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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Freitag, 5. September 2014

CAN A SONG SAVE YOUR LIFE? (2013)

Originaltitel: Begin Again
Regie und Drehbuch: John Carney, Musik: Gregg Alexander
Darsteller: Mark Ruffalo, Keira Knightley, Adam Levine, Hailee Steinfeld, Catherine Keener, James Corden, Yasiin Bey (alias Mos Def), Cee Lo Green, Rob Morrow, Ian Brodski, Shannon Maree Walsh, David Abeles, Harvey Morris, Marco Assante, Jennifer Li
 Begin Again
(2013) on IMDb Rotten Tomatoes: 83% (6,8); weltweites Einspielergebnis: $63,5 Mio.
FSK: 0, Dauer: 104 Minuten.

Dan Mulligan (Mark Ruffalo, "Die Unfaßbaren") hatte gar keinen guten Tag: Der eigenwillige Musikproduzent wurde aus dem Independent-Label, das er einst mitbegründet hatte, mangels Erfolgen sowie Anpassungsfähigkeit an die modernen Anforderungen an das Musikgeschäft im Internet-Zeitalter gefeuert, er ist so gut wie pleite und seine Teenager-Tochter Violet (Hailee Steinfeld, "True Grit") – die Dan seit der Trennung von seiner Frau Miriam (Catherine Keener, "Captain Phillips") nur noch selten sieht – zeigt neuerdings in der Schule mehr Haut als eine durchschnittliche Prostituierte auf dem Straßenstrich. Kein Wunder, daß er sich am Abend kräftig vollaufen läßt und dabei in einer New Yorker Bar mit "Open Mic"-Wettbewerb landet. Gretta (Keira Knightley, "Anna Karenina") hatte keinen guten Tag: Nachdem ihr Musiker-Freund Dave (Maroon 5-Sänger Adam Levine), kaum daß er den Durchbruch zum Rockstar geschafft hat, seine musikalische Integrität aufgegeben und die Songs, die er teils zusammen mit Gretta schrieb, zu pompösem Mainstream-Sound verschlimmbessert hat, mußte sie nun auch noch erfahren, daß er sie mit seiner Betreuerin vom Plattenlabel betrogen hat. Kein Wunder, daß sich Gretta einfach nur in der Wohnung ihres alten Freundes Steve (James Corden, "One Chance"), ebenfalls ein (erfolgloser) Musiker, vergraben und sich selbst bemitleiden will. Doch Steve überredet sie, stattdessen lieber mit zu einer Bar zu kommen, in der es einen "Open Mic"-Wettbewerb gibt. Dort trägt Gretta auf Steves Drängen hin einen von ihr geschriebenen Song vor, der nur zwei der Anwesenden zu begeistern scheint: Steve – und Dan, der Gretta prompt anspricht und mit ihr ein komplettes Album produzieren möchte …

