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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Freitag, 1. Februar 2013

ZERO DARK THIRTY (2012)

Regie: Kathryn Bigelow, Drehbuch: Mark Boal, Musik: Alexandre Desplat
Darsteller: Jessica Chastain, Jason Clarke, Jennifer Ehle, Kyle Chandler, Mark Strong, James Gandolfini, Stephen Dillane, Harold Perrineau, Jeremy Strong, Reda Kateb, Joel Edgerton, Chris Pratt, Édgar Ramírez, Fares Fares, Scott Adkins, Nash Edgerton, Frank Grillo, Lauren Shaw, Mark Duplass, Taylor Kinney, John Barrowman, Mark Valley
 Zero Dark Thirty
(2012) on IMDb Rotten Tomatoes: 92% (8,6); weltweites Einspielergebnis: $132,8 Mio.
FSK: 16, Dauer: 157 Minuten.

Nach den Anschlägen den 11. September 2001 ist eines der vordringlichsten Ziele des US-amerikanischen Auslandsgeheimdienstes CIA das Aufspüren des Terrorführers und (nach eigener Aussage) 9/11-Verantwortlichen Osama bin Laden. Die junge Agentin Maya (Jessica Chastain, "The Help", "The Tree of Life") stößt im Jahr 2003 in Pakistan zu dem Team, das unter Leitung von Dan (Jason Clarke, "Public Enemies", "Der große Gatsby") gefangene mußmaßliche Al-Kaida-Terroristen verhört – unter Einsatz aller von US-Präsident George W. Bush genehmigten "erweiterten" Verhörmethoden inklusive des simulierten Ertrinkens mittels "Waterboarding". Die Informationen, die solchermaßen herausgepresst werden können, sind jedoch keineswegs immer zuverlässig, und so muß die verbissen ihre Aufgabe und jede noch so kleine Spur verfolgende Maya im Lauf der Jahre zahlreiche Rückschläge hinnehmen. Bis ihr eines Tages von einer Kollegin eine jahrelang übersehene Information zugetragen wird, die zum tatsächlichen Aufenthaltsort bin Ladens führen könnte ...

Kritik:
Eigentlich wollten die für ihren Irak-Thriller "Tödliches Kommando – The Hurt Locker" OSCAR-prämierte Regisseurin Kathryn Bigelow und ihr Drehbuch-Autor Mark Boal einen Film über die vergebliche Suche nach Osama bin Laden drehen. Doch kurz vor Beginn der Dreharbeiten wurde der Terrorführer von einer amerikanischen Eliteeinheit in Abbottabad getötet und so mußten Bigelow und Boal quasi von vorne anfangen. Es wäre sicherlich sehr interessant, die ursprüngliche Geschichte zu sehen, die wahrscheinlich weniger Kontroversen ausgelöst hätte, doch zweifellos ist auch "Zero Dark Thirty" ein hervorragender Film geworden, der ein wenig wie eine Weiterentwicklung von "The Hurt Locker" wirkt. Denn noch konsequenter als dort verweigern Bigelow und Boal jegliche Parteinahme, stattdessen schildern sie die Geschehnisse beinahe dokumentarisch anmutend mit größtmöglicher Objektivität und emotionaler Distanz. Dieser Ansatz hat einen großen Vorteil und einen großen Nachteil. Der Vorteil: Das Publikum muß das Gesehene selbst interpretieren. Es wird auf diese Weise zum Mitdenken gerade gezwungen. "Zero Dark Thirty" kann man kaum einfach nur konsumieren, man muß ihn reflektieren, die eigenen ethischen Überzeugungen und Prinzipien auf den Prüfstand stellen und letztlich ganz alleine entscheiden, was man für richtig hält und was für falsch. Der Nachteil: Das Publikum muß das Gesehene selbst interpretieren. Das führt leider oftmals zu von eigenen Gefühlen und (Vor-)Urteilen geprägten Deutungen, die teilweise abenteuerlich sind, sich aufgrund der Weigerung des Films, Stellung zu beziehen, aber nicht ganz so einfach abschmettern lassen. Damit läßt sich auch erklären, warum sich die arme Kathryn Bigelow in den USA (trotz insgesamt herausragender Kritiken) gegen heftige Kritik gleichermaßen von Linken und Rechten wehren muß.

Ein wenig trägt sie daran allerdings eine Mitschuld, denn die zu Beginn von "Zero Dark Thirty" (was übrigens der Militärcode für 0:30 Uhr ist) plazierte Einblendung, wonach der Film auf Tatsachenberichten basiere, lädt geradezu ein zu wütenden Attacken. Tatsächlich hatte das Filmteam Zugang zu einigen Beteiligten an der realen Suche nach Osama bin Laden, aber natürlich dienen deren (subjektive) Berichte nur als Grundlage für die fiktive Ausgestaltung der Geschehnisse durch Bigelow und Boal. "Zero Dark Thirty" ist schließlich keine Dokumentation, sondern ein Spielfilm. Hätte Bigelow auf besagte Einblendung verzichtet oder sie "schwächer" formuliert, wäre ihr bestimmt einiges an Ärger erspart geblieben. Das ändert aber natürlich nichts daran, daß die meisten Vorwürfe, die ihr und dem Film gemacht werden, entweder reine Unterstellungen sind oder von einer unfaßbaren Naivität geprägt. Wenn zum Beispiel der republikanische Senator John McCain, der anders als viele seiner Parteikameraden seit jeher ein überzeugter Gegner jeglicher Art von Folter ist, dem Film vorwirft, fälschlicherweise zu zeigen, daß Folter funktioniere, ist das mit Sicherheit gut gemeint, aber trotzdem falsch. Denn das Perfide an der Folter ist ja gerade, daß sie sehr wohl funktionieren KANN. Auf Dauer ist es erwiesenermaßen nur den Wenigsten möglich, entsprechenden Verhörmethoden komplett zu widerstehen, früher oder später redet der Gefolterte – manchmal erzählt er die Wahrheit, manchmal einfach nur das, was seine Peiniger von ihm hören wollen. Das macht Folter ohne Frage zu einer höchst unzuverlässigen Art der Informationsgewinnung (von der moralischen Verwerflichkeit ganz zu schweigen), was "Zero Dark Thirty" auch sehr deutlich aufzeigt. Aber eben nicht zu einer völlig nutzlosen. Wäre es so einfach, dann gäbe es ja diese ganze Problematik nicht. Würden Folterpraktiken grundsätzlich nicht funktionieren, dann müßten die Verantwortlichen auch nicht im Zweifelsfall darüber entscheiden, ob die Menschenrechte des Verdächtigen höher zu gewichten sind als möglicherweise Hunderte Menschenleben (oder auch nur ein einziges, wie bei der in Deutschland vieldiskutierten bloßen – aber erfolgreichen – Folterandrohung im Entführungsfall Jakob von Metzler). McCain und seine Unterstützer machen es sich also eindeutig zu leicht, wenn auch aus noblen Motiven. Die kann man jenen wohl kaum zugutehalten, die Bigelow andererseits allen Ernstes im Brustton der patriotischen Überzeugung vorwerfen, sie behaupte, Folter hätte bei der Ergreifung bin Ladens eine Rolle gespielt, obwohl doch jeder wisse, daß die USA niemals foltern würden ...

