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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Freitag, 16. November 2012

CLOUD ATLAS (2012)

Regie und Drehbuch: Lana Wachowski, Tom Tykwer und Andy Wachowski, Musik: Reinhold Heil, Johnny Klimek und Tom Tykwer
Darsteller: Tom Hanks, Halle Berry, Jim Broadbent, Ben Whishaw, Hugo Weaving, Doona Bae, Hugh Grant, Jim Sturgess, Keith David, Susan Sarandon, James D'Arcy, David Gyasi, Xun Zhou, Brody Nicholas Lee, Martin Wuttke, Robert Fyfe, Götz Otto, Zhu Zhu, Alistair Petrie, Sylvestra Le Touzel, Katy Karrenbauer, David Mitchell
 Cloud Atlas
(2012) on IMDb Rotten Tomatoes: 66% (6,6); weltweites Einspielergebnis: $130,5 Mio.
FSK: 12, Dauer: 172 Minuten.

1849 freundet sich der junge amerikanische Rechtsanwalt Jim Ewing (Jim Sturgess) auf einer Pazifikreise mit dem entlaufenen Sklaven Autua (David Gyasi) an.
Der homosexuelle und hochtalentierte Komponist Robert Frobisher (Ben Whishaw) verläßt im Jahr 1936 die Universität von Cambridge und damit auch seinen Geliebten Rufus Sixsmith (James D'Arcy), um als Assisstent des ebenso betagten wie arroganten Meisterkomponisten Vyvyan Ayrs (Jim Broadbent) seine Berufung zu finden.
1973, San Francisco: Die mutige Reporterin Luisa Rey (Halle Berry) kommt durch eine zufällige Begegnung einer groß angelegten Verschwörung eines Ölkonzerns unter der Führung von Lloyd Hooks (Hugh Grant) auf die Spur.
Gegenwart, London: Der windige Verleger Timothy Cavendish (Jim Broadbent) lebt nach einem Zufallserfolg in Saus und Braus. Als er feststellt, daß er Schulden bei der Mafia hat, flüchtet er überstürzt aus der Stadt und landet in einem zwielichtigen Pflegeheim.
Neo Seoul, 2144: Die Duplikantin (eine Art Klon) Sonmi-451 (Doona Bae) wird verhaftet, der Komplizenschaft bei einem Umsturzversuch angeklagt und von einem Beamten befragt. Sie berichtet ihm, wie sie sich von ihrem sklavenartigen Dasein als Restaurant-Bedienung befreit und mit einem kurz vor ihrer Gefangennahme veröffentlichten flammenden Appell den Funken der Revolution in der Bevölkerung gesät hat.
106 Winter nach dem Untergang (24. Jahrhundert): Der Ziegenhirte Zachary (Tom Hanks) hilft der attraktiven Meronym (Halle Berry), der Botschafterin eines technologisch weit überlegenen Volks, einen "verfluchten" Berg auf seinem Stammesgebiet zu besteigen, auf dem sie eine alte Kommunikationsstation aus der Zeit vor dem Untergang vermutet.

Kritik:
Als der Brite David Mitchell im Jahr 2004 seinen dritten Roman "Cloud Atlas" (in Deutschland 2006 unter dem naheliegenden Titel "Der Wolkenatlas" erschienen) veröffentlichte, beeindruckte er Kritiker und Leser mit sechs kunstvoll ineinander verwobenen Erzählsträngen, die eine Zeitspanne von rund 500 Jahren umfassen und sich durch deutliche stilistische Unterschiede voneinander abheben. Kein Wunder, daß es für die Verfilmung des (als Taschenbuch) fast 700 Seiten umfassenden Werks gleich dreier renommierter Regisseure und zweier nahezu kompletter Filmteams bedurfte. Andy und Lana Wachowski ("Matrix"-Trilogie) setzten die 1849er-Geschichte und die beiden Zukunftsstories in Szene, während Tom Tykwer ("Lola rennt", "Das Parfum") sozusagen für das 20. und 21. Jahrhundert verantwortlich zeichnete. Obwohl sich die einzelnen Episoden für Kenner relativ eindeutig den jeweiligen Regisseuren zuordnen lassen, ist das Ergebnis der gemeinsamen, primär in den Babelsberger Filmstudios umgesetzten Bemühungen ein höchst faszinierender Genremix, der allerdings Publikum und Rezensenten polarisiert. Während die einen von der visionären und kraftvollen Umsetzung von Mitchells anspruchsvollem Roman begeistert sind, bemängeln die anderen allzu esoterisch anmutende Storyelemente und den Einsatz der Hauptdarsteller in multiplen Rollen, die nicht alle gleich überzeugend ausfallen. Ich kann beide Seiten verstehen.

Die Idee, viele Schauspieler in jeder der sechs Episoden mindestens eine (in unterschiedlichem Umfang eingesetzte) Figur personifizieren zu lassen, ist einerseits genial. Denn auf diese Weise konnte man die kostspieligen Stars ausgiebig einsetzen, ohne das ohnehin schon enorme Budget des mit Abstand teuersten deutschen Films aller Zeiten (die Rede ist von rund $100 Mio., dazu kommen Marketingkosten in noch einmal etwa der gleichen Höhe) übermäßig zu strapazieren. Gleichzeitig ist es ein hervorragender dramaturgischer Kniff, da diese Mehrfachbesetzung die zahllosen subtilen Gemeinsamkeiten zwischen den Erzählsträngen und das über allem schwebende Motiv der Reinkarnation betont. Andererseits hat man dadurch sowohl die Schauspieler als auch vor allem die Makeup-Abteilung vor eine Mammutaufgabe gestellt. Das Problem in beiden Fällen: Die wenigen nicht ganz so gelungenen Resultate fallen sofort negativ ins Auge, während (speziell beim Makeup) die viel zahlreicheren hervorragenden Arbeiten überhaupt nicht auffallen. Da die Wachowskis und Tom Tykwer noch nicht einmal davor zurückschrecken, ihre Akteure Geschlecht und Rasse wechseln zu lassen, ist es geradezu zwangsläufig, daß diese keine konstant herausragende Leistung abliefern können. So gut die Darsteller sind, selbst der zweifache OSCAR-Gewinner Tom Hanks wirkt in einer seiner sechs Rollen (als jähzorniger Autor in der Gegenwarts-Story) zwar witzig, aber wenig glaubwürdig. Und beim Makeup fallen vor allem die Versuche, für die Neo Seoul-Geschichte westliche Schauspieler asiatisch aussehen zu lassen, eher fragwürdig aus (wenngleich ich nicht ausschließen möchte, daß der sehr künstliche wirkende Look auch die körperlichen Veränderungen der Menschheit in den kommenden gut 100 Jahren veranschaulichen soll). Wie verdammt gut das Makeup insgesamt dennoch ausgefallen ist, begreift man als Zuschauer eigentlich erst, wenn "Cloud Atlas" zu Ende ist. Denn zu Beginn des Abspanns werden neben den Namen der Darsteller nacheinander die Gesichter aller Rollen kurz eingeblendet, die sie im Film verkörpert haben. Und ich kann im Grunde genommen garantieren, daß diese Enthüllung bei jedem für höchstes Erstaunen sorgen wird. Selbst dem besten Beobachter aller Zeiten wird es kaum gelingen, wirklich alle dieser Verkörperungen (die teilweise nicht mehr als Cameos sind) bereits während des Films zu erkennen.

Wie erwähnt ist also Reinkarnation ein zentrales Thema von "Cloud Atlas", das allerdings stets eher im Hintergrund bleibt und nur subtil in Erscheinung tritt. Viel offenkundiger ist das zweite zentrale Motiv, das in jeder Episode eine wichtige Rolle spielt: die Sklaverei beziehungsweise der unstillbare Wunsch nach Freiheit. In der ersten Episode des Films wird das ganz direkt thematisiert, in der zweiten ist es eher eine persönliche Versklavung des jungen Komponisten, der zu seiner Zeit zudem durch seine Homosexualität zusätzlich gesellschaftlich eingeschränkt ist. Im 1973er-Erzählstrang wird die US-Gesellschaft durch einen Energiekonzern massiv bedrängt, in der Gegenwart geht es derweil um die Flucht aus einem zwielichtigen Pflegeheim in die Freiheit. In der nahen Zukunft sind es die Duplikanten, die von den "Reinblütigen" wie Sklaven gehalten werden und nach dem Untergang wiederum herrscht auf einem Teil der Erde wieder das gute alte Recht des Stärkeren. Die Botschaft ist überdeutlich: Es gab immer Menschen, die vermeintlich Schwächere buchstäblich oder im übertragenen Sinn versklaven wollen, und es wird sie immer geben. Ebenso wie Menschen, die sich gegen eine solche Versklavung mit allen Mitteln wehren. Ein ewiger Kreislauf. Womit wir wieder beim Motiv der Reinkarnation wären, das sich übrigens auch darin ausdrückt, daß die Darsteller meist im Kern ähnliche Figuren verkörpern. Hugo Weaving spielt äußerst lustvoll die Bösen, Halle Berry die Guten, Jim Broadbent die ambivalenten Schlitzohren.

Nachdem ich die ganze Zeit über "Episoden" geschrieben habe, wird es höchste Zeit, diesen Begriff zu präzisieren. Denn "Cloud Atlas" präsentiert seine Geschichten keineswegs brav nacheinander und widmet sich den einzelnen Strängen noch nicht einmal für längere Zeit, ehe zum nächsten gewechselt wird. Nein, die drei Regisseure haben sich für die anspruchsvollste, aber auch eleganteste Methode entschieden: Sie setzen sozusagen auf fliegende Wechsel. Ich glaube nicht, daß eine der Geschichten länger als fünf Minuten am Stück erzählt wird, vielmehr sind sogar Wechsel im Minutentakt eher Regel als Ausnahme. Daß darunter weder Erzählfluß noch Verständlichkeit in irgendeiner Weise leiden, ist eine beeindruckende inszenatorische Leistung – wenngleich man angesichts der Vielzahl an Namen, Zeiten und teils nur minimalen Querverbindungen natürlich ein interessiertes Publikum mit einem hohen Aufmerksamkeitslevel voraussetzen muß. Alle sechs Episoden haben ihren ganz eigenen Stil und halten so das Interesse wach. Die 1973er-Handlung erinnert beispielsweise unverkennbar an Klassiker der "New Hollywood"-Ära wie "Die Unbestechlichen" oder "Silkwood", zumal sich Halle Berry in ihrer besten Rolle im Film als mutige Investigativ-Reporterin wie weiland Jane Fonda in "Das China Syndrom" durch die Verschwörungsstory schlägt. Die Gegenwartshandlung wiederum ist betont komödiantisch, weshalb das erwähnte Overacting von Tom Hanks und der Einsatz von Hugo Weaving als an die berühmt-berüchtigte Nurse Ratched aus Milos Formans "Einer flog über das Kuckucksnest" erinnernde Nurse Noakes trotz fehlender Glaubwürdigkeit nicht allzu schwer ins Gewicht fällt. Alle Episoden sind gerade wegen der Kombination aus stilistischer Verschiedenheit und inhaltlicher Verwandtschaft interessant und ergeben in ihrer Gesamtheit ein faszinierendes, meisterhaft zusammengesetztes Mosaik. Oder anders formuliert: Wie das titelgebende, von Robert Frobisher im 1936er-Erzählstrang komponierte Wolkenatlas-Sextett sind die einzelnen Tönen oder Akkorden gleichenden Geschichten und Figuren sorgfältig und liebevoll zu einer beeindruckenden Komposition verwoben.

Ein raffinierter Kniff ist es auch, die wiederholt auftretenden dramaturgischen Schnittpunkte zwischen mehreren, manchmal sogar allen Zeitsträngen als eine Art künstliche Verlängerung zu nutzen. Selbst bei einer Dauer von rund 170 Minuten können sechs einzelne Geschichten schließlich nicht allzu umfangreich und tiefgehend ergründet werden. Doch durch diese sehr geschickt gesetzten Schnittpunkte und den mehr oder weniger parallelen Verlauf der sechs Episoden wirken diese länger, als sie es tatsächlich sind, da sich einzelne Szenen, obwohl nur einmal gezeigt, sozusagen addieren, indem sie sich auf mehrere Erzählstränge auswirken. Es ist schwierig, diesen Effekt zu beschreiben, aber er funktioniert in "Cloud Atlas" einwandfrei. Allerdings hat er auch seine Grenzen, weshalb nicht alle Episoden gleich "rund" wirken. Am gelungensten fand ich 1973, 2012 und 2144, wohingegen vor allem die 1849er-Geschichte nicht so richtig ihre Wirkung entfalten kann. Wie es überhaupt mein größter Kritikpunkt an "Cloud Atlas" ist, daß es dem Film bei allen unbestrittenen Stärken und der großen Faszination, die von ihm ausgeht, nicht gelingt, eine ähnliche emotionale Wucht zu entfalten wie andere Genrefilme des Jahres 2012 (z.B. "The Dark Knight Rises", "Looper" oder "Skyfall"). Meiner Einschätzung nach ist "Cloud Atlas" eher ein intellektuelles Vergnügen, aber vielleicht ändert sich dieser Eindruck bei nochmaliger Begutachtung des Films.

An den schauspielerischen Leistungen gibt es erwartungsgemäß wenig auszusetzen. Wie angesprochen, schleichen sich zwar immer wieder mal etwas schwächere Darstellungen ein, angesichts der multiplen Rollen machen sich die Akteure insgesamt aber sehr gut. Hugo Weaving ("Der Hobbit") begeistert wie so oft in Schurkenrollen, Jim Broadbent spielt vor allem als Pflegeheim-Flüchtling ungemein lustvoll auf, die jungen Ben Whishaw ("Skyfall", "Das Parfum") und Jim Sturgess ("Across the Universe") zeigen, daß sie zu den talentiertesten britischen Darstellern ihrer Generation zählen und die Südkoreanerin Doona Bae ("Sympathy for Mr. Vengeance") beeindruckt als Duplikantin mit Freiheitsdrang. Keith David ("Platoon") überzeugt vor allem in der 1973er-Storyline als an "Shaft" erinnernder Sicherheitsfachmann, während Susan Sarandon ("Robot & Frank") und Hugh Grant ("Tatsächlich ... Liebe") leider eher spärlich eingesetzt werden und Halle Berry und vor allem Tom Hanks über jeden Zweifel erhaben sind. Die visuellen Effekte fallen aus Budgetgründen nicht ganz so spektakulär aus wie in einem großen Hollywood-Blockbuster, sind handwerklich aber einwandfrei. Gleiches gilt für die tolle stilistische Umsetzung, die Kameraarbeit von Frank Griebe und (in den Wachowski-Episoden) John Toll sowie die atmosphärische Musik von Tykwer und seinen seit "Lola rennt" bewährten Partnern Johnny Klimek und Reinhold Heil.

Ob sich das Wagnis "Cloud Atlas" in kommerzieller Hinsicht gelohnt hat, läßt sich übrigens noch nicht abschließend beurteilen. Einem mäßigen US-Einspielergebnis von knapp $30 Mio. stehen starke Ergebnisse in Osteuropa und Teilen Asiens (alleine über fünf Millionen Zuschauer in China) gegenüber, während der Film in Deutschland ein ordentliches Resultat von gut einer Million Kinobesuchern erzielt hat. Das reicht zwar nicht, um "Cloud Atlas" insgesamt in die schwarzen Zahlen zu hieven, mit guten Heimkinoverkäufen könnte er aber zumindest noch auf ein ausgeglichenes Ergebnis kommen. Was für ein solch riskantes und ambitioniertes Projekt schon ein Achtungserfolg wäre.

Fazit: "Cloud Atlas" ist eine mutige, handwerklich höchst beeindruckende und in vielerlei Hinsicht experimentelle Adaption des als nahezu unverfilmbar geltenden Romans von David Mitchell, die ihre sechs über rund 500 Jahre verteilten und sich mit Themen wie Reinkarnation und Freiheitsdrang befassenden Geschichten bemerkenswert nahtlos ineinander übergehen läßt. Obwohl der multiple, geschlechter- und rassenübergreifende Einsatz der hervorragenden Schauspieler nicht immer einwandfrei funktioniert und die emotionale Bindung zum Publikum überschaubar bleibt, ist "Cloud Atlas" ein Film, den man wirklich gesehen haben sollte – auch auf die Gefahr hin, ihn nicht zu mögen.

Wertung: 8 Punkte (vorerst).


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