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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Donnerstag, 19. Januar 2017

HELL OR HIGH WATER (2016)

Regie: David Mackenzie, Drehbuch: Taylor Sheridan, Musik: Nick Cave und Warren Ellis
Darsteller: Chris Pine, Ben Foster, Jeff Bridges, Gil Birmingham, Katy Mixon, Marin Ireland, John-Paul Howard, Dale Dickey, Buck Taylor, Kevin Rankin, Alma Sisneros, Margaret Bowman, Kevin Wiggins, Amber Midthunder, Taylor Sheridan
 Hell or High Water
(2016) on IMDb Rotten Tomatoes: 98% (8,5); weltweites Einspielergebnis: $37,9 Mio.
FSK: 12, Dauer: 102 Minuten.

West-Texas ist eine jener ländlichen Gegenden im Kernland der USA, die besonders stark von den Folgen der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise ab 2007 betroffen sind: Die Industrie liegt brach, mit Landwirtschaft läßt sich auch nicht mehr viel verdienen, viele Einwohner sind hoch verschuldet und fühlen sich von den Banken betrogen. So auch die Brüder Toby (Chris Pine, "Star Trek Beyond") und Tanner Howard (Ben Foster, "Warcraft"), die kurz davor stehen, die Familienfarm an die Bank zu verlieren. Doch das wollen sie sich nicht bieten lassen und so überfallen sie die lokalen Filialen der betreffenden Bank, um mit der Beute dann die Hypothek begleichen zu können. Obwohl die ungleichen Brüder – Toby ist eigentlich ein netter Kerl, der niemandem schaden will, Tanner dagegen ein echter Krimineller, der ein Viertel seines Lebens hinter Gittern verbracht hat – Anfängerfehler begehen, funktioniert ihr Plan ganz gut. Doch dann setzt sich der kurz vor dem Ruhestand stehende Texas Ranger Marcus Hamilton (Jeff Bridges, "True Grit") mit seinem etwas jüngeren Partner Alberto Parker (Gil Birmingham, "Lone Ranger") auf ihre Spur …

Kritik:
Deutsche Verleihfirmen waren ja bis vor ein paar Jahren absolute Meister der manchmal mehr, oft deutlich weniger sinnvollen Untertitel. Im Zeitalter des Internets und der Social Networks hat das klar nachgelassen, weil viele Kinointeressierte sich früh speziell über englischsprachige Filme informieren und sich dabei an den Originaltitel gewöhnen, womit der erklärende Mehrwert eines deutschen Untertitels vielen Verleihern überflüssig scheint. Manchmal ist das ein bißchen bedauerlich, bei David Mackenzies ("Hallam Foe", "Perfect Sense") Neo-Western "Hell or High Water" etwa würde sich der Untertitel "Warum Donald Trump US-Präsident werden konnte" geradezu anbieten. Natürlich geht es darum nicht vordergründig in dieser eigentlich ziemlich klassischen Bankräuber-Geschichte, die Assoziationen mit "Bonnie & Clyde" oder "Thelma & Louise" ebenso weckt wie mit "No Country for Old Men" und dem Humphrey Bogart-Klassiker "Entscheidung in der Sierra" von Raoul Walsh und in der Politiker – soweit ich mich erinnere – nicht einmal erwähnt werden. Die Beschreibung der Lebensumstände der ärmlichen ländlichen Region, die sich infolge der großen Wirtschaftskrise nicht zu Unrecht von der Gesellschaft im Stich gelassen fühlt, zeigt jedoch gekonnt das Fundament auf, auf dem die populistischen Anti-Establishment-Parolen eines Donald Trump leicht aufbauen konnten. Die Vermischung des Neo-Western-Kerns mit Thriller- und Wirtschaftsfilmelementen, ergänzt um einen – passend zur von den verfallenden Resten der Industrie geprägten Landschaft – staubtrockenen Humor macht "Hell or High Water" (dessen Titel der Redewendung "Come Hell or High Water" entlehnt ist, der poetischeren englischsprachigen Version von "Komme, was wolle") zum besonderen Erlebnis, auch wenn sich die Originalität der Story wie auch des Handlungsverlaufs in Grenzen hält.