"Zero Dark Thirty" widmet sich dieser Folterthematik etwa ein Filmdrittel lang (bei einer Gesamtlaufzeit von gut zweieinhalb Stunden), und das quälend ausführlich. Dans (unblutige) Befragungsmethoden werden nicht geschönt, an dem mutmaßlichen Terroristen Ammar (Reda Kateb, "Ein Prophet") praktiziertes Waterboarding und an den Abu Ghraib-Skandal erinnernde Erniedrigungspraktiken in aller Ausführlichkeit präsentiert. Bigelow und Boal denken gar nicht daran, das Publikum zu schonen, und damit machen sie es genau richtig. Wie könnte man die Unmenschlichkeit der angewandten Methoden besser und nachdrücklicher demonstrieren als durch eine solche ungeschönte, authentische Darstellung? Umso unverständlicher ist es, wie manche Menschen – darunter einige Academy-Mitglieder, die mit beachtlichem Erfolg zu einem Boykott des Films bei der OSCAR-Abstimmung aufgerufen haben – in "Zero Dark Thirty" eine Verteidigung oder Rechtfertigung der Folterpraktiken erkennen wollen. Als Begründung dient neben den vereinzelt gewonnenen Informationen vor allem, daß "Zero Dark Thirty" CIA-Folterer als amerikanische Helden zeige. Was selbstverständlich ziemlicher Blödsinn ist. Kathryn Bigelow präsentiert Maya, Dan und ihre Kollegen keineswegs als Helden, sondern schlicht und ergreifend als Männer und Frauen, die ihre berufliche Pflicht erfüllen. Mit großer Hingabe, zugegeben, aber es kann wohl kaum überraschen, daß in einem Land, in dem Patriotismus als erste Bürgerpflicht gilt, Agenten bei der akribischen Suche nach einem Terroristenführer, der rund 3000 Anschlagstote auf amerikanischem Boden zu verantworten hat (oder das zumindest für sich in Anspruch nimmt), überdurchschnittlich engagiert sind. Helden sind sie deshalb nicht. Es gibt niemanden, der die Folterpraktiken mutig und ohne Rücksicht auf die eigene Karriere unterbindet oder auch nur verbal kritisiert. Niemanden, der sein Leben riskiert oder opfert, um Kameraden oder unschuldige Zivilisten zu retten. Nur Analysten, die unter Einsatz all ihrer Fähigkeiten bin Laden aufspüren wollen, und Soldaten, die diesen letztlich mit fast beiläufiger, eiskalter und brutaler Präzision erschießen. Für Heldenmut, daran läßt Bigelow wie bereits in "The Hurt Locker" kaum einen Zweifel, ist da kein Platz.

Um den neutralen, distanzierten Blick auf die Geschehnisse zu unterstreichen, verzichten Bigelow und Boal sogar bewußt darauf, eine echte emotionale Bindung zwischen den Protagonisten und den Zuschauern herzustellen. Maya, Dan und ihre Kollegen werden fast ausschließlich bei der Arbeit gezeigt, über ihre konkrete anfängliche Motivation erfährt man nichts, Privates kommt höchstens beiläufig in Halbsätzen vor, auch die für Hollywood-Filme fast schon obligatorische Liebesgeschichte ist nonexistent. Mit solch einem Vorgehen über zweieinhalb Stunden hinweg die Spannung hochzuhalten und das Publikum dazu zu bringen, sich für die Figuren und ihr Verhalten zu interessieren, ist wahrlich eine Herkulesaufgabe. "Zero Dark Thirty" meistert diese zwar nicht perfekt, aber gut bis sehr gut und durch Zuhilfenahme raffinierter erzählerlischer Tricks. So erfährt man beispielsweise fast alles, was man über Maya wissen muß, in einer einzigen kurzen Szene: Nach einem bedeutenden Mißerfolg erfährt die gesamte Abteilung einen heftigen Anpfiff durch den Vorgesetzten George (Mark Strong, "The Guard", "Robin Hood"), den fast alle Anwesenden mit gesenktem Blick über sich ergehen lassen – nur Maya verfolgt erhobenen Hauptes aufmerksam, beinahe neugierig die Tirade, ohne sich davon einschüchtern zu lassen. Das verrät einem wahrscheinlich mehr über diese so verbissene, zielstrebige Frau und brillante Analystin, als es selbst mit mehreren Hundert gut geschriebenen Dialogzeilen möglich wäre. Meisterhaft.

