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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Dienstag, 28. März 2017

DIE SCHÖNE UND DAS BIEST (3D, 2017)

Originaltitel: Beauty and the Beast
Regie: Bill Condon, Drehbuch: Stephen Chbosky und Evan Spiliotopoulos, Musik: Alan Menken
Darsteller: Emma Watson, Dan Stevens, Luke Evans, Kevin Kline, Josh Gad, Ewan McGregor, Sir Ian McKellen, Emma Thompson, Nathan Mack, Gugu Mbatha-Raw, Stanley Tucci, Audra McDonald, Hattie Morahan, Sonoya Mizuno
 Die Schöne und das Biest
(2017) on IMDb Rotten Tomatoes: 71% (6,6); weltweites Einspielergebnis: $1263,5 Mio.
FSK: 6, Dauer: 130 Minuten.

Irgendwo in Frankreich zur Mitte des 18. Jahrhunderts: Gaston (Luke Evans, "Dracula Untold"), ehemaliger Offizier und aufgrund seines guten Aussehens begehrtester Junggeselle des kleinen Orts Villeneuve, kennt nur ein Ziel – er will die schöne Belle (Emma Watson, "My Week with Marilyn") erobern und heiraten. Die will jedoch nichts vom oberflächlichen und selbstverliebten Gaston wissen, vielmehr liebt sie Bücher und träumt davon, die provinzielle Enge ihrer Heimat zu verlassen. Der Wunsch wird ihr schneller erfüllt als gedacht allerdings auf gänzlich andere Art und Weise , als ihr alleinerziehender Vater Maurice (Kevin Kline, "Wilde Kreaturen") in einem Unwetter vom Weg abkommt und letztlich von einem monströsen Biest (Dan Stevens, "The Guest") in seinem heruntergekommenen Schloß gefangengehalten wird. Belle bietet sich selbst im Austausch für die Freiheit ihres kränkelnden Vaters an, das Biest akzeptiert. Doch während Belle zunächst nur noch daran denkt, aus der Gefangenschaft zu flüchten, lernt sie die Wunder dieses verwunschenen Ortes kennen. Denn das Biest war einst ein eitler Prinz und etliche der (lebendigen) Gegenstände im Schloß – darunter ein Kerzenhalter, eine Uhr und eine Teekanne – waren dessen Bedienstete, ehe sie alle von einer Zauberin verwandelt wurden. Nur wahre Liebe, die für das garstige Biest empfunden wird, kann den Fluch brechen. Doch die Zeit drängt, ehe die Verwandlung unumkehrbar wird. Belle ist die letzte Hoffnung …

Kritik:
Zwei Vorbemerkungen: Das Märchenmusical "Die Schöne und das Biest" von Bill Condon ("Mr. Holmes") ist die nächste Disney-Realverfilmung eines eigenen Zeichentrickklassikers da es allerdings viele Jahre her ist, daß ich die 1991 erschienene Vorlage gesehen habe, werde ich weitgehend auf direkte Szenen- oder Figurenvergleiche verzichten – wobei es sich hier sowieso eher um ein Remake mit ein paar Erweiterungen handelt als um einigermaßen eigenständige Neuinterpretationen wie bei "Cinderella" oder "The Jungle Book". Zudem habe ich den Film auf Englisch gesehen, da in der deutschen Synchronfassung die Songs ebenfalls eingedeutscht wurden, was ich im Normalfall nicht mag, da die übersetzten Texte häufig etwas holprig klingen und ich zudem lieber die Schauspieler selbst singen höre. Was ich sehr wohl mag, ist dagegen diese neue Version des alten, vielfach adaptierten französischen Volksmärchens, die zwar nicht makellos ist, es sich aber mit prächtigen Schauwerten, eingängigen Liedern, sehr viel Herz und einer guten Besetzung durchaus verdient hat, zu einem der erfolgreichsten Filme aller Zeiten zu werden.

