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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Freitag, 11. Januar 2013

JACK REACHER (2012)

Regie und Drehbuch: Christopher McQuarrie, Musik: Joe Kraemer
Darsteller: Tom Cruise, Rosamund Pike, Robert Duvall, David Oyelowo, Richard Jenkins, Jai Courtney, Werner Herzog, Alexia Fast, Joseph Sikora, Josh Helman, Vladimir Sizov, Michael Raymond-James, Nicole Forester, Lee Childs
 Jack Reacher
(2012) on IMDb Rotten Tomatoes: 62% (6,2); weltweites Einspielergebnis: $218,3 Mio.
FSK: 16, Dauer: 131 Minuten.

Pittsburgh, Pennsylvania: Ein Mann (Jai Courtney, "Unbroken") fährt in ein Parkhaus, steigt in einer oberen, menschenleeren Etage aus, zieht ein Parkticket, packt dann in aller Ruhe ein Scharfschützengewehr aus, legt sich bereit und nimmt nacheinander mehrere Menschen ins Visier. Schließlich eröffnet er das Feuer: sechs Schüsse, fünf Tote. Wenig später stürmt die Polizei unter Leitung von Detective Emerson (David Oyelowo, "Planet der Affen: Prevolution") die Wohnung des aufgrund eines hinterlassenen Fingerabdrucks Tatverdächtigen und nimmt ihn fest. Aber es ist nicht der Täter, den die Polizei verhaftet, sondern ein Mann namens Barr (Joseph Sikora), ein ehemaliger Scharfschütze des US-Militärs. Barr verweigert die Aussage, seine einzige Forderung: Holt Jack Reacher. Das erweist sich jedoch als überflüssig, denn der geheimnisvolle ehemalige Militärpolizist wendet sich von sich aus an die Polizei, nachdem er in den Nachrichten von Barrs angeblicher Tat erfahren hat. Nur zögerlich läßt er sich von Barrs Anwältin Helen Rodin (Rosamund Pike, "Barney's Version") als Ermittler anheuern, doch schon bald stößt er auf Ungereimtheiten, die den Ehrgeiz des notorischen Einzelgängers wecken ...

Kritik:
Die Fans von Lee Childs' erfolgreicher Roman-Reihe um den hochintelligenten, kampferprobten Ex-Militärpolizisten Jack Reacher waren nicht unbedingt begeistert, als der Drehbuch-Autor und Regisseur Christopher McQuarrie ("Operation Walküre", Autor von "Die üblichen Verdächtigen") ausgerechnet den eher schmächtigen Tom Cruise für die Titelrolle verpflichtete – schließlich wird Reacher in den Büchern als bulliger Hüne geschildert. Child selbst, der im Film übrigens eine kleine Gastrolle als Polizist hat, gab dieser ungewöhnlichen Besetzung allerdings seinen Segen, da es seiner Ansicht nach sowieso unmöglich wäre, einen guten Schauspieler zu finden, der dem Buch-Reacher optisch nahekäme. Für diejenigen, die Childs' Romane nicht kennen, ist diese Diskussion natürlich unerheblich, denn daß Cruise einen Action-Helden überzeugend verkörpern kann, hat er in der "Mission: Impossible"-Reihe zur Genüge bewiesen. Und auch als "Jack Reacher" macht er eine gute Figur, wenngleich sich seine Darstellung streng genommen nicht allzu sehr von der des IMF-Agenten Ethan Hunt unterscheidet.

Generell läßt sich sagen, daß "Jack Reacher" ein echtes Alleinstellungsmerkmal fehlt, das gewisse Etwas. Christopher McQuarrie hat anhand der Buchvorlage einen grundsoliden Thriller mit sehr ansehnlichen Action-Sequenzen, einem recht charismatischen Helden, teuflischen Bösewichten, einer schönen weiblichen Hauptfigur, die sogar etwas mehr sein darf als nur "eye candy", und einigen markanten Nebendarstellern geschaffen. Aber unterm Strich fehlt eben das Besondere. Zumindest nach der beklemmend realistisch inszenierten Eröffnungssequenz im Parkhaus. Die Intensität dieses morbiden Auftakts erreicht die Geschichte anschließend nicht mehr annähernd. Sie hält zwar durchaus ein paar Überraschungen parat, insgesamt ist der grobe Handlungsverlauf für Krimi-Kenner aber ziemlich gut antizipierbar. Außerdem wirkt gerade im Kontrast zum Prolog der von McQuarrie immer wieder eingestreute Humor eher irritierend. "Jack Reacher" würde besser funktionieren, wäre er durchgehend als grimmiger Thriller konzipiert. Gegen ein paar knackige Oneliner des Protagonisten ist nichts einzuwenden, aber hier gibt es eindeutig zu viele humorvolle Szenen, zu viele schlagfertige Repliken Reachers, ja sogar Sequenzen nahe am Slapstick. Für sich genommen sind etliche dieser Gags sogar richtig gut, aber insgesamt passen sie zumindest in dieser Häufung einfach nicht in die düstere Story hinein.

