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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Freitag, 21. Dezember 2012

RUBY SPARKS – MEINE FABELHAFTE FREUNDIN (2012)

Regie: Jonathan Dayton und Valerie Faris, Drehbuch: Zoe Kazan, Musik: Nick Urata
Darsteller: Paul Dano, Zoe Kazan, Chris Messina, Elliott Gould, Annette Bening, Antonio Banderas, Steve Coogan, Aasif Mandvi, Deborah Ann Woll, Alia Shawkat, Wallace Langham
 Ruby Sparks
(2012) on IMDb Rotten Tomatoes: 78% (7,1); weltweites Einspielergebnis: $9,1 Mio.
FSK: 6, Dauer: 105 Minuten.

Mit 18 Jahren hat Calvin Weir-Fields (Paul Dano, "There Will Be Blood", "Looper") einen auch von den Kritikern gefeierten Bestseller geschrieben und sieht sich seitdem ständig mit dem Druck konfrontiert, dem ihm zugeordneten Attribut "Genie" gerecht zu werden. Außer ein paar Kurzgeschichten hat Calvin in den folgenden zehn Jahren jedoch nichts mehr veröffentlicht. Der Verlag drängt auf sein lange versprochenes neues Manuskript, doch der schüchterne Autor, dessen einziger Freund sein älterer Bruder Harry (Chris Messina, "Argo", "Vicky Cristina Barcelona") ist, kommt einfach nicht voran. Eines Nachts träumt der gestresste Calvin von einer jungen Frau, die er noch nie zuvor gesehen hat – offenbar eine Kreation seines Unterbewußtseins. Ruby Sparks (Zoe Kazan), wie er sie kurzerhand tauft, ist nicht unbedingt eine klassische Schönheit, eher das hübsche Mädchen von nebenan; doch ihre Lebenslust und ihre Ausstrahlung sorgen dafür, daß Calvin sich sofort in sie verliebt. Sein Psychiater (Elliott Gould) findet das sehr interessant und fordert ihn auf, über Ruby zu schreiben. Zunächst widerwillig tut Calvin das auch und stellt zu seinem eigenen Erstaunen fest, daß ihm die Worte und Sätze nur so zufliegen, sobald er über seine erfundene Traumfrau schreibt. Als er am nächsten Morgen erwacht, steht Ruby Sparks leibhaftig in seiner Küche – haargenau so, wie er sie in seinem Text beschrieben hat – und bereitet ihm ein Frühstück zu! Verständlicherweise glaubt Calvin, nun endgültig verrückt geworden zu sein, doch schnell findet er heraus, daß sehr wohl auch andere Menschen Ruby sehen können ...
  
Kritik:
Der 29-jährigen Zoe Kazan wurde die Verbindung zur Filmbranche sprichwörtlich in die Wiege gelegt. Ihr Vater Nicholas Kazan ist Drehbuch-Autor ("Matilda", "Der 200 Jahre Mann"), ihre Mutter Robin Swicord verfaßt ebenfalls Drehbücher ("Die Geisha") und führt gelegentlich auch Regie ("Der Jane Austen Club"). Und Großvater Elia Kazan war eine echte Hollywood-Legende, die als Regisseur zeitlose Meisterwerke wie "Die Faust im Nacken" oder "Jenseits von Eden" geschaffen hat (aufgrund einer eher zweifelhaften Rolle in der berüchtigten McCarthy-Ära allerdings nicht unumstritten ist). Zoe Kazan hat also ideale Voraussetzungen, um eine bedeutende Rolle in Hollywood zu spielen. Das ließ sich 2008 – nach einigen Mini-Auftritten in Filmen wie "Die Geschwister Savage" oder "Im Tal von Elah" – mit einer prägnanten Nebenrolle in Sam Mendes' Ehedrama "Zeiten des Aufruhrs" gut an, doch in den folgenden Jahren verschwand sie mit lediglich einigen Independent-Produktionen und relativ unbedeutenden Nebenrollen ziemlich aus dem öffentlichen Blickfeld – was allerdings auch an diversen Theater-Engagements lag. Dort feierte sie 2011 zudem mit dem Off-Broadway-Stück "We Live Here" ihr Debüt als Autorin. Offenbar gefiel ihr das Schreiben, denn mit "Ruby Sparks" bringt sie nun unter der Regie des Ehepaares Jonathan Dayton und Valerie Faris ("Little Miss Sunshine") auch ihr erstes eigenes Drehbuch in die Kinos – mit sich selbst in der Titelrolle eines Films, der als lebenslustige und recht originelle Offbeat-Komödie beginnt, in der zweiten Hälfte aber eine unerwartet dramatische Wendung nimmt.

