Empfohlener Beitrag

In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Mittwoch, 20. Januar 2016

CREED – ROCKY'S LEGACY (2015)

Regie: Ryan Coogler, Drehbuch: Aaron Covington und Ryan Coogler, Musik: Ludwig Göransson
Darsteller: Michael B. Jordan, Sylvester Stallone, Tessa Thompson, Phylicia Rashad, Tony Bellew, Graham McTavish, Ritchie Coster, Gabe Rosado, Andre Ward, Jacob "Stitch" Duran
 Creed - Rocky's Legacy
(2015) on IMDb Rotten Tomatoes: 95% (7,9); weltweites Einspielergebnis: $173,6 Mio.
FSK: 12, Dauer: 134 Minuten.

Adonis "Donnie" Johnson (Michael B. Jordan, "Fantastic Four") ist der uneheliche Sohn des ehemaligen Box-Weltmeisters Apollo Creed, der aber vor Donnies Geburt im Boxring starb. Donnie wuchs zunächst in einem Pflegeheim auf, ehe Apollos Ehefrau Mary Anne (Phylicia Rashad, "Die Bill Cosby Show") ihn bei sich aufnahm und ihm eine erstklassige Ausbildung angedeihen ließ. Richtig glücklich wird Donnie mit dem gutbezahlten Job bei einer Brokerfirma jedoch nicht – lieber will er wie sein Vater Profi-Boxer werden. Obwohl Mary Anne, die ihren Mann an diesen Sport verlor, strikt dagegen ist, beschließt Donnie, der sich bislang nur selbst anhand alter Videos seines Vaters trainiert hat, es zu versuchen – und als Trainer wünscht er sich Apollos größten Konkurrenten und am Ende Freund Rocky Balboa (Sylvester Stallone, "The Expendables"). Nach anfänglichem Zögern sagt der zu und die ersten Erfolge stellen sich schnell ein. Doch ist Donnie bereits gut genug für einen Weltmeisterschaftskampf?

Kritik:
Ich war nie ein großer Fan von Sportfilmen. Zwar gibt es fraglos vor allem aus Hollywood viele gute Genrevertreter, dramaturgisch halten sich die Variationsmöglichkeiten jedoch in ziemlich engen Grenzen. Natürlich gibt es Ausnahmen wie Clint Eastwoods "Million Dollar Baby" (der in letzter Konsequenz zeigt, welche Folgen der Sport haben kann), Bennett Millers "Moneyball" (der Baseball als eine komplizierte Mathematik-Aufgabe zeigt) oder Oliver Stones "An jedem verdammten Sonntag" (der American Football in der Art eines Kriegsfilms präsentiert), aber meist läuft es doch in zwei Varianten ab: a) Talentierter, unerfahrener Sportler (und/oder Team) schafft kometenhaften Aufstieg, erleidet dann schweren Rückschlag, um am Ende doch zu triumphieren; b) ausgebrannter Ex-Star startet einen Comeback-Versuch und setzt sich gegen alle Widerstände durch. Sylvester Stallone hat als treibende Kraft der "Rocky"-Reihe meist versucht, dieses Schema zumindest ein bißchen zu durchbrechen, was aber nur im dreifach OSCAR-prämierten ersten Teil aus dem Jahr 1976 auch qualitativ gelang (wobei die Innovation sich größtenteils auf den letzten Akt beschränkt), wohingegen die fünf offiziellen Fortsetzungen doch einiges zu wünschen übrig ließen. "Creed" ist nun das erste Spin-Off, das der bisherige Independent-Regisseur Ryan Coogler ("Nächster Halt: Fruitvale Station") in die Spur brachte und bei dem Stallone zur Mitwirkung als Nebendarsteller erst überredet werden mußte. Gut, daß er schließlich nachgab (und dann sogar als Produzent einstieg), denn "Creed" wird von den Kritikern gefeiert und bescherte Stallone seine zweite OSCAR-Nominierung als Darsteller (nach "Rocky"). Tatsächlich ist "Creed" ein solider Sportfilm, der sich allerdings fast komplett an obiges Erzählschema a) hält und inhaltlich wenig Bemerkenswertes zu bieten hat.

