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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Dienstag, 26. April 2016

10 CLOVERFIELD LANE (2016)

Regie: Dan Trachtenberg, Drehbuch: Josh Campbell, Matthew Stuecken und Damien Chazelle, Musik: Bear McCreary
Darsteller: Mary Elizabeth Winstead, John Goodman, John Gallagher Jr., Suzanne Cryer, Jamie Clay, Bradley Cooper (Stimme)
 10 Cloverfield Lane
(2016) on IMDb Rotten Tomatoes: 90% (7,5); weltweites Einspielergebnis: $110,2 Mio.
FSK: 16, Dauer: 104 Minuten.

Nein, das sieht nicht gut aus: Als Michelle (Mary Elizabeth Winstead, "Final Destination 3") nach einem schweren Autounfall wieder erwacht, befindet sie sich in einer verriegelten, kargen Zelle, mit einer Eisenkette ist eines ihrer Beine fest mit der Wand verbunden. Dann kommt ein grobschlächtiger Typ in die Zelle, faselt davon, daß er sie gerettet habe und sie hier nicht mehr weg könne. Nach und nach enthüllt Howard (John Goodman, "Red State"), wie der Mann sich ihr vorstellt, was angeblich geschehen ist: Ein verheerender chemischer oder nuklearer Angriff hat die USA verwüstet! Michelle hat nur überlebt, weil Howard sie in seinen Atomschutzbunker gebracht hat. Howard ist nämlich ein überzeugter "Prepper", der sich quasi sein ganzes Leben lang auf den Weltuntergang vorbereitet hat – ein Mann also, den die meisten als einen Spinner bezeichnen … solange die Welt nicht tatsächlich untergeht! Michelle allerdings hat Zweifel an seiner Geschichte und daß Howard als Verursacher des Angriffs die Russen oder die Marsianer favorisiert, macht ihn in ihren Augen nicht wirklich vertrauenswürdiger. Emmett (John Gallagher Jr., "Pieces of April"), der dritte Überlebende im Bunker, den Howard reingelassen hat, weil er einst den Bau des Unterschlupfs durchführte, kann dessen Geschichte aber zumindest teils bestätigen. Was also ist Howard: Ein Verrückter? Ein raffinierter Entführer, der ihnen nur etwas vorspielt? Ein visionärer Held, der sie vor dem sicheren Tod bewahrt hat? Eine Kombination all dessen?

Kritik:
Als der von "Lost"-Schöpfer J.J. Abrams produzierte und von Matt Reeves inszenierte Found Footage-Monsterfilm "Cloverfield" im Jahr 2008 zu einem (pun intended) Monsterhit avancierte, der weltweit beinahe das Siebenfache seines $25 Mio.-Budgets einspielen konnte (was, ehrlich gesagt, mehr einer grandiosen und höchst einfallsreichen viralen Marketingkampagne im Vorfeld geschuldet war als der tatsächlichen Qualität des soliden, aber nicht wirklich originellen Films), wurde natürlich schnell über eine Fortsetzung diskutiert. Das Problem war nur, daß sich "Cloverfield" sowohl für Abrams – der ein Jahr später Regie beim "Star Trek"-Reboot führte – als auch, mit etwas Verzögerung, für Matt Reeves ("Let Me In", "Planet der Affen: Revolution") und Drehbuch-Autor Drew Goddard ("The Cabin in the Woods", "World War Z") als ein großes Sprungbrett erwies, weshalb eine Fortsetzung zunehmend in den Hintergrund ihrer Planungen rückte. So kam es, daß es acht Jahre dauerte, bis mit "10 Cloverfield Lane" zumindest eine Art Spin-Off die Kinos erobert – und das auch nur dank einer Kombination aus Zufall und Abrams' Gespür für gute Gelegenheiten. Denn eigentlich sollte das "The Cellar" betitelte Drehbuch der beiden Newcomer Josh Campbell und Matthew Stuecken ("Whiplash"-Autor Damien Chazelle wurde erst später für eine Überarbeitung hinzugezogen) ein Low Budget-Film werden, finanziert von Abrams' Produktionsfirma Bad Robot. Doch während der Produktion kam man aufgrund gewisser Ähnlichkeiten zu "Cloverfield" (die erst auf den zweiten oder dritten Blick zu erkennen sind) auf die Idee, die beiden Filme im gleichen Universum anzusiedeln – wobei die "offizielle" Aussage lautet, daß "10 Cloverfield Lane" ein "Blutsverwandter" von "Cloverfield" ist (wie auch immer man das interpretieren will). Um ehrlich zu sein, würde der Film ebenso gut ohne diese Verbindung funktionieren, dennoch handelt es sich um einen sehr geschickten Schachzug, da auf diese Weise der – nun doch erheblich aufwendiger umgesetzte – Film in der öffentlichen Wahrnehmung weit nach oben rückte und andererseits die fast vergessen geglaubte Hoffnung der Produzenten auf ein lukratives, langlebiges "Cloverfield"-Franchise en passant wiederbelebt wurde. Und daß das so hervorragend funktioniert hat, liegt daran, daß der übrigens nur von der Prämisse her an das wenige Monate zuvor gestartete OSCAR-prämierte Entführungsdrama "Raum" erinnernde "10 Cloverfield Lane" ein richtig guter, seinen Vorgänger qualitativ deutlich übertreffender Mystery-Thriller mit starken schauspielerischen Leistungen geworden ist.

