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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Mittwoch, 30. Juli 2014

WIE DER WIND SICH HEBT (2013)

Originaltitel: Kaze tachinu
Regie und Drehbuch: Hayao Miyazaki, Musik: Joe Hisaishi
Sprecher der Originalversion (zu den deutschen Sprechern konnte ich keine Informationen finden): Hideaki Anno, Miori Takimoto, Hidetoshi Nishijima, Masahiko Nishimura, Mirai Jita, Keiko Takeshita, Jun Kunimura, Mansai Nomura, Stephen Alpert
 Kaze tachinu
(2013) on IMDb Rotten Tomatoes: 88% (7,9); weltweites Einspielergebnis: $136,5 Mio.
FSK: 6, Dauer: 127 Minuten.

Japan nach dem Ersten Weltkrieg: Schon als Schüler sind Flugzeuge die größte Leidenschaft von Jirō Horikoshi. Schnell weiß er, was er später einmal werden will: Flugzeug-Konstrukteur. Zielstrebig geht er seinen Weg, daß er tatsächlich großes Talent besitzt, ist naturgemäß sehr hilfreich. So landet Jirō nach der Schule auf der Universität in Tokio, mit einem hervorragenden Abschluß ergattert er sogleich eine Anstellung beim Konzern Mitsubishi, wo er seine Kollegen und Vorgesetzten mit seinen innovativen Ideen fasziniert und begeistert. Allerdings geht die Weltwirtschaftskrise auch an Mitsubishi nicht spurlos vorüber, und nach einem gescheiterten Konstruktions-Auftrag für ein neues Kampfflugzeug für die japanische Marine geht der Konzern eine Partnerschaft mit den deutschen Verbündeten ein, die den Japanern technisch um 20 Jahre voraus sind. Jirō, der nach Deutschland geschickt wird, um vor Ort über die Flieger des berühmten Dr. Junkers zu lernen, nutzt die Gelegenheit, um sein Wissen fleißig zu erweitern. Während der Zweite Weltkrieg bereits am Horizont heraufdämmert, entwickelt Jirō während einer Urlaubsreise die Idee zu einem revolutionären Jäger, der unter dem Namen "Zero" in die Militärgeschichte eingehen soll …

Kritik:
Mit seinem vermutlich letzten Film fügt Hayao Miyazaki, der japanische Großmeister der Zeichentrickfilme, seinem beeindruckenden Œuvre noch einmal eine ganz neue Facette hinzu. Weltweit berühmt geworden sind Miyazaki und das von ihm mitgegründete Studio Ghibli ja mit phantastischen Geschichten wie "Chihiros Reise ins Zauberland", "Das Schloß im Himmel" oder "Prinzessin Mononoke", Realismus wurde in seinen Filmen – trotz einer unverkennbaren Symbolik vor allem in Sachen Umgang mit der Natur – selten groß geschrieben. Und nun, im reifen Alter von 73 Jahren, bringt er ein allerdings in weiten Teilen fiktives Zeichentrick-Biopic über einen realen japanischen Flugzeug-Konstrukteur in die Kinos – damit hätte im Vorfeld wohl niemand gerechnet. Dabei hat der erklärte Flugzeug-Fan Miyazaki sogar schon einmal einen leicht ähnlichen Film gedreht, der allerdings zu seinen etwas weniger bekannten Werken zählt: "Porco Rosso". Darin spielt zwar ein von einem Fluch in ein Schwein verwandelter Mann die Hauptrolle, doch ist dieser ein ehemaliger Kampfflieger in der Zeit zwischen den Weltkriegen. "Wie der Wind sich hebt" geht die Flugzeug-Thematik gewissermaßen von der anderen Seite her an – und entpuppt sich als ein weiteres erzählerisches und ganz besonders zeichnerisches Meisterwerk, das dem Schaffenswerk Miyazakis einen ausgesprochen würdigen Schlußpunkt verpaßt (sofern ihn nicht doch wieder die Arbeitswut überkommt, denn er kündigte bereits mehrfach seinen Rückzug an – angesichts seines Alters und der mehrjährigen Produktionszeit eines Zeichentrickfilms von Miyazaki-Qualität könnte er es diesmal aber wirklich durchziehen).

Und natürlich wäre Hayao Miyazaki nicht Hayao Miyazaki, wenn er nicht selbst in einem (lose) auf historischen Fakten basierenden Biopic phantastische Elemente unterbringen würde. Nur geschieht dies hier eben etwas subtiler, am deutlichsten erkennbar ist es – neben einigen Traumsequenzen, in denen der italienische Flugzeug-Pionier Graf Caproni zu Jirōs Mentor wird – daran, daß in der Welt von "Wie der Wind sich hebt" alles zu leben scheint. Wenn die Flugzeuge ihre Propeller starten, geben diese beispielsweise ein Schnaufen und Ächzen von sich, als ob sie menschlich wären; und als ein gewaltiges Erdbeben Tokio und Umgebung verwüstet (das reale Kantō-Erdbeben von 1923, das über 140.000 Menschenleben forderte), dann wird jedes Nachbeben von einem zornigen Grollen wie aus dem Maul eines finsteren Dämons begleitet. Solche Details mögen vernachlässigbar klingen, wenn man nur darüber liest, aber sie verleihen Miyazakis Werk einmal mehr das gewisse Etwas, sie sorgen dafür, daß man selbst die im Kern wahre Lebensgeschichte einer historischen Figur immer klar als Teil von Miyazakis ganz eigener Gedankenwelt identifizieren kann.

