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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Mittwoch, 19. März 2014

300 – RISE OF AN EMPIRE (3D, 2014)

Regie: Noam Murro, Drehbuch: Zack Snyder und Kurt Johnstad, Musik: Junkie XL
Darsteller: Eva Green, Sullivan Stapleton, Rodrigo Santoro, Lena Headey, David Wenham, Hans Matheson, Jack O'Connell, Callan Mulvey, Igal Naor, Andrew Tiernan, Ashraf Barhom, Christopher Sciueref, Ben Turner, Andrew Pleavin
 300: Rise of an Empire
(2014) on IMDb Rotten Tomatoes: 43% (5,0); weltweites Einspielergebnis: $337,6 Mio.
FSK: 18, Dauer: 102 Minuten
Das antike Griechenland im 5. Jahrhundert v. Chr.: Während sich der größenwahnsinnige persische Gottkönig Xerxes (Rodrigo Santoro, "Tatsächlich ... Liebe") bei den Thermopylen mit Spartanerkönig Leonidas und seinen 300 Getreuen herumärgert, bekommt es vor der Insel Euböa Xerxes' griechischstämmige Heerführerin Artemisia (Eva Green, "Dark Shadows") mit der griechischen Flotte unter ihrem Feldherr Themistokles (Sullivan Stapleton, TV-Serie "Strike Back") zu tun. Die Perser sind deutlich in der Überzahl, doch Themistokles – der Jahre zuvor in der Schlacht von Marathon Xerxes' Vater König Dareios (Igal Naor, TV-Serie "Sindbad") getötet hatte – gelingt es mit List und strategischem Geschick vorerst, die feindliche Streitmacht vom griechischen Festland fernzuhalten. Nach Leonidas' Tod scheint der Untergang Griechenlands jedoch unabwendbar, zumal die spartanische Königin Gorgo (Lena Headey, TV-Serie "Game of Thrones") nicht gewillt scheint, ihre Truppen mit den verbliebenen der Griechen zu vereinigen ...

Kritik:
In Deutschland ist der englische Begriff "Guilty Pleasure", für den es keine wirklich passende Übersetzung gibt, noch immer relativ unbekannt, dabei gibt es bei manchen US-Filmpreisen oder auch Jahresbestenlisten von Kritikern schon länger die Kategorie "Best Guilty Pleasure". Will man jemandem erklären, was ein solches "schuldiges Vergnügen" ist, so eignet sich "300 – Rise of an Empire" hervorragend als Beispiel. Denn die Dialoge, die dem Publikum in dem Spin-Off von Zack Snyders Überraschungshit "300" aus dem Jahr 2007 zugemutet werden, sind bestenfalls banal, einige Szenen (z.B. Xerxes' "Gottwerdung") sogar unfreiwillig komisch, ein Spannungsbogen ist bestenfalls rudimentär vorhanden und die schauspielerischen Leistungen sind mit einer lobenswerten Ausnahme graustes Mittelmaß. Es gibt also vordergründig kaum Gründe, diesen Film zu mögen oder gar zu lieben. Und doch stellt der Neandertaler in mir fest, daß er beinahe restlos begeistert ist! Warum? Weil "300 – Rise of an Empire" ein Idealbeispiel für den alten Satz "style over substance" ist, allerdings im positivsten Sinne, der möglich ist. Mehr noch als bei "300" begeistert die dieses Mal in 3D dargebotene Optik: Die stilisierten, ölgemäldeartigen, am Computer kreierten Greenscreen-Bildkompositionen sind ebenso düster wie schön, die noch einen Tick brutaleren und wuchtigeren (oder vielleicht wirken sie auch nur so, weil sie eben in 3D sind?), exzessiv in Zeitlupe präsentierten Kampfszenen beeindruckend. Normalerweise ist mir der Inhalt schon wichtiger als der Stil, idealerweise gehen sogar beide eine harmonische Partnerschaft ein (wie bei "Sin City", der anderen großen Verfilmung einer Graphic Novel von Frank Miller) – aber hin und wieder freue ich mich auch sehr über eine reine, spektakuläre und visuell einzigartige Stilübung wie bei den "300"-Filmen.

