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Dienstag, 1. April 2014

WITCHING & BITCHING (2013)

Originaltitel: Las brujas de Zugarramurdi
Regie: Álex de la Iglesia, Drehbuch: Jorge Guerricaechevarría und Álex de la Iglesia, Musik: Joan Valent
Darsteller: Hugo Silva, Mario Casas, Carolina Bang, Carmen Maura, Pepón Nieto, Santiago Segura, Gabriel Delgado, Jaime Ordóñez, Terele Pávez, Macarena Gómez, Javier Botet, Secun de la Rosa, Carlos Areces
 Las brujas de Zugarramurdi
(2013) on IMDb Rotten Tomatoes: 82% (6,6); weltweites Einspielergebnis: $7,4 Mio.
FSK: 16, Dauer: 114 Minuten
 Spanien: Einige Kriminelle, die unter anderem als Jesus, Minnie Maus, Spielzeugsoldat und SpongeBob Schwammkopf verkleidet sind, überfallen einen Juwelier und machen reiche Beute. Da die Polizei jedoch schnell vor Ort ist, wird es blutig. Nur Jesus alias José (Hugo Silva, "Fliegende Liebende"), sein kleiner Sohn Sergio (Gabriel Delgado) – den José kurzerhand zum Komplizen des Überfalls machte – und der Spielzeugsoldat alias Tony (Mario Casas, "Sex, Party und Lügen") können in einem kurzerhand gekaperten Taxi entkommen. Gemeinsam mit dem Taxifahrer Manuel (Jaime Ordóñez) und dessen verängstigtem eigentlichen Fahrgast machen sie sich mit der Beute auf den Weg zur Grenze nach Frankreich. Auf dem Weg dorthin legen sie einen Zwischenstop in der kleinen Ortschaft Zugarramurdi ein, die, wie der Taxifahrer dank fleißiger Lektüre während des Wartens auf Kunden zu berichten weiß, als Hexenheimat berüchtigt ist – und das vollkommen zu Recht, wie die bunte Truppe schnell erkennen muß. Denn die mysteriöse, aber charismatische Graciana (Carmen Maura, "Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs", "Volver") und ihre laszive Tochter Eva (Carolina Bang, "Mad Circus") stellen sich als Anführerinnen der Hexengemeinschaft heraus, die gerade ein großes Ritual vorbereiten. Ein Ritual, zu dessen Teil José und Co. werden sollen ...

Kritik:
Wenn die Rede von einem spanischen Regieexzentriker ist, denken vermutlich die meisten an Pedro Almodóvar ("Sprich mit ihr", "Die Haut, in der ich wohne"). Álex de la Iglesia ist zwar außerhalb seiner Heimat weniger bekannt, doch auf ihn trifft das Prädikat eigentlich ebenso zu – nur daß er sich mehr Genrefilmen als Arthouse-Kost verschieben hat. Bereits mit seinem Langfilmdebüt, der schrägen (von Almodóvar produzierten) Science Fiction-Komödie "Aktion Mutante" hat sich de la Iglesia 1993 seinen Ruf als Schöpfer äußerst skurriler Kinowelten verdient, seitdem untermauerte er diesen mit kompromißlosen Filmen wie dem Action-Thriller "Perdita Durango" mit Rosie Perez, der schwarzen Komödie "Allein unter Nachbarn", der Krimikomödie "Ein ferpektes Verbrechen" oder der Tragikomödie "Mad Circus". Stilistisch fügt sich der genial (und absolut treffend) betitelte "Witching & Bitching" nahtlos in de la Iglesias Gesamtwerk ein, qualitativ läßt der Film jedoch einiges zu wünschen übrig.
Die ziemlich durchgeknallte Story erinnert strukturell an Robert Rodriguez' "From Dusk till Dawn" – nur eben mit Hexen statt Vampiren –, im Handlungsverlauf fühlt man sich aber eher an Robin Hardys kultigen Mystery-Thriller "The Wicker Man" aus dem Jahr 1973 erinnert; jedoch ohne daß "Witching & Bitching" im Entferntesten den hohen Unterhaltungsgrad dieser beiden Genreperlen erreichen würde. Das liegt vor allem daran, daß Álex de la Iglesia seine Story überhaupt nicht ernst nimmt. Von Beginn an wird "Witching & Bitching" als Komödie eingeführt (zunächst Actionkomödie, später dann Horrorkomödie), was zwar zunächst beim ebenso rasant wie amüsant in Szene gesetzten Auftakt-Raubzug samt dezenter Anspielungen auf die desolate spanische Wirtschaft für einige Lacher sorgt, vor allem im unfaßbar belang- und witzlosen Mittelteil aber einfach nur nervt. Die Anleihen bei Quentin Tarantino sind zwar unübersehbar, wenn die beiden Gangster, das unbekümmerte Kind und die (theoretischen) Geiseln während ihrer Flucht über Gott und die Welt plaudern und sich schließlich über ihre gemeinsamen Frauenprobleme verbrüdern – nur sind die Dialoge dabei zu mindestens 90 Prozent dermaßen dämlich, albern und klischeebehaftet, daß sich jeglicher Vergleich mit Tarantino vom ersten Buchstaben an verbietet.
Das fortwährende Overacting der meisten Darsteller ist dabei natürlich auch nicht hilfreich. Der eigentliche Hauptdarsteller Hugo Silva liefert wenigstens eine passable darstellerische Leistung ab, fast der gesamte Rest macht jedoch mit albernen Faxen und Grimassen jeglichen Anflug von Spannung oder Atmosphäre zunichte. Mit einer bemerkenswerten, wenig überraschenden Ausnahme: Die langjährige Almodóvar-Muse Carmen Maura zeigt als Hexenanführerin Graciana eine glänzende Performance: Intensiv und furchteinflößend kommt sie daher, doch zugleich stets charismatisch und dank ein paar wunderbar trocken dargebrachter Bonmots sogar mit einem guten Schuß (rabenschwarzen) Humors. Dummerweise fällt durch Mauras Glanzleistung aber der qualitative Unterschied zum großen Rest der Besetzung naturgemäß nur noch eklatanter ins Auge. Die Passagen im in einer riesigen unterirdischen Höhle stattfindenden Finale, die von Graciana dominiert werden, lassen erahnen, wie gut "Witching & Bitching" hätte werden können, hätte sich de la Iglesia auf die Kraft seiner absurden und wenig originellen, aber durchaus interessanten Hexengeschichte konzentriert anstatt daraus eine solch alberne Slapsticknummer zu machen. "The Wicker Man" hat seinerzeit ja vorgemacht, wie so etwas funktioniert – ohne dabei vollkommen humorbefreit zu sein, wohlgemerkt!
Obwohl sich Álex de la Iglesias also leider gegen eine solche Ausrichtung entschieden hat, entschädigt die finale halbe Stunde doch ein bißchen für den lahmen Mittelteil. Zwar bleiben auch im letzten Drittel alberne Szenen nicht aus, zudem bleibt rätselhaft, welchen Zweck eigentlich der Mini-Handlungsstrang um Sergios Mutter und zwei Polizisten haben soll, die auf der Jagd nach José ebenfalls in die Fänge der Hexen geraten – oder warum einige Hexen von sehr erkennbar männlichen Schauspielern dargestellt werden (was den Film natürlich noch stärker in eine komödiantische Richtung treibt); aber wenigstens wird nun dank Graciana und ihrer Machenschaften eine wohlig gruselige und zugleich exzentrische Atmosphäre aufgebaut, die durch Joan Valents Musik und vor allem ein wunderbar melodisches Beschwörungslied der Hexen noch verstärkt wird. Das macht aus "Witching & Bitching" zwar auch keinen guten Film mehr, es sorgt aber zumindest dafür, daß er nicht als totaler Rohrkrepierer endet. Wie eine Horrorkomödie besser funktioniert, hat de la Iglesia nur zwei Jahre zuvor sein Landsmann Juan Martínez Moreno mit "Game of Werewolves" vorgemacht, der zwar auch weit davon entfernt ist, perfekt zu sein, aber die Comedy wesentlich besser hinbekommt.

Fazit: "Witching & Bitching" ist eine hysterische spanische Horrorkomödie, die nach einem rasanten Auftakt mit belanglosem Gerede und albernem Humor auf die Nerven fällt und erst im letzten Akt ansatzweise zeigt, was man aus der Story hätte herausholen können.

Wertung: 4 Punkte.


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