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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Mittwoch, 12. Juni 2013

REPO! THE GENETIC OPERA (2008)

Regie: Darren Lynn Bousman, Drehbuch und Musik: Darren Smith und Terrance Zdunich
Darsteller: Alexa Vega, Anthony Stewart Head, Paul Sorvino, Sarah Brightman, Paris Hilton, Terrance Zdunich, Bill Mosely, Ogre, Sarah Power, Joan Jett
 Repo! The Genetic Opera
(2008) on IMDb Rotten Tomatoes: 35% (4,4); weltweites Einspielergebnis: $0,2 Mio.
FSK: 16, Dauer: 94 Minuten.

In nicht allzu ferner Zukunft gibt es eine revolutionäre Neuerung: Organtransplantationen auf Raten! Auf den ersten Blick sind damit alle glücklich, denn der Unternehmenseigner Rotti Largo (Paul Sorvino, "Good Fellas", "Die Firma") ist dadurch stinkreich geworden, während jede Menge nicht so gut betuchter Menschen ansonsten tödliche schwere Krankheiten oder Unfälle überleben. Doch auf den zweiten Blick ist diese schöne neue Welt bei weitem nicht so heil, denn die Sache hat einen gewaltigen Haken: Wer mit der Ratenzahlung nicht nachkommt, dem wird das entsprechende Organ kurzerhand von einem sogenannten "Repo Man" wieder entfernt. Und zwar nicht unbedingt fachgerecht, dafür jedoch umso blutiger und vor allem: tödlich. Ohne ihr Wissen ist die 17-jährige, an einer schweren Blutkrankheit leidende Shilo (Alexa Vega, "Spy Kids", "Machete Kills") in dieses blutige Geschäft verwickelt, denn es existiert eine ebenso geheime wie unheilvolle Verbindung zwischen ihr selbst, ihrem überfürsorglichen Vater (Anthony Stewart Head alias Mr. Giles aus der Kultserie "Buffy"), ihrer bei Shilos Geburt verstorbenen Mutter und Rotti Largo ...

Kritik:
"Repo! The Genetic Opera" einem bestimmten Genre zuzuordnen, ist eigentlich unmöglich. Im Grunde genommen handelt es sich um eine SciFi-Horror-Rock-Opern-Musical-Komödie. Ja, das trifft es in etwa. Doch eines muß klar gesagt werden: Hier wird fast nur gesungen, wer also mit Musicals im Allgemeinen und dieser Art von extravaganter Musik irgendwo zwischen Rock 'n' Roll, Metal und Oper im Speziellen nichts anzufangen weiß, der sollte sich einen anderen Film aussuchen. Für wen also ist "Repo!" geeignet? Mit Sicherheit nur für keine große Gruppe, am ehesten jedoch für Anhänger von Brian De Palmas "Phantom of the Paradise", der "Rocky Horror (Picture) Show" – auch "Repo!" basiert auf einem ziemlich durchgeknallten Bühnenstück – oder der Queen-Alben "A Night at the Opera" (mit dem Highlight "Bohemian Rhapsody") und "A Day at the Races".

Zwar wechselt "Repo!" munter zwischen verschiedenen Musikstilen hin und her – es gibt auch ziemlich poppige Songs –, aber insgesamt herrscht auch und vor allem visuell ein typischer Gothic-Stil vor. Erfreulicherweise sind die meisten Songs richtig gut, wobei das natürlich immer vorrangig Geschmackssache ist. Fast noch besser gefällt jedoch die optische Gestaltung dieser Umsetzung der Musical-Vorlage (deren Schöpfer Darren Smith und Terrance Zdunich übrigens auch das Drehbuch für die Adaption verfaßten). Darren Lynn Bousman hat sich zwar einen Namen als Regisseur ziemlich mittelmäßiger Horrorfilme wie "Saw II-IV" oder "Mother's Day" gemacht, doch bei dieser Low-Budget-Produktion (das Budget betrug $8,5 Mio.) kann er sich erstmals so richtig austoben und diese Gelegenheit nutzt er mit seinem Team genußvoll aus. So wird das staunende Publikum in Sachen Kulissen und Kostüme mit einer geradezu atemberaubenden visuellen Pracht überrascht und nachdrücklich überzeugt – sofern angesichts des deutlichen Vorherrschens diverser Abstufungen der Farbe Schwarz "Pracht" das richtige Wort ist. Zwischendurch werden zusätzlich gelungene Comic-Rückblenden eingeblunden, in denen die Hintergründe der handelnden Personen etwas näher beleuchtet werden.