Diese Kombination ist für das Publikum zunächst schwer zu verdauen. Nun sind Tragikomödien selbstverständlich nichts Ungewöhnliches, aber in "Ruby Sparks" geschieht der Wechsel zwischen locker-leichter romantischer Komödie im unkonventionellen Stil von "(500) Days of Summer" hin zu einem ernsthaften Charakterdrama so relativ abrupt und dabei ziemlich extrem, daß es nicht ganz einfach ist, sich damit anzufreunden. Sicher ist es lobenswert und ambitioniert von Zoe Kazan, daß sie eben nicht einfach nur eine weitere typische Independent-Komödie präsentieren will, sondern eine Geschichte mit Tiefgang und echten, glaubwürdigen Figuren. Dabei geht es ihr nicht nur um einen ehrlichen Blick auf Beziehungen (und auf das Schreiben), sondern sogar um ein so gewichtiges Thema wie den freien Willen – denn natürlich ist Calvin stets mit der Verlockung versucht, Ruby schriftstellerisch zu "korrigieren", wenn es zu Problemen in ihrer Beziehung kommt. Doch wie Kazan dieses hehre Vorhaben anpackt, ist zwar spannend, aber definitiv gewöhnungsbedürftig.

Die erste Filmhälfte, in der die Komik vorherrscht und Calvins etwas schusseliger Umgang mit seinem Ruhm sowie dem Auftauchen Zoes zahlreiche witzige Slapstick-Momente provoziert, versäumt es schlicht und ergreifend, das Publikum auf das Kommende vorzubereiten. Calvins merkwürdiges bis leicht peinliches Verhalten bei einem Familientreffen gegenüber dem neuen Lebensgefährten (Antonio Banderas, "Die Haut, in der ich wohne") seiner mehr als nur esoterisch angehauchten Mutter (Annette Bening, "American Beauty") in der Mitte des Films soll wohl genau das erreichen; doch da sein angespannter Gemütszustand angesichts einer solchen Konstellation nun wirklich nicht besonders ungewöhnlich ist, funktioniert das nicht so richtig. Dennoch ist es zweifelsohne faszinierend, wie die Liaison zwischen Calvin und Ruby während der rund 100 Minuten im Schnelldurchgang verschiedene Stadien einer Beziehung von der ersten Liebeseuphorie bis hin zum immer stärker dominierenden Alltagsfrust durchläuft, ohne dabei jemals unglaubwürdig zu wirken. Zugegeben, das Verhalten der beiden zentralen Protagonisten wirkt mehr als einmal übertrieben und nicht immer ganz nachvollziehbar, aber die sehr überzeugende Interpretation der wohl nicht vollkommen von autobiografischen Zügen freien Figuren durch Paul Dano und Zoe Kazan – die auch im echten Leben seit einigen Jahren liiert sind – sorgt für die nötige Authentizität. Abgerundet wird das insgesamt gute Bild, das der Film macht, durch namhafte Nebendarsteller, unter denen vor allem Antonio Banderas als bärtiger Hippie und Schauspiel-Veteran Elliott Gould ("M.A.S.H.", "Ocean's Eleven") als durch nichts zu erschütternder Psychiater hervorstechen.

Fazit: "Ruby Sparks – Meine fabelhafte Freundin" ist eine gelungene, ambitionierte und gut besetzte Tragikomödie, die allerdings Romantic Comedy- und Drama-Elemente zu eindeutig auf die beiden Filmhälften verteilt und deswegen nicht ganz rund wirkt.

Wertung: 7,5 Punkte.


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