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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Dienstag, 26. November 2013

DIE TRIBUTE VON PANEM – CATCHING FIRE (2013)

Regie: Francis Lawrence, Drehbuch: Simon Beaufoy und Michael Arndt, Musik: James Newton Howard
Darsteller: Jennifer Lawrence, Josh Hutcherson, Woody Harrelson, Donald Sutherland, Liam Hemsworth, Sam Claflin, Elizabeth Banks, Philip Seymour Hoffman, Stanley Tucci, Lenny Kravitz, Jena Malone, Jeffrey Wright, Amanda Plummer, Alan Ritchson, Lynn Cohen, Patrick St. Esprit, Meta Golding, Toby Jones, Leon Lamar, Willow Shields, Paula Malcomson
 The Hunger Games: Catching Fire
(2013) on IMDb Rotten Tomatoes: 89% (7,5); weltweites Einspielergebnis: $865,0 Mio. 
FSK: 12, Dauer: 146 Minuten.

Präsident Aldous Snow (Donald Sutherland, "Stolz und Vorurteil") ist nicht glücklich. Daß die junge Katniss Everdeen (Jennifer Lawrence, "Silver Linings") bei den letzten Hungerspielen damit durchkam, entgegen der Regeln gemeinsam mit ihrem Distrikt-Partner Peeta Mellark (Josh Hutcherson, "The Kids Are All Right") zu überleben, indem sie strategisch brillant die Sympathien des Publikums ausnutzte, war ein Akt der Rebellion, der in den armen äußeren Bezirken Panems ihren Widerhall findet. Während Katniss, Peeta und ihr Mentor Haymitch (Woody Harrelson, "7 Psychos") ihre obligatorische Siegestour durch alle Distrikte bestreiten, wird ihnen schnell klar, daß manche von diesen ganz dicht vor der Schwelle zur offenen Revolution stehen. Das ist auch Präsident Snow bewußt, der entsprechend Gegenmaßnahmen ergreift, die vor allem mit brutaler Gewalt zusammenhängen. Da er erkennt, wie gefährlich für ihn und seine Machtposition Katniss werden kann, will er sie über kurz oder lang final aus dem Weg schaffen, doch sein neuer "Spielemacher" Plutarch Heavensbee (Philip Seymour Hoffman, "Glaubensfrage") hat eine bessere Idee: Das "Jubel-Jubiläum" der 75. Hungerspiele soll gefeiert werden, indem sich die Teilnehmer ausschließlich aus vergangenen Siegern rekrutieren – und da Katniss die einzige lebende Gewinnerin aus Distrikt 12 ist, trifft es sie zu ihrem großen Entsetzen auf jeden Fall. Nur daß sie diesmal nicht auf in etwa gleichaltrige Jünglinge treffen wird, sondern auf erfahrene Kämpfer wie den etwas geckenhaften Finnick Odair (Sam Claflin, "Snow White and the Huntsman"), den hochintelligenten Beetee (Jeffrey Wright, "Ein Quantum Trost"), die leicht durchgeknallte Johanna (Jena Malone, "Sucker Punch") oder die erprobte Kampfmaschine Brutus (Bruno Gunn, "Bad Teacher") ...

Kritik:
Ich gebe zu, meine Erwartungen an den zweiten Teil der "Die Tribute von Panem"-Reihe waren nicht die allergrößten. Der Vorgänger "The Hunger Games" hatte mich nur in der ersten Hälfte richtig überzeugen können; das, was ich über die Story des Nachfolgers gelesen hatte, klang ziemlich ähnlich und damit nicht unbedingt aufregend; und daß Regisseur Gary Ross noch vor Produktionsbeginn das Handtuch warf, weil ihm der vom Studio gesetzte strikte Zeitplan zu eng erschien, um ihn ohne qualitative Einbußen umsetzen zu können, weckte auch nicht gerade Vertrauen – zumal sein Ersatz Francis Lawrence zuvor mit Filmen wie "Constantine", "I Am Legend" und "Wasser für die Elefanten" zwar solide Unterhaltung geschaffen hatte, aber ganz bestimmt keine Highlights der Kinogeschichte. Hoffnung machte mir dagegen, daß im ersten Teil die Grundkonstellation insgesamt gut dargelegt wurde und damit "Catching Fire" mehr ins Eingemachte gehen könnte, zumal das Budget im Vergleich zum (teilweise in der Tat von der Produktionsseite her etwas limitiert wirkenden) Vorgänger fast verdoppelt wurde. Zum Glück wurden diese Hoffnungen voll erfüllt, wohingegen meine Befürchtungen nur ansatzweise zum Tragen kommen. Und so kann ich verkünden: "Catching Fire" ist ein richtig gutes dystopisches Abenteuer geworden – eine Klasse besser als der direkte Vorgänger und sogar ein unverhofftes Highlight des Filmjahres 2013!

