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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Mittwoch, 28. Mai 2014

X-MEN: ZUKUNFT IST VERGANGENHEIT (3D, 2014)

Originaltitel: X-Men: Days of Future Past
Regie: Bryan Singer, Drehbuch: Simon Kinberg, Musik: John Ottman
Darsteller: Hugh Jackman, Michael Fassbender, James McAvoy, Sir Ian McKellen, Sir Patrick Stewart, Jennifer Lawrence, Nicholas Hoult, Peter Dinklage, Halle Berry, Omar Sy, Shawn Ashmore, Ellen Page, Daniel Cudmore, Fan Bingbing, Adan Canto, Booboo Stewart, Lucas Till, Evan Peters, Josh Helman, Evan Jonigkeit, Mark Camacho, Mike Dopud, Anna Paquin, Kelsey Grammer, Famke Janssen, James Marsden
 X-Men: Days of Future Past
(2014) on IMDb Rotten Tomatoes: 90% (7,5); weltweites Einspielergebnis: $747,9 Mio.
FSK: 12, Dauer: 132 Minuten.

In den 1970er Jahren arbeitet der Wissenschaftler Dr. Bolivar Trask (Peter Dinklage aus der TV-Hitserie "Game of Thrones") an "Sentinels" genannten Maschinenwesen, die die von ihm gefürchtete Ausrottung der Menschheit durch Mutanten verhindern sollen. Raven alias Mystique (Jennifer Lawrence, "Silver Linings") will Dr. Trask stoppen (und einige von dessen Männern getötete Mutanten rächen), indem sie ihn vor aller Augen erschießt – dummerweise erreicht sie damit das Gegenteil, denn für die Politiker und Militärs, die Dr. Trasks düsteren Vorhersagen bis dahin nur sehr bedingt Glauben schenkten, sind die Mutanten nun tatsächlich eine große Gefahr. Das Sentinel-Programm wird fortgesetzt, führt aber letztlich dazu, daß bis zum Jahr 2023 Mutanten und Menschen (von denen schließlich die meisten das theoretische Potential späterer Mutationen in sich tragen) zum größten Teil von den Sentinels ausgerottet wurden. Gemeinsam mit den letzten überlebenden Mutanten hecken Professor X (Sir Patrick Stewart, "Fletchers Visionen") und Magneto (Sir Ian McKellen, "Der Hobbit") einen wahnwitzigen Plan aus: Kitty Pryde (Ellen Page, "To Rome with Love") schickt Logans (Hugh Jackman, "Scoop") Bewußtsein zurück in seinen Körper des Jahres 1973, wo er unter Mithilfe der jungen Charles (James McAvoy, "Abbitte") und Erik (Michael Fassbender, "Shame") Mystique stoppen soll, bevor diese Dr. Trask töten kann …

