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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Donnerstag, 2. April 2015

CINDERELLA (2015)

Regie: Sir Kenneth Branagh, Drehbuch: Chris Weitz, Musik: Patrick Doyle
Darsteller: Lily James, Cate Blanchett, Richard Madden, Sir Derek Jacobi, Stellan Skarsgård, Helena Bonham Carter, Nonso Anozie, Holliday Grainger, Sophie McShera, Jana Perez, Eloise Webb, Ben Chaplin, Hayley Atwell
 Cinderella
(2015) on IMDb Rotten Tomatoes: 83% (7,1); weltweites Einspielergebnis: $543,5 Mio.
FSK: 0, Dauer: 105 Minuten.

Das heile Familienglück der kleinen Ella (Eloise Webb) wird durch den krankheitsbedingten Tod ihrer Mutter (Hayley Atwell, "Captain America") jäh beendet. Während sie den Wunsch ihrer Mutter zu erfüllen versucht, weiterhin stets optimistisch zu sein und das Leben zu genießen, fällt das ihrem Vater (Ben Chaplin, "Mord nach Plan"), einem häufig im Land umherreisenden Kaufmann, viel schwerer. Als er unterwegs die elegante Witwe Lady Tremaine (Cate Blanchett, "Die Tiefseetaucher") kennenlernt, entschließt er sich, sie zu heiraten. Die inzwischen zu einer jungen Frau gereifte Ella (Lily James) hat nichts dagegen einzuwenden, sie wünscht sich nur, daß ihr Vater wieder glücklich ist. Dafür kann sie auch mit der kühlen neuen Stiefmutter und deren nervtötenden Töchtern Anastasia (Holliday Grainger, "Jane Eyre") und Drisella (Sophie McShera, TV-Serie "Downton Abbey") leben. Doch als auch ihr Vater stirbt und die verbleibende Familie in finanzielle Nöte gerät, wird der braven Ella das Leben zur Hölle gemacht: Während Lady Tremaine und ihre Töchter dem Nichtstun frönen, muß Ella nach der zwangsläufigen Entlassung sämtlicher Bediensteten rund um die Uhr arbeiten und ihre undankbar-gehässigen Stiefverwandten bedienen. Für einen Lichtblick sorgt nur die Begegnung mit einem charmanten Fremden im Wald, der sich später als Prinz Charming (Richard Madden, TV-Serie "Game of Thrones"), von seinen Freunden nur "Kit" genannt, herausstellt. Der Kronprinz wird von seinem greisen Vater (Sir Derek Jacobi, "Anonymus") und dem Großherzog (Stellan Skarsgård, "King Arthur") dazu gedrängt, eine strategische und für das kleine Königreich militärisch vorteilhafte Vernunftehe einzugehen – doch Kit setzt seinen Willen durch, seine künftige Braut aus den Gästen eines Balls im Schloß auszusuchen, zu dem auch alle jungen Damen des Königreichs eingeladen sind …

Kritik:
Disney hat seit einigen Jahren in Märchen respektive märchenhaften Geschichten eine wahre Goldgrube entdeckt. Da man die meisten früher sowieso schon als Zeichentrickfilme adaptiert hat, die sich (vor allem in Nordamerika) größtenteils im Lauf der Jahrzehnte als Klassiker des Familienkinos etabliert haben, steht sowieso reichlich Material zur Verfügung, aus dem man schöpfen kann. Den Anfang der aktuellen Welle machte 2010 Tim Burtons 3D-Spektakel "Alice im Wunderland", das – zu Beginn des globalen 3D-Hypes – trotz mauer Qualität über eine Milliarde US-Dollar weltweit einspielte; es folgten Sam Raimis "Die fantastische Welt von Oz" und Robert Strombergs "Maleficent", die zwar kommerziell nicht an den gigantischen "Alice im Wunderland"-Erfolg heranreichten, aber dennoch ausgesprochen profitabel waren. Abgesehen vom finanziellen Erfolg eint die drei Werke so einiges: Sie thematisieren die zugrundeliegenden Geschichten ziemlich frei ("Die fantastische Welt von Oz" ist ein Prequel zum "Zauberer von Oz", "Maleficent" erzählt die Dornröschen-Story aus Sicht der bösen Fee), setzen dabei primär auf visuelles Spektakel und zugkräftige Stars in den Hauptrollen – und ernteten überwiegend mittelmäßige Kritiken. Das einzige, was "Cinderella" mit seinen Vorläufern gemein hat, ist der Erfolg an den Kinokassen. Davon abgesehen könnten die Filme nicht viel unterschiedlicher sein: So hat "Cinderella"-Regisseur und Shakespeare-Experte Sir Kenneth Branagh ("Thor") bewußt auf eine 3D-Version verzichtet, er hat mit Cate Blanchett nur einen Star besetzt (und das auch nur in einer Nebenrolle), er hält sich eng an das vertraute Märchen vom Aschenputtel – und sein Film ist richtig, richtig gut geworden!

