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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Mittwoch, 9. Januar 2013

SILVER LININGS (2012)

Originaltitel: Silver Linings Playbook
Regie und Drehbuch: David O. Russell, Musik: Danny Elfman
Darsteller: Bradley Cooper, Jennifer Lawrence, Robert DeNiro, Jacki Weaver, Chris Tucker, Julia Stiles, John Ortiz, Anupam Kher, Dash Mihok, Paul Herman, Brea Bee
 Silver Linings Playbook
(2012) on IMDb Rotten Tomatoes: 92% (8,2); weltweites Einspielergebnis: $236,4 Mio.
FSK: 12, Dauer: 122 Minuten.

Nachdem Pat Solitano (Bradley Cooper, "Hangover") auf gerichtliche Anweisung acht Monate in einer psychiatrischen Anstalt verbracht hat, in der seine jahrelang nicht diagnostizierte bipolare Störung behandelt wurde, holt ihn seine Mutter (Jacki Weaver, "Fast verheiratet", "Animal Kingdom") gegen den Rat der Ärzte ab. Pat zieht bei seinen Eltern ein und versucht, sich wieder an das "normale Leben" zu gewöhnen; sein vorrangiges Ziel ist es jedoch, seine Ehefrau Nikki (Brea Bee) zurückzugewinnen. Keine einfache Aufgabe, ließ diese doch ein gerichtliches Annäherungsverbot gegen ihn verfügen. Daß Pats Vater (Robert De Niro, "Der Sternwanderer"), der vor kurzem seine Arbeit verloren hat und sich nun als illegaler Buchmacher über Wasser hält, selbst über einige Zwangsneurosen verfügt, macht die Angelegenheit nicht einfacher. Überraschenden Halt findet Pat schließlich bei der jungen Tiffany (Jennifer Lawrence, "Die Tribute von Panem"), der Schwägerin seines besten Freundes Ronnie (John Ortiz), die nach dem Tod ihres Mannes unter schweren Depressionen litt und ähnliche Medikamente einnahm wie nun Pat – welch besseres Gesprächsthema könnte es geben? Da Tiffany auch Pats Gattin kennt, bietet sie ihm an, dieser heimlich einen Brief von ihm zu überreichen, wenn er als Gegenleistung mit Tiffany an einem Tanzwettbewerb kurz nach Weihnachten teilnimmt – für Pat ein echter Silberstreif am Horizont. Durch das regelmäßige Training kommen sich beide näher, doch scheint Pat weiterhin nur an Nikki zu denken und bezeichnet seine Beziehung zu Tiffany als rein platonisch ...

Kritik:
Der gebürtige New Yorker David Owen Russell gilt als nicht ganz einfach im Umgang. Der Regisseur soll am Set sehr anstrengend und recht aufbrausend sein, was unter anderem zu einer kleinen Schlägerei mit George Clooney bei den Dreharbeiten zu "Three Kings" führte, im Jahr 2004 sorgte dann ein Youtube-Video für Furore, in dem er sich lautstark mit seiner "I Heart Huckabees"-Darstellerin Lily Tomlin in die Wolle bekam. Dennoch erhält Russell für seine Projekte immer wieder Zusagen der besten und beliebtesten Schauspieler Hollywoods. Der Grund dürfte klar sein: David O. Russell ist ein ausgezeichneter Drehbuch-Autor und Regisseur, dessen Filme selten enttäuschen. Ob die Familienkomödie "Flirting with Disaster", die respektlose Golfkriegs-Farce "Three Kings", die schräge Komödie "I Heart Huckabees" oder der Sportlerdrama "The Fighter" – Russells Werke stehen für intelligenten, schrägen Humor, intensive Figurenzeichnung und spannende Stories. Die auf einem Roman von Matthew Quick basierende Tragikomödie "Silver Linings" reiht sich nahtlos in sein Schaffen ein.