Kritik:
Eines (nicht zum ersten Mal) vorweg: Ich lese kaum Comics und überhaupt keine Superhelden-Comics. Trotzdem sehe ich mir die Verfilmungen mit oft großem Vergnügen gerne im Kino an. Naturgemäß habe ich auf die präsentierten Geschichten aber einen etwas anderen Blick als die Comic-Experten, was durchaus in sehr unterschiedliche Urteile münden kann. "Iron Man 3" beispielsweise ist bei den Kennern der Vorlage wegen der Rolle des Mandarin heftig umstritten, viele "unbelastete" Kinogänger fanden ihn sehr unterhaltsam. Ein besonders polarisierendes Beispiel ist der dritte X-Men-Film, der nach dem Abgang des Reihenschöpfers Bryan Singer (der lieber "Superman Returns" inszenierte, was im Nachhinein betrachtet vielleicht nicht die allerglücklichste Wahl war …) von "Rush Hour"-Regisseur Brett Ratner inszeniert wurde und bei den Comic-Fans auf fast einhellige Ablehnung stieß. Mir hat er trotzdem ganz gut gefallen, und wie der ordentliche IMDB-Wert von 6,8 zeigt, ging es da nicht nur mir so. Aber ich scheine generell ein Faible für die Reihe zu haben: Zwar würde ich niemals auf die Idee kommen, die X-Men als meine Lieblings-Superhelden zu bezeichnen, aber mich hat tatsächlich jeder der inklusive Spin-Offs nun sieben X-Men-Filme gut unterhalten. In unterschiedlichem Ausmaß selbstverständlich – Bryan Singers "X-Men 2" halte ich für einen der besten Superhelden-Filme überhaupt, Gavin Hoods "X-Men Origins: Wolverine" für gerade eben noch akzeptabel –, aber immerhin. So habe ich mich natürlich auch gefreut, als bekannt wurde, daß Singer für ein besonderes Highlight zum Franchise zurückkehren würde, denn "Zukunft ist Vergangenheit" sollte das äußerst anspruchsvolle Kunststück schaffen, die Originalbesetzung und ihre im Prequel "Erste Entscheidung" überzeugend eingeführten jüngeren Versionen unter einen Hut zu bekommen. Zweifel daran, ob das wirklich gelingen kann, waren erlaubt, schließlich gab es viele mögliche Stolpersteine – die Kombination mehrerer Zeitebenen kann mächtig in die Hose gehen, außerdem kann man bei einem solch riesigen Ensemble nie jeder Figur gerecht werden –, doch Singer hat es tatsächlich geschafft. "X-Men: Zukunft ist Vergangenheit" ist zwar (aus Sicht eines Nicht-Comic-Kenners) nicht der beste X-Men-Film, aber ein richig guter.

Mit einem Knall meldet sich Bryan Singer gleich zu Beginn zurück, denn der sensationelle Einstieg im Jahr 2023 etabliert die Sentinels unmittelbar als brandgefährliche (und gelungen designte) Gegner der Mutanten, gegen die kein Kraut gewachsen scheint. Die Hoffnungs- und Ausweglosigkeit der Situation in einer bereits weitgehend entvölkerten nahen Zukunft bringen Singer und Kameramann Newton Thomas Sigel ("Drive") durch apokalyptische (CGI-)Bilder sehr eindrucksvoll zur Geltung. Zugleich freut man sich über das Wiedersehen mit alten Bekannten wie Storm (Halle Berry, "Cloud Atlas"), Colossus (Daniel Cudmore, "Twilight"-Reihe), Iceman (Shawn Ashmore, TV-Serie "The Following") oder Kitty Pryde, zusätzlich werden ein paar interessante neue X-Men (Bishop, Blink, Sunspot, Warpath) im Kampfmodus eingeführt. Ohne große Erläuterungen der Geschehnisse nach dem Ende von "Der letzte Widerstand" wird dem Publikum eindrücklich vermittelt, warum die letzten Überlebenden keinen anderen Ausweg sehen als die Verzweiflungstat, Wolverines Bewußtsein in die Vergangenheit zu schicken.

Mit eben diesem Bewußtseins- und Zeitsprung beginnt der lange Mittelteil des Films, der vergleichsweise wenig Actionszenen bietet und sich stattdessen erfreulich stark auf die Story und die Charaktere konzentriert. Daß der "Zeitreisende" Wolverine wieder einmal im Zentrum eines X-Men-Films steht, ist angesichts der generellen Popularität dieser von Hugh Jackman so charismatisch verkörperten Figur nachvollziehbar und sogar storytechnisch begründet (da er quasi unsterblich ist, kann Logan als einziger einen Zeitsprung dieser Ausmaße überleben), auch wenn in der Comicvorlage Kitty Pryde diese Ehre zuteil wurde. Dennoch werden manche Fans nicht ganz so glücklich mit dieser Entscheidung sein, schließlich hat Wolverine schon zwei eigene Spin-Offs erhalten und nahm auch in allen anderen Filmen der Reihe (außer "Erste Entscheidung") eine dominante Rolle ein. Da kann man sich schon mal einen anderen Haupt-Protagonisten wünschen, aber es sollte nunmal nicht so sein – und da Wolverine mit seinem knurrigen Humor immer noch höchst unterhaltsam ist und sich zudem wieder einmal gut in das Ensemble einfügt, kann man objektiv betrachtet auch nicht allzu sehr darüber klagen.

