Empfohlener Beitrag

In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Dienstag, 14. Februar 2017

HIDDEN FIGURES – UNERKANNTE HELDINNEN (2016)

Regie: Theodore Melfi, Drehbuch: Allison Schroeder und Theodore Melfi, Musik: Hans Zimmer, Pharrell Williams und Benjamin Wallfisch
Darsteller: Taraji P. Henson, Octavia Spencer, Janelle Monáe, Kevin Costner, Kirsten Dunst, Jim Parsons, Mahershala Ali, Glen Powell, Aldis Hodge, Olek Krupa, Kimberly Quinn
 Hidden Figures: Unerkannte Heldinnen
(2016) on IMDb Rotten Tomatoes: 92% (7,6); weltweites Einspielergebnis: $234,6 Mio.
FSK: 0, Dauer: 127 Minuten.

In den 1960er Jahren befinden sich die USA und die Sowjetunion nicht nur im Kalten Krieg, der immer dichter davor steht, ein heißer Krieg zu werden, sie stehen ebenfalls in einem erbitterten Wettrennen ins All – und die Sowjets liegen vorne, nachdem Juri Gagarin als erster Mensch in den Weltraum und lebendig wieder zurück gebracht wurde. Die NASA versucht verzweifelt, den Rückstand aufzuholen, wofür die Arbeit der besten und klügsten Köpfe Amerikas vonnöten ist. Dazu zählt auch eine Gruppe afroamerikanischer Mathematikerinnen, die es aber gleich aus zwei Gründen besonders schwer hat: Sie sind Frauen und sie sind schwarz. Zwar werden sie innerhalb der NASA nicht mit dem gleichen offenen Rassismus konfrontiert wie im öffentlichen Raum, wo noch immer vielerorts strikte Rassentrennung herrscht, doch müssen sie sich auch hier häufig anhören, daß sie keine Ansprüche zu stellen haben und froh sein sollen, daß sie überhaupt hier arbeiten dürfen. Katherine Goble (Taraji P. Henson, "Date Night"), Mary Jackson (Janelle Monáe, "Moonlight") und Dorothy Vaughan (Octavia Spencer, "The Help") wollen das allerdings nicht akzeptieren – sie wissen, was sie können und sie wollen dieses Können auch zeigen und anwenden. Dank des Rückstands auf die Sowjets und des aufgeschlossenen neuen Direktors Al Harrison (Kevin Costner, "Man of Steel") dürfen sie das endlich …

Kritik:
Sind Wissenschaftler etwa die neuen Helden in Hollywood? Es sieht fast so aus, immerhin ist "Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen" der dritte kommerziell und künstlerisch erfolgreiche Wissenschaftler-Film innerhalb weniger Jahre nach "The Imitation Game" (über den Informatik-Pionier Alan Turing) und "Die Entdeckung der Unendlichkeit" (über Physiker Stephen Hawking). Allerdings ist letzterer ein britisches Werk und "The Imitation Game" eine in Großbritannien realisierte britisch-amerikanische Koproduktion, also eigentlich nicht wirklich Hollywood, auch wenn es sich so anfühlt. Dafür präsentierte Hollywood aber bereits 2001 das OSCAR-prämierte Mathematiker-Portrait "A Beautiful Mind" über John Forbes Nash. Ein ganz neuer Trend ist es sowieso nicht, denn Wissenschaftler-Biopics waren schon einmal sehr beliebt: in den 1930er und 1940er Jahren, als kompetent gemachte Filme wie "Louis Pasteur" (1936) mit Paul Muni, "Die Lebensgeschichte Paul Ehrlichs" (1940) mit Edward G. Robinson oder "Madame Curie" (1943) mit Greer Garson die Lichtspielhäuser eroberten. "Hidden Figures" von "St. Vincent"-Regisseur Theodore Melfi ist – wenn ich nichts übersehen habe – tatsächlich erst der zweite Hollywood-Film nach "Madame Curie", in dem real existierende Wissenschaftlerinnen im Fokus stehen. Und es ist ein ausgesprochen unterhaltsamer Film geworden, der verdient drei OSCAR-Nominierungen (darunter eine für den besten Film) abstauben konnte.

