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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Mittwoch, 14. Dezember 2016

PHANTASTISCHE TIERWESEN UND WO SIE ZU FINDEN SIND (3D, 2016)

Originaltitel: Fantastic Beasts and Where to Find Them
Regie: David Yates, Drehbuch: J.K. Rowling, Musik: James Newton Howard
Darsteller: Eddie Redmayne, Katherine Waterston, Dan Fogler, Alison Sudol, Colin Farrell, Samantha Morton, Ezra Miller, Carmen Ejogo, Jon Voight, Josh Cowdery, Ronan Raftery, Faith Wood-Blagrove, Jenn Murray, Dan Hedaya, Gemma Chan, Ron Perlman, Zoë Kravitz, Johnny Depp
 Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind
(2016) on IMDb Rotten Tomatoes: 73% (6,8); weltweites Einspielergebnis: $814,0 Mio.
FSK: 6, Dauer: 133 Minuten.

Im Jahr 1926 reist der britische Zauberer und Erforscher magischer Kreaturen Newt Scamander (Eddie Redmayne, "Die Entdeckung der Unendlichkeit") auf seiner Forschungsreise durch die ganze Welt in die USA ein. Dort sind die Magiegesetze strenger als in Europa, speziell wird sehr darauf geachtet, daß die nicht magiebegabten Menschen (die hier nicht Muggel, sondern No-Maj heißen) nichts von der Existenz der Welt der Magie mitbekommen; entsprechend sind fast jegliche Kontakte zwischen Zauberern und Menschen untersagt. Umso unglücklicher ist es, daß nach einem versehentlichen Zusammenprall mit dem No-Maj-Bäcker Jacob Kowalski (Dan Fogler, "Europa Report") etliche der von Newt eingesammelten und in seinem magischen Koffer aufbewahrten phantastischen Tierwesen entkommen können und in New York für Unruhe sorgen. Gemeinsam mit dem völlig überrumpelten Jacob und der etwas verkniffenen Ex-Aurorin Porpentina "Tina" Goldstein (Katherine Waterston), die ihn wegen seiner Verstöße gegen die Magiegesetze eigentlich vor den Magischen Kongreß bringen will, versucht er, die Entflohenen wiedereinzusammeln, ehe sie viel Schaden anrichten. Gleichzeitig braut sich auch an anderer Stelle Unheil zusammen, denn die fanatische No-Maj Mary Lou Barebone (Samantha Morton, "Minority Report") hetzt mit ihren zahlreicher werdenden Anhängern gegen angebliche Hexen, der undurchsichtige Zauberer Percival Graves (Colin Farrell, "Saving Mr. Banks") verfolgt seine ganz eigenen Pläne und eine finstere Kreatur namens Obscurus bedroht den Frieden zwischen Magiebegabten und normalen Menschen …

Kritik:
J.K. Rowlings "Harry Potter"-Romane habe ich nie gelesen, als langjähriger Fantasyfan waren die Kinoadaptionen für mich aber natürlich Pflichtprogramm. Und tatsächlich habe ich mich bei den acht Filmen über weite Strecken gut unterhalten gefühlt; mehr allerdings auch nicht. Denn obwohl es fraglos spaßig und faszinierend war, Harry, Hermine und Ron (und ihren formidablen Darstellern) über viele Jahre hinweg beim Erwachsenwerden zuzusehen, konnte die Reihe echte Begeisterung nur selten in mir wecken. Speziell bei den späteren, ab Teil 5 vom bis dahin nur als (guter) TV-Regisseur aufgefallenen Briten David Yates in Szene gesetzten Filmen hatte ich stets das Gefühl, daß das Potential dieser von Rowling so detailreich ausgestalteten Welt voller Wunder mit ihren vielfältigen Bewohnern eher unausgeschöpft blieb. Echte Kinomagie, wie man sie bei der Thematik erwarten durfte, das, was im Englischen so perfekt umschrieben ist mit dem Begriff "Sense of Wonder" (für den es keine adäquate deutsche Entsprechung gibt), das haben die "Harry Potter"-Filme meiner Meinung nach viel zu selten vermitteln können. Umso erstaunter und begeisterter bin ich, daß das erste Potter-Spin-Off – wiederum von Yates inszeniert, aber erstmals mit einem von Rowling höchstpersönlich verfaßten Drehbuch –, das dramaturgisch keineswegs ohne Schwächen ist, genau in diesem Bereich auf der ganzen Linie überzeugt!

Mit "Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind" schafft es Rowling, das Magische der von ihr ersonnenen Welt endlich und weitaus stärker als in der Hauptreihe auf das Publikum zu übertragen, es zum Staunen und Schwärmen zu bringen mit grandios computergenerierten, phantasievoll designten Kreaturen und der "Parallelwelt" in Newts Koffer, in der sie leben – und durch James Newton Howards ("Michael Clayton") schwelgerisch-verspielte Musik wird diese märchenhafte Atmosphäre perfekt akzentuiert. Sehr vorteilhaft für die Glaubwürdigkeit dieser buchstäblich zauberhaften Welt ist natürlich der immer weiter voranschreitende technische Fortschritt, denn im Vergleich zu den "Harry Potter"-Filmen (zu denen es interessanterweise nur wenige Querverweise gibt – zumindest wenige, die ich als Nichtkenner der Bücher erkannt hätte) spielen sich hier deutlich mehr reizvolle, spielerisch und gewissermaßen im Vorbeigehen präsentierte Kleinigkeiten im Hintergrund ab, die die gesamte Filmwelt einfach viel realistischer wirken lassen. Die eigentliche Story – die sich weitgehend verlustfrei mit "Newt verliert seine Kreaturen und fängt sie wieder ein" zusammenfassen läßt – enttäuscht dagegen etwas, auch wenn die Figuren, der Humor und die toll gestalteten Kreaturen effektiv darüber hinwegtrösten. Immerhin fällt das Finale dafür durchaus überraschend und bemerkenswert ernst aus, was auch für die daran anknüpfenden Fortsetzungen hoffen läßt.

Apropos Kleinigkeiten: Oft sind es vermeintliche Kleinigkeiten, die aus einem guten einen tollen Film machen, etwa die Nebenfiguren. Da können die zentralen Charaktere noch so faszinierend und stark gespielt sein, erst durch markante, sie unterstützende Nebenfiguren können sie ihre erzählerischen Möglichkeiten ausreizen. Bei "Phantastische Tierwesen" ist das der Fall; okay, ein bißchen Potential bleibt schon noch offen (irgendwas muß ja für die Fortsetzungen zu tun bleiben), aber die liebenswert herausgearbeiteten Charaktere und ihre wunderbar harmonische Besetzung sind ein großer Pluspunkt für den Film. Im Grunde genommen ist der eigentliche Protagonist Newt sogar noch der "langweiligste" aus dem zentralen Quartett – von OSCAR-Gewinner Eddie Redmayne als ziemlich archetypischer weltfremder Wissenschaftler gespielt, der viel besser mit seinen Forschungsobjekten umgehen kann als mit seinen Mitmenschen (bzw. Mitzauberern). Jedoch hat er seine Berufung darin gefunden, seine Umwelt vom großen Wert und gleichzeitig der (bei richtiger Handhabung) Ungefährlichkeit der magischen Kreaturen – von denen viele fast ausgestorben sind – zu überzeugen.

Spannender als Newt ist trotzdem seine anfängliche Widersacherin, jedoch später überzeugte Mitstreiterin Tina, deren Wandlung von der bieder-verbissenen und humorlosen Regelhüterin hin zu einer sich immer stärker öffnenden Streiterin für das Wahre, Schöne und Gute Katherine Waterston wunderbar nuanciert umsetzt. Katherine Waterston  ein Name, der den meisten Filmfans wahrscheinlich nicht viel sagt, dabei zählt die in London geborene Mittdreißigerin, die lange fast nur am Theater auftrat, schon seit einiger Zeit zu den begehrtesten Darstellerinnen in Hollywood (u.a. hat sie bereits die weibliche Hauptrolle in Sir Ridley Scotts "Alien: Covenant" ergattert). Kein Wunder, wußte sie doch in ihren bisher wenigen größeren Rollen nachhaltig zu beeindrucken: als Hippie-Femme fatale Shasta Fay in Paul Thomas Andersons "Inherent Vice", als Mutter der Tochter von "Steve Jobs" und nun eben als Zauberin, die dank Newts Einfluß einen deutlichen Sinneswandel durchlebt. Man sollte sich an den Namen Katherine Waterston gewöhnen, denn man wird mit Sicherheit noch viel von dieser sehr talentierten Schauspielerin hören und sehen … Die heimlichen Stars in "Phantastische Tierwesen" (abgesehen von den titelgebenden Kreaturen) sind aber Jacob Kowalski und Tinas herzensgute, gedankenlesende Schwester Queenie ("A Fine Frenzy"-Sängerin Alison Sudol in ihrer ersten großen Rolle als Schauspielerin, die sie mehr als ordentlich meistert). Die beiden sind gewissermaßen die guten Seelen dieses Films und sie geben ein wunderbares Duo ab, das mit Jacobs sympathischer Unbeholfenheit und seinem mehr als nachvollziehbaren permanenten Staunen über diese völlig neue Welt, die sich ihm so unverhofft eröffnet, ebenso verzückt und amüsiert wie mit Queenies Mischung aus liebreizender Naivität und kecker Forschheit. Innerhalb der gut zwei Stunden Laufzeit wächst einem dieses zentrale Quartett so sehr ans Herz, daß man nur hoffen kann, daß es auch für die angedachten vier Fortsetzungen, die jeweils in anderen Staaten spielen sollen (Teil 2 in Großbritannien und Frankreich), in voller Stärke zurückkehrt.