Zwei zentrale Themenbereiche prägen "Silver Linings". Da ist zum einen die im Vordergrund stehende Beschäftigung mit psychischen Erkrankungen, die Russell sehr empathisch und glaubwürdig angeht. Zwar ist es natürlich etwas klischeehaft, daß zahlreiche Charaktere der Handlung ein wenig durchgeknallt oder zumindest ziemlich schräg sind (Pats Psychiater eingeschlossen), wodurch Pats und Tiffanys Probleme vielleicht sogar ein wenig relativiert werden. Allerdings ist es Russell hoch anzurechnen, daß er sich nicht etwa darauf beschränkt, die psychischen Probleme als bloßen Aufhänger für eine Geschichte über sympathische Menschen zu nehmen, die eigentlich nicht viel mehr als etwas schrullig sind. Nein, in "Silver Linings" mag das auf die Nebenfiguren wie Pats sportverrückten Vater oder seinen in der Psychiatrie kennengelernten Freund Danny (Chris Tucker, "Rush Hour") zutreffen, bei denen das dramaturgisch auch wunderbar funktioniert. Aber bei Pat und Tiffany vermeidet Russell jede Verharmlosung. Auch wenn sich Pats bipolare Störung meist relativ harmlos offenbart, seine gelegentlichen psychotischen Ausbrüche sind wahrlich furchteinflößend und lassen keinen Zweifel daran, daß der Mann Hilfe braucht. Ähnlich sieht es bei Tiffany und ihrem auch aus Schuldgefühlen geborenen selbstzerstörerischen Verhalten aus. Es besteht kein Zweifel: Trotz der besorgten und liebevollen Familien, die sowohl Pat als auch Tiffany beistehen, wären die beiden auf Dauer (um den deutschen Titel von Marilyn Monroes letztem Film zu zitieren) nicht gesellschaftsfähig. Doch zusammen können sie es schaffen, gemeinsam geht es ihnen besser, können sie sich wieder stärker in ihr Umfeld integrieren – auch wenn die Integration vorerst brüchig bleibt. Da ich selbst keine Erfahrungen mit psychischen Erkrankungen besitze, kann ich nicht beurteilen, wie authentisch Russells Schilderung dieser Thematik ist; zweifellos wirkt sie aber glaubwürdig und vor allem sehr mitfühlend, ohne zu verharmlosen.

Doch wie bereits erwähnt, ist "Silver Linings" nicht nur eine Tragikomödie über Menschen mit ernsthaften psychischen Problemen, sondern auch eine der schönsten Liebesgeschichten der letzten Jahre. [Für den restlichen Absatz gilt eine Spoiler-Warnung, da er zwangsläufig (möglichst allgemein gehaltene) Informationen über den Handlungsverlauf enthält]. Das liegt vor allem daran, daß Russell die aufkeimenden Gefühle zwischen Pat und Tiffany so subtil und einfühlsam zeigt, daß man als Zuschauer lange Zeit gar nicht richtig bemerkt, was sich zwischen den beiden entwickelt. Womit es einem im Grunde genauso ergeht wie Pat, dessen ganzes Streben ja erklärtermaßen der Rettung seiner Ehe gilt. Zwar ist es offensichtlich, daß Tiffany sich ziemlich schnell in diesen so problembeladenen, aber notorisch optmistischen Mann verliebt, der als einziger gut nachempfinden kann, wie sie sich fühlt und der sie zumindest manchmal besser behandelt, als sie das seit langer Zeit gewohnt ist; aber durch Pats abblockende Haltung und auch durch den deutlichen Altersunterschied zwischen den beiden sieht es lange nicht danach aus, als ob sich daraus tatsächlich mehr entwickeln könnte als Freundschaft. Doch im fantastischen, herzerwärmenden und irre komischen Finale während des Tanzwettbewerbs spielt David O. Russell schließlich ausgelassen und triumphal auf der ganzen Bandbreite der Klaviatur der Gefühle sowohl seiner Protagonisten als auch des Publikums.

Bradley Cooper und Jennifer Lawrence wurden für ihre Leistungen mit OSCAR-Nominierungen geehrt (Lawrence gewann sogar), die Nebendarsteller Robert De Niro und Jacki Weaver ebenfalls. Das ist auch absolut angebracht, da Regisseur Russell sich trotz seiner wenig umgänglichen Art am Set wieder einmal als Mann erweist, der seine Darsteller zu absoluten Höchstleistungen treibt. Cooper und Lawrence liefern die wohl besten Darbietungen ihrer bisherigen Karriere ab, sie interpretieren ihre psychologisch durchaus schwierigen Rollen zwischen Hitzköpfigkeit und emotionaler Verletzbarkeit absolut glaubwürdig. Auch De Niro, der sich in den letzten Jahren beileibe nicht durch ein gutes Händchen bei der Filmauswahl ausgezeichnet hat, ist hier so gut wie schon lange nicht mehr und wird durch ein glänzendes Ensemble von Nebendarstellern wie Weaver, Chris Tucker, Julia Stiles (als Tiffanys ältere Schwester Veronica) oder Dash Mihok (als Polizist, der Pat stets im Auge behält) unterstützt. Abgerundet wird das Filmvergnügen durch eine passende Auswahl an Songs (u.a. von Bob Dylan, The White Stripes und Led Zeppelin) und die für seine Verhältnisse ungewöhnlich reduzierte, aber ausgesprochen gute Musik von Danny Elfman ("Sleepy Hollow", "Charlie und die Schokoladenfabrik").

Fazit: "Silver Linings" ist eine sehr schöne Tragikomödie, die zwei Stunden Unterhaltung mit Tiefgang bietet und zusätzlich mit tollen schauspielerischen Leistungen punktet.

Wertung: Knapp 9 Punkte.


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