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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Donnerstag, 21. April 2016

THE JUNGLE BOOK (3D, 2016)

Regie: Jon Favreau, Drehbuch: Justin Marks, Musik: John Debney
Darsteller: Neel Sethi, Ritesh Rajan
Sprecher der Originalfassung: Idris Elba, Sir Ben Kingsley, Bill Murray, Christopher Walken, Lupita Nyong'o, Scarlett Johansson, Giancarlo Esposito, Garry Shandling, Jon Favreau, Sam Raimi
 The Jungle Book
(2016) on IMDb Rotten Tomatoes: 95% (7,7); weltweites Einspielergebnis: $966,6 Mio.
FSK: 6, Dauer: 106 Minuten.

Als der gutmütige Panther Baghira (Sir Ben Kingsley, "Hugo Cabret") ein Menschenkind allein im Dschungel fand, brachte er es zu einem nahen Wolfsrudel. Dort kümmerte sich die Wölfin Raksha (Lupita Nyong'o, "12 Years a Slave") um Mogli (Neel Sethi), als wäre er einer ihrer Welpen. Inzwischen ist Mogli ganz selbstverständlich ein Teil des Rudels und was ihm an Schnelligkeit gegenüber seinen neuen Brüdern und Schwestern fehlt, macht er durch Athletik und ein schlaues Köpfchen wett. Alles ist also im Lot – bis der tyrannische Tiger Shir Khan (Idris Elba, "Prometheus") von Mogli erfährt. Seit Shir Khan dereinst von einem Menschen mit Feuer verbrannt wurde, hegt er einen unbändigen Haß gegen die Menschen und die nur von ihnen beherrschte "rote Blume", und so fordert er die Wölfe um ihren Anführer Akela (Giancarlo Esposito, TV-Serie "Breaking Bad") ultimativ auf, Mogli an ihn herauszugeben. Natürlich weigert sich Raksha, doch unter den übrigen Rudelmitgliedern ist die Meinung geteilt, da Shir Khan als gefährlichstes und bösartigstes Tier der Gegend gefürchtet ist. Da er nicht will, daß seine neue Familie wegen ihm leidet, entscheidet Mogli schließlich von sich aus, das Rudel zu verlassen und unter Baghiras Führung in das nächstgelegene Menschendorf zu gehen. Shir Khan ist damit allerdings ganz und gar nicht einverstanden, er will Mogli tot sehen …

Kritik:
Nein, sonderlich kreativ kann man die von Disney seit 2014 (bereits 2010, wenn man "Alice im Wunderland" mitzählt, der aber wenig mit der 1951er-Version zu tun hatte) gefahrene Strategie der Realneuverfilmungen alter Zeichentrickfilme sicher nicht nennen. Klar ist aber auch: Bislang funktioniert sie vermutlich sogar besser, als die Studiomanager sich das je hätten träumen lassen. "Alice im Wunderland" spielte weltweit über $1 Mrd. ein, "Maleficent" über $700 Mio. und "Cinderella" immerhin noch mehr als $500 Mio. – eine Reihung, die übrigens insofern ungerecht ist, als "Cinderella" mit Abstand der beste der drei Filme ist. Dem Abwärtstrend – der angesichts des Megaerfolgs von "The Jungle Book" auch schon wieder beendet ist – zum Trotz war aber natürlich das gesamte Trio ein riesiger kommerzieller Erfolg für Disney, weshalb seitdem quasi im Akkord neue Adaptionen eigener Zeichentrick-Klassiker angekündigt werden: "Die Schöne und das Biest", "Dumbo", "Mulan", "Pinocchio", "Peter Pan" (samt Tinkerbell-Spin-Off), "Aladdin" … und selbstverständlich kommen dazu noch diverse Fortsetzungen der Remakes. Wenn die kommenden Disney-Filme den bisherigen qualitativen Trend beibehalten, dann wird sich jedoch kaum ein Kinogänger über die wenig kreative Strategie beschweren. Denn nachdem es mit "Alice im Wunderland" sehr mäßig begann und auch "Maleficent" trotz Angelina Jolies Glanzleistung in der Titelrolle einige Kritik einstecken mußte, demonstrieren "Cinderella" und "The Jungle Book", wie ungeheuer viel Freude diese aufwendig gestalteten Remakes bereiten können. Und die Neuverfilmung des Dschungelbuchs kann sich neben dem hohen Unterhaltungswert außerdem damit brüsten, einen neuen Standard in Sachen 3D und CGI-Effekte gesetzt zu haben.

