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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Donnerstag, 18. Februar 2016

HAIL, CAESAR! (2016)

Regie und Drehbuch: Joel und Ethan Coen, Musik: Carter Burwell
Darsteller: Josh Brolin, George Clooney, Alden Ehrenreich, Scarlett Johansson, Tilda Swinton, Ralph Fiennes, Channing Tatum, Frances McDormand, Jonah Hill, Clancy Brown, Christopher Lambert, Veronica Osorio, Alison Pill, Fisher Stevens, David Krumholtz, Patrick Fischler, Max Baker, John Bluthal, Robert Picardo, Robert Trebor, Mather Zickel, Kyle Bornheimer, Wayne Knight, Jack Huston, Agyness Deyn, Dolph Lundgren
 Hail, Caesar!
(2016) on IMDb Rotten Tomatoes: 85% (7,2); weltweites Einspielergebnis: $63,2 Mio.
FSK: 0, Dauer: 106 Minuten.

Hollywood, Anfang der 1950er Jahre: Auf dem Studiogelände der Capitol Pictures geht es so turbulent zu wie immer. Auf einem Set wird eine anspruchsvolle Theateradaption gedreht, auf einem anderen ein Wasserballettfilm, auf einem dritten eine Matrosen-Musicalkomödie. Das ganz große Prestigeprojekt ist jedoch "Hail, Caesar!", ein opulenter Momunentalfilm über einen römischen Legionär – gespielt von dem Superstar Baird Whitlock (George Clooney, "Burn After Reading") –, der durch eine kurze Begegnung mit Jesus Christus kurz vor dessen Kreuzigung in seinem Glauben erschüttert wird. Eddie Mannix (Josh Brolin, "Inherent Vice") ist der Mann, der im Hintergrund dafür sorgt, daß all diese Produktionen halbwegs reibungslos ablaufen und auch die Verfehlungen der Schauspieler in ihrem Privatleben möglichst unter der Decke bleiben. Kurzum: Er ist ein sogenannter "Fixer" – und zwar der wahrscheinlich beste in der gesamten Filmbranche. Womit er nun konfrontiert wird, ist allerdings selbst für den alten Hasen Eddie neu: Baird Whitlock wird kurz vor dem Abschluß der Dreharbeiten zu "Hail, Caesar!" von einer Studiengruppe kommunistischer Drehbuch-Autoren entführt (wobei die Identität der Entführer Eddie verborgen bleibt), die für seine Freilassung $100.000 Lösegeld fordert

Kritik:
Es ist keineswegs ein neuer Trend, daß Hollywood es liebt, Filme über Hollywood (oder ganz allgemein die Unterhaltungsindustrie) zu drehen, die häufig auch mit Auszeichnungen belohnt werden. Allein in den letzten Jahren gab es mit "The Artist" und "Birdman" sogar zwei OSCAR-gekrönte "Hinter den Kulissen"-Filmen, die sich in eine Reihe mit thematisch vergleichbaren, oft ausgesprochen bissigen Meisterwerken wie Robert Altmans "The Player" oder Billy Wilders "Boulevard der Dämmerung" stellten. Auch die Coen-Brüder haben sich zu ihrer kreativsten Zeit um 1990 herum mit der sperrigen, aber ziemlich brillanten Tragikomödie "Barton Fink" bereits an dem Sujet versucht – 25 Jahre später tun sie das mit "Hail, Caesar!" erneut, wenngleich die Unterschiede allerdings beträchtlich sind. Wo "Barton Fink" aus Sicht eines Drehbuch-Autors vor allem die bitteren Seiten des Geschäfts satirisch beleuchtete, ist "Hail, Caesar!" eine mild spöttische Liebeserklärung an das Kino der frühen 1950er Jahre, also in der Spätphase des "Goldenen Zeitalters" von Hollywood während des Studiosystems. Primäre Zielgruppe von "Hail, Caesar!" sind insofern naturgemäß Menschen, die sich gut mit dieser Ära auskennen – was die Massenkompatibilität des Films stark einschränkt, denn welcher durchschnittliche Kinogänger hat schon tiefergehende Kenntnisse über das amerikanische Nachkriegskino? Zwar funktioniert "Hail, Caesar!" vermutlich auch für dahingehend unbeleckte Zuschauer einigermaßen gut als lockere Komödie mit Starbesetzung, den ganz großen Reiz übt er allerdings zweifellos auf jene vergleichsweise wenige Kinofans aus (zu denen ich mich zählen darf), die zumindest viele der Anspielungen und Hommagen erkennen und zuordnen können.