Die erste Stunde von "Catching Fire" ist (wie beim Vorgänger) ohne Frage die stärkste Phase. Die Handlung setzt einige Wochen nach dem Ende von "The Hunger Games" mit den durch Katniss und Peeta gewonnenen Hungerspielen ein, von Euphorie ist bei den sympathischen Protagonisten jedoch wenig zu sehen. Eine Zeitlang dürfen sie sich in ihrer Heimat Distrikt 12 aufhalten und sich bei ihren Familien und Freunden von den Strapazen erholen. Die sichtlich traumatisierte Katniss muß nebenbei auch noch ihren Freund Gale (Liam Hemsworth, "The Expendables 2") davon überzeugen, daß die bei den Hungerspielen erblühende Romanze mit Peeta nur gespielt war (zumindest von ihrer Seite aus), damit beide überleben können. Somit wird die im Vorgänger nur angedeutete Dreiecksgeschichte zwischen Katniss, Gale und Peeta wieder aufgenommen, die dieses Mal eine deutlich größere Rolle spielt. Regisseur Lawrence und die beiden OSCAR-gekrönten Drehbuch-Autoren Beaufoy ("Slumdog Millionär") und Arndt ("Little Miss Sunshine") finden hier aber die richtige Balance, um das Teenie-Kernpublikum zufriedenzustellen und gleichzeitig ältere Zuschauer nicht mit ausgedehnten Liebesschwüren oder ähnlichem zu nerven oder langweilen. Die romantischen Szenen werden niemals zum Selbstzweck, sondern dienen neben der weiteren Ausgestaltung der Hauptfiguren auch der Dramaturgie.

Im Mittelpunkt dieser tollen ersten Stunde stehen aber die gesellschaftlichen Zustände in Panem. Katniss und Peeta bekommen davon, als sie zu ihrer großen Siegestour aufbrechen müssen, zwar nur wenig aus erster Hand mit – doch das, womit sie konfrontiert werden, ist beeindruckend, ja sogar gänsehauterzeugend inszeniert. Die düsteren, an James McTeigues meisterhafte Graphic Novel-Verfilmung "V wie Vendetta" erinnernden Szenen, in denen die Obrigkeit brutal gegen selbst kleinste Andeutungen von Widerstand vorgeht, haben so gar nichts mit einem harmlosen Teenager-Film zu tun, sondern sind ziemlich schwere Kost. Im Kontrast zwischen der Dekadenz der inneren Distrikte und der bitteren Armut der unterdrückten Arbeiterkaste in den äußeren Distrikten wird natürlich auch eine deutliche Kritik an heutigen Zuständen offensichtlich. Das ist nicht allzu subtil, wird aber doch dezent genug gehalten, um nicht plump oder aufdringlich zu wirken. Nebenbei werden einige Nebenfiguren, die im ersten Teil noch etwas kurz kamen, weiter ausgebaut: Die schillernde Effie Trinket (Elizabeth Banks, "Movie 43") erhält einige Facetten, die sie deutlich von der wandelnden Karikatur, die sie bisher war, abheben, vor allem aber kann sich der von Altstar Donald Sutherland wiederum höchst überzeugend verkörperte Präsident Snow nun so richtig als ernstzunehmender Bösewicht etablieren, gerade in einigen beeindruckenden Szenen, die ihn direkt mit Katniss konfrontieren.

Nach diesem wirklich grandiosen Auftakt läßt die Qualität von "Catching Fire" ein wenig nach, allerdings bei weitem nicht so stark wie es bei "The Hunger Games" der Fall war. Das Problem, mit dem ich schon im Vorfeld am stärksten gerechnet hatte, tritt nun tatsächlich ein: Die Erzählstruktur von "Catching Fire" ist im Grunde genommen beinahe identisch zu der des Vorgängers. Das ist den Filmemachern selbstverständlich bewußt, und so bemühen sie sich sichtlich, gegenzuwirken, indem sie beispielsweise die Trainingsphase für diese Hungerspiele deutlich kürzer halten. Tatsächlich ist es interessant, die zahlreichen Detail-Unterschiede zu "The Hunger Games" zu beobachten und zu analysieren; im ersten Film war Katniss noch eine krasse Außenseiterin, der es gelang, zum unumstrittenen Publikumsliebling zu werden – nun muß sie darum kämpfen, trotz der Gegenbemühungen durch Präsident Snow und den neuen Spielemacher diesen potentiell überlebenswichtigen Status beizubehalten, der sie zugleich aber auch zur Zielscheibe macht. Dies darzustellen ist eine anspruchsvolle Aufgabe, weshalb es sich gut trifft, daß Jennifer Lawrence sich seit "The Hunger Games" von der hoffnungsvollen Newcomerin zu einer bewährten OSCAR-Gewinnerin mit herausragenden schauspielerischen Fähigkeiten entwickelt hat. Nichts gegen Josh Hutcherson, der als Peeta fraglos überzeugt, aber Jennifer Lawrence dominiert "Catching Fire" mit ihrer Ausstrahlung und ihrer nuancierten Ausdruckskraft von Beginn an.

