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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Donnerstag, 27. Februar 2014

AMERICAN HUSTLE (2013)

Regie: David O. Russell, Drehbuch: Eric Warren Singer und David O. Russell, Musik: Danny Elfman
Darsteller: Christian Bale, Amy Adams, Bradley Cooper, Jennifer Lawrence, Jeremy Renner, Robert De Niro, Louis C.K., Michael Peña, Elisabeth Röhm, Shea Whigham, Saïd Taghmaoui, Jack Huston, Anthony Zerbe
 American Hustle
(2013) on IMDb Rotten Tomatoes: 93% (8,2); weltweites Einspielergebnis: $251,2 Mio.
FSK: 6, Dauer: 138 Minuten.

New York, 1978: Der nicht mehr ganz junge Irving Rosenfeld (Christian Bale, "The Dark Knight") lebt dank raffinierter Betrügereien in Saus und Braus, finanziell geht es ihm sogar so gut, daß er einige legale Geschäfte betreibt. Lediglich privat ist er nicht glücklich in seiner Ehe mit der selbstsüchtigen, ziemlich durchgeknallten Rosalyn (Jennifer Lawrence, "Die Tribute von Panem – Catching Fire"), bei der er nur bleibt, um seinem Adoptivsohn weiterhin ein guter Vater sein zu können. Als Irving bei einer Party die attraktive Mittdreißigerin Sydney (Amy Adams, "Man of Steel") kennenlernt, entdecken beide schnell, daß sie Seelenverwandte sind. Fortan ist sie seine Geliebte und auch ihre Betrügereien betreiben sie gemeinsam. Zumindest so lange, bis sich eines ihrer Opfer, der quirlige Lockenkopf Richie DiMaso (Bradley Cooper, "Hangover"), als FBI-Agent entpuppt. Um nicht ins Gefängnis zu müssen, erklärt sich das Paar bereit, Richie einige andere Betrüger ans Messer zu liefern. Doch dann findet der ehrgeizige Agent heraus, daß auch respektierte Politiker und selbst der allseits beliebte Bürgermeister von New Jersey, Carmine Polito (Jeremy Renner, "Das Bourne Vermächtnis"), via Annahme von Schmiergeldern in Irvings Geschäfte verwickelt sind. Während Richie mit Feuereifer die Möglichkeit verfolgt, große Fische hinter Gitter zu bringen, ahnt Irving, daß ihnen die Geschichte bald über den Kopf wachsen wird und sucht verzweifelt nach einem Ausweg für sich und Sydney ...

Kritik:
Nur ein Jahr nach seiner wunderbar schrägen Tragikomödie "Silver Linings" bringt Regisseur und Drehbuch-Autor David O. Russell schon seinen nächsten Film in die Kinos – und wird dafür mit zehn OSCAR-Nominierungen belohnt. Das sind sogar noch einmal zwei mehr als bei "Silver Linings", was allerdings nicht bedeutet, daß "American Hustle" der bessere Film ist. Ich würde sogar behaupten, daß er inhaltlich eindeutig schwächer ist. Allerdings ist er schauspielerisch, inszenatorisch und handwerklich so gut, daß die zehn Nominierungen letztlich gerechtfertigt sind – und dabei fehlt sogar eine für Make-Up und Hairstyling, was insofern recht kurios ist, als die herrlich geschmacklosen 1970er Jahre-Frisuren der Darsteller so etwas wie der heimliche Star des Films sind ...

Nicht ohne Grund beginnt "American Hustle" sogar damit, wie der von Christian Bale gespielte, deutlich übergewichtige Irving Rosenfeld kunstvoll seine nicht mehr allzu zahlreichen Haare so drapiert, daß sie seine gesamte Kopfhaut bedecken. Und bereits diese wortlose, ausführlich präsentierte Szene drückt deutlich aus, worum es in dieser Geschichte geht: Um den schönen Schein, um das Vorspiegeln falscher Tatsachen, letztlich um: Betrug (inklusive Ehe-Betrug). Ein Stück weit gilt das auch für den Film selbst; nicht, daß "American Hustle" Betrug am Zuschauer darstellen würde, aber er ist eindeutig mehr Schein als Sein, "style over substance" lautet die offenkundige Devise. Das muß man nicht unbedingt als Schwachpunkt des Films werten, schließlich ist es sehr offensichtlich, daß Russell und sein ganzes Team "American Hustle" als große Spielwiese für Erwachsene betrachten, in der sie sich mal so richtig schön austoben können. Aber bevor man das Kinoticket löst, sollte man eben wissen, daß hier keine tiefgehende, emotional ergreifende Geschichte mit gesellschaftskritischem Anspruch erzählt wird, sondern "nur" eine für das Genre erstaunlich geradlinige, launige Gaunerfarce, im Grunde genommen ein umgekehrtes "Ocean's Eleven".

