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Mittwoch, 18. September 2013

OSCAR-News: Toronto und Ehrenpreise

Erfreulicherweise hat das Filmfestival in Toronto in den letzten eineinhalb Wochen den Eindruck verfestigt, den man bereits in der Woche zuvor in Venedig und Telluride gewinnen konnte: Uns dürfte eine ziemlich hochklassige OSCAR-Saison bevorstehen. Viele mit Spannung erwartete Hochkaräter konnten die Erwartungen erfüllen oder gar übertreffen, nur wenige erwiesen sich als echte Enttäuschungen. Da es in Toronto übrigens im Gegensatz zu Berlin, Cannes oder Venedig keine Jury gibt, die über die Preisvergabe entscheidet, gilt der Publikumspreis als Hauptwettbewerb, und den konnte nicht wirklich überraschend Steve McQueens bereits in Telluride gefeiertes Drama "12 Years a Slave" für sich entscheiden. Ein Überblick über die Reaktionen auf die namhaftesten Filme, die in Toronto ihre Premiere gefeiert haben:

  • "Inside WikiLeaks – Die fünfte Gewalt": Ausgerechnet der Eröffnungsfilm sorgte in Toronto leider eher für lange Gesichter. Zwar werden die Hauptdarsteller Benedict Cumberbatch und Daniel Brühl für ihre penible Darstellung der beiden WikiLeaks-Gründungsmitglieder Julian Assange und Daniel Domscheit-Berg gelobt, dem Film von Regisseur Bill Condon ("Dreamgirls") insgesamt werden jedoch eine relative Ziellosigkeit und mangelnde Stringenz sowie fehlende Spannung vorgeworfen. Wohl kein schlechter Film, aber eben auch kein richtig guter und damit aller Voraussicht nach chancenlos in der Awards Season.

  • "Rush – Alles für den Sieg": Daniel Brühl erobert Hollywood, die Zweite. Und dieses Mal wesentlich erfolgversprechender. Obwohl die Nordamerikaner bekanntlich nicht die allergrößten Formel 1-Fans sind, sorgte Ron Howards ("A Beautiful Mind") Film über die 1970er Jahre-Rivalität der Rennfahrer James Hunt (Chris "Thor" Hemsworth) und Niki Lauda (Brühl) für minutenlange Standing Ovations. Zwar wird teilweise kritisiert, daß der Film letztlich auch nur altbekannte Sportfilm-Schemata folge, die werden aber hervorragend präsentiert, auch dank höchst eindrucksvoll gefilmter Rennszenen, die für mehrere Nominierungen in den technischen Kategorien sorgen sollten. Und Daniel Brühl soll als Niki Lauda sogar dem eigentlichen Hauptdarsteller Hemsworth die Schau stehlen und gilt bereits als ernsthafter Anwärter auf eine OSCAR-Nominierung für den besten Nebendarsteller.

  • "Osage County im August": Relativ schwer läßt sich diese Verfilmung eines gefeierten Theaterstücks von "Killer Joe"-Autor Tracy Letts durch Regisseur John Wells einordnen. Das Premierenpublikum in Toronto reagierte ziemlich begeistert, während die Kritiker sich eher enttäuscht zeigten. Angesichts der Weltklasse-Besetzung mit Meryl Streep, Julia Roberts, Ewan McGregor, Chris Cooper, Sam Shepard, Benedict Cumberbatch, Abigail Breslin und Juliette Lewis dürfte die Tragikomödie dennoch eine gute Rolle in der Awards Season und vor allem bei den OSCARs selbst spielen, denn die Schauspieler machen den größten Anteil der Academy aus und haben erfahrungsgemäß ein Faible für solche Ensemblestücke. Ob das auch für die 18. OSCAR-Nominierung für Meryl Streep reichen wird, ist angesichts der sich bereits abzeichnenden harten Konkurrenz (Cate Blanchett, Sandra Bullock, Dame Judi Dench, Emma Thompson) noch offen, zumal einige Streeps Vorstellung in "Osage County im August" für etwas übertrieben halten.