Strukturell erinnert "Zero Dark Thirty" mitunter an Ben Afflecks "Argo", in dem es ja ebenfalls um eine streng geheime CIA-Operation geht. Beide Filme sind recht actionreiche Thriller mit einem ebenso großen wie hochkarätigen Schauspielerensemble ohne die ganz großen Stars. Bei beiden Werken spielen Gewinnung und Analyse von Informationen eine entscheidende Rolle – wenn auch auf verschiedene Art und Weise –, ebenso am Ende die Ausführung der gut vorbereiteten Mission. Im Detail sind die Unterschiede allerdings erheblich. "Argo" funktioniert eher als konventioneller, wenngleich handwerklich hervorragend gemachter Spannungsfilm, der das Publikum förmlich in die Handlung hineinzieht. Dahingegen geht "Zero Dark Thirty" wie erwähnt deutlich mutiger vor, indem er weitgehend auf die Hollywood-Konventionen pfeift und aus einer reinen Beobachterrolle seine rauhe und (unabhängig davon, wieviel tatsächlich der Realität entspricht) sehr authentisch wirkende Geschichte aus dem Krieg gegen den Terrorismus erzählt. Aus dramaturgischer Sicht hätte man vor allem im ersten Drittel durchaus ein wenig die Schere ansetzen können, doch hätte das möglicherweise die starke Wirkung der ausführlichen "Verhörszenen" beeinträchtigt. In Erinnerung bleiben wird Bigelows Film jedenfalls mit Sicherheit auch dafür, daß er mit der energetischen, in ihrer unbeirrbaren Hartnäckigkeit vor allem für ihre Vorgesetzten manchmal sehr nervigen Maya eine der stärksten weiblichen Hauptfiguren der Filmgeschichte aufbietet, die von der rothaarigen Kalifornierin Jessica Chastain grandios (und OSCAR-nominiert) porträtiert wird. "Zero Dark Thirty" ist ohne Frage ihr Film, in fast jeder Szene ist sie präsent und sie trägt ihn scheinbar mühelos. Auch Jason Clarke als ihr Kollege Dan, Jennifer Ehle ("The King's Speech", "The Ides of March") als erfahrene Analystin Jessica sowie (trotz eher alberner Perücke) Mark Strong und Kyle Chandler ("King Kong", "Argo") als höherrangige CIA-Männer werden von Regisseurin Bigelow zu starken Leistungen getrieben; selbst kleine bzw. kurze Rollen sind mit James Gandolfini (als CIA-Chef), Joel Edgerton (als Anführer der Eliteeinheit), Édgar Ramírez, Harold Perrineau, Frank Grillo ("The Grey") oder John Barrowman (TV-Serie "Torchwood") klasse besetzt.

Handwerklich ist "Zero Dark Thirty" trotz eines eher bescheidenen Budgets von rund $40 Mio. ausgezeichnet, vor allem die bombastischen Soundeffekte bei Schüssen und Explosionen suchen ihresgleichen – entsprechend gab es den einzigen OSCAR des Films (bei insgesamt fünf Nominierungen) für den Tonschnitt. Die Musik des französischen Komponisten Alexandre Desplat (der kurioserweise für seinen Soundtrack zum "Zero Dark Thirty"-Konkurrenten "Argo" für den Academy Award nominiert wurde) hält sich lange Zeit recht unauffällig im Hintergrund, läuft im letzten Filmdrittel aber zu großer Form auf.

Fazit: "Zero Dark Thirty" ist ein beklemmender, detailverliebter CIA-Thriller, der in seiner gewollten Distanziertheit und dem ausschließlichen Fokus auf die Arbeit der Protagonisten alles andere als leichte Kost darstellt, aber meisterhaft in Szene gesetzt ist, eine tolle Hauptdarstellerin zu bieten hat und jede Menge Stoff zum Nachdenken und Diskutieren liefert.

Wertung: 8,5 Punkte.

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