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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Freitag, 28. November 2014

THE VOICES (2014)

Regie: Marjane Satrapi, Drehbuch: Michael R. Perry, Musik: Olivier Bernet
Darsteller: Ryan Reynolds, Anna Kendrick, Gemma Arterton, Jacki Weaver, Ella Smith, Paul Brightwell, Adi Shankar, Valerie Koch
 The Voices
(2014) on IMDb Rotten Tomatoes: 74% (6,5); weltweites Einspielergebnis: $2,1 Mio.
FSK: 16, Dauer: 109 Minuten.

Jerry (Ryan Reynolds) ist ein netter, aber etwas einfältiger Fabrikarbeiter, der seine schöne Arbeitskollegin Fiona (Gemma Arterton, "Prince of Persia") bewundert. Allerdings spielt er bei weitem nicht in der Liga der selbstbewußten, feierlustigen Britin – und daß stattdessen deren süße Freundin Lisa (Anna Kendrick, "50/50") sehr an Jerry interessiert ist, bemerkt er gar nicht erst. Allerdings muß man Jerry zugestehen, daß er durchaus andere Probleme hat, die ihn schon mal vom Wesentlichen ablenken können. In erster Linie gehört dazu die verstörende Tatsache, daß seine beiden Haustiere mit ihm sprechen! Die Katze Mr. Whiskers versucht hartnäckig, Jerry davon zu überzeugen, daß er als Serienkiller besser dran wäre; der gutmütige Hund Bosco argumentiert dagegen, daß Jerry ein guter Mensch sei und sich das nicht von Mr. Whiskers ausreden lassen solle. Anfangs hört Jerry noch auf Bosco – doch dann geschieht ein tragischer Unglücksfall, der alles verändert …

Kritik:
Marjane Satrapi ist ohne Zweifel eine faszinierende Frau. Aufgewachsen im Iran zur Zeit der Islamischen Revolution bekam sie sowohl noch den Protz und die Verschwendungssucht des westllich orientierten Schahs mit als auch anschließend die unerbittliche religiöse Strenge und Heuchelei der frühen Islamischen Republik, in der man als westlich orientierte Frau schwerlich glücklich werden konnte. Nachdem ihre Eltern sie mit 15 nach Österreich schickten, damit der unangepaßte, eigenwillige und sture Teenager nicht verhängnisvoll mit den Religionswächtern im Iran aneinandergeraten konnte, kehrte sie später vorübergehend zum Kunststudium nach Teheran zurück. 1994 wanderte die 25-Jährige dann endgültig nach Frankreich aus, wo sie ihre Erfahrungen in der gefeierten, dabei ebenso kritischen wie selbstironischen Graphic Novel "Persepolis" verarbeitete. Weltweit bekannt wurde Satrapi im Jahr 2007, als sie selbst als Co-Regisseurin "Persepolis" in karg animierter Form verfilmte und dafür eine verdiente OSCAR-Nominierung erhielt. Ihr zweiter Film war 2011 die weniger beachtete Tragikomödie "Huhn mit Pflaumen", nach dem Low Budget-Experiment "La bande des Jotas" (2012) bringt sie nun mit der schwarzen Killer-Komödie "The Voices" ihren dritten Spielfilm in die Kinos. Obwohl erstmals nicht selbst am Drehbuch beteiligt, hat Satrapi ihren Sinn für bitterbösen, absurden Humor ebenso beibehalten wie ihr stilistisches und erzählerisches Geschick. Beim Fantasy Filmfest 2014 war "The Voices" jedenfalls einer meiner absoluten Favoriten.

Filme, die zwei ziemlich unterschiedliche Hälften präsentieren, haben es bei den Zuschauern meist schwer. Diejenigen, die von der ersten Hälfte begeistert waren, fragen sich in der zweiten, warum zum Teufel denn nun alles anders gemacht werden muß. Und jene, die sich an der zweiten Hälfte ergötzen, ärgern sich darüber, daß sie zuerst einen für ihre Begriffe mäßigen Beginn durchstehen mußten, ehe es so richtig gut wird. Speziell im Horrorgenre sind solche Beschwerden in den letzten Jahren häufiger vorgekommen, beste Beispiele dafür sind Drew Goddards clever-verspielte Genre-Dekonstruktion "The Cabin in the Woods" und James Wans anfangs altmodischer, dann überraschend kreativer Gruselfilm "Insidious". Bei "The Voices" sieht es ähnlich aus, und in der Tat waren im Umfeld des Fantasy Filmfests neben zahlreichen positiven Stimmen auch solche zu vernehmen, die meist die zweite Hälfte deutlich schwächer fanden. Dabei vereint der in den Babelsberger Filmstudios gedrehte "The Voices" Elemente zahlreicher Genres in sich, doch der tonale und inhaltliche Bruch in der Mitte des Films ist tatsächlich unverkennbar.