Diese filmische Anerkennung haben Katherine Goble, Dorothy Vaughan und Mary Jackson auf jeden Fall verdient, auch wenn auf ihre Konten keine weltbekannten, klar ihnen zurechenbare Entdeckungen gehen, wie es bei den meisten bisherigen Wissenschaftler-Biopic-Protagonisten der Fall war. Goble, Vaughan und Jackson waren Teamplayer, die ihr Wissen und Können den gemeinschaftlichen Projekten zur Verfügung stellten und diese deutlich voranbrachten, vielleicht gar erst ermöglichten (zumindest innerhalb dieser Zeitspanne – irgendwann hätte es sicher auch ohne sie funktioniert). Dementsprechend steht ihre wissenschaftliche Arbeit in "Hidden Figures" nicht im Zentrum; sie wird zwar nicht vernachlässigt, aber richtig in die Tiefe geht das Drehbuch nicht. Das ist jedoch nachvollziehbar, schließlich haben sie hochgradig komplizierte Berechnungen angestellt, die schon im Ansatz schätzungsweise 99,99% der Zuschauer heillos überfordern würden – und zudem kaum sonderlich spannend oder aufregend in Szene gesetzt werden könnten. Melfi macht das geschickt, indem er die Mathematik gerade so stark in die Handlung einflicht, daß man auch als Laie eine deutliche Ahnung von der fachlichen Brillanz der Protagonistinnen bekommt.

Inhaltlich wichtiger ist für den Film aber, daß unser hart arbeitendes Mathematikerinnen-Trio sich selbstredend gegen diverse Widerstände durchsetzen muß. Immerhin sind sie Frauen und Afroamerikanerinnen und damit in den frühen 1960er Jahren gleich in zweierlei Hinsicht echte Exoten in der amerikanischen Wissenschaft. Dementsprechend werden sie von ihren weißen und überwiegend männlichen Kollegen kaum respektiert, bestenfalls toleriert, wobei es sowieso selten zu direkten Aufeinandertreffen kommt, da die Afroamerikanerinnen (schwarze Männer kommen bei den Wissenschaftlern seltsamerweise nicht vor, wenn ich mich richtig entsinne) in einem eigenen Gebäude arbeiten. Die von Katherines Supervisor Vivian Mitchell (Kirsten Dunst, "Melancholia"), vertretene Ansicht, daß die hartnäckig nach mehr Verantwortung strebenden Schwarzen dankbar sein sollten, überhaupt bei der NASA arbeiten zu dürfen, dürfte jedenfalls durchaus der Mehrheitsmeinung entsprechen. Katherine, Dorothy und Mary haben also einige Vorurteile zu überwinden, bevor sie zeigen können, was sie wirklich drauf haben. Das gilt umso mehr, als sie nicht einmal zusammen gegen die Vorurteile anarbeiten können, da ihre Stärken in unterschiedlichen Bereichen liegen. Genau das führt dann aber dazu, daß sie den Aufstieg schaffen: Katherine ist eine Spezialistin in Sachen Vektorrechnung, weshalb sie vom neuen Bereichsleiter Harrison in das (komplett weiße) Spitzenteam befördert wird – ihre erste Aufgabe ist es ausgerechnet, die Berechnungen des sehr selbstsicheren Ingenieurs Paul Stafford (Jim Parsons in einer Rolle, die der als Dr. Sheldon Cooper im TV-Hit "The Big Bang Theory" stark ähnelt) zu überprüfen, was der gar nicht witzig findet. Mary dagegen hat in dieser Hinsicht mehr Glück, denn ihre Kollegen um den Windtunnelexperten Karl Zielinski (Olek Krupa, "Burn After Reading") – der als vor den Nazis geflohener polnischer Jude ganz genau weiß, wie man sich als Außenseiter fühlt – unterstützen sie, ermutigen sie sogar, zur ersten schwarzen Ingenieurin in der NASA überhaupt zu werden, auch wenn sie zunächst vor Gericht dafür kämpfen muß. Und Dorothy wiederum, die Supervisor der afroamerikanischen Mathematikerinnen werden will, macht sich und ihre Kolleginnen durch ihre Weitsicht unersetzbar, indem sie sich früh und sehr penibel mit den neuen und hochgradig fortschrittlichen, allerdings kompliziert zu bedienenden Rechenmaschinen eines Unternehmens namens "International Business Machines" (IBM) und der Programmiersprache FORTRAN vertraut macht …

