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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Dienstag, 22. März 2016

RAUM (2015)

Originaltitel: Room
Regie: Lenny Abrahamson, Drehbuch: Emma Donoghue, Musik: Stephen Rennicks
Darsteller: Jacob Tremblay, Brie Larson, Sean Bridgers, Joan Allen, Tom McCamus, William H. Macy, Wendy Crewson, Cas Anvar, Amanda Brugel, Joe Pingue
 Raum
(2015) on IMDb Rotten Tomatoes: 94% (8,4); weltweites Einspielergebnis: $35,4 Mio.
FSK: 12, Dauer: 118 Minuten.

Jack (Jacob Tremblay, "Die Schlümpfe 2") feiert seinen 5. Geburtstag. Das tut er allerdings nicht auf die gleiche Weise wie die meisten seiner Altersgenossen. Für Jack gibt es keine große Party mit Geschenken und allen seinen Freunden – für Jack gibt es nur Ma und Raum. Ma (Brie Larson, "21 Jump Street") ist Jacks Mutter, die selbst erst Anfang 20 ist und sich um alles kümmert. Raum ist der Ort, an dem Jack sein gesamtes bisheriges Leben verbracht hat, gewissermaßen sein ganzes Universum: Ein winziges, häßliches Zimmer ohne Fenster, die einzige Verbindung zur Außenwelt sind ein unerreichbar bleibendes Oberlicht – und Old Nick (Sean Bridgers, "Trumbo"), ein Mann, der Ma jede Nacht besucht, nachdem sie Jack in sein "Bett" in einem Schrank gebracht hat. Immerhin gibt es einen alten Fernseher, eine winzige Küchenecke und sogar eine Badewanne und da Jack nichts anderes kennt, ist er zufrieden mit Raum. Ma ist das nicht, weshalb sie schließlich einen riskanten Fluchtplan austüftelt …

Kritik:
Es gibt ja nicht wenige Menschen – selbst aus der Filmbranche –, die behaupten, in Hollywood würden keine Erwachsenen-Filme mehr hergestellt. Das ist natürlich eine starke Übertreibung mit einem allerdings wahren Kern, denn bekanntlich konzentrieren sich die großen Hollywood-Studios tatsächlich immer stärker auf die am profitabelsten erscheinenden, franchisetauglichen Großproduktionen und vernachlässigen dabei vor allem die klassische "Mittelware", die sich traditionell eher an ein erwachsenes Publikum richtet. Glücklicherweise gibt es aber neben den großen Studios auf der ganzen Welt zahllose mutige unabhängige Produzenten (und selbst die Studios leisten sich Tochterunternehmen für kleinere und inhaltlich anspruchsvollere Werke), weshalb es Jahr für Jahr Filme wie "Raum" (eine irisch-kanadische Koproduktion, deren Story aber in den USA spielt) von Lenny Abrahamson ("Frank") oder im Jahr zuvor Richard Linklaters "Boyhood" gibt, die kleine, auf den ersten Blick unscheinbare, dafür umso authentischere und emotional einnehmendere Geschichten erzählen. Um darauf bei "Raum" näher einzugehen, muß ich im Folgenden einiges über die zweite Filmhälfte schreiben, weshalb ich an dieser Stelle vorsorglich eine deutliche SPOILERWARNUNG anbringe. Zwar beinhaltet das OSCAR-nominierte Drehbuch der kanadisch-irischen Schriftstellerin Emma Donoghue (die ihren eigenen Roman adaptiert hat) keine sensationellen Wendungen, sondern entwickelt sich konsequent und nachvollziehbar (und vermutlich gerade deshalb ziemlich un-hollywoodmäßig), dennoch dürfte "Raum" am stärksten seine Wirkung entfalten, wenn man mit möglichst wenig Vorwissen an die bewegende Geschichte von Jack und Ma herangeht.

Das Besondere an "Raum" (bereits im Buch) ist, daß die Story komplett aus der Perspektive von Jack (stark gespielt von Jacob Tremblay) erzählt wird – also eines Kindes, dessen ganzes Universum der karge Raum ist, in dem er seit seiner Geburt lebt. Das, was er im Fernsehen sieht, ist für ihn Magie, nicht real, und da er nichts anderes kennt, ist er ein mehr oder weniger glückliches Kind – was durch die einfühlsame, spielerische Musik des irischen Komponisten Stephen Rennicks ("The Bachelor Weekend") effektiv, aber durchaus subtil unterstrichen wird. Als seine Mutter ihm eröffnet, daß es sehr wohl eine Welt außerhalb von Raum gibt – eine riesige Welt voller Wunder noch dazu –, da kann er das nicht glauben und will es wohl auch nicht, weil es ihm Angst macht. Die gesamte erste Filmhälfte verbringen wir mit Jack und Ma in Raum und die Beengtheit sorgt ebenso für Intensität wie Intimität auch zwischen Publikum und Protagonisten. Wir sehen die von der mit einem OSCAR belohnten Brie Larson famos gespielte Ma, wie sie, die selbst kaum mehr als ein Teenager ist, versucht, mit der Situation umzugehen, die sich aus ihrer Perspektive natürlich ganz anders – viel schlimmer – darstellt als aus Jacks. Wut, Verzweiflung, Frustration, aber auch Momente der Freude und Hoffnung wechseln sich glaubwürdig auf Mas von den Strapazen gezeichnetem Gesicht ab. Da sie bemerkt, daß Jack, je länger er in dieser Isolation bleibt, umso weniger ein normales, auch außerhalb von Raum überlebensfähiges Kind sein kann, wagt sie den Ausbruch. An dieser Stelle noch einmal: Ab jetzt gilt endgültig die SPOILERWARNUNG!

