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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Freitag, 14. Dezember 2012

DER HOBBIT – EINE UNERWARTETE REISE (3D, 2012)

Regie: Peter Jackson, Drehbuch: Fran Walsh, Philippa Boyens, Guillermo del Toro und Peter Jackson, Musik: Howard Shore
Darsteller: Martin Freeman, Sir Ian McKellen, Richard Armitage, Andy Serkis, Manu Bennett, Sylvester McCoy, Ken Stott, James Nesbitt, Aidan Turner, Graham McTavish, Stephen Hunter, William Kircher, Dean O'Gorman, John Callen, Peter Hambleton, Jed Brophy, Mark Hadlow, Adam Brown, Cate Blanchett, Hugo Weaving, Sir Christopher Lee, Sir Ian Holm, Elijah Wood, Barry Humphries, Brett McKenzie, Lee Pace, Benedict Cumberbatch
 The Hobbit: An Unexpected Journey
(2012) on IMDb Rotten Tomatoes: 64% (6,5); weltweites Einspielergebnis: $1021,1 Mio.
FSK: 12, Dauer: 169 Minuten.

Der junge Bilbo Beutlin (Martin Freeman) lebt in seiner gemütlichen Hobbit-Höhle in Hobbingen, als eines Tages der Zauberer Gandalf (Sir Ian McKellen) bei ihm auftaucht, den er flüchtig aus seiner Kindheit kennt. Gandalf will ihn zur Teilnahme an einem Abenteuer überreden, doch Bilbo lehnt vehement ab, schließlich will er einfach nur seine Ruhe haben. Der Zauberer gibt jedoch nicht klein bei und lädt eigenmächtig 13 Zwerge unter der Führung des grimmigen Thorin Eichenschild (Richard Armitage) zu Bilbos Behausung ein. Der überrumpelte Hobbit bewirtet die munteren Gesellen notgedrungen und erfährt, daß sie ihre vor vielen Jahren von dem furchtbaren Drachen Smaug zu seinem neuen Schatzhort erkorene Bergheimat Erebor endlich zurückerobern wollen. Dafür benötigen sie allerdings dringend einen Meisterdieb, der sich relativ gefahrlos in der Nähe des Drachen bewegen kann, wofür Gandalf ein leichtfüßiger Hobbit prädestiniert erscheint. Schließlich siegt in Bilbo tatsächlich die Neugier über die Faulheit und er macht sich gemeinsam mit Gandalf und den Zwergen auf den langen und gefährlichen Weg, der ihn unter anderem mit Elben, Trollen und Orks in Berührung bringen wird ...

Kritik:
Es gibt grob gerechnet zwei Möglichkeiten, wie man an den ersten Teil von Peter Jacksons Verfilmung von J.R.R. Tolkiens Vorgeschichte zu seinem Fantasy-Epos "Der Herr der Ringe" herangehen kann. Als Tolkien-Fan oder als ganz normaler Zuschauer. Als Tolkien-Fan ist die Chance groß, daß man begeistert oder zumindest sehr erfreut ist von der Rückkehr nach Mittelerde, die Peter Jackson ausführlichst zelebriert und wie von ihm gewohnt mit unzähligen kleinen, liebevollen Details schmückt (Tolkien-Puristen, die sich über jede Abweichung zur Vorlage aufregen, klammere ich einfach mal aus, denn es gibt etliche solcher Änderungen). Zuschauer ohne literarische Vorkenntnisse werden wahrscheinlich nicht ganz so begeistert sein, da vor allem die erste Hälfte des nahezu dreistündigen Films ein sehr bedächtiges Tempo anschlägt und sich stärker auf die prächtige Fantasy-Welt und ihre Bewohner konzentriert als auf die (entsprechend der ursprünglich als Kinderbuch gedachten Vorlage) recht geradlinige und wenig raffinierte Handlung. Die viel rasantere zweite Hälfte, die mit stärkerer Orkpräsenz, dem mächtigen Goblinkönig (per Motion Capture verkörpert vom australischen Kultkomiker und Travestiestar Barry Humphries alias "Dame Edna") und der ersten Begegnung mit Gollum (Andy Serkis, der diesmal zusätzlich als 2nd Unit Director und somit eine Art Stellvertreter von Peter Jackson in die Dreharbeiten involviert war) aufwartet, sollte jedoch die meisten Wünsche erfüllen.