Die Melancholie, die die meisten Miyazaki-Filme durchzieht, ist in "Wie der Wind sich hebt" besonders deutlich ausgeprägt. Zwar konzentriert sich der Film stark auf den Protagonisten Jirō, doch die Folgen von Erstem Weltkrieg und Weltwirtschaftskrise sind ebenso stets spürbar wie es der Schatten des aufziehenden Zweiten Weltkrieges ist. Schließlich findet ein Großteil der Handlung während der 1930er Jahre statt, Jirō und sein bester Freund und Kollege Honjō besuchen Deutschland und treffen dort auf Flugzeug-Konstrukteur Dr. Junckers, aber auch bereits auf finstere Nazi-Schergen. Und zurück in der Heimat gerät Jirō gar ins Visier des Staatsschutzes, wahrscheinlich als Folge einer zufälligen Bekanntschaft mit dem offensichtlich regimekritischen Deutschen Castorp – der übrigens abends im Gesellschaftsraum des Hotels am Klavier den deutschen Evergreen "Das gibt's nur einmal" (bekannt gemacht im Jahr 1931 durch Lilian Harvey in dem Film "Der Kongreß tanzt") anstimmt, in den bemerkenswerterweise sämtliche japanischen Gäste lauthals einstimmen. Dennoch ist Jirō im Großen und Ganzen sehr glücklich in seinem Job. Schließlich darf er seinen lebenslangen Traum verwirklichen und Flugzeuge konstruieren und verbessern, von seinen Kollegen – später Untergebenen – und den Vorgesetzten wird er beinahe vorbehaltlos unterstützt. Er weiß, daß seine Erfindungen früher oder später todbringende Verwendung finden werden, und das belastet ihn durchaus. Aber er konzentriert sich einfach auf seine Aufgabe und will nur "etwas Wunderschönes schaffen". Diesem Schaffensprozeß widmet sich "Wie der Wind sich hebt" recht ausführlich, was manche Zuschauer phasenweise langweilen könnte – wiewohl ich klar hervorheben muß, daß ich selbst wirklich nicht die geringste Ahnung von Ingenieurskunst habe und der Handlung trotzdem stets aufmerksam und interessiert gefolgt bin. Tatsächlich halte ich die erste Filmhälfte sogar für die etwas schwungvollere, denn in der zweiten, in der die thematischen Schwerpunkte stärker von Jirōs Arbeit fortverlegt werden, verliert die – passend zum Titel immer mal wieder durch den Wind vorangetriebene – Handlung ein klein wenig an Elan.

So wie das Ende der japanischen Herrlichkeit bereits absehbar ist, so trifft das jedoch auch auf Jirōs privates Glück zu. Zwar verliebt er sich unsterblich in die schöne Naoko Satomi, die seine Gefühle erwidert und ihn heiratet – doch sie leidet an Tuberkulose und ist daher bereits dem Tode geweiht. Hin- und hergerissen zwischen seinem Beruf und seiner Liebe zu Naoko, versucht Jirō verzweifelt, beidem gerecht zu werden. Die Romanze zwischen Jirō und Naoko steht keineswegs im Mittelpunkt von "Wie der Wind sich hebt", so richtig kommt sie sowieso erst in der zweiten Hälfte zum Tragen, doch wie zärtlich Miyazaki das Kennenlernen und Jirōs verzögertes Werben um Naoko erzählt, rührt einem das Herz. Generell wimmelt es nur so vor grundsympathischen Figuren. Ob Jirōs Freund Honjō, sein Vorgesetzter Kurokawa (Typ: raue Schale, weiches Herz), Naokos Eltern, Jirōs freche kleine Schwester Kayo oder der imaginäre Graf Caproni – Miyazaki gelingt es wie kaum einem zweiten, einen interessanten, spannenden und hochgradig unterhaltsamen Film zu drehen, ohne daß dafür echte Antagonisten nötig wären. Angesichts dessen mag man "Wie der Wind sich hebt" vielleicht sogar vorwerfen, daß die Charaktere geradezu unwahrscheinlich nett sind, zumal gerade Protagonist Jirō in einem arg heldenhaften Licht gezeichnet wird. Wenigstens ist er Kettenraucher, ansonsten würde er beinahe übermenschlich wirken …

Was Hayao Miyazakis Filme seit jeher auszeichnet, sind aber nicht nur die intelligenten, phantasievollen Storys und die sympathischen Charaktere, sondern es ist auch der Zeichenstil. "Wie der Wind sich hebt" ist in dieser Hinsicht besonders schön geraten, neben den rasanten Flugmanövern sind vor allem die zahlreichen Naturszenen so traumhaft schön gezeichnet, daß man sie am liebsten Bild für Bild ausschneiden und sich zu Hause an die Wand hängen möchte. Wieder einmal muß ich konstatieren: Da können Pixars ("WALL-E") oder Disneys ("Die Eiskönigin") CGI-Animationsfilme inhaltlich noch so gut sein, die Lebendigkeit, den Charme und die Detailliertheit eines so liebevoll und meisterhaft gezeichneten Films wie "Wie der Wind sich hebt" erreichen sie noch nicht einmal ansatzweise. Passend ergänzt werden die wunderschönen Bilder noch durch Joe Hisaishis gefühlvolle Musik, die die Stimmungen der Hauptfiguren gekonnt widerspiegelt.

Fazit: "Wie der Wind sich hebt" ist ein anspruchsvoller Zeichentrickfilm mit einer erwachsenen, melancholischen Handlung mit Tiefgang, die zwar biopic-typisch eher unspektakulär ausfällt, aber sehr phantasie- und liebevoll erzählt wird und zeichnerisch sensationell gut umgesetzt ist.

Wertung: 8,5 Punkte.


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