Angesichts der Zuspitzung der Ereignisse kommt der Humor erwartungsgemäß recht kurz, doch gibt es speziell in der Phase vor Beginn des "Jubel-Jubiläums" einige gelungene Gags mit der vielleicht witzigsten Aufzug-Fahrt der Kinogeschichte als einsamem Höhepunkt (man achte in der betreffenden Szene auf die Gesichter der Beteiligten!). Auch das ist dramaturgisch gut durchdacht, denn zwischen dem bedrückenden, dystopischen Auftakt und den actionreichen, spannungsgeladenen Hungerspielen kann das Publikum eine kurze Durchschnauf-Phase gut gebrauchen, die auch noch zur Vorstellung der neuen Charaktere genutzt wird. Angesichts der verkürzten Trainingsphase fällt diese zwangsläufig ziemlich kurz aus, worunter einige Figuren definitiv leiden (allen voran der neue Spielemacher, der vermutlich in den letzten beiden Filmen eine deutlich größere Rolle spielen wird, ansonsten wären die Talente von Philip Seymour Hoffman sträflich verschwendet). Das ist schade, denn die früheren Hungerspiele-Gewinner entwickeln selbst in ihren wenigen Szenen fast durchweg mehr Persönlichkeit als es bei den meisten Teilnehmern in "The Hunger Games" der Fall war. Vor allem Jena Malone porträtiert ihre Rolle als Johanna – die übrigens maßgeblich an der erwähnten Fahrstuhl-Szene beteiligt ist – wunderbar energetisch, aber auch die anderen "guten" Teilnehmer machen ihre Sache gut. Die "bösen" Spieler werden dagegen leider fast komplett vernachlässigt, was sie einerseits zu undankbaren Rollen macht, andererseits aber während der Hungerspiele völlig unberechenbar erscheinen läßt – was der Spannung wiederum zugutekommt.

Die titelgebenden Spiele waren in "The Hunger Games" mein mit Abstand größter Kritikpunkt, da mich ihre – gerade im Vergleich mit dem thematisch ähnlich veranlagten japanischen "Battle Royale" – ein Stück weit weichgespülte und relativ überraschungsarme Inszenierung schwer enttäuschte. "Catching Fire" macht seine Sache in dieser Hinsicht weit besser: Die Kämpfe während der Hungerspiele werden konsequenter und geradliniger ausgetragen und sind viel selbstsicherer in Szene gesetzt – da kommt sicherlich zum Tragen, daß Francis Lawrence mehr Erfahrungen im Spannungskino gesammelt hat als es bei Gary Ross (der zuvor nur die satirische Tragikomödie "Pleasantville" und das Feelgood-Movie "Seabiscuit" gedreht hatte) der Fall war. Für reichlich Spannung und Abwechslung sorgt zudem, daß dieses Mal gar nicht unbedingt die anderen Teilnehmer die größte Gefahr für Katniss und Co. darstellen, sondern die tropische Umgebung, in der diese Ausgabe der Hungerspiele stattfindet, und die von Plutarch Heavensbee ersonnenen, ebenso kreativen wie sadistischen Fallen. Daß die Konstellation der einzelnen Figuren innerhalb der Spiele vorhersehbar ist, läßt sich da verschmerzen.

Das alles funktioniert – auch dank des erwähnten höheren Budgets, das man "Catching Fire" deutlich ansieht – wunderbar, zumindest bis kurz vor Schluß. Denn mein größter Kritikpunkt ist zweifellos das Finale, das sehr abrupt mit einer Wendung endet, die ich zwar im Kern erahnt hatte, deren Zustandekommen aber leider ziemlich unlogisch und auch unglaubwürdig wirkt. Normalerweise gehöre ich nicht zu jenen Zuschauern, die in jedem Film alle Geschehnisse haarklein erklärt bekommen wollen, eher im Gegenteil (sonst könnte ich kaum David Lynchs "Mulholland Drive" zu meinen Lieblingsfilmen zählen ...); aber in diesem speziellen Fall wäre eine wenigstens rudimentäre Erläuterung vor allem der technischen Hintergründe eindeutig wünschenswert gewesen. So wird das Publikum mit einem Cliffhanger zurückgelassen, der zwar gekonnt das Verlangen schürt, wissen zu wollen, wie es im nächsten Film "Mockingjay, Teil 1" weitergeht, dabei aber ärgerlich effekthascherisch vorgeht. Dabei hätte das dieser alles in allem sehr gute Film gar nicht nötig.

Fazit: "Die Tribute von Panem – Catching Fire" ist ein actionreicher Abenteuerfilm vor einer dystopischen Kulisse, der mit seiner hochwertigen Produktion, der durchdacht präsentierten Gesellschaftskritik und dem von einer fabelhaften Jennifer Lawrence angeführten hochkarätigen Schauspieler-Ensemble trotz einer fast identischen Erzählstruktur seinen (sehr ordentlichen) Vorgänger "The Hunger Games" nicht nur ziemlich alt aussehen läßt, sondern sich auch weit von bloßem Teenager-Kino entfernt. Bis auf das überhastete Finale ist "Catching Fire" definitiv einer der besten Vertreter seiner Art.

Wertung: 8,5 Punkte. 

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