Vor allem der erste Akt der altbekannten Geschichte nach dem Romanklassiker von Rudyard Kipling ist einfach überragend: Regisseur Jon Favreau ("Iron Man") geht gleich in den ersten Minuten in die Vollen, als sich alle möglichen Tiere des Dschungels angesichts eines infolge langanhaltender Trockenheit ausgerufenen traditionellen "Wasserfriedens" an einem idyllischen Teich treffen: Wasserbüffel, Flußpferde, Zwergwildschweine, Stachelschweine (eines übrigens gesprochen von dem kurz vor Kinostart verstorbenen US-Komiker Garry Shandling), Wölfe, Pfauen – sie alle trinken friedlich nebeneinander, zanken sich freundschaftlich, tollen fröhlich umher. Ein beinahe utopisches Idyll, das ganz nebenbei die herausragende Technik des Films demonstriert. Denn das mit dem "Realfilm" ist bei "The Jungle Book" höchstens die halbe Wahrheit, tatsächlich stammt nämlich fast alles außer dem jungen Mogli-Darsteller Neel Sethi aus dem Computer! Das fällt allerdings kaum auf, da sowohl die üppig bewachsene Dschungel-Umgebung als auch die Unmengen an Getier so authentisch wirken, als wären sie aus Fleisch und Blut und stünden direkt vor einem. Selbst daß viele der Tiere sprechen können, fällt einem zunächst kaum als "unnatürlich" auf, da es ganz selbstverständlich geschieht und die Mimik absolut glaubwürdig rüberkommt – die Frage, warum manche Tierarten sprechen, andere aber nicht (z.B. die Elefanten), bleibt derweil leider unbeantwortet. Wenn man bedenkt, wie albern noch in den 1990er Jahren sprechende Tiere in Kino oder TV oft aussahen, dann ist es wirklich beeindruckend, wie sehr sich die Technik seitdem entwickelt hat. Und "The Jungle Book" ist selbst im Vergleich zu Gollum aus "Der Herr der Ringe", Peter Jacksons "King Kong", den Na'vi aus "Avatar" oder dem ebenfalls komplett computergenerierten (aber nicht sprechenden) Tiger aus "Life of Pi" noch einmal ein großer Schritt nach vorne. Auch die 3D-Qualität ohne jegliche Geisterbilder oder andere noch immer bei vielen 3D-Filmen die Immersion störende technische Mängel sowie die gerade in mit Dolby Atmos ausgestatteten Sälen authentische Soundkulisse gehören zum Besten, was das Kino bis zum Jahr 2016 hervorgebracht hat. Und so sitzt man da und bestaunt an Moglis Seite das einträchtige Gewimmel von Beute- und Raubtieren, das es auch an kindgerechtem (aber dankenswerterweise nie zu infantilem und so für Erwachsene ebenfalls amüsanten) Humor nicht fehlen läßt.

Doch der Wasserfrieden, der diese technische Brillanz dem Publikum erstmals in ihrer ganzen Pracht nahebringt, ist nicht von langer Dauer. Denn Shir Khan trifft ein und er ist inszeniert wie eine Naturgewalt: Zunächst sehen wir nur die Schattenumrisse, als der Tiger vor der gleißenden Sonne langsam, majestätisch über einen Felsvorsprung in den Mittelpunkt des Bildes schreitet … dann springt er mit einem mächtigen Satz zwischen all die anderen Tiere am Wasser und sofort schlägt die ausgelassene Stimmung in kollektive Furcht, ja sogar Panik um. Selbst Shir Khan hält sich allerdings an die ungeschriebenen Gesetze des Dschungels und respektiert den Wasserfrieden. Sobald dieser vorbei ist, so die unheilvolle Warnung, wird er das Menschenkind jedoch töten. Shir Khan-Sprecher Idris Elba (die deutsche Synchronfassung werde ich wohl auch noch anschauen und dann einige Sätze zur Qualität der deutschen Stimmen nachtragen) transportiert die tödliche Gefahr, die der durch seine frühere Begegnung mit dem Feuer leicht entstellte Tiger versprüht, mit einer eindrucksvollen Intensität und schickt sich nebenbei an, mit dem sonoren, bedrohlichen, aber durchaus charismatischen Baß zum inoffiziellen Nachfolger des großartigen Sir Christopher Lee (z.B. in "Das letzte Einhorn" und "Extraordinary Tales") zu werden als Sprecher sinistrer, geheimnisumwitterter Figuren.

Nach diesem erinnerungswürdigen Auftritt ist die anfängliche Leichtigkeit der Handlung vorerst Geschichte. Mit Moglis mehr oder weniger freiwilligem Aufbruch an Baghiras Seite beginnt der ernstere Part des Films – und dieser lange Mittelteil beinhaltet die einzige echte Schwäche dieser ansonsten so überaus gelungenen Neuinterpretation von Wolfgang Reithermans "Das Dschungelbuch" aus dem Jahr 1967. Denn es wird schnell offenbar, daß Autor Justin Marks (dessen bisher einziges Kino-Drehbuch zum miesen "Street Fighter: The Legend of Chun-Li" Schlimmes für "The Jungle Book" befürchten ließ, nun aber vermutlich als Ausrutscher verbucht werden darf) die eigentlich nur von einer Tierbegegnung Moglis zur nächsten springende Story nicht wirklich erweitert (und auch nicht an Kiplings Vorlage angenähert) hat, sondern fast nur gestreckt. Geschickt gestreckt, aber gestreckt. Und wo diese Anekdotenhaftigkeit bei dem nur etwa 75 Minuten langen Zeichentrickfilm kaum negativ ins Gewicht fiel, fällt sie in dem eine halbe Stunde längeren "The Jungle Book" durchaus auf. Zwar gibt es doch einige strukturelle Änderungen: Affenkönig Louie hat eine etwas größere Rolle (und ist kein Orang-Utan mehr, weil es die in Indien gar nicht gibt); die Schlange Kaa ist nun weiblich und eher böse, hat aber leider nur noch eine Szene; die Elefanten sind durch die Streichung "ihres" Songs "Colonel Hathi's March" auch gebeutelt; die Geier spielen überhaupt keine Rolle mehr; und speziell das letzte Filmdrittel läuft ziemlich anders ab, da Shir Khan in dieser Version Mogli nicht verfolgt, sondern dafür sorgt, daß dieser zu ihm kommt. Dennoch: Im Kern bleibt es ein ziemlich geradliniger "Jungle Trip" ohne nennenswerte Komplexität und da merkt man die 30 zusätzlichen Minuten deutlicher als es wünschenswert wäre. Eine echte "Botschaft" wie im kurz zuvor gestarteten Disney-Animationsfilm "Zoomania" gibt es übrigens auch nicht, abgesehen vom obligatorischen "Zusammen sind wir stark, wenn jeder seine individuellen Stärken einbringt".

Daß der Mittelteil trotz besagter Längen durchweg Laune macht, ist neben der überragenden Technik primär den ikonischen, immer noch unverschämt sympathischen und unterhaltsamen Figuren zu verdanken sowie der begnadeten Sprecherwahl. Da jemanden extra hervorzuheben, wäre ungerecht: Idris Elba habe ich ja bereits ausführlich gewürdigt, Sir Ben Kingsley verleiht Baghira unaufgeregt Weisheit und Würde (auch wenn es zunächst etwas kurios wirkt, einen Panther mit distinguiertem britischen Akzent zu hören ...), während Bill Murray ("Moonrise Kingdom") als bauernschlauer, jovialer, stinkfauler, aber unerschütterlich loyaler Bär Balu glänzt und Lupita Nyong'o als Raksha ebenso bedingungslos liebevolle Mütterlichkeit ausstrahlt wie unzähmbaren Kampfgeist. Auf Seiten der Antagonisten fasziniert zudem Christopher Walken ("Hairspray") als King Louie, der eine Art mafiöser Schutzgelderpresser ist, während Scarlett Johansson ("Lucy") in ihrem leider zu kurzen Auftritt als verführerisch-bedrohliche Kaa nach Spike Jonzes "Her" erneut ihre große Klasse als Sprecherin beweist. Entgegen ursprünglicher Erwartungen hat Jon Favreau übrigens auch einige Songs aus dem Original übernommen. Das ist eine Entscheidung, die durchaus kontrovers diskutiert wird, da die musikalischen Einlagen natürlich ein Stück weit dem sonstigen betont realitätsnahen Stil und der etwas düstereren Atmosphäre zuwiderlaufen. Da lediglich die beiden größten Hits Verwendung finden – Balus "The Bare Necessities" (sympathisch holprig vorgetragen von Bill Murray) und King Louies "I Wanna Be Like You" – und speziell ersterer harmonisch in die Story und die hörenswerte instrumentale Musik von John Debney ("Sin City") eingebettet ist, habe ich aber kein Problem damit. Zumal es einfach wunderbare Ohrwürmer sind, die einem auch in den neuen Fassungen nicht so schnell aus dem Gehörgang entfleuchen. Erst während des Abspanns kommt mit Scarlett Johanssons wunderbar hpynotischer Version von Kaas "Trust In Me" ein dritter Song aus dem Zeichentrickfilm hinzu (auf den eine bluesigere "The Bare Necessities"-Interpretation von Dr. John and The Night Trippers folgt). Da Regisseur Favreau das alles mit leichter Hand präsentiert und bei den humorvollen und den bedrohlichen Szenen eine gute Balance findet und der Newcomer Neel Sethi ausgezeichnet mit seinen computergenerierten Gefährten harmoniert, wird "The Jungle Book" nie langweilig. Und wenn nach dem großen Finale der Abspann über die Leinwand flimmert, kann man sich schon darüber freuen, daß bereits zwei Fortsetzungen vom selben Team angekündigt worden sind …

Fazit: "The Jungle Book" ist zwar im Mittelteil etwas zu sehr in die Länge gezogen, sorgt aber mit einer etwas bedrohlicheren, jedoch stets beschwingten und überragend vertonten Version der altbekannten Abenteuer von Mogli für glänzende Familienunterhaltung und setzt zugleich die bisherige technische Meßlatte ein gutes Stück höher.

Wertung: 8,5 Punkte.


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