Ein generelles dramaturgisches Problem ist jedoch, daß die Coens bei "Hail, Caesar!" weniger auf eine stringente Handlung setzen als auf eine Aneinanderreihung meist witziger Szenen mit geringer inhaltlicher Verbindung zueinander. Zusammengehalten wird das zwar durch die (reale, wenngleich hier sehr frei interpretierte) Figur des Eddie Mannix, der beim Versuch, alles am Laufen zu halten, von Set zu Set eilt und abends noch das gedrehte Rohmaterial sichtet – was auch für einige amüsante Augenblicke sorgt, wenn etwa eine Szene, die in der fertigen Version wohl zeigen soll, wie Moses von Gott die Zehn Gebote empfängt, im entscheidenden Moment abbricht und mit der Texttafel "Göttliche Erscheinung in Produktion" fortsetzt … Jedenfalls stellt Eddie den roten Faden dar, an dem sich die Handlung entlanghangelt, das ist aber leicht als bloße Alibifunktion aus dramaturgischer Notwendigkeit zu entlarven. In Wirklichkeit geht es Joel und Ethan Coen darum, dem Publikum einen kurzen, aber möglichst umfassenden und angemessen detailverliebten Blick auf das turbulente Treiben hinter den Kulissen eines großen Hollywood-Studios der damaligen Zeit zu gewähren. Und dieses Vorhaben funktioniert ziemlich gut, was auch daran liegt, daß die Coens immer wieder ihren berühmten schwarzhumorigen Wahnsinn einflechten. So wirkt das Ganze mitunter wie eine Episode von "Monty Python's Flying Circus", in denen ja auch gerne munter, übergangslos und mit sich stetig steigerndem Irrsinn von Szenerie zu Szenerie gesprungen wurde.

Tatsächlich bietet "Hail, Caesar!" einen guten Überblick über die damals relevanten Genres und verquickt diesen mit vielen skurrilen Ideen und (aber)witzigen, anekdotenhaften Momenten mit für Kenner klar erkennbaren Anspielungen auf die damaligen Realitäten. Da wäre zum Beispiel der offensichtlich von Gene Autry inspirierte singende Cowboy Hobie Doyle (Alden Ehrenreich, "Stoker"), der auf Befehl der Studiobosse von dem B-Western, den er gerade dreht, abgezogen wird, um seine Zielgruppe durch die Rolle in einer anspruchsvollen Theateradaption auszubauen – obwohl er keinerlei schauspielerische oder sprachliche Ausbildung genossen hat (was bei den B-Western ob seiner artistischen Fähigkeiten und seines guten Aussehens egal war) und den renommierten Regisseur Laurence Laurentz (Ralph Fiennes, "Spectre") deshalb schnell in den Wahnsinn treibt. Oder wie wäre es mit DeeAnna Moran (Scarlett Johansson, "Under the Skin"), dem großen Star im Genre der Wasserballettfilme – einem der rückblickend betrachtet seltsamsten Trends, die es in Hollywood jemals gab –, der (wie einst Esther Williams) von seiner unschuldig-erotischen Ausstrahlung vor der Kamera lebt, aber im realen Leben bereits mit einem Gangster und einem Junkie verheiratet war und nun schwanger (wahrscheinlich) von einem viel älteren europäischen Regisseur (Christopher "Es kann nur einen geben" Lambert in einem kurzen, aber witzigen Gastauftritt) ist, weshalb ihr Eddie dringend einen Kandidaten für eine Schein-Ehe besorgen muß. Und so hangelt sich "Hail, Caesar!" von einem für Kenner der Ära sehr amüsanten Moment zum nächsten, während die eigentliche Story – soweit man davon überhaupt sprechen kann – über die Star-Entführung und Eddies Versuche, deren Hintergründe zu verstehen, träge vor sich hindümpelt. Es ist einfach zu offensichtlich, daß die Coens sich lieber den filmhistorischen Hommagen widmen als den überwiegend schablonenhaft bleibenden Figuren oder der Alibi-Handlung – auch wenn diese immer wieder mit genialen Augenblicken glänzt, wenn etwa der von George Clooney wieder einmal hübsch selbstironisch interpretierte, eigentlich eher simpel gestrickte Baird hingebungsvoll mit seinen kommunistischen Entführern über die Position der Filmbranche innerhalb des kapitalistischen Systems debattiert …