Der Ausbruch gelingt, doch das bedeutet nicht, daß es ein Happy End und gleich den Abspann gibt. Jack fürchtet sich in der Welt und er will zunächst mit niemandem außer Ma reden, die aber ihre ganz eigenen Probleme hat. Denn während Jack sich nach und nach an die Freiheit gewöhnt, verzweifelt Ma daran, daß sie nicht so fühlt, wie sie es ihrer Meinung nach sollte: Sie ist einfach nicht glücklich. Es gibt (wenige) Kritiker, die halten diese zweite Filmhälfte für die deutlich schwächere, weil sie weniger intensiv ist als das Kammerspiel der ersten 60 Minuten und handlungstechnisch wenig aufregend. Für mich ist die zweite Filmhälfte der Grund, warum "Raum" nicht nur ein guter Film ist, sondern ein herausragender. Denn Donoghue beendet die Geschichte nicht, sobald der Thriller-Teil vorbei ist und Friede, Freude, Eierkuchen herrscht – nein, sie schaut genau hinter die Kulissen, sie zeigt, wie es weitergeht, welche Komplikationen sich für Jack und Ma, aber auch für Mas Eltern (gespielt von Joan Allen und dem leider nur in wenigen Szenen vertretenen William H. Macy) ergeben. Und auch hier ist selbstverständlich Jacks einzigartige Perspektive ein wichtiges Element, denn durch seine Augen lernen wir die Welt neu kennen – und das nicht nur, wenn er zum ersten Mal einen echten Baum zu Gesicht bekommt, sondern auch dann, wenn er beispielsweise erstmals (außerhalb des Fernsehens) eine Treppe sieht und gar nicht weiß, wie er sie bewältigen soll. Ganz besonders verwirren den armen Jack jedoch die Probleme seiner Mutter. Eine Stärke des Films ist dabei neben dem vollständigen Verzicht auf Pathos, daß nicht alles haarklein erklärt wird. Regisseur Lenny Abrahamson inszeniert den Film bewußt ziemlich geradeaus und verzichtet auf künstlerische Sperenzchen, die nur von dem ablenken würden, worauf es ankommt. Stattdessen fordert er vom Publikum Empathie ein, man muß sich anstrengen und versuchen, sich in die Situation der Beteiligten hineinzuversetzen und so ihre Beweggründe zu eruieren. Das ist wahrlich keine einfache Aufgabe und manches muß man einfach akzeptieren, weil nun einmal jeder Mensch seine ganz eigene Gefühlswelt hat. Klar ist auch, daß "Raum" kein einfacher, sondern vielmehr ein anstrengender Film ist, da er vor allem emotional vieles von seinem Publikum einfordert. Daß Abrahamson und Donoghue den Zuschauern das zutrauen anstatt ihnen alles vorzukauen, verdient großes Lob.

Mas Schwierigkeiten hängen offensichtlich mit der verdrängten Aufarbeitung des Geschehenen wie auch der gefühlten Schuldfrage zusammen, aber auch mit der Rolle der Öffentlichkeit; denn der Pressetrubel rund um Jacks und Mas Rückkehr ist gewaltig und so spart "Raum" nicht an Medien- und Gesellschaftskritik, was ein wenig an David Finchers Psycho-Thriller "Gone Girl" erinnert. Bezeichnend etwa, daß die Befreiten bei ihrer Rückkehr von einer enthusiastisch lärmenden Menschenmenge begrüßt werden, die logischerweise vor allem Jack – der bis dahin genau zwei Menschen kannte, von denen er einen fast nur durch die geschlossene Schranktür sehen und hören konnte – komplett verängstigt. Noch schlimmer sind die Fragen der Talkshow-Moderatorin (Wendy Crewson, "Antarctica – Gefangen im Eis"), als sich Ma irgendwann zu einem Interview bereit erklärt. Natürlich war mir klar, daß die amerikanische Presselandschaft noch wesentlich weniger zimperlich ist als die deutsche und daß die ethischen Maßstäbe ganz erheblich niedriger angesetzt werden (man denke an die regelmäßig live übertragenen Highway-Verfolgungsjagden mit oft fatalem Ausgang), aber das hier Gezeigte ist wirklich erschreckend unverschämt und buchstäblich gefühllos. Ich würde zwar gerne glauben, daß es sich um eine Übertreibung handelt, aber das wäre wohl naiv. Da lobe ich mir die einfühlsamen Gespräche eines Reinhold Beckmann mit der aus einer vergleichbaren Situation entkommenen Natascha Kampusch vor einigen Jahren. Allerdings weiß ich auch, daß Kampusch vor allem im Internet viel Häßliches über sich lesen mußte (u.a., daß sie mediengeil sei), was leider doch wieder zum Interview mit Ma in "Raum" paßt und letztlich perfekt meine seit langem vertretene These unterstreicht, daß ein eklatanter Mangel an Empathie bei vielen Menschen eine wesentliche Ursache ist für das meiste, was in der Welt mächtig schief läuft … "Raum" jedenfalls kann man einen solchen Mangel an Empathie nicht vorwerfen, ganz im Gegenteil fordert er eben geradezu zu dem anspruchsvollen, aber lohnenden Versuch auf, sich in Jack und Ma hineinzuversetzen. Und das macht ihn zu einem Film, der lange nachhallt.

Fazit: "Raum" ist ein formal unspektakuläres, dafür aber enorm intensives und stark gespieltes Drama, das tiefe, ehrliche Einblicke in die Gefühlswelt seiner beiden wunderbar authentischen Protagonisten gewährt.

Wertung: 9 Punkte.


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