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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

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Mittwoch, 9. Dezember 2015

DER MARSIANER – RETTET MARK WATNEY (3D, 2015)

Originaltitel: The Martian
Regie: Sir Ridley Scott, Drehbuch: Drew Goddard, Musik: Harry Gregson-Williams
Darsteller: Matt Damon, Jessica Chastain, Chiwetel Ejiofor, Jeff Daniels, Sean Bean, Kristen Wiig, Michael Peña, Kate Mara, Sebastian Stan, Aksel Hennie, Benedict Wong, Mackenzie Davis, Donald Glover, Shu Chen, Eddy Ko
 Der Marsianer - Rettet Mark Watney
(2015) on IMDb Rotten Tomatoes: 91% (7,8); weltweites Einspielergebnis: $630,2 Mio.
FSK: 12, Dauer: 144 Minuten.

In den 2030er Jahren gelingt der Menschheit die erste bemannte Landung auf dem Mars. Der Botaniker Mark Watney (Matt Damon, "Der Informant!") ist Teil der von Commander Melissa Lewis (Jessica Chastain, "Zero Dark Thirty") geleiteten dritten Mars-Mission namens "Ares 3", die allerdings in einen gewaltigen Sandsturm gerät und den Aufenthalt auf dem Roten Planeten deshalb vorzeitig abbrechen muß. Bei der Evakuierung wird Watney von einem Trümmerteil getroffen, der Funkkontakt bricht ab und die Biodaten seines Schutzanzuges vermelden seinen Tod. Schweren Herzens verläßt die restliche Crew den Planeten und tritt gedrückter Stimmung die lange Rückreise zur Erde an. Was sie nicht ahnen: Mark Watney lebt noch! Besagtes Trümmerteil beförderte ihn lediglich in die Bewußtlosigkeit und zerstörte den in seinen Anzug eingebauten Computer. Dummerweise hat Watney keine Möglichkeit, Kontakt zur Crew oder zur Erde aufzunehmen, wo NASA-Chef Teddy Sanders ("Steve Jobs") und die Missionsleiter Vincent Kapoor (Chiwetel Ejiofor, "12 Years a Slave") und Mitch Henderson (Sean Bean, "Silent Hill") mit dem Krisenmanagement beschäftigt sind. Allerdings hat zu Watneys großem Glück die Missionsbasis mit Vorräten und Werkzeugen den Sandsturm überstanden; und da Watney Botaniker ist, hat er schnell eine Idee, wie er den Nahrungsvorrat so sehr erweitern kann, daß er eventuell bis zur Landung der nächsten Marsmission in vier Jahren überlebt – oder bis er der NASA doch irgendwie signalisieren kann, daß er noch am Leben ist …

Kritik:
Das Weltall läßt Sir Ridley Scott scheinbar nicht los. Mit "Alien" startete der Brite 1979 seine Weltkarriere, 2012 kehrte er mit dem Prequel "Prometheus" zur SF-Horror-Kultreihe zurück. Derzeit arbeitet er bereits an einer Fortsetzung und spricht sogar von weiteren "Alien"-Prequels. Und zwischendurch hat er auch noch "Der Marsianer – Rettet Mark Watney" verwirklicht, die Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Andy Weir. Allerdings hat "Der Marsianer" nur sehr wenig zu tun mit den "Alien"-Filmen (abgesehen davon, daß die ersten Szenen auf dem Mars doch ein wenig an die Landung der Nostromo auf dem Mond LV-426 erinnern und ich sogar in Harry Gregson-Williams' Musik eine ganz kurze "Alien"-Anspielung gehört zu haben glaube), denn hier herrscht mehr Science als Fiction und – ähem, Spoiler? – Außerirdische gibt es auch nicht. Langweilig wird es deshalb aber nicht, dafür sorgt der vom Unglück verfolgte Watney als eine Art Weltraum-MacGyver, der im Zweifelsfall auch mal aus einer Anstecknadel und einem Papiertaschentuch eine Raumkapsel bastelt. Naja, nicht wirklich, aber Watneys Einfallsreichtum beim Einsatz der sehr knappen ihm zur Verfügung stehenden Mittel ist definitiv bemerkens- und bestaunenswert. Und er trägt dazu bei, daß "Der Marsianer" nicht irgendein Blockbuster ist, sondern ein ziemlich intelligenter Blockbuster mit Herz und Humor.

Matt Damon – der übrigens erstaunlicherweise gegen Ende abgemagert und mit wirrem Bart ein bißchen aussieht wie Leonardo DiCaprio! – ist die Idealbesetzung für Mark Watney, denn es gelingt ihm problemlos, den Astronauten-Botaniker innerhalb kürzester Zeit zu einem echten Sympathieträger und gleichzeitig zu einer Identifikationsfigur zu machen, mit der man gerne mitfiebert und mitleidet. Das ist auch oder vielleicht sogar primär seinem sehr trockenen und scheinbar unerschütterlichen Humor geschuldet, der dafür sorgt, daß "Der Marsianer" weitaus humorvoller geraten ist als viele andere Überlebenskampf-Abenteuer auf der großen Leinwand. Watney kommentiert so ziemlich alles, was ihm widerfährt und was er selbst unternimmt, mit treffsicherer (Selbst-)Ironie, in den Videotagebüchern, die er fortwährend aufnimmt, erweist er sich manchmal fast schon als Komiker. Beispielsweise lästert er immer wieder ausgiebig über die aus seiner Sicht schreckliche 1970er Jahre-Disco-Playlist von Commander Lewis, die die einzige Musik ist, die von der abgebrochenen Mission zurückgelassen wurde – und die Ridley Scott zielgenau einsetzt, um amüsante Kontrapunkte zu Watneys Überlebenskampf zu setzen und die eigentlich so bedrohliche Situation aufzulockern (was ein wenig an die Funktion von Star-Lords 1980er Jahre-Mixtape in Marvels "Guardians of the Galaxy" erinnert). Es ist einfach zu schön, wenn Watney bei den bestenfalls monotonen, schlimmstenfalls lebensgefährlichen MacGyver-Aktionen von Donna Summers "Hot Stuff" oder ABBAs "Waterloo" begleitet wird – fehlt eigentlich nur "Stayin' Alive" von den Bee Gees, aber das war Scott textlich wohl doch zu offensichtlich; immerhin läuft während des Abspanns der ebenso passende Disco-Klassiker "I Will Survive" von Gloria Gaynor …

