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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Freitag, 16. Mai 2014

GODZILLA (3D, 2014)

Regie: Gareth Edwards, Drehbuch: Max Borenstein, Musik: Alexandre Desplat
Darsteller: Aaron Taylor-Johnson, Bryan Cranston, Elizabeth Olsen, Ken Watanabe, Juliette Binoche, David Strathairn, Sally Hawkins, Richard T. Jones, Carson Bolde, Al Sapienza, Victor Rasuk, Ty Olsson
 Godzilla
(2014) on IMDb Rotten Tomatoes: 74% (6,6); weltweites Einspielergebnis: $529,1 Mio.
FSK: 12, Dauer: 123 Minuten.

Philippinen, 1999: Bei Bergbauarbeiten wird versehentlich eine riesige prähistorische Kreatur geweckt, die von den Wissenschaftlern Muto genannt wird und sich von Radioaktivität "ernährt". Folgerichtig macht sich das nach seinem sehr langen Tiefschlaf hungrige Geschöpf direkt zur nächsten angemessenen Radioaktivitäts-Quelle auf: ein Atomkraftwerk in Japan, in dem Dr. Joe Brody (Bryan Cranston, "Contagion", TV-Serie "Breaking Bad") und seine Frau Sandra (Juliette Binoche, "Der englische Patient") arbeiten. Während ihr kleiner Sohn Ford von der Schule aus zusieht, wird das Atomkraftwerk vollständig zerstört, was viele Tote in der Anlage zur Folge hat. 15 Jahre später ist der inzwischen erwachsene Ford (Aaron Taylor-Johnson, "Kick-Ass") ein mit Krankenschwester Elle (Elizabeth Olsen, "Kill Your Darlings") glücklich verheirateter Experte für Bombenentschärfungen bei der US Navy, während sein Vater Joe, der das damalige Unglück überlebt hat, immer noch in Japan lebt und versucht, seine Theorie zu beweisen, daß es kein Erdbeben war, das seine frühere Arbeitsstätte zerstört hat. Keiner will ihm Glauben schenken – bis der Muto wieder erwacht, sich durch den Pazifik Richtung USA aufmacht und außerdem scheinbar weitere Kreaturen zu sich ruft, darunter ein gigantisches Echsenwesen …

Kritik:
Als 1954 der erste "Godzilla"-Film (im Original: "Gojira") von Ishirō Honda in die japanischen Kinos kam, erwartete wohl niemand, daß der durch Radioaktivität mutierten Riesenechse ein derart langes Filmleben bevorstehen würde. Doch die Mischung aus aufregendem Monster-Katastrophenfilm und atmosphärisch stimmiger metaphorischer Aufarbeitung der Atombomben-Abwürfe über Hiroshima und Nagasaki gerade einmal neun Jahre zuvor traf einen Nerv in der japanischen Bevölkerung, und so folgten in den nächsten 60 Jahren fast 30 weitere Werke, bis auf Roland Emmerichs eher mißglückte Version aus dem Jahr 1998 mit einem zum Leidwesen der Fans komplett neu designten Godzilla allesamt aus Japan. Nun folgt mit einem weiteren Reboot durch den jungen britischen Regisseur Gareth Edwards – für den das $160 Mio. teure Projekt einen gewaltigen Schritt nach vorne nach seinem Low Budget-Debüt "Monsters" (2010) darstellt – der zweite außerjapanische Versuch. Und der funktioniert erheblich besser, weil er sich der Tradition (und des ikonischen Aussehens) des Kultmonsters bewußt ist und sie mit reichlich inhaltlichen Anspielungen ehrt (gerade der Atomkraft-Aspekt wird nicht vernachlässigt, schließlich ist das Unglück von Fukushima noch nicht lange her), zugleich aber die Handlung an heutige Sehgewohnheiten anpaßt und in Sachen Kreaturendesign und Spezialeffekte in die Vollen geht. Die nachträgliche 3D-Konvertierung bietet allerdings wieder einmal kaum Mehrwert, deutlich effektiver gestaltet sich der Einsatz des modernen Soundsystems Dolby Atmos.

