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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Dienstag, 7. März 2017

SPLIT (2016)

Regie und Drehbuch: M. Night Shyamalan, Musik: West Dylan Thordson
Darsteller: James McAvoy, Anya Taylor-Joy, Betty Buckley, Brad William Henke, Haley Lu Richardson, Jessica Sula, Izzie Leigh Coffey, Sebastian Arcelus, Neal Huff, Bruce Willis, M. Night Shyamalan
 Split
(2016) on IMDb Rotten Tomatoes: 75% (6,4); weltweites Einspielergebnis: $275,0 Mio.
FSK: 16, Dauer: 118 Minuten.

Die beliebte Schülerin Claire (Haley Lu Richardson, "The Edge of Seventeen") feiert mit ihren Eltern und ihren Freunden ausgelassen Geburtstag in einem Fast Food-Restaurant. Mit dabei ist auch die introvertierte Casey (Anya Taylor-Joy, "The Witch"), die eigentlich nur eingeladen wurde, weil sie ansonsten die einzige aus Claires Klasse ohne Einladung gewesen wäre. Als die Party vorbei ist, will Claires Vater (Neal Huff, "Moonrise Kingdom") sie, ihre Freundin Marcia (Jessica Sula, TV-Serie "Skins") und Casey nach Hause fahren, wird jedoch auf dem Parkplatz niedergeschlagen, während die drei Teenager bereits im Auto sitzen. Stattdessen steigt Kevin (James McAvoy, "X-Men: Erste Entscheidung") ein und betäubt die Mädchen sofort. Als sie wieder zu Bewußtsein kommen, befinden sie sich in einem kleinen, abgesperrten, scheinbar unterirdischen Raum. Während Claire und Marcia nach Wegen zur Flucht suchen, plädiert Casey dafür, den Entführer und sein Verhalten ihnen gegenüber zuerst zu beobachten. Das wird jedoch schwierig, denn wie sich zeigt, ist Kevin ein Mann mit multipler Persönlichkeitsstörung; insgesamt bewohnen 23 Personen seinen Körper, von denen eine namens Dennis die Mädchen entführt hat. Und laut Dennis bereitet er die Ankunft einer 24. Persönlichkeit vor, deren Name "das Biest" nichts Gutes für die Gefangenen verheißt …

Kritik:
Scheinbar waren Geschichten, in denen eine kleinere Personengruppe in einem abgelegenen Gebäude auf die eine oder andere Art und Weise festgehalten wird und dabei erschreckende Entdeckungen macht, im Hollywood des Jahres 2016 schwer im Trend, immerhin war "Split" bereits der dritte derartige Film nach "10 Cloverfield Lane" und "Don't Breathe" (auch "Raum" kann man im weiteren Sinne dazuzählen, auch wenn der schon ein Jahr älter ist). Na gut, so richtig originell und neu klingt die Prämisse gar nicht, natürlich gibt es seit den 1980er Jahren zahllose Horrorfilme, die sich ganz ähnlich beschreiben ließen (z.B. "Tanz der Teufel" oder "The Cabin in the Woods"). Diese neue Welle unterscheidet sich davon bei näherer Betrachtung aber recht deutlich, denn die Storys sind in dem 2016er-Trio ungewöhnlich gut ausgearbeitet, sie warten mit – für Genreverhältnisse – durchaus glaubwürdigen Überraschungen auf, ebenso mit einer bemerkenswert gut ausgearbeiteten Figurenzeichnung. Und generell sind es einfach drei richtig gute Genrefilme. In meiner persönlichen Rangfolge reiht sich "Split" zwar ein wenig hinter "Don't Breathe" und "10 Cloverfield Lane" ein, da er doch eindeutig am reißerischsten daherkommt und damit auch größere Ähnlichkeiten zu den erwähnten älteren Horrorfilmen besitzt, trotzdem handelt es sich um einen ausgesprochen unterhaltsamen und spannenden Horror-Psychothriller mit einem faszinierenden Antagonisten, der einen guten Schuß "Dr. Jekyll & Mr. Hyde" einbringt. M. Night Shyamalans ("Das Mädchen aus dem Wasser") Rückkehr zu früheren qualitativen "The Sixth Sense"- oder "Unbreakable"-Höhen setzt sich nach "The Visit" mit "Split" jedenfalls fort und läßt für die Zukunft hoffen.

