Regie und Drehbuch: Andrew Dominik
Darsteller: Brad Pitt, Richard Jenkins, James Gandolfini,
Ray Liotta, Sam Shepard, Scoot McNairy, Ben Mendelsohn, Vincent Curatola,
Slaine, Linara Washington, Garret Dillahunt

Die Vereinigten Staaten von Amerika im Jahr 2008: Während
sich Politiker der Republikaner und Demokraten
populistische Parolen um die Ohren hauen und über die Ursachen der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise sowie mögliche Gegenmaßnahmen streiten, heuert der windige
Wäschereibesitzer Johnny Amato (Vincent Curatola, TV-Serie "Die Sopranos")
zwei abgewrackte Ganoven an, um eine von Markie Trattman (Ray Liotta, "Good Fellas")
veranstaltete Pokerrunde der Mafia zu überfallen. Normalerweise ein
Selbstmordkommando, doch Amato hält sich für besonders schlau und möchte es
ausnutzen, daß Trattman bereits einmal seine eigene Pokerrunde hat ausrauben
lassen und später damit geprahlt hat. Bei einem erneuten Überfall, so Amatos
(Milchmädchen-)Rechnung, würde also jeder glauben, es würde erneut Trattman dahinterstecken.
Natürlich ist die Mafia aber nicht gar so dämlich und heuert über einen Mittelsmann
(Richard Jenkins, "The Cabin in the Woods") den auswärtigen
Vollstrecker Jackie Cogan (Brad Pitt, "The Tree of Life") an, um die wahren Täter zu finden und final zu
bestrafen ...
Kritik:
Wenn in den USA ein neuer Film in die Kinos kommt, dann wird
am Starttag in 25 Städten mittels Zuschauerbefragungen der sogenannte
CinemaScore-Wert ermittelt, der sich am (US-)Schulnotensystem orientiert. Dieser
Wert ist ein guter Indikator für die Langlebigkeit des entsprechenden Films in den Kinos,
da er mehr darüber aussagt, wie die Mundpropaganda des Otto-Normalverbrauchers
ausfallen wird als es etwa bei den Rezensionen der professionellen Filmjournalisten
oder auch bei den IMDB-Werten der Fall ist. Denn man darf nicht vergessen, daß selbst in einer
Zeit, in der Millionen Filmfans bei der IMDB ihre Wertungen abgeben, diese
keineswegs automatisch dem Mainstream entsprechen. Wer den wöchentlichen
Kinobesuch eher als gesellschaftliches Ritual betrachtet und Filme einfach nur
konsumiert, der wird sich in der Regel kaum extra die Mühe machen, diese anschließend
im Internet zu bewerten. Teils erhebliche Diskrepanzen zwischen den
CinemaScore-Werten und den Rotten Tomatoes- oder IMDB-Bewertungen sind also
ganz normal, weshalb jemand, der das weiß, kaum noch überrascht werden kann.
Als "Killing Them Softly" beim US-Kinostart die schlechtestmögliche
Note "F" erhielt, war ich dennoch erstaunt. Nachdem ich den Film nun
gesehen habe, bin ich es nicht mehr. Wie sonst sollte der
Durchschnitts-Amerikaner auf einen Film reagieren, der als actionreicher
Thriller vermarktet wird, in Wahrheit aber ein quälend langsames, unangenehmes
und höchst pessimistisches Drama ist? Ein Drama zudem, das darauf hinausläuft, daß am
Ende Publikumsliebling Brad Pitt, während er im Fernsehen Barack Obamas
euphorische Siegesrede nach dem Erringen der Präsidentschaft verfolgt, verächtlich
konstatiert: "Amerika ist keine Nation, sondern ein Business."
Doch auch wenn man weiß, worauf man sich einläßt, macht es
"Killing Them Softly" einem nicht einfach, den Film zu mögen. Nach
ihrem elegischen Spätwestern "Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford" präsentieren der australische Regisseur und
Drehbuch-Autor Andrew Dominik und sein Hauptdarsteller und Co-Produzent Brad
Pitt diesmal einen Abgesang auf die US-amerikanische Gesellschaft in Zeiten der
Finanzkrise. Übermäßig subtil gehen sie dabei zwar nicht vor, denn immer wieder
sind im Hintergrund in TV oder Radio gleichsam als Ersatz für den (abgesehen von einigen Songs) nicht vorhandenen Soundtrack Wahlkampfreden oder Politiker-Statements
zur Finanzkrise zu sehen und hören, die die Parallelität der Strukturen in der
realen Wirtschaft zur organisierten Kriminalität verdeutlichen sollen. Dementsprechend ist es schwer, diesen
Zusammenhang zu übersehen, auch wenn die Parallelen dankenswerterweise nicht so
deutlich sind, daß der Film dem Zuschauer das Denken abnehmen würde. Die
Thematik ist dabei nicht ganz neu, denn ähnliche Verbindungen wurden bereits in Klassikern
wie "Der Pate" oder "American Gangster" aufgezeigt. Angesichts
der realen Geschehnisse ist aber natürlich eine große Aktualität gegeben, die
dadurch noch unterstrichen wird, daß die Filmhandlung 2008 spielt, sich beim
Kinostart vier Jahre später aber noch immer nicht viel an den globalen wirtschaftlichen
Strukturen geändert hat. Und daß die Romanvorlage "Cogan's Trade" von
George V. Higgins bereits aus dem Jahr 1974 stammt, ist ebenfalls bezeichnend.