Als eine gute Idee des Storyschöpfers David Callaham ("The Expendables") – das eigentliche Drehbuch stammt von Newcomer Max Borenstein – erweist es sich früh, daß Godzilla anders als bei Emmerichs Version nicht wieder als reiner Antagonist verwendet wird, was wohlgemerkt ebenfalls der Tradition der Reihe folgt. Denn während Godzilla im Originalfilm und bei Emmerich der alles zerstörende Gegenspieler der Menschheit ist, der unbedingt mit allen Mitteln gestoppt werden muß, zollten die japanischen Fortsetzungen schnell der Popularität Godzillas beim Publikum Tribut und ließen die Kreatur zum Beschützer der Menschheit vor anderen Monstern avancieren. Was ganz nebenbei auch noch das Problem löste, daß man die Geschichte einer Riesenechse, die alles zerstört und am Ende vom Militär besiegt wird, nicht in allzu vielen Variationen erzählen kann. Daß Gareth Edwards bereits im ersten Film seines Reboots (dem anders als bei Emmerich mit großer Wahrscheinlichkeit weitere Teile folgen werden) auf dieses Stilmittel zurückgreift, ist überraschend, funktioniert aber gut. Die Erwartungen des Publikums werden auf diese Art und Weise ausgekontert, man erspart sich das Bemühen, irgendeinen albernen Storykniff zu finden, um in der Fortsetzung das vermeintlich tote Geschöpf wieder zu "reanimieren" – und vor allem kann man die technischen Möglichkeiten voll ausschöpfen, indem man nicht nur ein gigantisches Monster präsentiert, sondern gleich mehrere, die gegeneinander kämpfen. Und das ist doch viel spaßiger und spektakulärer als der immer gleiche David-gegen-Goliath-Konflikt zwischen den Menschen und den Launen der Natur …

Das soll natürlich nicht heißen, daß die Menschen hier Godzilla von Anfang an ausgelassen zujubeln. Zwar vermutet der Wissenschaftler Dr. Serizawa (Ken Watanabe, "Batman Begins") – der übrigens einer der Protagonisten im Originalfilm war, womit wir wieder beim Ehren der Tradition der Reihe wären , daß Godzilla von der Natur auserkoren wurde, ein Gleichgewicht zu wahren, indem er andere prähistorische Riesen-Überbleibsel erledigt. Verständlicherweise kommt diese bloße Theorie beim von Admiral William Stenz (David Strathairn, "Das Bourne Vermächtnis") geführten Militär aber nicht allzu gut an. "Lieber gleich alle Monster vernichten als zusehen und hoffen, daß sich schon alles von selber regeln wird", so lautet Stenz' durchaus nachvollziehbare Devise, die aber wenig überraschend alles nur noch schlimmer zu machen droht. Damit bleibt der neue "Godzilla" auch in dieser Hinsicht der Tradition treu, was sich jedoch als nur bedingt begrüßenswert entpuppt. Denn diese Art von Handlungsstrang hat man einfach schon zu oft in zu vielen Monsterfilmen gesehen, als daß sie noch irgendwie Spannung erzeugen könnte. Daß Aaron Taylor-Johnson in der von Zerstörung geprägten zweiten Filmhälfte eine passable Identifikationsfigur des Publikums innerhalb der Militärreihen abgibt, ist hilfreich, löst aber keineswegs alle Probleme.

Das größte dieser Probleme ist eindeutig, daß die "Menschenpassagen" bei weitem nicht mit den "Monsterpassagen" mithalten können. Während alles, was mit den fabelhaft designten Kreaturen zu tun hat, absolut phantastisch ist und mit einer epischen Bildkomposition nach der nächsten begeistert, sind die Sequenzen, in denen die Menschen im Zentrum stehen, ziemlich mittelmäßig ausgefallen. Angesichts der bemerkenswert langen Exposition, in der die Familie Brody in aller Ausführlichkeit vorgestellt wird, ehe es überhaupt richtig zur Sache geht, ist es schon erstaunlich, wie wenig Eigenleben die meisten Schauspieler ihren Figuren einhauchen können. Taylor-Johnson gelingt das einigermaßen, Bryan Cranston erwartungsgemäß sogar sehr gut, auch Ken Watanabe bringt den empathischen Wissenschaftler überzeugend rüber; dafür sind die Frauenrollen ebenso prominent besetzt wie sie komplett verschenkt sind. Ob Juliette Binoche als Fords Mutter, Elizabeth Olsen als seine Ehefrau oder Sally Hawkins ("Blue Jasmine") als Dr. Serizawas Kollegin Vivienne Graham – alle drei sind kaum mehr als bloße Stichwortgeber. Daß das Skript zudem klischeetriefende und unglaubwürdige Storyschlenker – natürlich müssen kurz vor dem Showdown ausgerechnet auf einer vom Militär zur Angriffsbasis bestimmten Brücke einige Schulbusse im Stau stecken bleiben, in denen selbstverständlich auch Ford Brodys kleiner Sohn festsitzt – und Logikfehler (Elle Brody kommt nicht auf die Idee, bei ihrem Smartphone den reinen Vibrationsalarm abzustellen, während sie verzweifelt auf ein Lebenszeichen ihres Gatten wartet, und verpaßt deshalb natürlich seinen Anruf) enthält, kann einen sogar richtig ärgern. Nun mag der ein oder andere einwenden, daß bei Guillermo del Toros "Pacific Rim" schlimmere Ungereimtheiten vorkamen, die mich viel weniger gestört haben. Das ist richtig, dafür gibt es aber auch einen guten Grund: "Pacific Rim" war sehr offensichtlich als trashiges (Big Budget-)B-Movie angelegt; da stören solche Fehler nicht, sie gehören eigentlich sogar fast dazu. Gareth Edwards präsentiert den Zuschauern dagegen einen betont realistisch gehaltenen "Godzilla", und da nerven solche Mängel, die sich im Showdown zunehmend häufen, einfach. Mich zumindest. Schon deshalb, weil sie so komplett überflüssig sind und leicht zu vermeiden gewesen wären.

Trotzdem will ich keineswegs zu sehr auf diesen Mängeln herumreiten. Die Schwächen des Drehbuchs und die rudimentäre Figurenzeichnung ärgern mich zwar, sie machen aus "Godzilla" aber selbstverständlich keinen schlechten Film. Denn entscheidend sind in einem Godzilla-Film nunmal nicht die kleinen Menschlein mit ihren dicken Wummen, sondern die Monster. Und die sind, da kann ich mir nur wiederholen, absolut episch ausgefallen und werden von Gareth Edwards sehr effektiv eingesetzt (wobei Godzilla selbst gar nicht so viele Szenen hat). Die Musik, die zu ihren Auftritten erklingt, hätte übrigens für meinen Geschmack ruhig noch ein wenig bombastischer ausfallen können, um der Urwucht dieser Kreaturen vollauf gerecht zu werden, aber ansonsten hat der eher für verspielte Melodien zu Literaturverfilmungen bekannte Komponist Alexandre Desplat ("Philomena", "Der fantastische Mr. Fox") gute Arbeit geleistet.

Fazit: "Godzilla" ist eine würdige Neuinterpretation des japanischen Kultmonsters, die zwar in den "Menschen-Passagen" mit unnötigen Klischees und Logikfehlern nervt, in den Kreaturen-Sequenzen aber nicht weniger als episch ist. Und darauf kommt es bei einem Monsterfilm schließlich an.

Wertung: 8 Punkte.


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