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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Mittwoch, 27. Februar 2013

BLACK SWAN (2010)

Regie: Darren Aronofsky, Drehbuch: Mark Heyman, Andrés Heinz und John McLaughlin, Musik: Clint Mansell
Darsteller: Natalie Portman, Mila Kunis, Vincent Cassel, Barbara Hershey, Winona Ryder, Benjamin Millepied, Sebastian Stan, Janet Montgomery, Mark Margolis, Toby Hemingway, Ksenia Solo, Kristina Anapau
 Black Swan
(2010) on IMDb Rotten Tomatoes: 87% (8,2); weltweites Einspielergebnis: $329,4 Mio.
FSK: 16, Dauer: 108 Minuten.

Nina Sayers (Natalie Portman, "Hesher") ist eine sehr gute Ballerina, die aber noch keine ganz großen Rollen tanzen durfte und so langsam in ein Alter kommt, in dem eine Tänzerin ihren Durchbruch schaffen muß, wenn sie noch zum Star werden will. Als der Ballettdirektor Thomas Leroy (Vincent Cassel, "Pakt der Wölfe") den bisherigen Star Beth Macintyre (Winona Ryder, "Reality Bites") absägt, bekommt Nina endlich die große Chance, auf die sie immer gehofft hat: Sie soll die Hauptrolle der Schwanenkönigin in Tschaikowskys "Schwanensee" spielen obwohl Thomas durchaus Zweifel hat, ob sie auch wirklich den "bösen" schwarzen Schwan spielen kann und nicht nur den "guten" weißen. Kann die disziplinierte Nina dem beständig zunehmenden Druck standhalten und den verruchten, lasterhaften schwarzen Schwan in sich selbst finden?

Kritik:
Wenn jemand vor "Black Swan" behauptet hätte, daß ein Ballettfilm, der noch dazu vom zwar von den Kritikern hochgelobten, aber für das Massenpublikum eigentlich zu anspruchsvollen US-Regisseur Darren Aronofsky ("Pi", "Requiem for a Dream", "The Fountain", "The Wrestler") inszeniert wurde, alleine in den USA über 100 Millionen US-Dollar an den Kinokassen einspielen würde, hätte ihn wohl jeder Branchenexperte und auch jeder normale Filmfan für verrückt erklärt. Daß "Black Swan" dieses Kunststück gelungen ist, zeigt bereits, daß es sich um einen wahrlich außergewöhnlichen Film handelt.

Aronofsky hat der großartigen Natalie Portman schlicht und ergreifend die Rolle ihres Lebens auf den zierlichen Leib geschrieben. Gleichzeitig hat er einen Film inszeniert, der als vergleichsweise konventioneller "Sportfilm" beginnt, in dem vor allem Ninas Training im Vordergrund steht, sich dann aber Stück für Stück zu einer Mischung aus Charakterdrama und Psycho-Thriller mit sogar sanften Horrorelementen entwickelt. Erstaunlicherweise wirkt diese Transformation richtig rund, was auch darin begründet liegt, daß Aronofsky bereits in der ersten, "normalen" Filmhälfte raffiniert subtile kleine Andeutungen des Kommenden eingebaut hat.

Natürlich wird die Geschichte von Natalie Portmans toller und vollkommen zurecht OSCAR-gekrönter Tour de Force-Performance getragen. Neben ihrer tänzerischen Darstellung (unter Mithilfe einer professionellen Ballerina als Double für die besonders schwierigen Passagen) überzeugt vor allem, wie sie den immer stärker werdenden psychischen Druck von allen Seiten und die daraus folgende zunehmende Verlorenheit und Einsamkeit Ninas zum Ausdruck bringt. Sie, die von klein auf von ihrer dominanten Mutter Erica (Barbara Hershey, "Insidious") zum kommenden Ballettstar gedrillt wurde; die von Thomas gleichzeitig dazu gedrängt wird, ebenjene Disziplin, die sie zu einer technisch nahezu perfekten Tänzerin gemacht hat, für die Rolle des schwarzen Schwans zu vergessen; die von ihrer leichtlebigen, mit einer ebenso natürlichen wie intensiven Ausstrahlung gesegneten Kollegin/Konkurrentin Lily (Mila Kunis, "Date Night") in die Versuchungen des Nachtlebens eingeführt wird; die den beißenden Neid einiger Konkurrentinnen ertragen muß: Sie will und muß versuchen, alles unter einen Hut zu bringen und am Premierenabend eine perfekte Schwanenkönigin zu tanzen. Besser als Natalie Portman kann man diese Figur wohl nicht spielen.