Zugegeben, einigen Zuschauern und auch manchen Kritikern ist Branaghs "Cinderella" sogar zu konventionell geraten. Das ist eigentlich kein Wunder, denn wenn Hollywood sein Publikum über Jahre hinweg dazu erzieht, von seinen Filmen immer mehr Spektakel und immer weniger traditionelle Erzählkünste zu erwarten, dann diese Erwartungshaltung mit einer unverhofften Rückkehr zu alten Tugenden schon mal enttäuscht werden. Und wer sich von dieser neuen "Cinderella" frische Ansätze erwartet irgendetwas, das man noch nicht aus den unzähligen früheren Interpretationen des vor allem bei Mädchen sehr beliebten Märchens kennt , der wird zwangsläufig enttäuscht werden. Zumal den meisten europäischen Zuschauern die einzige nennenswerte inhaltliche Abweichung von Disneys Zeichentrick-"Aschenputtel" aus dem Jahr 1950 bekannt vorkommen dürfte; denn daß Ella ihren Traumprinzen bereits vor dem königlichen Ball zufällig im Wald trifft, das hat schon der tschechoslowakische Weihnachts-Klassiker "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" 1973 so gehandhabt. Nein, Sir Kenneth Branaghs "Cinderella" ist nicht neu, nicht actionreich und auch nicht spektakulär – abgesehen davon, daß der Film trotzdem oder gerade deshalb so gut ist.

Manchmal ist die Besinnung auf den Kern einer Geschichte eben doch eine richtig gute Idee, und die Konsequenz, mit der Branagh auf die inhaltlichen und stilistischen Tendenzen der Märchen-Adaptionen der letzten Jahre pfeift, ist schlicht bewundernswert. Seine "Cinderella" bezaubert, weil sie eine simple Story erzählt, ohne sie großartig auszuschmücken, aber dafür mit einer Hingabe und gefühlvollen Ernsthaftigkeit, daß es eine wahre Freude ist. Entscheidend für das Gelingen des Films ist natürlich auch die Besetzung. Cate Blanchett mag der einzige Star sein und als böse Stiefmutter in der Tat eine hervorragende Leistung abliefern (die ein wenig an ihre OSCAR-prämierte "Blue Jasmine"-Performance erinnert), aber auch sie fügt sich nahtlos in ein perfekt zusammengestelltes Ensemble ein, ohne sich jemals in den Vordergrund zu drängen. Getragen wird der Film jedoch von der wunderbaren Hauptdarstellerin Lily James. Die bislang eigentlich nur aus ihrer Nebenrolle im TV-Hit "Downton Abbey" bekannte junge Engländerin ist nicht nur (auf eine erfrischend unaufdringliche Art und Weise) schön, sondern auch sehr charmant, die beinahe naive Liebenswürdigkeit und Freundlichkeit der von so vielen Schicksalsschlägen getroffenen Ella bringt sie perfekt zur Geltung, ohne dabei unnatürlich oder gar nervend perfekt zu wirken. Man kann gut nachvollziehen, daß Lady Tremaine dieses brave junge Mädchen als Konkurrentin in mehrfacher Hinsicht betrachtet und sie deshalb klein halten will – somit sorgt nicht nur Blanchetts Leistung dafür, daß diese Version der bösen Stiefmutter viel glaubwürdiger rüberkommt als in den meisten anderen Aschenputtel-Adaptionen (in denen sie eher wie eine Karikatur wirkt), sondern auch James' umwerfend gutherzige Ausstrahlung. Dank Branaghs umsichtiger Inszenierung und des Drehbuchs von Chris Weitz ("Der goldene Kompaß") kommt übrigens auch der von Richard Madden charmant verkörperte Prinz besser weg, als es sonst oft der Fall ist. Zwar hat der Prinz auch in dieser "Cinderella" nicht wirklich viel zu tun, aber Weitz gönnt ihm genügend kleine, gut geschriebene Szenen, um ein eigenes Profil entwickeln zu können und nicht einfach nur die Personifikation des Traumprinzen zu sein, der in den Märchen selten mehr als eine reine Symbolfigur ist. Schlechter kommen dagegen Ellas Stiefschwestern weg, die in der Tat kaum mehr als buchstäblich lachhafte nervige Gören sind – vor allem bei der von mir sehr geschätzten Holliday Grainger ist das eine ziemliche Verschwendung ihres Talents. Streng genommen kann man das Gleiche über Helena Bonham Carter sagen, die nur einen kurzen Auftritt als exzentrische gute Fee hat – allerdings bringt sie ihre wenigen Szenen so leidenschaftlich und spielfreudig über die Bühne, daß man sie dennoch gut in Erinnerung behält.

