nicht sehen.


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