Zum heimlichen Star des Films avanciert derweil Hobie Doyle, der als einzige Filmfigur eine echte Entwicklung durchlaufen darf und damit dem jungen Mimen Alden Ehrenreich erfreulich viel Gelegenheit gibt, zu zeigen, was er drauf hat. Während Hobie zunächst noch wie nur ein weiteres Stereotyp wirkt als der singende Cowboy, den scheinbar nichts interessiert, was nicht irgendwie mit Western zu tun hat, durchläuft er nach seiner Abberufung vom Set fast schon eine Karriere im Schnelldurchlauf. Die Versuche, sich mit typisch breitbeinigem Western-Gang und undeutlicher Aussprache in einem dialoglastigen historischen Drama zurechtzufinden, sind schon herrlich mit anzusehen; später darf er dann sogar überraschende geistige Fähigkeiten offenbaren, als er Eddie in Sachen Entführung auf den richtigen Weg bringt – und schließlich zeigen die Coens in einer kurzen wortlosen, von Kameramann Roger Deakins ("Sicario") perfekt eingefangenen (und ausgeleuchteten) Film noir-Autosequenz sogar auf subtile Art und Weise, wie gut sich Ehrenreich als gebrochener Anti-Held á la Humphrey Bogart machen würde. Derart glänzen dürfen die deutlich größeren Stars nicht, dennoch merkt man ihnen den Spaß an ihren kleinen Rollen an, was vor allem auf Tilda Swinton ("Moonrise Kingdom") in einer Doppelrolle als rivalisierende Boulevardjournalisten-Zwillingsschwestern und auf Channing Tatum ("21 Jump Street") als stepptanzender Hauptdarsteller des bereits erwähnten, virtuos choreographierten Matrosen-Musicals (samt homoerotischer Andeutungen) quasi in jener Rolle, die früher Gene Kelly gespielt hätte – zutrifft. Allgemein ist es bewundernswert, wie viele Themen die Coens in diesem Film unterbringen, teils auch nur im Vorbeigehen und für viele Zuschauer vermutlich unbemerkt (wie besagte Film noir-Sequenz, die gestelzte Sprache in dem Bibelfilm oder einige Details bei der Sache mit den kommunistischen Drehbuch-Autoren). Gleichzeitig muß aber klar gesagt werden, daß die thematische Vielfalt eben ihren Tribut zollt, da "Hail, Caesar!" letztlich nur an der glänzenden Oberfläche des Studiosystems kratzt und deutlich weniger satirischen Biß zeigt als man das von den Coen-Brüdern eigentlich gewohnt ist. Aber mitunter wollen halt auch so begnadete Künstler einfach "nur" einen unterhaltsamen Film ohne größeren Anspruch drehen.

Fazit: "Hail, Caesar!" ist eine detailverliebte Liebeserklärung an das Hollywood-Nachkriegskino, die gut unterhält und für Kenner der Materie mit unzähligen klugen bis brillanten Anspielungen aufwartet, aber für sich genommen doch etwas unter dem Fehlen einer richtigen Handlung und Figurenzeichnung leidet.

Wertung: 7,5 Punkte.


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