Obwohl Matt Damon als Mark Watney also die unbestrittene Hauptfigur von "Der Marsianer" ist, hat Ridley Scott zugleich einen richtig guten Ensemble-Film geschaffen. Vor allem die Zeit während Watneys Bewußtlosigkeit, nachdem er von dem Trümmerteil getroffen wurde, nutzt der erfahrene Regisseur, um die zahlreichen weiteren wichtigen Figuren der Handlung und ihr Zusammenspiel zu etablieren. Und das gelingt ihm ausgezeichnet. Selbstverständlich kann bei einem Ensemble, das annähernd ein Dutzend Männer und Frauen mit erheblicher Bedeutung für die Geschichte umfaßt (aber erfrischenderweise keinen Bösewicht), keine ausführliche und vielschichtige Charakterisierung erwartet werden – die bleibt denn auch weitestgehend Mark Watney vorbehalten. Doch Scott schafft es, die anderen Personen selbst mit vergleichsweise wenigen Szenen so einprägsam zu gestalten, daß sie echtes Format gewinnen und man sie auch nicht mit anderen Nebenfiguren verwechselt. Die bis in kleinste Nebenrollen hervorragende Besetzung ist da natürlich hilfreich. So wird die bisher noch nicht namentlich erwähnte Ares 3-Crew von Michael Peña ("Ant-Man"), Kate Mara ("Fantastic Four"), Sebastian Stan ("Captain America 2") und Aksel Hennie ("Hercules") gut verkörpert, während in der NASA-Zentrale Jeff Daniels, Chiwetel Ejiofor, Sean Bean und Kristen Wiig ("Brautalarm") zur Geltung kommen. Das ist kein Vergleich etwa zu Ron Howards "Im Herzen der See", einem anderen Survival-Abenteuerfilm, den ich kurz nach "Der Marsianer" gesehen habe und in dem dem Publikum selbst die beiden zentralen Figuren fremder bleiben als hier Charaktere mit nur zwei oder drei Szenen im gesamten Film! Und da das Drehbuch von "The Cabin in the Woods"-Macher Drew Goddard diese exzellenten Schauspieler mit pointiert geschriebenen, stets unterhaltsamen Dialogen versorgt, kann da eigentlich nichts mehr schief gehen. Das tut es dann eben auch nicht, wenngleich manche Gags vielleicht etwas zu sehr ausgewälzt werden. Denn wenn Bruce Ng (Benedict Wong, "Sunshine") als Leiter der "NASA-Werkstatt" immer neue komplizierte Aufträge erhält, die er schnellstmöglich erledigen soll, dann erinnern die Wortwechsel teilweise arg an alte "Raumschiff Enterprise"-Dialoge zwischen Captain Kirk und Scotty der Sorte "Wie lange braucht die Reparatur des Warp-Antriebs?" – "Eine Woche, Captain." – "Sie bekommen 24 Stunden." "Ich schaffe es in 12, Sir!" ...

Was "Der Marsianer" und "Im Herzen der See" allerdings gemeinsam haben, das ist die hohe Qualität der künstlerischen Gestaltung. Die Spezialeffekte von "Der Marsianer" werden zwar relativ sparsam eingesetzt – denn hier geht eben tatsächlich mal wieder in einer Hollywood-Großproduktion Story vor Action-Bombast –, wirken jedoch wie in Alfonso Cuaróns "Gravity" überwiegend realistisch und gleichzeitig beeindruckend (auch wenn ich als Laie mir bei einigen Sachen etwas ausführlichere Erläuterungen über die Funktionsweise gewünscht hätte); auch der 3D-Einsatz ist sehr solide, wenngleich der Film in 2D kaum an visueller Qualität einbüßen dürfte. Insgesamt sind für Scott die Spezialeffekte wohltuenderweise tatsächlich nur Mittel zum Zweck, um die (sofern man nicht vorher die Buchvorlage gelesen hat) erfreulicherweise ziemlich unvorsehbare und mit einigen Überraschungen und originellen Ideen aufwartende Handlung zu unterstützen und voranzutreiben. So ist "Der Marsianer" ein Musterbeispiel für einen Hollywood-Blockbuster, der sein Publikum intellektuell nicht unterfordert und "trotzdem" glänzend unterhält – wenn auch ohne ein echter Meilenstein der Kinohistorie zu sein. Diesen Anspruch meldet "Der Marsianer" aber gar nicht erst an, denn er will einfach nur erstklassiges Unterhaltungskino bieten; und das gelingt ihm.

Fazit: "Der Marsianer – Rettet Mark Watney" ist ein von Altmeister Ridley Scott finessenreich inszeniertes, von Anfang bis Ende unterhaltsames Survival-Abenteuer, das mit einem von Matt Damon in OSCAR-verdächtiger Form angeführten, glänzend aufspielenden großen Ensemble ebenso begeistert wie mit seinem abwechslungsreichen und humorvollen Storyverlauf.

Wertung: 8,5 Punkte.


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