Drehbuch-Autor Simon Kinberg, der bereits Co-Autor des dritten Films war, verdient großes Lob dafür, wie flüssig er die eher als Rahmenhandlung dienende Zukunfts-Storyline mit der zentralen Vergangenheits-Handlung verbindet und dabei immer wieder nostalgische Anspielungen auf die vorangegangenen Filme einflicht. Da schon diese nicht völlig frei von inhaltlichen Widersprüchen waren, kann es durchaus sein, daß es auch hier solche gibt, die dürften dann aber nur echten Kennern störend auffallen. Ein bißchen verrenken muß sich Kinberg allerdings schon, um alle wichtigen Figuren in die Story einzubinden. Gerade der junge Erik, der erst einmal aus einem Gefängnis unterhalb des Pentagon befreit werden muß, hat bei genauerer Betrachtung keine unverzichtbare Rolle beim Versuch inne, Mystique aufzuhalten, vielmehr verkompliziert er – ganz überraschend ... – die Dinge sogar noch. Logan, Charles und Hank alias Beast (Nicholas Hoult, "Jack and the Giants") hätten ihre Mission alleine oder mit der Unterstützung anderer Mutanten sicher leichter über die Bühne bringen können als unter Einbeziehung Eriks. Aber auch hier gilt: Es fällt schwer, dieses kleine erzählerische Manko wirklich zu kritisieren, denn ohne Erik würden dem Film etliche Highlights fehlen. Allen voran natürlich die Schauspielkunst von Michael Fassbender, der bereits in "Erste Entscheidung" beeindruckte, in "Zukunft ist Vergangenheit" aber noch einmal eine Schippe drauflegt und seine weißgott nicht schlecht gespielten Mit-Mutanten in den Schatten stellt. Aber auch den blitzschnellen Quicksilver (Evan Peters aus der TV-Serie "American Horror Story") hätten wir dann nicht kennengelernt und wir hätten nicht gesehen, wie dank Quicksilver in einer höchst vergnüglichen Sequenz Erik aus seinem Hochsicherheitsgefängnis befreit wird. Und die bereits in den Vorgängern faszinierende, wechselhafte Beziehung zwischen Erik und Charles, die bei den jungen Ausgaben der beiden meines Erachtens sogar noch deutlich interessanter ist als bei ihren älteren Versionen und den beiden Figuren (ebenso wie das Ringen um Mystique) mehr Tiefe verleiht, ist eigentlich sowieso unverzichtbar. Also: Wen kümmert's, daß Eriks Rolle in der Geschichte nicht hundertprozentig logisch ist, wenn doch der gesamte Film so deutlich von seiner Anwesenheit profitiert?

Apropos Logik: Noch so eine Sache, die man mit zwiespältigen Gefühlen betrachten kann, ist die "Wiederauferstehung" des alten Professor X, der ja in "Der letzte Widerstand" scheinbar starb. Zwar sah man in der Post-Abspann-Szene dieses Films, daß der Professor doch noch (oder wieder?) lebt, aber eine Erklärung dafür gab es nicht. Auch "Zukunft ist Vergangenheit" liefert keine, sodaß sein Comeback zumindest für diejenigen, die nicht die Comics kennen, ein Mysterium bleibt. Es fehlt einfach ein Film zwischen "Der letzte Widerstand" und "Zukunft ist Vergangenheit" schließlich liegt zwischen den beiden Storys eine Zeitspanne von rund 15 Jahren, die es tatsächlich schwierig macht, eine Erklärung für die Rückkehr des Professors glaubhaft einzuflechten. Warum sollte er (oder ein anderer) auch inmitten der bevorstehenden Ausrottung aller Mutanten in Erinnerungen an ein für die aktuelle Situation völlig unerhebliches Ereignis aus der Vergangenheit schwelgen? Da hätte Autor Kinberg die Handlung sich schon arg verbiegen müssen, um das auch nur ansatzweise schlüssig einzubauen – insofern hielten es wohl alle Beteiligten für die bessere Wahl, die Thematik schlicht zu ignorieren. Vielleicht wird sie ja in einem der kommenden Filme noch einmal aufgegriffen. Wobei die bereits für Mai 2016 angesetzte (und nach dem Abspann mit der fast schon obligatorischen zusätzlichen Szene mysteriös eingeleitete) Fortsetzung mit dem Untertitel "Apocalypse" wohl in den 1980er Jahren spielen soll und somit im Normalfall nur die jungen Mutantenausgaben enthalten sollte.

Irgendeine Verbindung zur Gegenwarts- oder Zukunftsstoryline dürfte es dennoch geben, dafür spricht jedenfalls klar das Ende von "Zukunft ist Vergangenheit", das ich natürlich nicht spoilern werde. Abgesehen davon, daß es nahtlos an den tollen Anfang anknüpft und in einer virtuosen Montage den parallelen Kampf der Mutanten in Vergangenheit und Zukunft gegen die Sentinels zu einem explosiven, aufregenden Showdown führt. Für einen X-Men-Film von Singer ist das in meinen Augen übrigens ein Novum, denn bei "X-Men" und "X-Men 2" konnte das Finale jeweils nicht ganz die sehr hohe Qualität der ersten beiden Filmdrittel halten. Die Spezialeffekte von "Zukunft ist Vergangenheit" sind, wie nicht anders zu erwarten, von hervorragender Qualität, der 3D-Einsatz ist allerdings arg unspektakulär geraten, obwohl es sich zur Abwechslung mal nicht um eine nachträgliche Konvertierung handelt. Die bombastische Soundkulisse (vor allem mit Dolby Atmos) kann dafür beeindrucken, auch der erneut von John Ottman (der übrigens auch den Schnitt des Films verantwortet) komponierte Action-Score ist sehr gelungen – ähnelt den Melodien von "Erste Entscheidung" aber ziemlich.

Ein bißchen schade ist es bei allem Lob aber doch, daß die Vergangenheits- und Zukunfts-Handlungen nicht etwas stärker miteinander verbunden sind. Abgesehen von Logan gibt es kaum Berührungspunkte, weshalb vor allem die "späteren" Mutanten nicht wirklich zu ihrem Recht kommen. Gerade die markanten Neulinge wie der Energie absorbierende Bishop (Omar Sy, "Ziemlich beste Freunde"), die teleportierende Blink (Fan Bingbing, "Wu Ji – Die Meister des Schwertes"), der feurige Sunspot (Adan Canto) oder der übernatürlich starke Warpath (Booboo Stewart, "Twilight"-Reihe) können gar keine eigene Persönlichkeit entwickeln, da sie eigentlich nur in – zweifelsohne eindrucksvollen – Kampfszenen zum Einsatz kommen. Ein bißchen mehr wäre da sicher möglich gewesen, zumal sich speziell Charles' Selbstzweifel im Mittelteil doch etwas in die Länge ziehen (worunter übrigens auch der menschliche Haupt-Antagonist Dr. Trask zu leiden hat, dessen Motivation recht oberflächlich bleibt). Man kann nur hoffen, daß sie in die zukünftigen Filme irgendwie involviert sein werden, da Singer sie trotz der Kürze ihrer Szenen zu spannend in Szene gesetzt hat, als daß er sie nun einfach wieder verschwinden lassen sollte. Dennoch: Angesichts der reinen Anzahl von Mutanten in "Zukunft ist Vergangenheit" hatte ich, wie weiter oben angedeutet, ursprünglich größere Komplikationen befürchtet. Singer und Kinberg gelingt es aber insgesamt gut, die einzelnen Handlungsstränge auszubalancieren und auch den nicht mit den Comics vertrauten Teil des Publikums nicht zu überfordern.

Fazit: "X-Men: Zukunft ist Vergangenheit" ist ein weiterer sehr gelungener Beitrag zur X-Men-Filmreihe, der zwar nicht allen Figuren ganz gerecht werden kann und storytechnisch kleinere Mängel aufweist, aber mit seinen zwei Zeitebenen, furiosen Actionszenen und einer gewohnt starken Besetzung, aus der Michael Fassbender noch hervorsticht, Freunden des Genres viel Freude bereitet.

Wertung: Gut 8 Punkte.


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