Kritik:
Der neue Musikfilm des irischen "Once"-Regisseurs John Carney hat sich auf Anhieb in meine persönliche Kino-Rekordliste eingetragen. Denn von den Hunderten von Filmen, die ich im Kino gesehen habe, kann ich mich an keinen einzigen erinnern, bei dem der weibliche Anteil am Gesamtpublikum höher gewesen wäre. Der Saal war mit etwa 40 bis 50 Zuschauern ordentlich gefüllt, darunter befanden sich genau fünf Männer – allesamt in weiblicher Begleitung. Die Chancen dürften also nicht schlecht stehen, daß ich sogar der einzige Mann im Saal war, der den Film wirklich sehen wollte (zwar war ich ebenfalls in weiblicher Begleitung, allerdings war in diesem Fall ich die treibende Kraft bei der Filmauswahl). Nun kann ich schlecht behaupten, daß diese eine Vorstellung repräsentativ gewesen wäre, aber man kann wohl davon ausgehen, daß "Can a Song Save Your Life?" generell Frauen stärker anspricht als Männer. Warum das so ist, kann ich mir allerdings nur teilweise erklären. Es geht zwar relativ viel um Gefühle, aber um einen Liebesfilm handelt es sich eindeutig nicht; die Musik im Stil von Maroon 5, den New Radicals (deren Frontmann Gregg Alexander für die eigentliche Filmmusik sowie einige der Songs verantwortlich zeichnet) oder – was Grettas Songs betrifft – Norah Jones kommt mir nicht so vor, als würde sie vor allem Frauen gefallen; und Keira Knightley ist ja im Allgemeinen durchaus ein Grund für Männer, sich einen Film anzuschauen. Wie auch immer, Fakt ist: "Can a Song Save Your Life?" ist ein wunderbarer kleiner Wohlfühlfilm geworden, mit reichlich guter Musik, zwei engagierten, hervorragend miteinander harmonierenden Hauptdarstellern und ein paar Einblicken in die Musikindustrie (die mir etwas naiv vorkommen, aber das können letztlich wohl nur echte Kenner der Szene beurteilen, für das Gelingen des Films ist es so oder so ziemlich unerheblich).

Obwohl der "deutsche" Filmtitel fraglos schöner und poetischer klingt, ist der Originaltitel, unter dem "Can a Song Save Your Life?" im englischsprachigen Raum veröffentlicht wurde, der treffendere: "Begin Again". Denn John Carney erzählt hier tatsächlich die Geschichte eines Neuanfangs … nein, zweier Neuanfänge, um genau zu sein. Dan und Gretta sind beide am Boden, als sie sich in dieser New Yorker Bar kennenlernen. Zusammen beginnen sie noch einmal von vorne, sowohl beruflich als auch privat. Gretta, die eigentlich am Tag nach dem Auftritt in der Bar wieder zurück in ihre britische Heimat reisen will, ist zunächst noch etwas widerspenstig, läßt sich aber doch recht schnell von Dans Begeisterungsfähigkeit anstecken. So entwickelt sich eine enge Freundschaft zwischen den altersmäßig rund 15 Jahre entfernten Leidensgenossen, beide beeinflussen sich gegenseitig positiv. Mit ihrer unbekümmerten Art gelingt es Gretta beispielsweise, Dan und seine Tochter Violet einander wieder näherzubringen, umgekehrt sorgt der Musikproduzent dafür, daß Gretta aufhört, Trübsal zu blasen. Außerdem weiß Dan genau, was nötig ist, um Grettas intime "ein Mädchen mit seiner Gitarre"-Songs radiotauglich zu machen, ohne ihre musikalische Identität aus dem Auge zu verlieren.

Die Szene, in der Carney Dans Talent, gleich beim ersten Hören das gesamte musikalische Potential eines Songs zu erkennen, verbildlicht, ist eines der poetischen Highlights von "Can a Song Save Your Life?". Wir sehen und hören Gretta auf der Bühne spielen, eine eingängige Melodie, ein netter Text, aber Grettas eher spröder, schüchterner Vortrag sorgt dafür, daß der Großteil der Barbesucher nur mit einem halben Ohr hinhört. Nicht so Dan: Als er das Lied hört, gesellt sich zu Stimme und Gitarre schnell ein Cello hinzu, dann eine Geige, Schlagzeug, Baß und so weiter. Da das alles in seiner Vorstellungskraft geschieht, bekommt das Kinopublikum lediglich die einzelnen Instrumente zu Gesicht, die gewissermaßen selbständig Grettas Vortrag begleiten, und so entwickelt sich aus der intimen Singer-Songwriter-Nummer ein fesselnder, potentieller Hit. Diese Beschreibung kann dem Gezeigten gar nicht gerecht werden, aber es handelt sich wirklich um eine phantastische Sequenz.