  • "Dallas Buyers Club": Auch dieses Drama dürfte vor allem in den Schauspieler-Kategorien chancenreich sein, denn Hauptdarsteller Matthew McConaughey und Nebendarsteller Jared Leto wurden für ihre Darstellung zweier AIDS-Kranker in den 1980er Jahren begeistert gefeiert. Für eine richtig große Rolle im OSCAR-Rennen könnte die Thematik allerdings zu schwierig sein, auch wenn sie vom kanadischen Regisseur Jean-Marc Vallée ("Young Victoria") dem Vernehmen nach gar nicht so deprimierend umgesetzt wurde wie man denken könnte.

  • "Mandela: Long Walk to Freedom": Eher verhalten wurde der nächste Versuch aufgenommen, das Leben von Nelson Mandela auf die Leinwand zu bannen. Zwar wird Idris Elba ("Pacific Rim") für seine intensive Darstellung des südafrikanischen Nationalhelden sehr gelobt und könnte durchaus eine Rolle in der Hauptdarsteller-Kategorie spielen, der Film von Justin Chadwick ("Die Schwester der Königin") wird jedoch von vielen Betrachtern als dramaturgisch viel zu konventionell eingestuft, um Begeisterung auslösen zu können.

  • "Genug gesagt": Eine der sehr positiven Überraschungen von Toronto ist diese Tragikomödie von Nicole Holofcener ("Freunde mit Geld"), die bislang nicht wirklich auch nur in die Nähe von OSCAR-Ehren kam. Doch die Story der geschiedenen Eva (Julia Louis-Dreyfus, TV-Serie "Seinfeld"), die herausfindet, daß ihr neuer "Love interest" (James Gandolfini) der vielgescholtene Ex-Mann ihrer Freundin Marianne (Catherine Keener) ist, hat Kritiker und Zuschauer verzaubert. Für eine ganz große Rolle im OSCAR-Rennen dürfte die Geschichte zu "klein" sein, aber eine Drehbuch-Nominierung erscheint absolut im Bereich des Möglichen. Und da Gandolfinis Darbietung als die beste seiner Kinokarriere bezeichnet wird, könnte auch der leider verstorbene "Die Sopranos"-Star zu einer posthumen Nebendarsteller-Nominierung kommen.

  • "Can a Song Save Your Life?": Im neuen Film des irischen "Once"-Regisseurs John Carney dreht sich wieder alles um Musik und Liebe, in Toronto wurde das sehr freundlich aufgenommen. Für OSCAR-Ehren dürfte der Film jedoch trotz guter Besetzung (Keira Knightley, Mark Ruffalo) zu unspektakulär sein. 

Abschließend soll nicht unerwähnt bleiben, daß die Academy die Gewinner der diesjährigen Ehren-OSCARs bekanntgegeben hat. Genau genommen geschah dies bereits vor zwei Wochen, aber während des Fantasy Filmfests fehlte mir die Zeit, darüber einen eigenen Beitrag zu schreiben. Ausgezeichnet werden in einer eigenen Zeremonie am 16. November jedenfalls die Schauspieler Angelina Jolie (für ihr humanitäres Engagement), Steve Martin (mehrfacher OSCAR-Moderator) und Angela Lansbury (drei OSCAR-Nominierungen, am bekanntesten aber als Hauptdarstellerin der langlebigen TV-Serie "Mord war ihr Hobby") sowie der italienische Kostümdesigner Piero Tosi (fünf Nominierungen, u.a. für Viscontis "Der Leopard"), die letzten drei jeweils für ihr Lebenswerk. Und bei den Golden Globes wird Filmemacher Woody Allen den Cecil B. De Mille-Award für sein Lebenswerk erhalten, was vor allem insofern für Spannung sorgt, als Allen als notorischer Preisverleihungsverweigerer bekannt ist und es deshalb fraglich ist, ob er sich diesen Ehrenpreis persönlich abholen wird ...

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