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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Donnerstag, 2. Juni 2016

SING STREET (2016)

Regie und Drehbuch: John Carney, Musik: Gary Clark, John Carney und andere
Darsteller: Ferdia Walsh-Peelo, Lucy Boynton, Jack Reynor, Maria Doyle Kennedy, Aidan Gillen, Kelly Thornton, Ben Carolan, Mark McKenna, Percy Chamburuka, Conor Hamilton, Karl Rice, Don Wycherley, Ian Kenny, Lydia McGuinness
 Sing Street
(2016) on IMDb Rotten Tomatoes: 95% (8,0); weltweites Einspielergebnis: $13,6 Mio.
FSK: 6, Dauer: 106 Minuten.

Dublin, 1985: Die irische Wirtschaft liegt am Boden, junge Leute wandern scharenweise auf gut Glück nach Großbritannien aus, da sie in ihrer Heimat einfach keine Perspektive besitzen. Wer zurückbleibt, hat mit heftigen finanziellen Problemen zu kämpfen, so auch Familie Lalor. Vater Robert (Aidan Gillen, TV-Serie "Game of Thrones") bekommt als Architekt seit Monaten keine neuen Aufträge mehr, Mutter Pennys (Maria Doyle Kennedy, "Jupiter Ascending") Arbeitszeit wurde stark reduziert. Der sich zuspitzende finanzielle Engpaß belastet nicht nur zunehmend ihre Ehe, sondern auch das Leben ihrer drei Kinder, vor allem das des jüngsten Sohns Conor (Ferdia Walsh-Peelo), der von der angesehenen Jesuitenschule zur gebührenfreien öffentlichen Schule der "Christian Brothers" wechseln muß. Dort gerät der 14-Jährige sogleich in das Visier des Schulrowdys Barry (Ian Kenny), dem strengen Schulleiter Brother Baxter (Don Wycherley, "Die Journalistin") fällt er negativ auf, weil er nicht wie vorgeschrieben in schwarzen Schuhen in den Unterricht kommt (daß sich seine Eltern keine neuen Schuhe leisten können, kümmert ihn nicht). Ein Hoffnungsschimmer ist lediglich die ein Jahr ältere Raphina (Lucy Boynton), die Tag für Tag in einem Hauseingang gegenüber der Schule steht und angeblich als Model arbeitet. Um sie zu beeindrucken, fragt Conor sie, ob sie in einem Musikvideo seiner Band mitspielen würde; nach kurzem Zögern sagt sie zu. Das Problem an der Sache: Conor muß nun erst mal eine Band gründen …

Kritik:
Es ist nicht so, als ob der irische Regisseur und Drehbuch-Autor John Carney nur Musikfilme machen würde. Er drehte das Drama "Random – Nichts ist wie es scheint" (2001) mit Cillian Murphy, die Komödie "Zonad" (2009) und auch den Mysteryfilm "The Rafters" (2012). Die hohe Wahrscheinlichkeit, daß 99% der Leser dieser Rezension noch nie von einem dieser Filme gehört haben, dürfte ausreichend erklären, warum Carney zwar nicht nur, aber immer wieder Musikfilme dreht – weil er mit denen regelmäßig internationale Erfolge feiert! "Once" war 2007 sein Durchbruch, die zarte (inhaltlich aber recht simple) Tragikomödie über eine osteuropäische Immigrantin und einen irischen Straßenmusiker in Dublin, die sich über ihre Liebe zur Musik näherkommen, gewann sogar einen OSCAR für den besten Filmsong ("Falling Slowly"). Sechs Jahre später folgte mit "Can a Song Save Your Life?" ein schon deutlich größer aufgezogener Musikfilm mit Starbesetzung (Keira Knightley, Mark Ruffalo und Maroon 5-Frontmann Adam Levine) und massentauglichen Songs, der zwar nicht ganz so grandiose Kritiken erhielt, dafür aber Carneys mit Abstand größter kommerzieller Erfolg wurde. Und nun "Sing Street", wieder eine Nummer kleiner und ohne große Stars in Irland gedreht, dafür von den Kritikern gefeiert. John Carney und Musik – ja, das paßt einfach. Auch wenn die stilistischen Parallelen speziell zwischen "Can a Song Save Your Life?" und "Sing Street" teilweise doch unübersehbar sind, ist auch die Coming of Age-Tragikomödie ein schöner Wohlfühlfilm, der aus seinem tristen, von Zukunftsängsten geprägten Wirtschaftskrisen-Setting in den 1980er Jahren eine bemerkenswert optimistische Stimmung herausholt. Inhaltlich finde ich "Can a Song …" etwas überzeugender und tiefgängiger, dafür hat "Sing Street" für mich die noch bessere Musik zu bieten.