Auch wenn ich das Langfilmdebüt von Dan Trachtenberg (der mit dem auf dem Computerspiel "Portal" basierenden Kurzfilm "Portal: No Escape" 2011 das Aufsehen Hollywoods erregte) letztlich als Mystery-Thriller bezeichne, entzieht es sich doch über weite Strecken einer echten Kategorisierung. Nicht über alles kann und will ich an dieser Stelle schreiben, da es einige erfreulich unvorhersehbare Wendungen gibt, von denen allerdings die letzte erfahrungsgemäß nicht wenige Zuschauer – solche, die es nicht mögen, wenn sich ein Film in eine ganz andere Richtung entwickelt als es Trailer und Inhaltsangabe suggerieren – überfordern wird. Doch allein durch die Tatsache, daß der Großteil des Films in Howards immerhin durchaus geräumigem Bunker stattfindet, ist eine klaustrophobische Atmosphäre garantiert, die Trachtenberg sehr souverän und glaubwürdig umsetzt, erstklassig unterstützt durch die stimmige Musik von Bear McCreary ("Europa Report", TV-Serien wie "Battlestar Galactica" oder "The Walking Dead"). Verschärft wird sie durch das erratische Verhalten Howards, der beständig zwischen den Rollen "bedrohlicher Entführer", "naiv-liebenswerter Kumpeltyp mit ausgeprägtem Beschützerinstinkt" und "jähzorniger Tyrann" changiert – kurz gesagt: eine echte Paraderolle für den großartigen John Goodman! Dank Howard können sich Michelle und Emmett – und das Publikum – nie gänzlich sicher fühlen, zumal er sich mit der sich entwickelnden Freundschaft zwischen seinen beiden "Gästen" offensichtlich nicht wohl fühlt. Das Drehbuch streut geschickt immer wieder kleine Hinweise und Details ein, die speziell die Skepsis der neugierigen Michelle gegenüber ihrem Retter/Entführer schüren, aber letztlich nie eindeutig sind, sondern genügend Spielraum zur Interpretation lassen.

Auf diese Weise gelingt "10 Cloverfield Lane" eine stimmige Charaktisierung des ungleichen Trios, das möglicherweise gerade den Untergang der Menschheit überlebt hat. Glaubwürdig, jedoch nicht sehr tiefschürfend. Dadurch, daß wir nur sehr dosierte, rudimentäre Informationen über die Vergangenheit der drei erhalten (der anfangs auf ihrer Mailbox zu hörende Freund von Michelle wird übrigens von Bradley Cooper gesprochen) und sich im Bunker das Geschehen größtenteils auf die latent unheilverheißende Spannungssituation zwischen Howard auf der einen Seite und Michelle und Emmett auf der anderen konzentriert, kommen wir ihnen nicht wirklich nahe. Allerdings ist das offensichtlich gar nicht unbedingt notwendig, denn durch die gut geschriebenen Dialoge und das glänzende Schauspiel vor allem von Goodman und Winstead – deren Michelle eben nicht die hilflose "Jungfrau in Nöten" ist, als die sie Howard zu betrachten scheint, sondern eine starke, selbstbestimmte junge Frau – sowie das resultierende permanente Rätselraten über die wahren Hintergründe des angeblichen Angriffs muß man gar nicht mehr über die zentralen Charaktere wissen. Es wäre zwar schön, ist aber keineswegs zwingend notwendig. Und jegliche Anflüge von Langeweile, die man angesichts des beengten Szenarios erwarten könnte, werden zuverlässig durch einen unerwarteten Tempowechsel oder eine spannende Entdeckung zerstreut. Über den letzten Akt von "10 Cloverfield Lane" (den man durchaus schlüssig als Metapher interpretieren kann, wie diese lange, aber sehr lesenswerte englischsprachige Analyse ausführt eine SPOILER-Warnung sollte klar sein!) kann man mit Sicherheit lange diskutieren, zumal er tonal schon eine arg abrupte Veränderung zum davor Erlebten ist – dennoch ist er für mich inhaltlich schlüssig und weckt viel Vorfreude auf eine mögliche Fortsetzung, die dann aber hoffentlich nicht ganz so lange auf sich warten läßt …

Fazit: "10 Cloverfield Lane" ist trotz eines kontroversen Endes ein spannendes Mystery-Thriller-Kammerspiel, souverän inszeniert, klug und abwechslungsreich geschrieben und von den drei Hauptdarstellern hervorragend gespielt – nur die Figurenzeichnung hätte gern noch tiefgründiger ausfallen dürfen.

Wertung: 8 Punkte.


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