Die Krise dominiert dementsprechend nicht nur indirekt,
sondern ganz konkret die Handlung von "Killing Them Softly", denn sie
macht vor der Unterwelt nicht Halt. Die beiden abgebrannten und deshalb zu fast jeder Schandtat bereiten Kleinkriminellen, die Amato zu
Beginn anheuert und die in den ersten 25 Minuten die Protagonisten des Films
sind, lassen sich problemlos dem "white trash" zuordnen. Scoot
McNairy ("Argo") und Ben Mendelsohn ("The Dark Knight Rises", "Animal Kingdom") geben diesen unangenehmen, in
Gossensprache miteinander verkehrenden verkommenen Subjekten, deren ganzes
Denken einzig von Geld und Sex bestimmt ist, ein Gesicht und machen dabei eine
gute Figur. Doch auch fast alle anderen Figuren, die die trostlose Welt von
"Killing Them Softly" bevölkern, sind nur unwesentlich besser, wenn überhaupt. Ob Amato, der
seine Frau betrügt und einen Raub beauftragt in der Vermutung, ein anderer
müsse dafür bluten; ob der abgehalfterte Vollstrecker Mickey (James Gandolfini,
"Die Sopranos", "Violet & Daisy"), den Jackie als
Unterstützung in die Stadt beordert, nur um erkennen zu müssen, daß er seine
ganze Zeit mit Saufen, Herumhuren und Jammern verbringt; oder ob Markie Trattman,
der seine eigene Pokerrunde überfallen ließ und auch noch stolz auf diesen Coup ist. Man kann kaum umhin zu denken, daß
sie alle ihr Schicksal redlich verdient haben. Selbst die nur durch ihren von
Richard Jenkins überzeugend verkörperten Mittelsmann vertretenen Mafiabosse
zeichnen sich vor allem durch Geiz und einen eklatanten Mangel an Mut und Entschlußkraft
aus (womit wir wieder bei den Parallelen zu Politik und Wirtschaft wären).
Lediglich Jackie Cogan, ausgerechnet dieser gnadenlose Mafia-Vollstrecker, der
kein Problem damit hat, Menschen foltern zu lassen und zu töten, scheint noch so etwas
wie Anstand zu besitzen. Das Töten ist sein Beruf, doch ansonsten legt er Wert
auf Manieren und Ehrlichkeit, weshalb er stets gereizt reagiert, wenn seine
Mitmenschen beispielsweise den Kellner schlecht behandeln oder mit dem Trinkgeld
knausern. Ja, es ist eine seltsame, eine verkehrte Welt, in der jemand wie
Jackie Cogan noch am ehesten als so etwas wie ein Sympathieträger oder ein
moralisches Vorbild dient.
Obwohl Brad Pitt erst nach 25 Minuten das Bild betritt,
trägt er den Film. Heutzutage ist es beinahe unvorstellbar, daß Pitt zu Beginn seiner Karriere Anfang der 1990er Jahre – ähnlich wie Leonardo DiCaprio – von gar nicht so wenigen als reiner Schönling
ohne nennenswertes schauspielerisches Talent abgetan wurde. Pitt ist nicht nur
ein ausgezeichneter Schauspieler, wie er in der Zwischenzeit oft genug bewiesen hat, ihn zeichnen
auch großes Charisma und eine außerordentliche Leinwandpräsenz aus. Selbst
in einer Rolle wie der des Jackie Cogan, die nicht einmal sonderlich vielseitig
ist und auch nicht viele Worte macht, beherrscht er die Szenerie von der
Sekunde seines Auftretens an. Wenn er dann auch noch mit so guten
Charakterdarstellern wie James Gandolfini oder Richard Jenkins agieren und einen Anflug dunklen Humors einbringen darf,
werden die entsprechenden Szenen zu einem wahren Fest für Anhänger der
gepflegten Schauspielkunst.
Es gibt also vieles, was man an "Killing Them
Softly" bewundern kann. Den Film zu mögen, ist jedoch, wie bereits
erwähnt, schwierig. Das liegt nicht nur an dem trostlosen Setting, dem
ausgesucht langsamen Erzähltempo und den kaputten Charakteren, sondern auch an
der sehr rudimentären Handlung. Cogan sucht die Männer, die die Pokerrunde
überfallen haben, aber das erfordert gar keine raffinierten Ermittlungsmethoden, da
sich die Täter mehr oder weniger selbst verraten. Cogan muß also eigentlich nur
warten und dann irgendwann in eruptiven, geradlinig inszenierten Gewaltausbrüchen
zuschlagen. Zwar ist der Film von einem bösen, oft ironischen Humor durchzogen, doch einen zu großen Anteil der knapp 100 Minuten verbringt man als Zuschauer damit, unsympathischen Männern dabei zuzuhören, wie sie ausschweifend und in einer
ziemlich widerlichen Wortwahl mit ihren Sexerlebnissen protzen. Vermutlich ist das Geschmackssache, aber mich nervt es
ziemlich schnell – auch wenn es innerhalb des Milieus durchaus glaubwürdig ist.
Fazit: "Killing Them Softly" ist ein
handwerklich hochwertiger und gut besetzter Abgesang auf die amerikanische
Gesellschaft, der sein Publikum mit in eine höchst unangenehme, zynische und von Egoismus
geprägte Welt voller gescheiterter Existenzen nimmt. Nicht gerade ein
Feelgood-Movie, aber ohne Frage ein ebenso faszinierendes wie pessimistisches
Sittenbild.
Wertung: 7 Punkte.
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