Letzteres ist aber logischerweise in erster Linie eine Frage des persönlichen Geschmacks. Ich mochte die moderne, poprockige Musik in "Can a Song …" genügend, um mir den Soundtrack zu kaufen, jedoch gefielen mir die intimeren, sparsam produzierten Songs deutlich besser als die pompös aufgezogenen Tracks. In "Sing Street" fehlen letztere komplett, dafür gibt es neben 1980er Jahre-New Wave-Klassikern von Duran Duran oder The Cure ein gutes halbes Dutzend Neukompositionen von hervorragender Qualität. Verantwortlich dafür zeichnen gleich mehrere Songwriter, allen voran Carney selbst und Gary Clark – Mitte der 1980er Jahre vor allem in Großbritannien bekannt als Frontmann der Band Danny Wilson (größter Hit: "Mary's Prayer"), später Songwriter u.a. für Natalie Imbruglia und Demi Lovato –, aber auch "Once"-Star Glen Hansard und Adam Levine steuern ein Stück bei. Die Lieder sind dabei vor allem zu Beginn von Conors "Musikkarriere" merklich vom Musikgeschmack seines älteren Bruders Brendan (Jack Reynor, "A Royal Night") inspiriert, der ihn überhaupt erst mit den heißesten Acts jener Zeit bekannt macht. So ist "The Riddle of the Model", Conors erster mit seinem Bandkollegen und musikalischen Multitalent Eamon (Mark McKenna) geschriebener Song als Frontmann seiner Band "Sing Street" (benannt nach der Synge Street, in der ihre Schule beheimatet ist), eine wunderbare Duran Duran-Hommage, die zugleich liebevoll einige der aus heutiger Sicht in der Tat recht putzigen Eigenheiten der Band aufs Korn nimmt. Das gilt speziell für das zugehörige Musikvideo, mit Handkamera gedreht und vorrangig ob der herrlich albernen Kostümierung der Band erinnerungswürdig. Weitere Songs sind klar von The Cure oder Hall & Oates beeinflußt, später wird Conor selbstbewußter und schreibt eigenständigere Nummern wie die Ballade "To Find You". Highlight in musikalischer wie auch filmischer Hinsicht ist allerdings "Drive It Like You Stole It", in Conors Phantasie präsentiert mit einer aufwendigen Massenchoreographie (inklusive "West Side Story"- bzw. "Grease"-Referenz und radschlagendem Brother Baxter) in einem klassischen US-Highschool-Prom-Setting.

Es ist sehr offensichtlich, daß die Musik im Mittelpunkt von "Sing Street" steht, darunter leidet notgedrungen ein wenig die Handlung. Zwar bemüht sich Carney, das Irland jener Zeit nicht zu verharmlosen, weshalb die wirtschaftliche Not des Landes und speziell die Perspektivlosigkeit der Jugend immer wieder thematisiert werden. So richtig überzeugend kommt das allerdings nicht rüber, es sind Behauptungen, die man akzeptieren muß (was natürlich nicht so schwer fällt, da es nunmal historische Realitäten sind), ohne sie in dem Gezeigten wirklich fühlen zu können. Die Krise der Familie Lalor ist einfühlsam in Szene gesetzt und der ernsthafteste Teil des Films, dabei letztlich aber ziemlich universell. Die generelle Armut oder Brother Baxters Sadismus verkommen derweil weitgehend zur Randnotiz, die entsprechenden Szenen wirken eher alibihaft eingestreut, kein Vergleich mit anderen Coming of Age-Filmen der letzten Jahre wie "Vielleicht lieber morgen" oder "Wie ein weißer Vogel im Schneesturm". Es ist eben nur der Rahmen für die Musik und die sich holprig entwickelnde Beziehung zwischen den beiden zentralen Protagonisten Conor und Raphina, beide vereint durch ihre großen Träume von einer besseren, selbstbestimmten Zukunft. Obwohl wie bei einer romantischen Komödie eigentlich jederzeit klar ist, daß sie am Ende doch zusammenfinden werden, geht Carney sehr behutsam und einfühlsam vor bei Conors Versuchen, Raphinas Herz zu gewinnen. So erscheint dieser von dem überzeugenden, charismatischen Schauspieldebütanten Ferdia Walsh-Peelo und der gut mit ihm harmonierenden, schon deutlich erfahreneren Lucy Boynton ("Die zauberhafte Welt der Beatrix Potter") getragene Handlungsstrang einerseits sehr glaubwürdig, hat andererseits aber gleichzeitig immer ein bißchen etwas Märchenhaftes an sich. Und das trifft auf den gesamten Film zu.

Fazit: "Sing Street" ist ein im Irland der 1980er Jahre spielender Coming of Age-Musikfilm, der zwar kein erzählerisches Meisterwerk ist, dafür aber ein echtes Feelgood-Movie mit viel Humor und toller Musik.

Wertung: Knapp 8 Punkte.


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