Zunächst läßt ein ziemlich zäher Beginn nicht gerade Begeisterung aufkommen. In der ersten halben Stunde werden Irving, Sydney und ihre gemeinsamen Trickbetrüger-Machenschaften ebenso ausführlich vorgestellt wie ihre Liebesbeziehung, die durch den verdeckten FBI-Agenten Richie schnell zur Dreiecksbeziehung wird (und in dieser Rechnung ist Irvings Ehefrau noch gar nicht berücksichtigt). Das Problem ist nur, daß keine der zahlreichen Liebeskonstellationen des Films echtes romantisches Knistern hervorbringt, mit Ausnahme vielleicht von einer oder zwei kurzen Szenen. Dafür erhalten die Figuren niemals genügend Tiefe, auch die "romantische Chemie" zwischen den fantastisch agierenden Schauspielern ist nicht allzu ausgeprägt. Das sorgt dafür, daß die regelmäßig eingestreuten Beziehungsszenen den Unterhaltungswert und das Tempo des mit deutlich über zwei Stunden etwas zu lang geratenen Films immer wieder ausbremsen; denn jene Sequenzen, die direkt oder indirekt (etwa einige furiose Partyszenen) mit den immer riskanter werdenden Betrügereien zu tun haben, sind richtig gut geworden, phasenweise sogar begeisternd. Die "Operation Abscam" des FBI gab es übrigens wirklich, sie dient für den Film allerdings nur als eher lose Inspirationsquelle, wie schon die ganz zu Beginn eingeblendeten Worte "Einiges hiervon ist tatsächlich geschehen" verdeutlichen.

Wenn Irving und Sydney gemeinsam mit ihrem aufgezwungenen Partner Richie versuchen, Bürgermeister Carmine Polito durch einen vorgeblichen Scheich, der viele Millionen in das heruntergekommene New Jersey investieren will, der Korruption zu überführen, dann ist das einfach herrlich anzuschauen. Weil es von Russell grandios zu einem schmissigen 1970er Jahre-Soundtrack (u.a. Tom Jones, Donna Summer, Bee Gees, America, Elton John, Paul McCartney) in Szene gesetzt ist; weil es jede Menge absurden Humors zu bestaunen gibt – ein Running Gag ist beispielsweise die Interaktion des hyperaktiven Richie mit seinem von Comedian Louis C.K. ("Blue Jasmine") verkörperten und über Richies über seinen Kopf hinweg etablierte Operation alles andere als erfreuten Vorgesetzten; weil die Frisuren aller Beteiligten ein steter Quell der Erheiterung sind. Und vor allem, weil sich die Darsteller allesamt die Seele aus dem Leib spielen. Vollkommen zurecht wurden aus dem zentralen Quintett vier Akteure für einen OSCAR nominiert, nur der arme Jeremy Renner wurde übergangen. Dabei hat er mich sogar am meisten begeistert, gemeinsam mit Christian Bale, dem es am besten gelingt, seiner Rolle – die mit dem Verlauf der Geschehnisse eigentlich als einzige überhaupt nicht glücklich ist – mit trockenem Humor und unterkühltem Charisma Leben einzuhauchen. Dazu präsentiert sich Amy Adams so sexy wie in keinem Film zuvor, und das "Silver Linings"-Paar Bradley Cooper und Jennifer Lawrence, das in der ersten Filmhälfte etwas blaß bleibt, läuft im letzten Akt auch noch zu ganz großer Form auf. Nicht zu vergessen: In einem tollen Gastauftritt darf Robert De Niro (der als Coopers Vater ebenfalls zum "Silver Linings"-Cast zählte) endlich mal wieder einen brutalen, brandgefährlichen Mafioso spielen. Und wenn diese schauspielerischen Schwergewichte gewissermaßen "all in" gehen, dann sieht man als Zuschauer auch mal gerne darüber hinweg, daß die eigentliche Story eher mickrig und dramaturgisch wenig anspruchsvoll ist.

Fazit: "American Hustle" ist eine handwerklich nahezu perfekte Betrügerfarce, die mit einem sensationellen, spielfreudigen Schauspieler-Ensemble und seiner authentisch eingefangenen 1970er Jahre-Atmosphäre begeistert, unter der hell glänzenden Oberfläche aber storytechnisch nicht wirklich viel zu bieten hat.

Wertung: 7,5 Punkte.


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