Das alles ist spannend und unterhaltsam mitanzuschauen, jedoch geht der Regisseur und Co-Autor Melfi in nahezu allen Aspekten so vor wie bei den mathematischen Leistungen seiner Hauptdarstellerinnen: Er geht nicht in die Tiefe. Gerade bei der Rassismus-Thematik wird das deutlich, denn die wird erkennbar gerade so stark beackert, daß sie einen als Zuschauer nicht zu wütend macht ob der Ungerechtigkeiten, nicht zu sehr aufwühlt. Die Benachteiligung durch die weißen Platzhirsche wird keineswegs verharmlost, sie ist ja sogar ein zentrales Thema des Films – aber Melfi beschränkt sich für mein Empfinden allzu sehr auf ein paar symbolische Facetten wie die getrennten Toiletten und beläßt es ansonsten überwiegend bei Andeutungen, wenn die Mathematikerinnen beispielsweise an von Gewalt und Haß begleiteten Bürgerrechts-Demonstrationen vorbeifahren. Noch kürzer kommt das Privatleben der drei Protagonistinnen, das man inhaltlich eigentlich auch komplett hätte aussparen können dramaturgisch ergibt die Einbindung aber durchaus Sinn, da man Katherine, Dorothy und Mary so ein bißchen privat kennenlernt und damit eine stärkere emotionale Bindung zu ihnen aufbaut. Und außerdem sind einfach ein paar richtig schöne und zu Herzen gehende Szenen dabei. Dennoch kommt die Figurenzeichnung nicht über ein ordentliches Niveau hinaus, für mehr ist angesichts der drei Hauptcharaktere auch einfach nicht genug Zeit. Am besten schneidet da noch Katherine ab, deren Erzählstrang nach und nach ins Zentrum rückt. Die wichtigeren weißen Rollen bleiben naturgemäß noch ein wenig oberflächlicher, allerdings hat Melfi gut darauf geachtet, sie nicht zu klischeehaft oder als reine Rassisten darzustellen – tatsächlich glaube ich, daß jemand wie Paul Stafford (der wie Vivian Mitchell in der Wirklichkeit nicht existierte, sondern eine Mischung aus mehreren realen Personen darstellt) eigentlich eher ein Sexist als ein Rassist ist. Ein wenig enttäuschend darf man es sicherlich finden, daß selbst hochintelligente Wissenschaftler nicht vor dummen Vorurteilen gefeit sind, aber das ist nunmal leider nur allzu realistisch.

Die Besetzung von "Hidden Figures" ist gut ausgewählt, vor allem die drei Hauptdarstellerinnen Taraji P. Henson, die OSCAR-nominierte Octavia Spencer und die hauptberufliche Sängerin Janelle Monáe (Golden Globe-Nominierung) erfüllen ihre Figuren gekonnt, dabei glaubhaft und sympathisch mit Leben. Daneben überzeugt auch Kevin Costner als strenger, aber fairer und aufgeschlossener Bereichsleiter Harrison, neben Dunst und Parsons bleiben noch Mahershala Ali ("Die Tribute von Panem – Mockingjay") als Katherines Verehrer Jim und Glen Powell ("The Expendables 3") als Astronaut John Glenn positiv im Gedächtnis. Die Atmosphäre der 1960er Jahre fängt "Hidden Figures" überzeugend ein – auch wenn sich der Großteil der Handlung auf dem NASA-Gelände abspielt, wird die Aufbruchsstimmung, aber ebenso die gesellschaftliche Spaltung dieser Dekade greifbar gemacht, dazu dient auch die musikalische Begleitung durch zeitgenössische Songs von Miles Davis oder Ray Charles, aber auch zu dieser Zeit passende Neukompositionen von Pharrell Williams, der gemeinsam mit dem deutschen Altmeister Hans Zimmer und dem britischen Komponisten Benjamin Wallfisch ("A Cure for Wellness") für die für den Golden Globe nominierte Musik von "Hidden Figures" verantwortlich zeichnet, fügen sich harmonisch ein.

Fazit: "Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen" ist ein klassisches Feelgood-Movie über drei außergewöhnliche afroamerikanische Frauen und die Überwindung von Rassenschranken und dummen Vorurteilen – wirklich in die Tiefe geht die Handlung jedoch selten.

Wertung: 7,5 Punkte.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen