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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Dienstag, 22. Oktober 2013

SEIN LETZTES RENNEN (2013)

Regie: Kilian Riedhof, Drehbuch: Marc Blöbaum, Kilian Riedhof und Peter Hinderthür, Musik: Peter Hinderthür
Darsteller: Dieter Hallervorden, Tatja Seibt, Heike Makatsch, Frederick Lau, Katharina Lorenz, Katrin Saß, Heinz W. Krückeberg, Otto Mellies, Annekathrin Bürger, Mehdi Nebbou, Barbara Morawiecz, Jörg Hartmann, Maria Mägdefrau, Reinhold Beckmann, Matthias Opdenhövel
 Sein letztes Rennen
(2013) on IMDb Rotten Tomatoes: -; weltweites Einspielergebnis: $3,4 Mio.
FSK: 6, Dauer: 115 Minuten.

1956 wurde Paul Averhoff in Melbourne Olympiasieger im Marathonlauf. Knapp 60 Jahre später ist Paul (Dieter Hallervorden, "Das Millionenspiel") weitgehend vergessen und muß auch noch ins Altersheim ziehen. Er selbst ist zwar geistig und im Großen und Ganzen auch körperlich noch fit, seiner geliebten Frau Margot (Tatja Seibt, "Effi Briest") geht es aber nach mehreren Stürzen im gemeinsamen Haus nicht mehr so gut. Dennoch würde Paul am liebsten zuhause bleiben, doch Tochter Birgit (Heike Makatsch, "Tatsächlich ... Liebe") überzeugt ihn davon, daß das für Margot viel zu gefährlich wäre. Schon nach wenigen Tagen im Heim hat Paul dennoch gehörig die Schnauze voll: Die gutmeinende Betreuerin Frau Müller (Katharina Lorenz, "Das rote Zimmer") nervt ihn tierisch mit ihrer penetrant pädagogischen Art, der bisherige Senioren-Platzhirsch Rudolf (Otto Mellies, "Halt auf freier Strecke") fühlt sich vom selbstbewußten Paul bedroht und läßt ihn das deutlich spüren, und überhaupt: Warum zum Teufel sollte er unter Frau Müllers Anleitung Kastanienmännchen basteln? Dann doch lieber wieder mit dem Laufen anfangen. Der berühmte Berlin-Marathon steht in wenigen Wochen an, und so beschließt Paul kurzerhand, sich wieder in Form zu bringen und zu zeigen, was man auch mit rund 80 Jahren noch leisten kann. Heimpersonal und -bewohner bringt Paul mit seinen anfänglich für verrückt gehaltenen Anstrengungen kräftig durcheinander, doch schon bald zeigt sich, daß sein Training nicht nur ihm etwas bringt, sondern auch den meisten Senioren. Endlich haben sie ebenso wie Paul und Margot (die wie früher sein Training plant und überwacht) wieder ein konkretes Ziel vor sich – den Berlin-Marathon, wenn auch für sie nur als Zuschauer –, endlich können sie ihre verbliebene Energie wieder in etwas Spannenderes als die ewig gleichen Bastelstunden oder Liederabende stecken: Sie können Paul nach Kräften anfeuern und mit ihm mitfiebern. Aus Sicht der Heimleiterin Rita (Katrin Sass, "Goodbye, Lenin!") ist das alles jedoch sehr störend, denn Paul bringt den eingespielten Heimalltag außer Tritt, was angesichts der finanziellen und personellen Engpässe gar nicht in ihrem Sinn ist ...

Kritik:
Ich muß zugeben, ich bin seit jeher ein Fan von Dieter Hallervorden. Als ich in den 1980er Jahren aufwuchs, liefen im Fernsehen ständig die herrlich albernen "Didi"-Komödien, in den 1990ern, als ich für sowas zu alt wurde, konnte ich mich hervorragend mit dem Kabarettisten Dieter Hallervorden in "Hallervorden's Spott-Light" und anderen Sendungen amüsieren. Nach der Jahrtausendwende verschwand er leider weitgehend aus TV und Kino und konzentrierte sich mehr auf die Bühnenarbeit (so übernahm er 2008 die Leitung des Schloßparktheaters in Berlin). Nun wagt er endlich sein großes Kino-Comeback und ich wage die Prognose, daß ihm seine grandiose Leistung als alter Marathonläufer seinen ersten Deutschen Filmpreis einbringen wird.

Doch natürlich ist "Sein letztes Rennen" nicht wirklich ein Sportfilm, sondern hat eine starke gesellschaftskritische Note. Normalerweise sind es ja vor allem die Briten, die mit ihren melancholischen Tragikomödien wie "Brassed Off", "Ganz oder gar nicht" oder "Song for Marion" dramatische Geschichten über die Lebensverhältnisse unterprivilegierter Menschen auf erstaunlich lebensbejahende Weise erzählen. Regisseur Kilian Riedhof hat sich in seinem Kinodebüt (zuvor machte er sich als TV-Regisseur vor allem mit dem vielfach preisgekrönten Jugenddrama "Homevideo" einen Namen) diese typisch britische Art des Erzählens erkennbar zum Vorbild genommen und zeigt, daß so etwas tatsächlich auch in der (vollkommen zurecht) oft kritisierten deutschen Kinolandschaft möglich ist. Er beläßt es aber nicht dabei, das britische Erfolgsrezept zu kopieren, sondern beweist mit einem in der zweiten Filmhälfte über weite Strecken erfreulich unvorhersehbaren Handlungsverlauf inhaltliche Eigenständigkeit.

Lobenswert ist vor allem Riedhofs differenzierte Betrachtungsweise des Themenkomplexes "Alter – Altenheim – Gesellschaft". Er hätte es sich leicht machen und das Altersheim als Ort des Schreckens präsentieren können, aber nein: Zwar ist überdeutlich, daß das bis ins Detail durchreglementierte Leben in diesem wohl ziemlich typischen deutschen Seniorenheim nichts für jemanden wie Paul Averhoff ist, was dann in einigen Szenen auch etwas sehr plakativ betont wird. Aber die meisten Bewohner führen doch ein zufriedenes Leben und werden von dem (wenngleich unterbesetzten und entsprechend gestreßten) Personal gut behandelt. Es gibt auch keine Sadisten oder uninteressierte Pfleger, sondern allen liegt etwas an den Bewohnern – so ist es auch passend, daß der im Umgang recht ruppige Tobias (Frederick Lau, "Oh Boy") schließlich sogar als erster begreift, wie wichtig für die meisten Senioren die Abwechslung und die Lebensfreude sind, die Pauls Marathon-Bemühungen in das Heim bringen.

Überhaupt ist Kilian Riedhof eine sehr schöne Figurenzeichnung mit vielen durchdachten Details gelungen, die auch vor den Nebencharakteren nicht Halt macht. Bezeichnend ist etwa, daß im privaten Zimmer der Betreuerin Frau Müller ein Filmplakat von "Die bezaubernde Welt der Amélie" hängt – ein ebenso simpler wie günstiger Einfall, um dem Publikum auf einen Blick klarzumachen, daß hinter dieser prinzipientreuen Frau mit der aufgesetzten Freundlichkeit und der stets irgendwie herablassenden Art, mit den Senioren zu sprechen, mehr steckt: ein Mensch mit Phantasie, Kreativität und Träumen, die sie aber von Alltag und Beruf erdrücken läßt. Doch auch sie bleibt nicht völlig unberührt von der Kettenreaktion, die Paul ungewollt auslöst. Die Senioren werden von Riedhof ebenfalls sehr liebevoll (wenngleich nicht ganz frei von Klischees) präsentiert, sind zudem durchweg überzeugend gespielt und immer wieder für einen Lacher gut. Das gilt vor allem für die sarkastische Frau Mordhorst (Annekathrin Bürger, "Meer is nich"), die schon mal ihrem Sohn angetrunken ein Nazilied auf den Anrufbeantworter singt, damit dieser sie endlich wieder im Altersheim besuchen kommt – wenn auch vor allem deshalb, weil er erfahren will, was in dem Heim mit seiner Mutter angestellt wurde, daß die lebenslange SPD-Wählerin plötzlich Nazi-Lieder grölt ... Wohlgemerkt walzt Riedhof auch diese köstliche Szenenabfolge nicht unnötig aus, sondern vertraut auf die Intelligenz der Zuschauer, die seine Intention und die seiner Figuren selbst erkennen dürfen. Es muß nunmal nicht immer alles haarklein ausgesprochen und erklärt werden, manchmal darf man beim Betrachten eines Films ruhig ein wenig mitdenken.

Der Star von "Sein letztes Rennen" ist und bleibt aber natürlich Dieter Hallervorden, dessen Darstellung Pauls als rüstiger alter Mann mit wachem Geist und eingerostetem Körper, der vom eingefahrenen Alltag im von Personal- und Finanzknappheit geplagten Altersheim hoffnungslos unterfordert ist, ein wahrer Genuß ist. Natürlich bringt Hallervorden viel von jenem trockenen Humor ein, den man von ihm vor allem aus seiner Kabarett-Zeit kennt, aber schauspielerisch am stärksten ist er in der herzergreifenden Interaktion mit seiner von Tatja Seibt gleichfalls hervorragend verkörperten Ehefrau Margot. Heike Makatsch hat in den gemeinsamen Szenen mit ihren Filmeltern einige gute Momente, insgesamt ist ihre Rolle aber die undankbarste des Films, denn ihr eigener kleiner Handlungsstrang über Birgits schwieriges Liebesleben ist kaum in die eigentliche Story integriert und überhaupt ziemlich überflüssig.

Selbstverständlich ist auch bei "Sein letztes Rennen" nicht alles Gold, was glänzt: Im letzten Akt ist Pauls Geschichte vielleicht etwas zu gewollt bedeutungsschwer und zu manipulativ inszeniert, dies allerdings auf eine sehr effektive und emotionale Art und Weise. Kilian Riedhof scheut dabei nicht vor Pathos zurück, was in Deutschland ja ziemlich verrufen ist und somit vermutlich nicht jedem gefallen wird, zu diesem Film aber gut paßt. Vermutlich ist genau dieses Pathos aber auch der Grund dafür, daß "Sein letztes Rennen" nicht als deutscher OSCAR-Beitrag 2013 ausgewählt wurde. Was sehr schade ist, denn gerade in den USA kommen solche Filme traditionell sehr gut an, wohingegen es das eher spröde Thriller-Drama "Zwei Leben" schwerer haben dürfte.

Fazit: "Sein letztes Rennen" ist eine aufwühlende Tragikomödie mit gesellschaftskritischen Elementen, die Dieter Hallervorden die Rolle seines Lebens beschert und dabei generell stark gespielt und inszeniert ist.

Wertung: 8 Punkte.


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