Wo zunächst vor allem durch die sprechenden Tiere die Comedy dominiert sowie durch Jerrys Versuche, bei der holden Weiblichkeit zu landen, die Romantik, wird die Geschichte in der zweiten Hälfte immer ernsthafter und entwickelt sich zu einem intensiven Charakterdrama eines psychisch Kranken mit Psychothriller-Zügen á la "Henry: Portrait of a Serial Killer". Daß diesen Wechsel von (trotz mehrerer blutiger Morde und tragischer Unglücksfälle) mehr oder weniger unbeschwerter Unterhaltung zu bitterer Charakterstudie nicht jeder Zuschauer goutiert, ist nachvollziehbar. Vor allem dank Ryan Reynolds' starker Leistung in der Hauptrolle funktioniert das Gesamtwerk "The Voices" meiner Meinung nach jedoch ausgezeichnet. Eigentlich war ich nie ein großer Fan von Reynolds; natürlich, der Kanadier hat schon zuvor gute Leistungen gezeigt, etwa in "Buried", in "Adventureland" oder auch an der Seite von Sandra Bullock in "Selbst ist die Braut". Aber irgendwie hatte er sehr oft das Pech, in Filmen mitzuwirken, die (ohne seine Schuld) viel schlechter ausfielen als man das erwartet hatte – erinnert sei nur an "Blade: Trinity", "Amityville Horror", "X-Men Origins: Wolverine" oder "Green Lantern". Unter der Leitung von Marjane Satrapi kann er hier aber endlich wieder einmal zeigen, was er alles drauf hat. Und das beschränkt sich nicht nur auf seine gekonnt zwiespältige Darstellung des absolut gutmeinenden, aber zunehmend vollkommen aus der Spur geratenden Jerry; nein, fast noch mehr begeistert hat er mich als Sprecher sämtlicher Tiere in "The Voices" (was man natürlich nur bei der Originalfassung bewundern kann).

Im Zentrum stehen dabei die stets sarkastische, mit schottischem Akzent sprechende Katze Mr. Whiskers und der eigentlich stärker Jerrys Wesen entsprechende gutmütige Hund Bosco, die wie Teufel und Engel auf Jerrys Schultern sind. Um ehrlich zu sein: Während des Films habe ich mich immer wieder gefragt, wer eigentlich die hervorragenden Sprecher der Tiere sind – als ich dann im Abspann die Antwort darauf erhielt, war ich ziemlich perplex, denn ich wäre nie auf die Idee gekommen, daß die so unterschiedlich klingenden Tiere alle von einer einzigen Person eingesprochen wurden. Aber natürlich ergibt es absolut Sinn, da ja letztlich alles Jerrys Einbildung entspringt (das ist kein wirklicher Spoiler). Da kann ich nur sagen: Chapeau, Mr. Reynolds! Dank eines mit viel Wortwitz ausgestatteten Skripts – das 2010 in die Black List der besten noch nicht produzierten Drehbücher gewählt wurde – von TV-Veteran Michael R. Perry ("Millennium", "Dead Zone", "The Guardian") ist Jerrys Kommunikation mit seinen Haustieren extrem witzig mitanzusehen (und eben auch -hören). Nicht weniger spaßig sind die Szenen mit menschlicher Beteiligung, was an den mit Reynolds hervorragend harmonierenden Gemma Arterton und Anna Kendrick liegt. Arterton zählt schon lange zu meinen Favoritinnen; hier spielt sie zwar nur eine Nebenrolle, die hat es aber in sich. Mehr zu tun bekommt Anna Kendrick – die "Pitch Perfect"-Darstellerin scheint besonders gerne für Rollen zuzusagen, in denen sie singen darf, wozu sie auch in "The Voices" Gelegenheit bekommt. Davon abgesehen überzeugt sie aber einmal mehr vor allem mit ihrer charmanten, natürlichen Liebenswürdigkeit. Niemand könnte je auf die Idee kommen, Anna Kendrick respektive Lisa umzubringen! Oder doch?

Bei allem Humor der ersten Stunde kommt der Stimmungsumschwung in der zweiten Hälfte jedoch keineswegs aus dem Nichts. Denn von Anfang an schwingt selbst bei den witzigsten Szenen stets eine gewisse Melancholie mit, die einen früh ahnen läßt, daß diese Erzählung nicht mit einem traditionellen Happy End schließen wird. Dabei ist die Geschichte dieses Serienkillers wider Willen auch psychologisch absolut stimmig. Jerrys Tragik ist: Er fühlt sich nur dann gut und geliebt, wenn er die ihm von seiner Psychiaterin Dr. Warren (Jacki Weaver, "Silver Linings") verschriebenen Medikamente gegen seine Krankheit nicht nimmt. Wenn er sie doch wieder einnimmt, erkennt er, welch schreckliche Dinge er getan hat, außerdem vermißt er die Unterhaltung mit seinen tierischen Freunden – also setzt er die Pillen wieder ab. Das ist vollkommen logisch und nachvollziehbar, zeitigt aber natürlich katastrophale Auswirkungen. Extrem tief greift diese Charakterstudie dann zwar doch nicht, weil die auch in einer innovativen Bildsprache zum Ausdruck kommenden Comedy-Anteile niemals ganz vernachlässigt werden – doch unter die Haut geht die Geschichte des armen Jerry zweifellos. Und wem das tatsächlich zu sehr die gute Laune vom Filmbeginn verhagelt, der wird zumindest noch durch eine der witzigsten Abspann-Sequenzen überhaupt versöhnt. Darin geschieht zwar streng genommen nichts Spektakuläres; aber wie es geschieht, ist einfach eine große Freude, weil sämtliche Darsteller – allen voran Reynolds – alle Hemmungen fallen lassen.

Fazit: "The Voices" ist ein (buchstäblich) kunterbunter Mischmasch aus Komödie, Romanze, Horrorfilm und dramatischer Charakterstudie, der dank eines intelligenten und gut durchdachten Drehbuchs sowie einer sehr spielfreudigen, von einem entfesselt aufspielenden Ryan Reynolds angeführten Besetzung überraschend gut funktioniert – auch wenn die teilweise recht abrupten Stimmungswechsel nicht jedem Zuschauer gefallen werden.

Wertung: 8 Punkte.


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