Die Handlung selbst ist definitiv gewöhnungsbedürftig und nicht wirklich originell, doch ist der kompromißlose Wille zum hemmungslosen Kitsch mit shakespeare'schen Anleihen durchaus beeindruckend. Denn letztlich erzählt "Repo!", so unglaublich es klingen mag, tatsächlich eine epische Liebesgeschichte. Um einen klassischen Frauenfilm handelt es sich deshalb aber natürlich noch lange nicht, dafür sorgen schon die explizit präsentierten und extrem blutigen Organentnahmeszenen, mit denen Regisseur Bousman wohl seine Splatter-Ursprünge in Ehren halten will. Außerdem stören einige unnötig alberne Szenen mit Largos geistig nicht gerade hochtrabendem Nachwuchs die ansonsten schön düster-skurril-morbide Atmosphäre.

Besonders wichtig bei einem Musical sind natürlich immer die Darsteller beziehungsweise Sänger. In diesem Bereich gibt es kaum etwas zu bemängeln: Daß Anthony Stewart Head eine famose Stimme hat, durfte er schon ein paar Mal bei "Buffy" zeigen (außerdem hat er bereits zwei Alben veröffentlicht); hier bestätigt er diesen Eindruck und ist ein Highlight des Films, von dem man eigentlich gerne noch mehr Songs hören würde. Von dem altgedienten Mafiadarsteller Paul Sorvino erwartet man dagegen nicht unbedingt eine sensationelle Gesangsleistung. Seine ersten Szenen scheinen diese Einschätzung zu bestätigen, denn er brummelt ziemlich vor sich hin, nicht gerade melodiös, aber passend zu seiner Rolle. Doch je länger der Film läuft, desto beeindruckender wird Sorvinos Gesang und er überrascht mit echtem stimmlichen Talent. Die beste Gesangsleistung offenbart jedoch wenig überraschend ein echter Musik-Profi, denn keine Geringere als die Sopranistin und ehemalige Andrew Lloyd Webber-Muse Sarah Brightman (auch Nicht-Musicalfans bekannt dank Henry Maske und "Time to say Goodbye") spielt eine wichtige Nebenrolle als Sängerin "Blind Mag" in der titelgebenden "Genetic Opera".

Damit kann die eigentliche Hauptdarstellerin Alexa Vega erwartungsgemäß nicht konkurrieren. Schauspielerisch macht sie ihre Sache als sehnsüchtige Shilo gut, ihr Gesang klingt jedoch etwas dünn – gerade im Vergleich mit Sarah Brightman. Nach einer Weile findet sie sich allerdings besser in ihre Rolle hinein, doch ein wenig wirkt sie stets wie ein Fremdkörper, was aber nicht primär Vegas Schuld ist. Das Problem ist eher, daß ihre Stimme nicht zu denen der übrigen Darsteller paßt und ihre Lieder auch mit Abstand am poppigsten klingen. Das ist keineswegs schlecht und paßt zu ihrer relativ braven Rolle; im Vergleich zu Brightman, Head oder Sorvino wirkt es aber einfach ziemlich bieder. Das Gegenteil von bieder ist in der Realität bekanntlich Berufstochter Paris Hilton, die überraschenderweise ebenfalls mit von der Partie ist. Wer hätte wohl je damit gerechnet, daß Sarah Brightman und Paris Hilton einmal in einem Film vereint sein würden? Zum Glück darf Brightman wesentlich mehr singen, doch zu ihrer Ehrenrettung sei gesagt: Hilton bringt ihre wenigen Songs ordentlich über die Bühne, vor allem überzeugt sie aber in einer erstaunlich selbstironischen Rolle als maßlos verzogene Tochter von Rotti Largo. Ganz gleich, wie sehr man in der Realität von Paris Hilton genervt sein mag – daß sie diese Rolle angenommen hat und wie sie sie interpretiert, verdient Respekt.

Angesichts der großen Anzahl von Nebenfiguren kommen inhaltlich leider nicht alle zu ihrem Recht, was gerade bei dem namenlosen Grabräuber, der als Erzähler der Geschichte fungiert, sehr schade ist. Wie in der Bühnenversion wird dieser von Co-Autor Terrance Zdunich verkörpert und sehr gerne würde man von dieser exzentrisch-charismatischen Gestalt mehr sehen, hören und erfahren. Generell bleiben die meisten Charaktere recht oberflächlich, was für die Wirkung einer epischen Liebesgeschichte naturgemäß nicht ganz so vorteilhaft ist. Doch was bei "Repo!" unterm Strich zählt, sind die Musik und die Atmosphäre, und in beiden Punkten gibt es nur wenig zu bemängeln.

Fazit: "Repo! The Genetic Opera" spricht eine sehr überschaubare Zielgruppe an: Menschen, die schrille Rockopern mögen, aber auch Horrorfilme; kitschige Liebesgeschichten, aber auch eine schaurig-skurrile Gothic-Atmosphäre. Auf wen all das zutrifft (der Rezensent zählt sich zu dieser kleinen Gruppe), der bekommt einen wahren Augen- und Ohrenschmaus serviert. Auf wer nicht (wie die meisten professionellen Kritiker), der wird aller Wahrscheinlichkeit nach nur fassungslos und ungläubig den Kopf schütteln können ...

Wertung: Völlig subjektive 9 Punkte.


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