Die übrigen Figuren verblassen dagegen naturgemäß ein wenig, manche Handlungsstränge – vor allem der um den Zeitungsmagnaten Shaw (Jon Voight, "Mission: Impossible") und seine Söhne, von denen einer Senator werden will und vermutlich nicht ohne Grund etwas hitlermäßig inszeniert wirkt, während der andere zu Mary Lous Hexenverfolgern zählt – wirken unausgereift bis überflüssig, auch wenn letztlich alle Fäden relativ geschickt zusammengeführt werden. Den stärksten Eindruck hinterläßt noch Colin Farrell, dem es gut gelingt, die Zuschauer fast bis zum Schluß im Unklaren darüber zu lassen, ob der von ihm verkörperte Zauberer Percival zu den Guten gehört, zu den Bösen oder irgendetwas dazwischen. Auch Ezra Miller ("Vielleicht lieber morgen") macht seine Sache als Credence, nervöser und nicht gänzlich freiwilliger "Undercover-Agent" bei den Hexenverfolgern, gut. Andere Charaktere werden dagegen nur kurz eingeführt, werden aber wohl in den Fortsetzungen größere Rollen spielen (z.B. Zoë Kravitz aus "Mad Max: Fury Road", die als Newts Ex-Freundin Leta nur via Foto dabei ist – angesichts ihres Nachnamens "Lestrange" darf man als "Harry Potter"-Kenner davon ausgehen, daß sie noch für größere Turbulenzen sorgen wird).

Zu den großen Highlights des Films zählt, wie bereits angesprochen, fraglos die Optik. Das Kreaturendesign ist fabelhaft, die OSCAR-reifen Spezialeffekte lassen kaum Wünsche offen und auch der 3D-Einsatz ist weitgehend gelungen. Etwas übertrieben hat es Yates für mein Empfinden nur mit den auf Dauer eher lästigen Pop-Out-Effekten, aber die Kinder im Publikum werden sich daran vermutlich erfreuen – ebenso wie an ein paar etwas arg albern ausgefallenen Sequenzen wie Newts Flußpferd-Paarungsritual … Ein wenig schade ist es, daß das äußerst reizvolle, da in Hollywood deutlich unterrepräsentierte 1920er Jahre-Setting nicht stärker in die Handlung eingebunden ist; im Grunde genommen könnte "Phantastische Tierwesen" ohne nennenswerte Anpassungen ebenso in unserer Gegenwart spielen. Positiv formuliert: Auch in diesem Bereich bestehen für die nächsten Teile noch Steigerungsmöglichkeiten. Freuen darf man sich auf weitere Abenteuer von Newt und Co. nach diesem gelungenen Auftakt auf jeden Fall.

Fazit: "Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind" ist ein erstaunlich starkes erstes "Harry Potter"-Spin-Off, dessen Story zwar dünn geraten ist, das aber mit gut ausgearbeiteten und perfekt besetzten Charakteren punktet und dem es vor allem gelingt, das aufgeschlossene Publikum mit der ausgefeilten Darstellung und Detailfülle der magischen Welt zum Staunen und zum Schwärmen zu bringen.

Wertung: 8,5 Punkte (inklusive eines "Sense of Wonder"-Bonuspunktes).


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