Trotz einer Länge von gut 130 Minuten bleibt zudem die Figurenzeichnung arg skizzenhaft. Warum Jack Reacher als Romanfigur so populär ist, läßt sich anhand dieses Films jedenfalls kaum nachvollziehen. Hier wirkt er eher wie ein beliebiger, wenn auch von Cruise routiniert gespielter Actionheld. Von David Oyelowo als leitendem Detective würde man gerne mehr sehen, doch ebenso wie Rosamund Pike als Anwältin, die gegen ihren eigenen Vater, den Staatsanwalt Alex Rodin (Richard Jenkins, "The Cabin in the Woods", "Killing Them Softly"), antritt, erhält er leider nur wenig Spielraum. Da es zwischen Pike und Cruise außerdem so überhaupt nicht knistert, ist es auf jeden Fall von Vorteil, daß das Drehbuch keine echte Romanze zwischen Reacher und Helen vorsieht. Mehr Glück haben neben Altstar Robert Duvall ("Der Pate"), der erst spät, aber eindrucksvoll als Schießstandbesitzer die Bühne betritt, die beiden Hauptschurken. Der australische Newcomer Jai Courtney macht als grimmiger Scharfschütze eine gute Figur, die denkwürdigste Rolle des Films hat jedoch der deutsche Kultregisseur Werner Herzog ("Aguirre, der Zorn Gottes", "Fitzcarraldo") als sein Boß "The Zec" inne. McQuarrie ist dabei klug genug, Herzog in dessen wenigen Auftritten einerseits schauspielerisch nicht zu überfordern, ihn andererseits jedoch so mysteriös in Szene zu setzen und mit perfiden Dialogzeilen auszustatten, daß sein markanter Sprechstil (der durch seine vielfach ausgezeichneten Dokumentarfilme berühmt-berüchtigt geworden ist) voll zur Geltung kommt. Wenn man im Wörterbuch nach dem englischen Begriff "creepy" sucht, dann findet man bei dem entsprechenden Artikel zur Illustration vermutlich ein Bild von Werner Herzog als The Zec ...

Bezüglich der Action stechen zwei Sequenzen aus "Jack Reacher" klar hervor: eine wilde Autoverfolgungsjagd und der finale Shootout auf einer nächtlichen Baustelle. Die lange, von dem gelungenen Action-Score des bisher vor allem im TV-Bereich beschäftigten Komponisten Joe Kraemer untermalte Verfolgungsjagd (bei der Cruise sich übrigens nicht von einem Stuntman ersetzen ließ) ist zwar nicht überragend innovativ, aber so rasant in Szene gesetzt, daß sie richtig Freude macht und nach dem beklemmenden Prolog das zweite Highlight des Films bildet. Das große Finale kann leider nicht ganz so sehr überzeugen. Deutliche Anleihen bei ähnlichen Sequenzen aus Michael Mann-Filmen wie "Heat" oder "Miami Vice" sind zwar unverkennbar, doch erreicht McQuarries Choreographie und Inszenierung des Shootouts nicht Mann-Qualität. Der Showdown steht gewissermaßen stellvertretend für den gesamten Film: Er ist routiniert und handwerklich grundsolide, aber letztlich nicht spektakulär oder raffiniert genug, um lange im Gedächtnis zu bleiben.

Vom produzierenden Studio Paramount und von Tom Cruise selbst wurde "Jack Reacher" ganz bewußt als Beginn eines neuen Franchises konzipiert, doch ob es wirklich dazu kommen wird, ist derzeit noch nicht abzusehen. Die Einspielergebnisse des Films sind zwar weit davon entfernt, als kommerzieller Mißerfolg eingestuft zu werden, aber ein echter Hit ist "Jack Reacher" auch nicht. Angesichts des für eine Hollywood-Großproduktion recht bescheidenen Budgets von geschätzt $65 Mio. sollten die Chancen für eine Fortsetzung eigentlich dennoch gut stehen, allerdings wurde das inoffiziell als Bedingung dafür ausgegebene Ziel eines weltweiten Einspielergebnisses von $250 Mio. nicht ganz erreicht. Letztlich wird es wohl auch davon abhängen, wie stark Cruise auf einen weiteren Reacher-Film drängt. Nachtrag vom Mai 2015: Nun ist es offiziell: "Jack Reacher 2" wird produziert, neuer Regisseur wird Edward Zwick ("Blood Diamond"), was hoffnungsvoll stimmt.

Fazit: "Jack Reacher" ist ein sehr ordentlicher Action-Thriller mit einer guten Besetzung, der aber zu stark zwischen Humor und grimmigem Realismus schwankt, um wie aus einem Guß zu wirken. Genrefans sollten sich dennoch gut unterhalten fühlen.

Wertung: 7 Punkte.


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