Doch es ist ja keine Neuigkeit, daß Natalie Portman eine tolle Schauspielerin ist – das weiß man bereits seit Luc Bessons legendärer Gangsterballade "Leon – Der Profi" aus dem Jahr 1994. Auch Vincent Cassel und Barbara Hershey haben oft genug bewiesen, was sie können. Die eigentliche Überraschung von "Black Swan" ist deshalb Mila Kunis. Wer hätte vorher gedacht, daß die zickige Jackie Burkhart aus der TV-Sitcom "Die wilden Siebziger" und die fehlbesetzte Mona Sax aus der mißratenen "Max Payne"-Computerspieladaption eine richtig starke Schauspielerin ist? Wer den Film und Kunis' energetische Darstellung Lilys gesehen hat, der wird sich nicht darüber wundern, daß für Kunis' beginnende Kinokarriere "Black Swan" sogar noch wichtiger war (wie ihre folgenden Hauptrollen in "Freunde mit gewissen Vorzügen", "Ted" und "Die fantastische Welt von Oz" belegen) als für die zwar nur zwei Jahre ältere, aber bereits etablierte Natalie Portman.

Neben der raffinierten Inszenierung und den vier tollen zentralen Darstellern (Winona Ryders Rolle ist zu klein, um sie dazuzählen zu können) tragen natürlich noch weitere Elemente dazu bei, daß "Black Swan" ein sehr guter Film ist: Aronofskys Stammkomponist Clint Mansell (dessen "The Fountain"-Soundtrack zu meinen Allzeitfavoriten zählt) zeigt, daß er auch willens und fähig ist, sich selbst etwas stärker im Hintergrund zu halten, indem er "lediglich" Tschaikowskys weltberühmte Melodien adaptiert und im Sinne der Story leicht verändert. Dies gelingt ihm einwandfrei, ebenso sind Kamera, Ton, Tanz-Choreographie (von dem Franzosen Benjamin Millepied, der auch in einer größeren Nebenrolle als Tänzer zu sehen ist und inzwischen mit Portman verheiratet ist) und Spezialeffekte einwandfrei gelungen.

Das einzige, was zu Kritik Anlaß gibt, ist die Handlung selbst. Erstens folgt diese im Kern ziemlich konventionellen Handlungsmustern, zweitens wartet sie mit zwar prägnanten und überzeugend gespielten, aber doch ziemlich klischeehaften Figuren auf. Die ultra-disziplinierte Ballerina, die dominante "Eislaufmutter", der verführerische Tanz-Direktor, die eifersüchtigen Konkurrentinnen das alles wirkt doch sehr schablonenhaft (aber wie es in der echten Welt des hochprofessionellen Balletts aussieht, kann ich natürlich nicht beurteilen). Allzu sehr stören die Klischees zumindest mich dennoch nicht, da sie innerhalb der Erzählung einfach hervorragend und plausibel umgesetzt wurden. Etliche Kritiker haben auch die Verwendung der bereits angesprochenen leichten Horrorelemente bemängelt. In der Tat wirken diese manchmal etwas aufgesetzt, tragen aber andererseits auch dazu bei, daß "Black Swan" ein so außergewöhnlicher Film geworden ist.

Fazit: "Black Swan" ist vor allem in der zweiten Filmhälfte ein atemberaubendes, visuell wie akustisch beeindruckendes und hervorragend gespieltes Kunstwerk, das aber zumindest eine gewisse Aufgeschlossenheit gegenüber der Welt des Ballett erfordert.

Wertung: 8,5 Punkte.


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