Ein nicht zu unterschätzender Erfolgsfaktor des Films ist neben der sorgsamen Inszenierung, der tollen Besetzung und der gefühlvollen Figurenzeichnung die Optik. Zwar wartet "Cinderella", wie erwähnt, nicht mit spektakulären Spezialeffekten auf – selbst die Magie der guten Fee wirkt irgendwie "Retro", aber auf eine sehr charmante Weise –, dafür hat man umso mehr Mühe in die Kostüme und Kulissen gesteckt. Als typischer Mann interessiere ich mich nicht wirklich für Mode und habe auch wenig Ahnung davon, doch selbst ich war beeindruckt von der Schönheit der Kostüme und der Opulenz der Schauplätze. Das alles kulminiert natürlich in der zentralen Ballszene im königlichen Schloß, und die ist schlicht und ergreifend ein wahrer Augenschmaus – zudem höchst effektiv (und ein wenig an die Ballszene in Joe Wrights "Anna Karenina" erinnernd) in Szene gesetzt von Regisseur Branagh, der im Zusammenspiel mit Kameramann Haris Zambarloukos ("Jack Ryan: Shadow Recruit") und Komponist Patrick Doyle ("Planet der Affen: Prevolution") wirklich alles gibt, um dem Publikum eine traumhafte Szenerie zu bieten. Das Resultat ist, wie der gesamte Film, pure Kinomagie.

Fazit: "Cinderella" ist seit langem wieder einmal eine Märchenverfilmung, die es wagt, die vertraute Geschichte weitgehend schnörkellos und im besten Sinne altmodisch zu erzählen – das funktioniert ganz wunderbar, was der inspirierten Besetzung ebenso geschuldet ist wie den spektakulären Kostümen und Kulissen sowie der gefühlvollen Inszenierung. Unter dem Strich die bislang schönste Märchenverfilmung, die ich im Kino genießen durfte!

Wertung: 9 Punkte.

DIE EISKÖNIGIN PARTY-FIEBER:
Als Vorfilm gibt es eine siebenminütige "Die Eiskönigin"-Fortsetzung, in der Ella ihrer kleinen Schwester Anna einen perfekten Geburtstag bereiten will, durch eine aufziehende Erkältung – bei einer Eiskönigin keine ganz ungefährliche Sache – aber einen Strich durch die Rechnung gemacht bekommt. Die vorhersehbare Geschichte ist gewohnt charmant erzählt und wartet mit einem schönen neuen Song auf. Abzüge gibt es jedoch für die deutsche Synchronfassung, die mit den üblichen Problemen eingedeutscher Songs in Filmen aufwartet: Lippensynchronität ist nur bedingt gegeben, die Reime sind teilweise hörbar erzwungen, außerdem stört (mich) immer noch, daß die Hauptfiguren unterschiedliche Stimmen für Dialoge und Gesang haben. Davon abgesehen ist "Frozen Fever" jedoch ein gelungener Vorfilm.
Wertung: 7 Punkte für die deutsche Fassung (die Originalfassung würde vermutlich 8 Punkte erhalten).


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