Bereits der Prolog, in dem gezeigt wird, wie aus einem garstigen Prinzen ein garstiges Biest wurde, präsentiert den heimlichen Hauptdarsteller in seiner vollen Pracht: das ausgesprochen schmucke Schloß, über weite Strecken der Schauplatz von "Die Schöne und das Biest". Da das nicht eben bescheiden, aber dafür umso spektakulärer konstruierte Schloß und auch seine Bewohner respektive Gäste für eine Festivität besonders glanzvoll herausgeputzt sind, fällt der Kontrast zwischen der verschwenderischen Ausstattung, den pompösen Kostümen und der durch unzählige Kerzen beschworenen lichten Pracht zu diesem frühen Zeitpunkt und jenem Zustand, in dem es sich befindet, als Maurice und Belle es finden, besonders groß aus. Denn nach der Verwandlung des Prinzen und der Bediensteten läßt sich die wahrlich märchenhafte Schönheit des barocken Gebäudes mit zahlreichen Türmchen, Statuen und Verzierungen (ganz genau genommen orientiert das Design passend zum Setting des Märchens am Rokoko-Stil, der aus dem Spätbarock hervorging) zwar noch erahnen, die Dunkelheit des ewigen Winters, der Teil des Fluchs ist, und natürlich die mangelnde Pflege, die zu etlichen, teils erheblichen Schäden führte, lassen das Schloß jedoch eher traurig wirken. Was selbstverständlich perfekt zum Gemütszustand seiner nur körperlich ihrer Menschlichkeit beraubten Bewohner paßt.

Daß Belle deren Rettung sein könnte, würde man selbst dann früh ahnen, wenn die Geschichte nicht weltbekannt und, ehrlich gesagt, auch ziemlich simpel wäre. Denn wir lernen Belle nach dem dramatischen Prolog als lebenslustige junge Frau kennen, die mit ihrem Charme, ihrer Freundlichkeit und ihrer unaufdringlichen, vollkommen natürlich wirkenden Schönheit ihr Umfeld verzaubert. Gleichzeitig verschreckt sie die erzkonservativen Bewohner von Villeneuve mit ihrem Wissensdurst – allein, daß sie als Frau lesen kann, grenzt an einen Skandal! –, der Sehnsucht nach Abenteuern und auch mit ihrer Intelligenz und Schlagfertigkeit. Deren Ziel wird besonders häufig der eitle Gaston, den es gerade reizt, daß Belle die einzige im Ort ist, bei der er mit seinem guten Aussehen und seinem leicht schmierigen Charme überhaupt nicht landen kann. Luke Evans spielt Gaston ausgesprochen überzeugend und unterhaltsam, im ersten Filmdrittel macht er ihn gar zum heimlichen Star, auch dank der immer wieder hochgradig amüsanten Geplänkel mit seinem besten Freund LeFou (Josh Gad, "Die Eiskönigin"), der allerdings nicht ausschließlich platonische Gefühle für Gaston hegt. Interessanterweise kommt der zu Beginn generell gar nicht so schlecht weg, immerhin nimmt er Belles mitunter ruppige Abweisungen vergleichsweise gelassen hin, ohne sich davon entmutigen zu lassen. Hätte Gaston nicht das Pech, zum Antagonisten der Story bestimmt zu sein, dann könnte er Belle durchaus im Stil einer romantischen Komödie irgendwann erobern … Ein negativer Nebeneffekt von Gastons frühem Scenestealer-Status ist aber, daß seine spätere, deutlich weiter als im Zeichentrickfilm gehende Wandlung zum hassenswerten Bösewicht ziemlich abrupt und damit nicht gänzlich glaubwürdig daherkommt.

Ähnliches läßt sich freilich von der sich ab dem zweiten Akt zunächst zögerlich, dann umso rasanter entwickelnden Liebesgeschichte zwischen Belle und dem Biest behaupten. Das war in früheren Verfilmungen wie Jean Cocteaus legendärem, surreal-poetischen "Die Schöne und die Bestie" von 1946 nicht groß anders und vermutlich auch nicht in den diversen Versionen des Volksmärchens – aber in einem Musical wie diesem bleibt einfach noch ein bißchen weniger Zeit für klassische Charakterentwicklung. Zugegeben, dafür gelingt es zumindest einigen der Songs – die vom Zeichentrickfilm übernommen und um drei ein weiteres Mal von Alan Menken komponierte neue Lieder ergänzt wurden –, eine stärkere Emotionalität zu vermitteln als das wohl im gleichen Drei-Minuten-Zeitraum mit Dialogen möglich wäre; dennoch bleibt es dabei, daß sich die beiden Titelfiguren für meinen Geschmack zu rasant annähern, als daß es richtig glaubwürdig wäre – mir ist aber bewußt, daß das bei einem romantischen Märchen-Musical wie "Die Schöne und das Biest" ein recht kleinlicher Kritikpunkt ist, den garantiert nicht jeder teilt. Zumal es ja auch noch die verzauberten Bediensteten des Schlosses gibt, die viel Raum in der Handlung einnehmen und als unkonventionelle Verkuppler reichlich Humor und ebenfalls einige Songs beisteuern (damit aber wiederum Zeit beanspruchen, die der Belle-Biest-Beziehung fehlt – aber lassen wir das …).

Wie in der Zeichentrickversion sorgen speziell der umtriebige Kerzenleuchter Lumière und die stilbewußte britische Kaminuhr Cogsworth für Spaß, das Duo wird hervorragend gesprochen von Ewan McGregor ("Jack and the Giants") und Sir Ian McKellen ("Der Hobbit"). Aber auch das übrige, gegenüber der Vorlage leicht erweiterte Bediensteten/Gegenstände-Ensemble fügt sich wunderbar ein, bestehend aus der Teekanne Mrs. Potts (Emma Thompson, "Radio Rock Revolution") samt Sohn/Teetasse Chip (Nathan Mack), dem musikalischen Schrank Madame de Garderobe (Audra McDonald aus der TV-Serie "Private Practice") und ihrem Ehemann, dem Cembalo Maestro Cadenza (Stanley Tucci, "Einfach zu haben") sowie Lumières Geliebter, dem schwanförmigen Staubwedel Plumette (Gugu Mbatha-Raw, "Dido Elizabeth Belle"). Sowohl in humoristischer als auch in musikalischer Hinsicht sorgen die Bediensteten für die Highlights, wenngleich zugegebenermaßen ein paar Szenen arg kindisch geraten sind – etwa Madame de Garderobes erster Auftritt. Gesanglich brillieren primär McGregor als dominierende Stimme in "Be Our Guest" (wenig überraschend, wenn man ihn in "Moulin Rouge!" gehört hat) sowie eher unerwartet Emma Thompson, die eine wunderbare Interpretation des Titelsongs "Beauty and the Beast" darbietet! An diese beiden Höhepunkte ("Beauty and the Beast" gewann ja bereits 1992 den Filmsong-OSCAR) reichen die drei Neukompositionen zwar nicht heran, sie fügen sich aber harmonisch in das Gesamtbild ein. Und daß das Biest nun mit dem von Dan Stevens gefühlvoll vorgetragenen, wehmütigen "Evermore" endlich ein eigenes Lied erhält, war sowieso überfällig. Bedauerlich ist allerdings, daß die Lieder generell etwas überproduziert wirken, nicht selten übertönt die Musik den Gesang, womit die Texte phasenweise nur schwer zu verstehen sind – immer bezogen auf die englischsprachige Version, denn in solchen Punkten kann eine Synchronfassung durchaus ihre Vorzüge haben (ob sie es hier besser macht, kann ich nicht beurteilen).

Apropos Dan Stevens: Der frühere "Downton Abbey"-Star kann schauspielerisch naturgemäß nur bedingt auftrumpfen, da er nun einmal die meiste Zeit über als (ebenso wie die lebendigen Gegenstände sehr überzeugend animiertes) Biest in Erscheinung tritt. Dennoch macht er seine Sache gut und die Leinwandchemie zwischen ihm und Emma Watson stimmt. Die wiederum gibt eine umwerfend liebenswürdige, einfach zauberhafte Belle ab, die ihren selbstbewußten Umgang mit Gaston ebenso überzeugend darbietet wie die nicht gerade alltägliche Interaktion mit den verzauberten Bediensteten und natürlich die zunächst von Abscheu, dann von immer stärker werdenden positiven Gefühlen geprägte Beziehung zum gar nicht mehr so garstigen Biest. Da verzeiht man ihr auch, daß sie wohl nicht die allerbeste Sängerin ist, jedenfalls wurde ihrer Stimme merklich mit technischer Hilfe nachgeholfen – was ich persönlich sehr bedauerlich finde, denn ich bevorzuge bei Musicals Authentizität eindeutig gegenüber Perfektion. Russell Crowe beispielsweise mag für seinen stimmlichen Einsatz in "Les Misérables" von einigen Seiten belächelt worden sein, aber auch wenn er natürlich nicht an die gesanglichen Qualitäten seiner mit einer Profi-Gesangsausbildung gesegneten Ensemble-Kollegen heranreicht, singt er doch gut und vor allem mit Leidenschaft. Mir ist das lieber und ich bin mir sicher, daß Emma Watson das ebenso hinbekommen hätte. Aber Disney ist halt Disney und geht im Zweifelsfall immer noch lieber auf Nummer sicher – ich find's schade, es ist aber nicht zu ändern und wird vielen Zuschauern vermutlich sowieso nicht auffallen. Zumindest wurde sie nicht nachträglich und gegen ihren Willen von einer professionellen Sängerin synchronisiert wie weiland die arme Audrey Hepburn in "My Fair Lady" (das war allerdings nicht Disney, sondern Warner Bros.) …

Ein Wermutstropfen bei der von mir ansonsten so gelobten Optik ist übrigens der 3D-Einsatz. Der ist zwar bis auf vereinzelte "Ghosting"-Momente sehr solide, aber ich hatte mir definitiv eine noch bessere Tiefenwirkung speziell bei den prachtvollen Schloßszenen erhofft, qualitativ auf einem Level mit bisherigen 3D-Highlights wie "Avatar", "Life of Pi", "Der große Gatsby" oder "Resident Evil: Afterlife". Aber das wäre wohl nur möglich gewesen, wäre der Film tatsächlich in 3D gedreht und nicht lediglich nachträglich konvertiert worden. Für meinen Geschmack finden zudem etwas zu viele kinderfreundliche Pop-Out-Effekte Verwendung, aber nunja, auch hier gilt: Es ist eben ein Familienfilm von Disney; da war nichts anderes zu erwarten und da sich die Effekte noch in Grenzen halten, stört es nicht sonderlich. Dennoch ist es ein kleines bißchen symptomatisch für mein Empfinden, daß "Die Schöne und das Biest" bei allen Stärken etwas zu genau und kühl marketingtechnisch durchkalkuliert ist. Kurz gesagt: Es ist ein richtig guter, glänzend unterhaltender, hervorragend produzierter und harmonisch besetzter Film … aber kein Meisterwerk.

Fazit: "Die Schöne und das Biest" ist eine visuell prachtvolle und sehr sympathische Realfilm-Version des beliebten Disney-Zeichentrickklassikers von 1991, die mit sinnvollen Erweiterungen aufwartet, jedoch ein paar kleinere Schönheitsfehler in den verschiedensten Kategorien nicht ganz verbergen kann.

Wertung: 8 Punkte.


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