In der Tat wirkt die erste Filmhälfte streng genommen wie ein überlanger Prolog, denn neben der wichtigen Einführung der 13 Zwerge (die erst in den kommenden beiden Filmen richtig Früchte tragen wird) dominieren diverse lange Rückblenden. Darin wird unter anderem Smaugs Angriff auf das Zwergen-Königreich Erebor gezeigt, wobei Jackson natürlich klug genug ist, den Drachen Smaug noch nicht in Gänze zu enthüllen – lediglich die Beine und den Schwanz des gewaltigen Ungetüms bekommt das Publikum zu diesem Zeitpunkt zu Gesicht. Außerdem wird aus dramaturgischen Gründen ein Gegenspieler der Helden eingeführt, der in Tolkiens Buch nur eine kurze Erwähnung findet, hier jedoch als Erzfeind Thorins fungiert: der riesige bleiche Ork Azog der Schänder, Mörder von Thorins Großvater Thráin II., König Erebors.

Die angesprochenen Tolkien-Puristen werden das wohl anders sehen, aber in dramaturgischer Hinsicht ist die Verwendung des von dem Maori-Schauspieler Manu Bennett (Crixus in der TV-Serie "Spartacus") gespielten Azog ausgesprochen schlau. Das größte Problem dieses ersten Teils der "Hobbit"-Trilogie im Vergleich zu "Der Herr der Ringe" ist nämlich das Fehlen eines großen Action-Highlights. In "Die Gefährten" gab es Moria, in "Die zwei Türme" die Schlacht um Isengart und in "Die Rückkehr des Königs" die Schlacht um Gondor. Im gesamten Buch "Der Hobbit" gibt es nur einen Konflikt in ähnlicher Größenordnung und der wird voraussichtlich den Höhepunkt des dritten Films mit dem Untertitel "Die Schlacht der fünf Heere" bilden. Für den zweiten Teil "Smaugs Einöde" wird als Ersatz sicher die Konfrontation mit dem gigantischen Drachen einwandfrei funktionieren, für den Auftakt in "Eine unerwartete Reise" gibt das Buch aber einfach nichts auch nur halbwegs Vergleichbares her. Also führte Jackson (gemeinsam mit seinen drei Co-Drehbuch-Autoren) Azog den Schänder und als kleineren "Zwischenbösewicht" den Goblinkönig ein. Das reicht zwar nicht ganz für einen so epischen Höhepunkt wie in den "Der Herr der Ringe"-Filmen, aber es führt "Eine unerwartete Reise" zu einem guten Schluß und sollte vor allem diejenigen zufriedenstellen, die von einer Tolkien-Verfilmung von Peter Jackson einfach düstere Schlachtenbilder erwarten, ohne sich dabei allzu weit von der literarischen Vorlage zu entfernen. Am Kreaturendesign läßt sich mitunter übrigens auch noch der Einfluß des ursprünglich als Regisseur vorgesehenen und am Skript beteiligten Guillermo del Toro ("Pans Labyrinth", "Hellboy") ablesen.

Generell gelingt es Jackson wieder einmal hervorragend, die häufigen und im Vergleich zu "Der Herr der Ringe" extremeren Stimmungsschwankungen zwischen fröhlicher Reisegesellschaft und dramatischen Szenen in Einklang zu bringen. Dabei ist das diesmal eine sehr schwierige Angelegenheit, sind doch einige der berühmtesten Begebnisse zu Beginn des Buches eindeutig kindgerecht beschrieben und passen deshalb nicht wirklich in die erwachsene "Der Herr der Ringe"-Filmwelt. Speziell die Begegnung mit den drei gefräßigen Trollen bereits kurz nach dem Aufbruch von Hobbingen ist in dieser Hinsicht zu nennen. Jackson meistert diese Aufgabe, indem er sich zwar ziemlich genau an Tolkiens Beschreibung der Szene hält, sie aber doch einigermaßen ernsthaft und relativ kurz umsetzt. Sehr erfreulich für Mittelerde-Fans ist zudem, daß Jackson diesmal stärker als speziell in den Kinofassungen der "Der Herr der Ringe"-Trilogie die für Tolkiens Werke so wichtigen Lieder und Gedichte einsetzt. So gibt es bereits früh im Film eine herrliche, spielerische Szene, in der die Zwerge zu einer Art Geschirr-Ballett den verzweifelten Hausherren Bilbo mit einem neckischen Spottlied triezen. Für die "normalen" Zuschauer mögen solche Zwergenlieder vielleicht etwas befremdlich wirken, für Tolkien-Fans sind sie ein wahres Freudenfest.

Gleiches gilt für eine neue Figur, deren Aussparung in "Der Herr der Ringe" von vielen bedauert wurde. Die Rede ist von dem etwas wunderlichen, naturverbundenen Zauberer Radagast der Braune (Ex-"Doctor Who" Sylvester McCoy), dem Jackson diesmal eine größere Nebenrolle gönnt, obwohl er im Buch nur kurz erwähnt wird. Zudem sorgen etliche Rückkehrer für viel Wiedersehensfreude im Publikum. Ich will nicht explizit auf alle diese Gastauftritte eingehen, um nicht zu viel zu verraten, aber drei Namen möchte ich dennoch nennen. Da ist zum einen natürlich Gollum, der seinen berühmten Rätselwettstreit mit Bilbo ausführt und sofort wieder jene Faszination ausübt, die ihn schon in "Der Herr der Ringe" zum heimlichen Star der Filme gemacht hat. Und wir haben den alten Bilbo und seinen Neffen Frodo. Sobald bekannt wurde, daß Sir Ian Holm und Elijah Wood ihre ikonischen Rollen für die "Hobbit"-Verfilmung wieder übernehmen würden, wurde naheliegenderweise vermutet, daß Bilbos Erzählung von seinen Erlebnissen die Filme umklammern würde. Im Grunde genommen stimmt das auch, doch ganz so einfach macht es sich ein Peter Jackson natürlich nicht. Stattdessen startet sein Prolog mit Bilbo und Frodo wenige Stunden vor den ersten Szenen von "Die Gefährten". Der noch ahnungslose Frodo bereitet Bilbos große Geburtstagsfeier vor, während sein Onkel sich heimlich auf seinen Aufbruch aus dem Auenland vorbereitet und noch schnell sein Buch beenden will, in dem er Frodo von seinen frühen Abenteuern und dem Fund des Einen Ringes erzählt. Auf diese Weise schlägt Jackson einen wunderbar runden Bogen zwischen den beiden Trilogien, selbstverständlich einschließlich diverser Anspielungen und Szenenzitate.

Der neue Hauptdarsteller Martin Freeman ("Shaun of the Dead", "Tatsächlich ... Liebe") macht sich ausgezeichnet. Er ähnelt seinem älteren Ich optisch und macht sich sogar bestimmte Bewegungen und Manierismen seines Vorgängers zu eigen. Sir Ian McKellen ("X-Men") füllt seine OSCAR-nominierte Rolle als gutmütiger, aber mächtiger Gandalf erneut mit Charisma und Gravitas aus. Leider mußte er zwangsläufig einen neuen Synchronsprecher erhalten, da Joachim Höppner vor einigen Jahren verstorben ist – sein Nachfolger Eckart Dux klingt aber ähnlich, weshalb man sich schnell an seine Stimme gewöhnt. Unter den Zwergendarstellern können vor allem Richard Armitage (bekannt aus britischen TV-Serien wie "Spooks", "Strike Back" und "Robin Hood") als grimmiger, aber aufrichtiger Thorin Eichenschild, Ken Stott ("Casanova") als ebenso alter wie weiser Zwergenkrieger Balin (ja, der aus Moria in "Die Gefährten") und der Ire Aidan Turner (TV-Serie "Being Human (UK)") als draufgängerischer junger Kili überzeugen, aber Jackson gönnt allen 13 Zwergen ihre kleinen Momente, in denen sie glänzen können. Schön ist auch die nicht zu übersehende Ähnlichkeit von Gloin (Peter Hambleton) zu seinem Sohn Gimli in "Der Herr der Ringe". Und in Kurzauftritten bekommen die Zuschauer auch bereits Lee Pace ("The Fall", TV-Serie "Pushing Daisies") als Elbenkönig Thranduil und Benedict Cumberbatch ("Dame, König, As, Spion", TV-Reihe "Sherlock") als finsterer Nekromant zu Gesicht, die im zweiten Teil bedeutende Rollen spielen werden.

In technischer Hinsicht ist "Der Hobbit" erwartungsgemäß wieder eine Wucht. Bereits die "Der Herr der Ringe"-Filme haben einen neuen Standard für die Qualität von computergenerierten Spezialeffekten gesetzt, und das Prequel muß sich davor keinesfalls verstecken. Auch der erstmalige 3D-Einsatz funktioniert einwandfrei. Zwar fällt das Ergebnis nicht so spektakulär aus wie bei James Camerons "Avatar", aber die Dreidimensionalität bereichert das Filmerlebnis eindeutig und kommt besonders in einigen epischen Einstellungen voll zur Geltung. Austattung, Kostüme, Bühnenbild, Kreaturen-Makeup etc. stehen dem in nichts nach und auch die Musik von Howard Shore ist wieder sehr schön geworden. Gekonnt ruft Shore im Publikum immer wieder wohlige Erinnerungen wach, indem er kurz einprägsame Motive aus der "Der Herr der Ringe"-Trilogie in die neuen, atmosphärischen Kompositionen integriert. Deren Highlight ist sicherlich das (allerdings nicht von Shore komponierte) majestätische Zwergen- bzw. "Misty Mountains"-Motiv, das auch den während des Abspanns laufenden, äußerst stimmungsvollen "Song of the Lonely Mountain" von Crowded House-Sänger Neil Finn prägt.

Eine besondere und ebenso viel wie kontrovers diskutierte technische Neuerung kann ich leider noch nicht beurteilen. Peter Jackson hat mit "Der Hobbit" den ersten Film geschaffen, der (in ausgewählten Kinos) mit einer Framerate von 48 statt 24 FPS (frames per seconds) gezeigt wird. Durch diese verdoppelte Geschwindigkeit soll sich ein besonders klares, gestochen scharfes Bild ergeben. Peter Jackson und James Cameron halten das für die Technologie der Zukunft, etliche Zuschauer und Kritiker bemängeln jedoch, daß durch diese ultrarealistische Darstellung gerade einem Film wie "Der Hobbit" die fantastische Atmosphäre verloren gehe. Mein Stammkino zeigt "Der Hobbit" zwar in einem Saal mit 48 FPS (mit einem Euro Aufpreis zusätzlich zu den 1,50 Euro 3D-Aufpreis plus 1 Euro Überlängen-Aufpreis ...), ich wollte ihn aber ganz bewußt "altmodisch" genießen, um mich voll auf den Inhalt konzentrieren zu können. Möglicherweise hole ich das 48 FPS-Erlebnis in den nächsten Wochen noch nach, in diesem Fall werde ich diese Rezension entsprechend ergänzen.

Fazit: "Der Hobbit – Eine unerwartete Reise" ist eine bildschöne Rückkehr ins Fantasyreich Mittelerde, die mit ihrer ausschweifenden Erzählweise vor allem Tolkien-Fans glücklich machen sollte. Für Zuschauer ohne literarische Vorkenntnisse dürfte das sehr bedächtige Tempo der ersten Filmhälfte mit vielen Rückblenden und einer eher gering ausgeprägten dramaturgischen Stringenz etwas zäh sein, dafür geht es in der zweiten Hälfte dann aber so richtig rund und das Fundament für die beiden Fortsetzungen wird gelegt.

Wertung aus Sicht eines Tolkien-Fans: 9 Punkte. Ohne Mittelerde-Kenntnisse wären es wohl 8 Punkte.


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