Das gilt umso mehr, als ausgerechnet der mittlere Teil des Films schwächelt, der – für Sportler wie auch (in Sachen Gesundheit) Trainer – den obligatorischen Rückschlag bringt und dabei versucht, zumindest ein bißchen originell zu sein. Wobei ich gern zugebe, daß mein Urteil wohl nicht allgemeingültig ist, denn erstens hätte ich wirklich keine klischeehafte Liebesgeschichte gebraucht (die andere Zuschauer vermutlich nicht stört) und zweitens trifft die "Urban Music"-Szene, die hier eine große Rolle spielt (Donnies Freundin ist Sängerin), nicht wirklich meinen Musikgeschmack. Da war mir die gute alte Rockmusik in früheren "Rocky"-Filmen (ich erinnere an Survivors "Eye of the Tiger") doch wesentlich lieber. Dennoch ist mir klar, daß gerade diese musikalischen Unterschiede den Generationswechsel auch bei den Zuschauern hervorragend repräsentieren. Mit noch einem klassischen "Rocky"-Film hätte man das junge Publikum kaum in die Kinos gelockt, durch den neuen Ansatz mit einem talentierten schwarzen Hauptdarsteller und moderner Musik hat das Franchise trotz weitestgehender inhaltlicher Innovationslosigkeit und Vorhersehbarkeit seine Zuschauerbasis in erheblichem Maße ausgeweitet (wie vor allem das nordamerikanische Einspielergebnis von über $100 Mio. beweist). Für Abwechslung soll allein Rockys Erkrankung sorgen, doch deren erzählerisches Potential wird nur ansatzweise genutzt (aber immerhin in einer starken Sequenz zu einer sehr schönen Hommage auf den Originalfilm). Zugegeben, der Rest des Films ist auch nicht viel einfallsreicher als der Mittelteil, doch konzentriert sich der stärker auf das Boxen und kommt damit deutlich unterhaltsamer daher. Schon der Beginn mit Donnies Versuchen, ohne Bekanntwerden seiner Herkunft Fuß zu fassen in der rauhen Boxwelt, ist ziemlich gut gelungen, ebenso das Training unter Rocky nach altbekannten, aber immer noch nett anzuschauenden Trainingsmethoden.

Aber das Highlight von "Creed" ist ohne Frage das Finish mit Donnies erstem großen Kampf. Regisseur und Co-Autor Coogler folgt hierbei großteils der Dramaturgie von "Rocky". Das bringt zwar weiterhin wenig Innovationen mit sich, aber hier gilt: Besser gut geklaut als schlecht erfunden. "Rocky" hat das seinerzeit wunderbar hinbekommen mit dem eher ungewöhnlichen Verzicht auf Schwarzweißmalerei und der Konzentration auf den rein sportlichen Wettkampf zwischen zwei großen Kämpfern; "Creed" zeigt, daß das sogar noch besser geht – was die Inszenierung der Box-Szenen betrifft. Während die in "Rocky" aus heutiger Sicht eher behäbig wirken, geht Coogler in "Creed" in die Vollen und präsentiert den Kampf zwischen Donnie und dem britischen Champion Conlan (der echte Boxer Tony Bellew) extrem temporeich, manchmal wirkt es fast wie eine wüste Kneipenprügelei. Das ist zwar nicht unbedingt realistisch (in echt würde kein Schwergewichts-Boxer dieses Tempo 12 Runden lang durchhalten), wirkt aber auch durch die ungeschönt blutige Darstellung des brutalen Kampfes authentisch. Außerdem ist es sehr spannend und unterhaltsam, zumal die Kamera so dicht an die Kämpfer heranrückt, daß manchmal nur Zentimeter bis zur Ego-Perspektive fehlen, wodurch der Zuschauer buchstäblich mitten ins Geschehen hineinrückt. Großes Lob muß an dieser Stelle unbedingt der Make-up-Abteilung gezollt werden, denn Donnies Gesicht sieht gegen Ende des Kampfes wahrhaft zum Fürchten aus (da kann sich so mancher Horrorfilm noch eine Scheibe abschneiden …). Auch die treibende Musik von Ludwig Göransson ("Wir sind die Millers"), der die legendären Melodien des Originals – allen voran die "Rocky-Fanfare" – geschickt in seine Kompositionen einflicht, trägt ihren Teil dazu bei, daß das Finale von "Creed" begeisternd ausfällt.

Auch der neue Hauptdarsteller Michael B. Jordan – der mit der Hauptrolle in Ryan Cooglers gefeiertem Drama "Nächster Halt: Fruitvale Station" seinen Durchbruch schaffte – macht einen richtig guten Job und empfiehlt sich für "Creed"-Fortsetzungen (die erste soll bereits Ende 2017 in die Kinos kommen), leider ist jedoch die Leinwand-Chemie mit Tessa Thompson ("Selma"), die Donnies hübsche Freundin Bianca spielt, eher mittelmäßig ausgeprägt. Schauspielerisch fällt Thompson sowieso etwas ab, als Sängerin macht sie dagegen einen guten Job und die selbstbewußte Bianca ist für sich genommen durchaus eine interessante Frauenfigur. Sylvester Stallone spielt seine ikonische Rolle einmal mehr sehr souverän, phasenweise sogar richtig bewegend, dennoch kann ich die Lobeshymnen inklusive OSCAR-Nominierung nicht wirklich nachvollziehen – in "Cop Land" war Stallone vor knapp 20 Jahren noch viel besser, doch damals gab es keine Preise …

Fazit: "Creed – Rocky's Legacy" ist ein rundum solider, aber wenig einfallsreicher Sportfilm, der seine mit Abstand größten Stärken in den famos inszenierten Box-Szenen offenbart.

Wertung: 7 Punkte (erstes Drittel: 7, zweites Drittel: 5, drittes Drittel: 9).


Bei Gefallen an meinem Blog würde ich mich über die Unterstützung von "Der Kinogänger" mittels etwaiger amazon.de-Bestellungen über einen der Links in den Rezensionen oder das amazon.de-Suchfeld in der rechten Spalte freuen.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen