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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Donnerstag, 4. September 2014

GUARDIANS OF THE GALAXY (3D, 2014)

Regie: James Gunn, Drehbuch: Nicole Perlman und James Gunn, Musik: Tyler Bates
Darsteller: Chris Pratt, Zoe Saldana, Bradley Cooper, Dave Bautista, Vin Diesel, Lee Pace, Michael Rooker, Karen Gillan, Glenn Close, John C. Reilly, Benicio del Toro, Alexis Denisof, Christopher Fairbank, Peter Serafinowicz, Ophelia Lovibond, Gregg Henry, Laura Haddock, Wyatt Oleff, Sharif Atkins, Tomas Arana, Sean Gunn, Brendan Fehr, Nathan Fillion, James Gunn, Rob Zombie, Tyler Bates, Seth Green, Lloyd Kaufman, Josh Brolin, Stan Lee
 Guardians of the Galaxy
(2014) on IMDb Rotten Tomatoes: 91% (7,7); weltweites Einspielergebnis: $773,3 Mio.
FSK: 12, Dauer: 121 Minuten.

Irgendwo in den Weiten des Weltalls einigen sich zwei lange verfeindete Völker – Kree und Xandarianer – auf einen Friedensvertrag. Der fundamentalistische Kree Ronan der Ankläger (Lee Pace, "Der Hobbit – Smaugs Einöde") ist damit allerdings überhaupt nicht einverstanden, sein Ziel ist und bleibt es, den Planeten Xandar und all seine Bewohner auszulöschen. Dafür benötigt er ein verschollenes, unvorstellbar mächtiges Artefakt in Form eines Orbs. Auf einem verlassenen Planeten stößt ausgerechnet der als Kind von dem Weltraum-Piratenanführer Yondu Udonta (Michael Rooker, TV-Serie "The Walking Dead") entführte und dann aufgezogene Mensch Peter Quill (Chris Pratt, "Moneyball"), genannt "Star-Lord" (allerdings hauptsächlich von sich selbst), auf diesen Orb. Damit gerät er ins Visier der grünhäutigen, genetisch zu einer lebenden Waffe "verbesserten" Assassinin Gamora (Zoe Saldana, "Star Trek"), die im Auftrag Ronans und dessen noch mächtigeren Verbündeten Thanos (Josh Brolin, "No Country for Old Men") das Artefakt beschaffen soll. Als sie Peter den Orb auf Xandar entwenden will, kommen ihr jedoch zwei merkwürdige Kopfgeldjäger in die Quere, der genetisch manipulierte, intelligente Waschbär Rocket (Bradley Cooper, "Silver Linings") und das stoische Baumwesen Groot (Vin Diesel, "Riddick"). Die Konsequenz des explosiven Zusammentreffens: Alle vier werden von dem auf Xandar heimischen Nova Corps unter Leitung von Rhomann Dey (John C. Reilly, "Ricky Bobby") inhaftiert und in ein vermeintlich ausbruchsicheres Gefängnis im All transportiert – das auch Drax der Zerstörer (Dave Bautista, "The Man with the Iron Fists") beherbergt, einen Muskelprotz ohne jeden Sinn für Humor, der nur noch dafür lebt, sich an Ronan für den Tod seiner geliebten Familie zu rächen …

Kritik:
Nachdem Marvel mit seinem "Avengers"-Filmuniversum ein Franchise erschaffen hat, das sowohl in den Einzelfilmen der Superhelden Iron Man, Thor und Captain America als auch im Zusammenspiel in den "The Avengers"-Eventfilmen hervorragend funktioniert und in dem sich die einzelnen Teile und Figuren sogar noch gegenseitig befruchten, war es nun wieder einmal an der Zeit für etwas Neues (innerhalb des gleichen Filmuniversums, wohlgemerkt). Und mit der Einführung der "Guardians of the Galaxy" bewies Marvel erneut Mut, in mehr als nur einer Hinsicht. Nicht nur, daß die Comic-Vorlage selbst im englischsprachigen Raum weitgehend unbekannt ist – alleine das Figurenensemble mit einem sprechenden Waschbär und einem einsilbigen Baumwesen schien extrem schwer an das zahlungskräftige Blockbuster-Publikum zu vermarkten zu sein. Und daß Marvel dann mit James Gunn auch noch ausgerechnet einen B-Movie-Spezialisten für die Regie dieses Wagnisses anheuern würde, der sich mit ebenso skurrilen wie amüsanten Independent-Produktionen wie "Slither" oder "Super" zwar eine treue Fangemeinde aufgebaut hat, aber null Erfahrungen mit großen Hollywood-Produktionen hatte, hätte wohl niemand erwartet. Doch einmal mehr hat sich Marvels Mut ausgezahlt: Der einst bei der legendären Trashfilm-Schmiede Troma entdeckte James Gunn (er schrieb das Drehbuch zu "Tromeo and Juliet") hat ein unverschämt unterhaltsames Weltraum-Abenteuer für Kinder und Erwachsene geschaffen, eine bunte, selbstironische Kombination aus "Star Wars" und Joss Whedons TV-Serie "Firefly", die sich vor allem durch das perfekt harmonierende Ensemble der fünf "Guardians" eine eigene Identität bewahrt. Dank einer ausgeklügelten Marketingstrategie und sehr positiver Mundpropaganda wurde das mit einem in diesem Ausmaß nie erwarteten kommerziellen Erfolg belohnt.

Das mit Abstand Konventionellste an Gunns "Guardians of the Galaxy" ist der dramaturgische Aufbau. Angesichts der sonstigen Wagnisse wäre es wohl auch zu viel verlangt gewesen von einer $170 Mio. teuren Hollywood-Großproduktion, bei der Handlung allzu viele Konventionen zu durchbrechen. Stattdessen folgt das Grundgerüst der Story von Gunn und seiner Co-Autorin Nicole Perlman weitgehend dem, was man von Filmen dieser Art erwartet: Die Protagonisten werden nach und nach eingeführt, als sie sich erstmals begegnen, kann man kaum erwarten, daß sie jemals so etwas ähnliches wie ein Team bilden werden. Natürlich müssen sie sich wenig später aber doch zähneknirschend zusammenraufen, um aus dem Weltraum-Gefängnis zu entkommen und Bösewicht Ronan zu stoppen. Das ist also alles sehr erwartbar, großartige Überraschungen gibt es in dieser Hinsicht nicht. Glücklicherweise ist Gunn aber klug genug, dafür jede Menge Gags und Besonderheiten in den Details einzubauen, die dafür sorgen, daß man sich nie auch nur ansatzweise langweilt.

Vor allem die Interaktion der fünf unfreiwilligen Helden ist ein steter Quell der Freude. Der großmäulige Peter, der sarkastische Rocket, der stoische Groot, der ironiebefreite Drax und die selbstbewußte Gamora sind solch unterschiedliche Charaktere, daß die ständigen Reibereien unvermeidbar sind – was dank des durchdachten Drehbuches dazu führt, daß sich diese fünf ständig gegenseitig zu neuen humoristischen Höhepunkten treiben. Bemerkenswert und mit "Planet der Affen: Revolution" vergleichbar ist dabei, wie gut die drei menschlichen Charaktere nicht nur untereinander, sondern ebenso mit den computergenerierten Figuren harmonieren. Vor allem Chris Pratt, bislang vor allem als Nebendarsteller tätig, verkörpert seine nonchalante Rolle als Peter dermaßen charismatisch, daß es eine wahre Freude ist. Doch auch Wrestler Dave Bautista zeigt als verbitterter Drax ungeahnte darstellerische Facetten und darf sogar einige der besten (unfreiwilligen) Gags des Films vortragen, was ihm mit überraschend gutem Comedy-Timing gelingt. Was Rocket und Groot betrifft, so bin ich nur etwas enttäuscht, daß in der deutschen Synchronfassung nicht die bewährten Sprecher von Bradley Cooper respektive Vin Diesel zum Einsatz kommen. Bei Groot ist das verschmerzbar, da der sowieso nur die drei Worte "Ich", "bin" und "Groot" kennt (und die in genau einer Reihenfolge, wie Rocket bissig anmerkt); aber daß Rocket in der deutschen Version von Schauspieler Fahri Yardim ("Der Medicus") gesprochen wird, finde ich schon deshalb ärgerlich, weil Bradley Cooper nicht nur der Sprecher der Originalversion ist, sondern auch Rockets Mimik und Gestik nach seinem Vorbild mitgestaltet wurden (auch wenn Gunns Bruder Sean das Haupt-"Double" war). Den meisten Zuschauern wird das vermutlich gar nicht auffallen, da Yardim seine Sache gut macht – aber wenn man um die Hintergründe weiß, dann kann man das schon leicht störend finden. Davon abgesehen bekommt jemand wie George Lucas aber durch die technisch wie inhaltlich hervorragende Umsetzung von Rocket und Groot, die beide für viel Humor sorgen und mit Sicherheit bei Kindern große Begeisterung auslösen, dabei jedoch niemals zu Witzfiguren verkommen, aufgezeigt, wie man es besser macht als es ihm seinerzeit mit dem vielen erwachsenen Zuschauern verhassten Jar Jar Binks in "Star Wars Episode I-III" gelang …

Ein wichtiges Zeichen eines funktionierenden, mit Herz gemachten Films ist es für mich stets, wenn nicht ausschließlich die Hauptfiguren glänzen, sondern auch die Nebenrollen zu ihrem Recht kommen. Denn auch wenn die Protagonisten im Zentrum stehen und dementsprechend am wichtigsten für das Gelingen einer Geschichte sind, sind es doch oft sorgfältig kreierte und besetzte Nebenrollen, die dafür sorgen, daß gerade fiktionale Filme in sich stimmig sind. "Guardians of the Galaxy" macht sich in dieser Hinsicht sogar noch besser als die übrigen Filme aus dem "Avengers"-Filmuniversum. Lediglich Djimon Hounsou ("Eragon") kommt als Ronans Handlanger Korath leider nicht ganz zu seinem Recht, aber ansonsten machen selbst kleine Nebenfiguren wie der Nova Corps-Offizier Denarian Saal (der britische Comedian Peter Serafinowicz) oder der namenlos bleibende "Broker" (Christopher Fairbank, "Jack and the Giants") eine richtig gute Figur und bleiben trotz nur weniger Szenen im Gedächtnis. Für schauspielerische Hochkaräter wie die OSCAR-Gewinnerin Glenn Close ("Eine verhängnisvolle Affäre") als Anführerin des Nova Corps oder Benicio del Toro ("Savages") als geheimnisvoller "Collector" gilt das naturgemäß erst recht, auf Seiten der Bösen machen auch Lee Pace als Ronan und Karen Gillan ("Oculus", TV-Serie "Doctor Who") als Gamoras böse Ziehschwester Nebula eine gute Figur. Zum heimlichen sechsten Hauptdarsteller avanciert allerdings Michael Rooker, der als Peters jähzorniger Entführer-Schrägstrich-Ziehvater Yondu die ambivalenteste Rolle des Films innehat und sie mit der ganzen Badass-Präsenz eines erfahrenen B-Movie-Haudegens ausfüllt. Bitte mehr davon in der Fortsetzung (oder warum nicht gleich in einem eigenen Spin-Off?)!

Was die technische Seite betrifft, braucht man wie fast immer bei Marvel nicht viele Worte zu verlieren: Die Spezialeffekte sind bei ruhigen Szenen ebenso erstklassig wie bei den Action-Sequenzen, die 3D-Umsetzung ist gewohnt unspektakulär, aber sehr solide. James Gunns Inszenierung wirkt nicht nur angesichts der Tatsache, daß ein solch riesiges Budget und eine solche Dominanz von CGI-Spezialeffekten für ihn Neuland bedeuten, bemerkenswert routiniert, zudem hat er ein richtig gutes Händchen für Bildgestaltung, was wiederholt zu ikonischen Gänsehaut-Szenen der Guardians führt (woran Kameramann Ben Davis natürlich auch nicht unbeteiligt ist). Das Design der außerirdischen Welten und Kreaturen ist derweil sehr schön und stimmig geraten, wenngleich diverse popkulturelle Einflüsse offensichtlich sind – "Star Wars" und "Firefly" hatte ich ja bereits als deutlich erkennbare Inspirationsquellen genannt, die Metropole Xandar hat mich an die Citadel aus den "Mass Effect"-Computerspielen erinnert. Bliebe noch die Musik, die für viel Furore gesorgt hat. Damit meine ich nicht die eigentliche Filmmusik von Tyler Bates ("300"), die speziell in den actionreichen Parts gefällt, sich aber insgesamt eher im Hintergrund hält. Nein, die Songauswahl ist das Besondere an "Guardians of the Galaxy". So ungewöhnlich das für einen größtenteils außerhalb der Erde spielenden Science Fiction-Film klingen mag, aber ein wichtiger Teil des Erfolgsrezepts ist ohne Frage der schmissige 1970er- und 1980er Jahre-Soundtrack, der sich daraus ergibt, daß Peter bei seinen Abenteuern ständig auf seinem alten Walkman ein Mixtape mit Songs von David Bowie, 10cc oder Marvin Gaye anhört, das ihm seine Mutter zusammengestellt hat, als er noch ein Kind war. Dieses Mixtape wurde bereits in den Trailern prominent in den Vordergrund gerückt, auch im Film selbst spielt es eine recht große Rolle und sorgt für zahlreiche witzige Szenen. Kein Wunder also, daß der Song-Soundtrack zum Film mit dem Untertitel "Awesome Mix Vol. 1" in den USA sogar die Spitzenposition der Billboard Charts erreichte (Tyler Bates' Score kann man separat kaufen).

Abschließend darf der Hinweis nicht fehlen, daß "Guardians of the Galaxy" natürlich wie alle Marvel-Filme eine zusätzliche Szene nach dem Abspann enthält. Allerdings handelt es sich dieses Mal nicht um die Hinleitung auf einen kommenden Film, sondern im Grunde genommen einfach nur um einen zusätzlichen, recht albernen Gag (den in Deutschland vermutlich viele gar nicht richtig verstehen werden), also: Bitte nicht zu viel erwarten!

Fazit: "Guardians of the Galaxy" ist ein erfrischend unkonventionelles Weltraum-Märchen mit hohem Humoranteil, das zwar dramaturgisch auf altbekannten Pfaden wandelt, dafür aber mit einem hochklassigen und extrem sympathischen Schauspieler-Ensemble, gewitzten Dialogen und jeder Menge Herz begeistert.

Wertung: 8,5 Punkte.


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