Ehrlich gesagt hat mir "Rise of an Empire" sogar besser gefallen als sein Vorgänger. Ich habe das bereits in anderen Renzensionen geschrieben: Bei Filmen, die den Produktionskosten zum Trotz eigentlich B-Movies sind – und auf die "300"-Filme trifft das eindeutig zu – bevorzuge ich es, wenn sie offensiv dazu stehen und gar nicht erst versuchen, durch Alibi-Handlungselemente so etwas wie inhaltlichen Anspruch vorzutäuschen. "300" hat genau das versucht, indem ein in der Graphic Novel nicht vorkommender zusätzlicher Handlungsstrang rund um die in Sparta gebliebene Königin Gorgo eingefügt wurde. Der sorgte zwar immerhin für etwas Abwechslung im Schlachtengetümmel, wirkte aber wie ein Fremdkörper und war dabei so klischeehaft und folglich vorhersehbar samt extrem läppischer Auflösung, daß er für mich vor allem ein Ärgernis war. "Rise of an Empire" – der übrigens wiederum auf einer Graphic Novel von Frank Miller basiert, die aber noch gar nicht veröffentlicht wurde – versucht Ähnliches gar nicht erst, sondern konzentriert sich ganz auf Stil und Action. Zugegeben, (fast) immer dann, wenn doch mal geredet wird, ist die Stimmung trotzdem etwas im Keller, da die Dialoge noch pathetischer und banaler als in "300" ausfallen und die oberflächlichen Diskussionen über Schlachtstrategien auch nicht gerade fesseln; aber freundlicherweise sind die entsprechenden Passagen meist ziemlich kurz gehalten.

Ein weiterer Vorzug von "Rise of an Empire" ist, daß die Fronten bei weitem nicht so klar verteilt sind wie in "300". Dort konnte keinerlei Zweifel daran bestehen, daß Leonidas und seine tapferen Spartiaten die Helden waren und die gesichtslosen Perser mit ihrem an eine Karikatur erinnernden Gottkönig Xerxes die Bösen. In "Rise of an Empire" sind die Perser zwar immer noch deutlich in der Überzahl, dennoch ist es eine Konfrontation, die zumindest einigermaßen auf Augenhöhe stattfindet. Es gibt also keinen großen Underdog-Bonus für die Griechen, umso wichtiger sind die einzelnen Figuren auf beiden Seiten. Und die fallen bei den Griechen nicht sehr beeindruckend aus. Der relativ kinounerfahrene Australier Sullivan Stapleton gibt zwar vor allem in den Kampfszenen einen passablen Actionhelden ab, das Charisma von Gerard Butler in "300" geht ihm jedoch deutlich ab. Ich bin eigentlich kein großer Fan von Butler, doch König Leonidas war ohne Zweifel eine Paraderolle für ihn, die er mit Leib und Seele hervorragend verkörperte. Stapleton kann da nicht mithalten – auch, weil das Drehbuch seiner Figur noch viel weniger Tiefe verleiht als das beim auch schon nicht gerade vielschichtigen Leonidas der Fall war –, seine Gefährten bleiben erst recht blaß.

Umso entscheidender ist es für das Gelingen von "300 – Rise of an Empire", daß es mit der persischen Heerführerin Artemisia eine sensationell gute Antagonistin gibt. Denn Eva Green ist als Artemisia wahrlich eine absolute Wucht; sie ist eine Walküre, eine Göttin des Krieges gar: grausam und wunderschön, blutdürstig und erbarmungslos, berechnend und leidenschaftlich! Und die französische Schauspielerin – Tochter des 1970er Jahre-Stars Marléne Jobert ("Der aus dem Regen kam", "Der Kommissar und sein Lockvogel") – verkörpert diese Heerführerin mit einer solchen Inbrunst, daß sie hart an die Grenze zum Overacting stößt; was aber in einem Film wie diesem überhaupt nicht stört, eher im Gegenteil. Ich weiß, daß ich mich jetzt ziemlich weit aus dem Fenster lehne, aber ganz ehrlich: Außer der "Alien"-Heroine Ellen Ripley will mir partout keine weibliche Figur aus einem Science Fiction-, Fantasy- oder Actionfilm einfallen, die so sehr zu faszinieren wüßte wie es bei Eva Greens überwältigender Interpretation der Artemisia der Fall ist. An Greens Seite blüht sogar Rodrigo Santoro etwas auf, der in "300" als Xerxes kaum mehr als eine Schreckensfigur aus einer Geisterbahn sein durfte; hier ist er zwar den halben Film über abwesend (er muß sich ja mit Leonidas beschäftigen), bekommt durch Rückblenden in seine Vergangenheit aber tatsächlich etwas Profil. Es ist bedauerlich, daß Xerxes nur so wenige gemeinsame Szenen mit Artemisia hat, denn die ungewöhnliche Co-Abhängigkeit dieser beiden gehört zu den wenigen Elementen in "Rise of an Empire", die tatsächlich erzählerisches Potential geboten hätten. Das gilt ebenfalls für die Interaktion von Artemisia mit Themistokles, die unter anderem eine ziemlich kuriose, aber erinnerungswürdige Verführungsszene beinhaltet. Scheinbar war auch Regisseur Noam Murro ("Smart People") bewußt, welch Kleinod er mit Artemisia zur Hand hat, denn er gibt der persischen Seite nahezu ebenso viel Raum wie der griechischen, wovon im klar spartanerlastigen "300" ja beim besten Willen nicht die Rede sein konnte. Angesichts dieser Verteilung der Figuren auf beiden Seiten dürfte es nicht wenige Zuschauer geben, die dieses Mal den Persern und speziell Artemisia die Daumen drücken – ich weiß, daß ich es getan habe ...

Obwohl "300 – Rise of an Empire" erst nachträglich in 3D konvertiert wurde, bietet er eines der überzeugendsten 3D-Erlebnisse der letzten Jahre. Das liegt vermutlich daran, daß außer den Schauspielern sowieso das meiste computergeneriert ist und sich die Dreidimensionalität so leichter integrieren ließ, bei Tarsems stilistisch vergleichbarem "Krieg der Götter" (auch so ein "Guilty Pleasure") war es 2011 zumindest ähnlich. Jedenfalls wirken die bildschönen Szenerien und die blutigen Kämpfe (die fast komplett ohne "in die Kamera" fliegende Waffen auskommen) in 3D eindrucksvoll, vor allem die Seeschlachten sind echte Highlights. Ein ganz wesentlicher Grund dafür, daß "Rise of an Amy" trotz seiner unübersehbaren Schwächen so gut funktioniert, ist außerdem der die Schlachten begleitende, rocklastige und absolut mitreißende Score des holländischen D.J.s Junkie XL (bekannt vor allem für seinen Remix des Elvis Presley-Songs "A Little Less Conversation"), der in Verbindung mit den effektiv eingesetzten Soundeffekten mit dem modernden Rundum-Soundsystem Dolby Atmos besonders gut zur Geltung kommt. Ich kann gar nicht genau sagen, warum das so ist, aber vor allem bei Historien- und Fantasyfilmen scheint die Musik häufig ein besonders tragendes Element zu sein: "Conan der Barbar" ist ohne den legendären Score von Basil Poledouris kaum vorstellbar, auch "Gladiator" wäre ohne die epische Untermalung durch Hans Zimmers Musik wohl nur halb so gut. Bei "300 – Rise of an Empire" ist es ähnlich, der Soundtrack orieniert sich stilistisch an dem von Tyler Bates für den Vorgänger, übertrifft ihn (zuzüglich des leider nicht auf der Soundtrack-CD enthaltenen Abspann-Songs "War Pigs" von Black Sabbath) aber noch locker. Bei diesen visuellen und akustischen Stärken, die nur in einem technisch gut ausgerüsteten Kino mit einer möglichst großen Leinwand zur vollen Geltung kommen können, bleibt wirklich nur noch zu sagen: Kino – dafür werden Filme gemacht!

Fans des Vorgängers dürfen sich übrigens auf das Wiedersehen mit ein paar alten Bekannten freuen, denn neben Königin Gorgo ist auch der überlebende Spartiat Dilios (David Wenham, "Australia") mit dabei, zudem bekommen Andrew Tiernan als buckliger Verräter Ephialtes und Andrew Pleavin als arkadischer Truppführer Daxos kurze Auftritte. Und es muß gar nicht das letzte Mal gewesen sein, daß wir sie zu Gesicht bekommen. Denn angesichts des unerwartet großen kommerziellen Erfolges von "300 – Rise of an Empire" ist die Möglichkeit für weitere Fortsetzungen, Spin-Offs oder Prequels absolut gegeben. Und dann ist vielleicht wieder die Zeit für ein echtes "Guilty Pleasure" gekommen ...

Fazit: "300 – Rise of an Empire" ist eine antike Schlachtplatte, die wie bereits der Vorgänger mit stylisher Action und phantastischen Greenscreen-Bildkompositionen (in hervorragendem 3D) fasziniert und mit einer anbetungswürdigen Hauptdarstellerin Eva Green begeistert – eine raffinierte Dramaturgie oder intelligente Dialoge sind doch sowieso nur was für Weicheier!

Wertung: Vollkommen subjektive 9 Punkte – ausdrücklich auf das technisch bestmögliche Kinoereignis mit hochwertiger 3D-Projektion und Rundum-Soundsystem Dolby Atmos bezogen. Am heimischen Fernseher kann sich das kaum nachvollziehen lassen ...


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