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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Freitag, 25. April 2014

THE AMAZING SPIDER-MAN 2: RISE OF ELECTRO (3D, 2014)

Regie: Marc Webb, Drehbuch: Alex Kurtzman, Roberto Orci und Jeff Pinkner, Musik: Hans Zimmer & The Magnificent Six (Michael Enzinger, Junkie XL, Andrew Kawczynski, Johnny Marr, Steve Mazzaro und Pharrell Williams)
Darsteller: Andrew Garfield, Emma Stone, Jamie Foxx, Dane DeHaan, Sally Field, Colm Feore, Paul Giamatti, Campbell Scott, Embeth Davidtz, Felicity Jones, Marton Csokas, B.J. Novak, Michael Massee, Chris Cooper, Denis Leary, Martin Sheen, Chris Zylka, Stan Lee
 The Amazing Spider-Man 2
(2014) on IMDb Rotten Tomatoes: 52% (5,8); weltweites Einspielergebnis: $709,0 Mio.
FSK: 12, Dauer: 143 Minuten.

Peter Parker (Andrew Garfield, "The Social Network") hat sich inzwischen endgültig an seine geheime Zweit-Identität als Spider-Man gewöhnt und genießt sein Leben als von den Bösen gefürchteter und von den Bürgern New Yorks geliebter Schurkenschreck. Doch Teile der Presse – allen voran das Revolverblatt "The Daily Bugle", dem Peter regelmäßig Fotos von Spider-Man verkauft – ziehen die Rechtschaffenheit der "freundlichen Spinne von nebenan" fortwährend in Zweifel, was auch in der Bevölkerung für zunehmende Skepsis sorgt. Zudem wird Peter von den letzten Worten Captain Stacys (Denis Leary) verfolgt, der ihm vor seinem Tod das Versprechen abrang, seine Tochter Gwen (Emma Stone, "The Help") nicht in die Verbrechensbekämpfung hineinzuziehen. Während Peter und Gwen um ihre Beziehung ringen und Peters alter Freund Harry Osborn (Dane DeHaan, "Chronicle") nach acht Jahren in einem Internat als Konzernerbe zurückkehrt, zieht eine neue Gefahr für New York herauf: Der brillante, aber fast krankhaft schüchterne Elektriker Max Dillon (Jamie Foxx, "Django Unchained"), der darunter leidet, daß ihm niemand Respekt entgegenbringt, kann infolge eines Unfalls an seiner Arbeitsstelle Oscorp gewissermaßermaßen über die Elektrizität gebieten und nennt sich fortan Electro. Seine neue Motivation ist es, endlich und um jeden Preis von all jenen beachtet zu werden, die ihn zeit seines Lebens ignorierten …

Kritik:
Man muß Hollywood nicht immer verstehen. Manchmal kann man Hollywood gar nicht richtig verstehen. Oder kann mir irgendjemand den Sinn erklären, der dahintersteckt, ein global extrem erfolgreiches Superhelden-Franchise wie Sam Raimis "Spider-Man"-Reihe nach einem qualitativ (auch "dank" inhaltlicher Einmischung "von oben") eher unterwältigenden dritten Teil komplett neu zu starten, nur um dann im Reboot über weite Strecken eine Kopie des ersten Raimi-Films zu bieten und in der Fortsetzung den gleichen Fehler zu begehen wie in "Spider-Man 3" (eine überfrachtete Story mit zu vielen Antagonisten)? Ich werde daraus jedenfalls nicht schlau. Nach dem handwerklich immerhin absolut überzeugend geratenen "The Amazing Spider-Man" hatte ich ja darauf gehofft … nein, eigentlich sogar ziemlich fest damit gerechnet, daß nach dem Abarbeiten von Spider-Mans Ursprungsgeschichte die weiteren Teile so richtig aus dem Vollen schöpfen würden. Doch nach dem zweiten Film unter der Regie von Marc Webb ist bei mir Ernüchterung eingekehrt: Ja, man kann das Bemühen sehr deutlich erkennen, eine komplexe Superhelden-Welt nach "Avengers"-Vorbild zu erschaffen, die nicht nur kurzfristig, sondern auf Dauer interessante und spannende Film-Geschichten rund um Peter Parker alias Spider-Man bereithält. Und im Grunde genommen funktioniert das sogar ganz gut, denn die erzählerischen Möglichkeiten für den für Sommer 2016 angesetzten dritten Teil sind durch die Ereignisse in "Rise of Electro" noch einmal beträchtlich angewachsen. Dummerweise haben Marc Webb und das Drehbuch-Trio Kurtzman, Orci und Pinkner darob vergessen, bereits diesen Film zu dem erhofften Blockbuster-Erlebnis zu machen.

Die Gefahr, wenn ein Film zahlreiche Handlungsstränge verfolgt, ist es immer, sich in ihnen zu verzetteln und eine Menge halbherziger Storylines anstatt weniger, dafür aber überzeugend ausgearbeiteter zu präsentieren. "Rise of Electro" begeht diesen Fehler und schafft dabei das Kunststück, sich für die einen Fäden zu viel Zeit zu lassen und für andere dafür viel zu wenig. So ist es ja grundsätzlich begrüßenswert, daß der Film das Publikum in der ersten halben Stunde – in der Spidey sich noch weitgehend unbeschwert und vor allem ungestört von einer echten Handlung mit seinen Fähigkeiten vergnügen darf – recht ausführlich mit Max Dillon bekannt macht, ehe dieser zu Electro mutiert. Doch wenn Electros Vorgeschichte in etwa so subtil wie eine Dampfwalze präsentiert wird und dabei auch noch vor Klischees trieft, dann verkehrt sich der lobenswerte Ansatz schnell ins Gegenteil und wird langweilig bis ärgerlich. Das ist deshalb besonders schade, da sich Electro nach seiner Verwandlung als ein richtig cooler Antagonist entpuppt, der erfreulicherweise nicht zu einem reinrassigen Bösewicht wird, sondern eine gewisse Ambivalenz beibehält. Und so ganz nebenbei sind es gerade die Electro-Szenen, in denen der – stilistisch zum Namen von Spider-Mans Gegner passende, generell aber vergleichsweise unspektakulär geratene – Soundtrack, den der inzwischen scheinbar zum Superhelden-Experten avancierte Hans Zimmer ("The Dark Knight", "Man of Steel") gemeinsam mit einer sechsköpfigen "Supergroup" (darunter neben Popstar und OSCAR-Nominee Pharrell Williams auch Junkie XL, dessen wuchtiger "300 – Rise of an Empire"-Score schnell zu einem meiner Lieblings-Soundtracks wurde) komponiert hat, am mitreißendsten ist. Das Urteil ist also klar: Mehr Electro und weniger Max Dillon wäre die weisere Wahl gewesen; oder natürlich alternativ eine interessantere Max Dillon-Storyline.

Genau umgekehrt sieht es kurioserweise bei einem weiteren wichtigen Handlungsstrang aus. Kleiner Rückblick: In Sam Raimis Trilogie spielte Harry Osborn (verkörpert von James Franco) von Anfang an eine wichtige Rolle und wurde fast zwei Filme lang als Peters bester Freund etabliert, was seine Wandlung zum (mehr oder weniger) Bösewicht Green Goblin bzw. New Goblin in "Spider-Man 3" umso wirkungsvoller machte. In "The Amazing Spider-Man 2" taucht Harry Osborn nach einiger Zeit erstmals auf, ist gefühlte fünf Minuten lang Peters bester Freund und beginnt dann bereits die Transformation zum Bösewicht Green Goblin. Was soll das? Wie soll ein solch gehetztes Vorgehen irgendeinen emotionalen Eindruck hinterlassen? Zumal Harry auch in Marc Webbs Film eine sehr interessante Figur ist – in der Theorie sogar interessanter als bei Raimi – und von Shooting Star Dane DeHaan hervorragend verkörpert wird. Es zieht sich durch den ganzen Film: Das Potential für erstklassige Storylines, für komplexe, glaubwürdige Beziehungsgeflechte zwischen spannenden Charakteren ist ständig sichtbar; es wird aber nur in ganz, ganz wenigen Szenen ausgeschöpft.

Das alles macht aus "The Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro" selbstverständlich keinen schlechten Film. Die Spezialeffekte sind durchweg überzeugend geraten, die Actionsequenzen aufregend und temporeich in Szene gesetzt und der 3D-Einsatz kommt besonders bei Spider-Mans atemberaubend rasanter Fortbewegung durch die Häuserschluchten New Yorks gut zur Geltung. Das Schauspielensemble ist zudem weitgehend ohne Fehl und Tadel – mit der Ausnahme von Marton Csokas ("Noah"), der für seine Darstellung des fiesen Wissenschaftlers Dr. Kafka auf in das ansonsten (für Superhelden-Verhältnisse) recht realitätsnah und erstaunlich humorarm gehaltene Setting bemerkenswert unpassend wirkendes Overacting zurückgreift –, vor allem Andrew Garfield und Emma Stone harmonieren als Peter und Gwen hervorragend, wenngleich ihr Hin und Her in Liebesdingen nicht gerade vor erzählerischer Innovationsfreude sprüht; da hätte man vom "(500) Days of Summer"-Regisseur schon mehr erwarten können, aber natürlich ist er vom Drehbuch abhängig. Auch die konsequente Fortführung der in "The Amazing Spider-Man" sachte begonnenen Hintergrundgeschichte rund um das Verschwinden von Peters Eltern erfreut und wird im dritten Teil sicher ihre Fortsetzung finden. Auf der anderen Seite stören dafür einige unlogische und wenig glaubwürdige Entwicklungen, die zumeist mit Oscorp und Harrys konzerninternem Rivalen Menken (Colm Feore, "Thor") zusammenhängen; das wirkt ein bißchen wie "Iron Man" (in dem sich Tony Stark gegen einen von Jeff Bridges verkörperten Widersacher in seiner Firma durchsetzen muß) oder "Batman Begins" (Bruce Wayne gegen einen von Rutger Hauer gespielten Anzugträger) Reloaded, bloß in doof. Und der große Showdown fällt auch nicht so richtig großartig aus, was wiederum mit der mangelnden emotionalen Nähe des Publikums zu den entscheidenden Figuren zu tun hat.

Fazit: "The Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro" ist ein relativ humorarmes Superhelden-Abenteuer, das mit den bei einem Blockbuster-Budget zu erwartenden optischen und auch schauspielerischen Stärken auftrumpft und viel erzählerisches Potential für weitere Sequels (und ebenfalls bereits in Vorbereitung befindliche Spin-Offs) schafft, im Hier und Jetzt aber mit der überfrachteten, zerfaserten und von einigen fragwürdigen dramaturgischen Entscheidungen gekennzeichneten Handlung recht deutlich hinter den Erwartungen zurückbleibt.

Wertung: 6,5 Punkte.

P.S.: Nach dem ersten Teil des Abspanns ist übrigens eine kurze Szene aus dem kommenden "X-Men: Zukunft ist Vergangenheit" eingestreut. Da diese Sequenz aber zusammenhanglos und wenig aufregend ist, dürfte sie viele Zuschauer (die bis dahin nicht bereits das Kino verlassen haben) eher verwirren als neugierig machen. Es sieht aber nicht danach aus, als ob es in naher Zukunft irgendeine inhaltliche Verbindung zwischen den "Spider-Man"- und den "X-Men"-Filmen geben wird.


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