Es ist schon ein bißchen kurios, daß mit David Mackenzie ausgerechnet ein Brite eine durch und durch amerikanische Geschichte verfilmt. Allerdings wird das dadurch kompensiert, daß das Drehbuch von einem waschechten Texaner stammt: Der Ex-Schauspieler Taylor Sheridan (der hier eine kleine Gastrolle als Cowboy übernimmt, der den Weg der beiden Texas Ranger kreuzt) beweist nach seinem brillanten und OSCAR-nominierten "Sicario"-Debüt erneut, daß er quasi aus dem Nichts zu einem der besten Autoren in Hollywood avanciert ist. Zwar sind die Figuren etwas stereotyper und weniger vielschichtig angesetzt als in "Sicario", funktionieren im Zusammenspiel dennoch hervorragend; mehr Zeit wendet Sheridan diesmal für die Skizzierung der Umgebung auf und es gelingt ihm, dem Publikum mit Anekdoten und präzise beobachteten Details den desolaten Zustand dieser scheinbar weltvergessenen Region im Herzen Amerikas nahezubringen. Das verbindet er gerne mit trockenem bis bösem Humor, wenn etwa ein alter Mann, der beim ersten Banküberfall der Howard-Brüder zufällig anwesend ist, empört fragt: "Ihr raubt die Bank aus? Aber ihr seid doch nicht mal Mexikaner!" oder wenn die Tanners lernen müssen, daß Banküberfälle in einem Bundesstaat, in dem gefühlt jeder mit mindestens einer Pistole rumläuft, gar nicht so ungefährlich sind … Gelegentlich bringt Sheridan auch harmlos witzige Szenen ein, beispielsweise lernen wir die vermutlich furchteinflößendste Bedienung der Filmgeschichte kennen (wunderbar knorrig verkörpert von Margaret Bowman, die auch in "No Country for Old Men" eine kleine Rolle spielte), aber im Allgemeinen herrscht eher resignierter Galgenhumor vor. Selbst Texas Ranger Marcus macht da keine Ausnahme, der sich aufrichtig über die mexikanisch-indianische Herkunft seines nur leicht genervten Partners Alberto freut, weil er ihn so gleich in zweifacher Hinsicht (relativ liebevoll) rassistisch beleidigen kann …

Alberto, eine sehr erfrischende Figur, weiß das jedoch meist mit Gelassenheit zu nehmen und ist zudem immer für einen Konter gut, der manchmal fast schon philosophisch gerät. Wie er einmal treffend bemerkt: Vor 150 Jahren wurde genau dieses Land in Texas den Indianern von den Weißen weggenommen – jetzt wird es deren Nachfahren von den Banken weggenommen. Darauf fällt selbst dem sonst so schlagfertigen Marcus keine Entgegnung mehr ein. Die beiden eigentlichen Protagonisten, erfreulich nuanciert porträtiert von Chris Pine und Ben Foster, fallen derweil vor allem durch ihre Verschiedenheit auf. Während Toby eigentlich ein guter Kerl ist, der niemandem wehtun will, stets rational und vorsichtig vorgeht und nur aus seiner finanziellen Not und der Sorge um seine bei der Mutter lebenden beiden Söhne heraus zum Bankräuber wird, ist sein älterer Bruder Tanner ein brutaler Hitzkopf, dem es schlicht und ergreifend Spaß macht, Banken auszurauben und Menschen zu verletzen. Diese Kombination sorgt für ambivalente Gefühle beim Publikum: Während man dem sympathischen Toby durchaus die Daumen drückt – um so mehr, je mehr man über ihn und seine Situation erfährt –, ruft Tanner eher Abscheu hervor und erinnert daran, daß die beiden nunmal unbestreitbar schwere Verbrechen begehen. Das kann eigentlich nicht gut enden, was Tanner im Gegensatz zu Toby vollkommen bewußt ist (und vermutlich zu seinem sorglosen Vorgehen beiträgt, das seinen bedächtigeren Bruder immer wieder auf die Palme bringt). Weil Sheridan das alles so gut und mit treffenden Dialogen geschrieben hat und Mackenzie es so effektiv und atmosphärisch in Szene gesetzt hat, kann man "Hell or High Water" auch verzeihen, daß die Story sich nicht allzu ideenreich präsentiert und (ganz anders als bei "Sicario") relativ geradlinig ihrem scheinbar unvermeidlichen Ende entgegenstrebt. In diesem Fall ist die Handlung tatsächlich mal nur zweitrangig, wichtiger sind die Figuren und die Region sowie die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umstände, die ein überzeugendes Gesamtbild der ländlichen Gegenden in den Kernlanden der USA in den 2010er Jahren ergeben – musikalisch stimmungsvoll untermalt von den bedächtigen, sehnsuchtsvollen Klängen von Nick Cave und Warren Ellis ("Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford") und einer gelungenen Auswahl von Country- und Bluesrock-Songs.

Fazit: "Hell or High Water" ist ein grimmiger Neo-Western mit einer exzellenten Besetzung und einem starken Drehbuch, das ein beklemmend realistisches Bild der ländlichen Regionen der USA nach der großen Wirtschaftskrise zeichnet.

Wertung: Gut 8 Punkte.


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