Ganz allgemein legt John Carney die größte visuelle wie auch erzählerische Tatkraft an den Tag, wenn es um die Musik geht – was zum Glück meistens der Fall ist. Die ersten 20 Minuten, in denen man in Form zweier Rückblicke erfährt, warum Dan und Gretta so einen miesen Tag hatten, sind noch ein kleines bißchen zäh, aber sobald die beiden damit beginnen, ihre Idee zu verwirklichen, ein Album mitten in New York zu produzieren, wird es zunehmend zauberhaft. Durch diesen innovativen Ansatz ist "Can a Song Save Your Life?" gleichzeitig auch ein bißchen eine Liebeserklärung an New York – das mag nicht allzu originell sein, schließlich gibt es davon schon reichlich (man denke nur an die Filmographie von Woody Allen); aber die gefühlvolle, häufig auch humorvolle und vor allem stets durch die richtig gute Musik getriebene Umsetzung ist so charmant, daß man sich kaum dieser Kinomagie entziehen kann. Erfreulich ist auch, daß Carney, was den Handlungsverlauf angeht, weitgehend auf Klischees verzichtet. Es gibt zwar immer wieder Momente, in denen man genau zu wissen glaubt (oder fürchtet), was nun nach Hollywood-Logik passieren muß – doch Carney entzieht sich den Konventionen stets genau im rechten Moment, was der gefühlten Authentizität deutlich entgegenkommt.

Was die Charaktere betrifft, ist das Drehbuch dagegen deutlich konventioneller geraten, aber irgendwie kann man Carney auch dieses kleine Manko nicht übel nehmen. Mögen die integre Künstlerin Gretta, der unkonventionelle Produzent Dan, Grettas knuffig-charmanter Kumpel Steve, ihr Ex-Freund Dave mit den Rockstar-Allüren oder Dans rebellische Tochter Violet auf den ersten Blick auch noch so schablonenhaft daherkommen – Carney hat all diese Figuren mit sichtlicher Zuneigung erschaffen und damit den guten Schauspielern die Grundlage für eine überzeugende Darstellung geliefert. Vor allem Mark Ruffalo und Keira Knightley – die übrigens recht kurzfristig die eigentlich vorgesehene Scarlett Johansson ersetzte – entwickeln innerhalb kürzester Zeit eine beinahe sensationelle Leinwandchemie, die ihre zunächst noch zwischen platonischer Freundschaft, Seelenverwandtschaft und vielleicht doch romantischen Gefühlen schwankende Beziehung absolut glaubwürdig wirken läßt. Und daß Knightley sogar richtig gut singen kann, ist bei einem Musikfilm selbstredend sehr hilfreich. Dabei ist Knightleys Gesang wohlgemerkt nicht unglaubwürdig, durch technische Mittel nachgebessert sensationell, sondern "normal" gut, mit einer schönen, aber nicht übermäßig kraftvollen Stimme, die charmanterweise auch nicht immer jeden Ton perfekt trifft. Und das paßt dann eben wunderbar zum gesamten Film: nicht frei von Fehlern, aber unheimlich sympathisch.

Fazit: "Can a Song Save Your Life?" ist ein unspektakulärer, aber höchst charmanter Musikfilm und zugleich eine einfühlsame Ballade über zwei vom Leben enttäuschte verwandte Seelen, die sich gegenseitig zu einem Neuanfang verhelfen.

Wertung: 8 Punkte.

P.S.: Kuriosum am Rande: Dieser Film ist wieder einmal ein wunderbares Beispiel für den Wahnsinn amerikanischer Altersfreigaben. In Deutschland ist "Can a Song Save Your Life?" logischerweise für alle Zuschauer freigegeben, alles andere wäre auch albern. In den USA hat er jedoch aufgrund einiger (harmloser) Schimpfwörter allen Ernstes ein "R"-Rating (ab 17 Jahre) erhalten und somit eine höhere Altersfreigabe als die meisten aktuellen Action- und Horrorfilme mit teils unzähligen Gewaltopfern. Die spinnen, die Amis …


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