Erfreulicherweise achtet Shyamalan sehr genau darauf, daß die drei Mädels keine typischen Horrorfilm-Opfer sind, keine hilflosen "Scream Queens", die nur auf Rettung durch muskulöse Männer warten. Zwar wird schon ein wenig mit Klischees gearbeitet: Claire ist ein klassischer Anführer-Typ – selbstbewußt, clever und tatkräftig –, während ihre Freundin Marcia eher der Mitläufer-Typ ist, aber ebenfalls Eigenantrieb beweist; und Casey ist die Parade-Außenseiterin mit dunklem Geheimnis, die bedächtig vorgehen und die Lage erstmal sondieren will, eventuell auch von der Furcht durch ihre eigenen traumatischen Kindheitserfahrungen getrieben, über die wir durch kurze Flashbacks nach und nach mehr erfahren. Aber wenngleich die oberflächliche Beschreibung recht stereotyp wirken mag, kommen die Teenager authentisch und durchaus vielschichtig rüber. Ein bißchen schade ist es, daß Casey früh eindeutig als Protagonistin der Geschichte etabliert wird, weshalb die anderen beiden nach gutem Auftakt doch etwas zu kurz kommen. Wenn man es darauf anlegt, kann man zudem sicher viele gute Methoden finden, wie den Teenagern früh die Flucht hätte gelingen können, allerdings erinnere ich an dieser Stelle gern daran, daß so etwas ganz anders läuft, wenn man sich panisch in einer Extremsituation befindet als wenn man bequem zu Hause auf der Couch rumlümmelt und Besserwisser spielt … Die Mädels treffen sicher nicht immer die schlaueste oder bestmögliche Entscheidung, aber sie machen ihre Sache in Anbetracht der Situation sehr ordentlich. Und damit auch besser als Kevins Psychiaterin Dr. Fletcher (Betty Buckley, "Carrie", "Wyatt Earp"), die immer wieder von friedlicheren, aber unterdrückten Persönlichkeiten ihres Patienten alarmiert wird und deshalb sehr wohl ahnt, daß etwas gewaltig schief läuft, daraus aber sehr fragwürdige Konsequenzen zieht, die auch kaum den ärztlichen Richtlinien entsprechen dürften.

Davon abgesehen ist Dr. Fletcher dennoch wichtig für die Handlung, denn durch ihre Gespräche mit Kevin lernen wir viel über seine Persönlichkeitsstörung, implizit auch über die Hintergründe der Entführung der Teenager, zudem werden spätere Story-Entwicklungen geschickt vorbereitet. Kevins diverse Persönlichkeiten lernen wir jedoch primär im Zusammenspiel mit den Mädchen kennen. Der brutale und neurotische Dennis (er kann jede Art von Verunreinigung nicht leiden, weshalb die Mädels ziemlich schnell halbnackt rumlaufen müssen …) ist derjenige, der das Trio entführt hat, nun arbeitet er mit der resoluten Patricia daran, die Ankunft des "Biestes" vorzubereiten, für die die Teenager unerläßlich sind. Als vielversprechender Ansatzpunkt für die Mädchen erweist sich eine dritte Persönlichkeit, der vorlaute neunjährige Hedwig, der Dennis und Patricia mit einer speziellen Fähigkeit entscheidend unterstützt, aber als Kind durchaus anfällig für die Manipulationsversuche vor allem durch Casey erscheint. Die "Annäherung" von Casey, Claire und Marcia an ihre Entführer, ihr Versuch, die verschiedenen Persönlichkeiten zu verstehen, zu durchschauen und im Idealfall auch deren Schwächen für sich zu nutzen, ist von Shyamalan gut aufgebaut und spannend ausgeführt, gemeinsam mit den Mädchen versuchen wir das Rätsel namens Kevin zu durchschauen, von dem immer neue Facetten aufgedeckt werden. Dennis, Patricia und Hedwig dominieren die gespaltene Persönlichkeit dabei klar, alle anderen kommen höchstens kurz zum Vorschein.

James McAvoy kommt daher also nicht dazu, 24 Personen in einem Film zu spielen, trotzdem ist seine nahezu übergangslose Transformation zwischen Dennis, Patricia und Hedwig sowie gelegentlich Kevin und ein paar anderen eindrucksvoll und sehr überzeugend. McAvoy genießt die schauspielerischen Möglichkeiten, die "Split" ihm bietet, sichtlich und er interpretiert die einzelnen Persönlichkeiten mit großer Leidenschaft. Glücklicherweise steht ihm ein ebenfalls passend ausgewähltes Mädels-Trio gegenüber, aus dem vor allem Anya Taylor-Joy nach ihrer "The Witch"-Glanzleistung erneut zeigt, daß sie ein aufgehender Stern am Schauspielhimmel ist, dem eine große Zukunft beschieden sein dürfte. Haley Lu Richardson und Jessica Sula machen ihre Sache ebenfalls gut, aber Taylor-Joy verleiht Casey die größte emotionale Tiefe – wobei dafür natürlich auch ihre sich langsam entfaltende Hintergrundgeschichte sehr nützlich ist. Dennoch: McAvoy und Taylor-Joy beziehungsweise Kevin/Dennis/Patricia/Hedwig/das Biest und Casey begegnen sich fast von Beginn an auf Augenhöhe (bereits die erste "Begegnung" im Auto von Claires Vater deutet Caseys Sonderstellung an), was die Handlung von "Split" sich zu einem immer aufregenderen Duell zuspitzen läßt. Dabei geht es im letzten Filmdrittel auch viel actionreicher zu als zuvor, aus einem beklemmenden hitchcock'schen Kammerspiel wird dann ein echter, ungezügelter, adrenalingeladener Actionthriller mit Anleihen bei den 1970er Jahre-Klassikern eines Brian De Palma ("Phantom of the Paradise", "Dressed to Kill").

Den obligatorischen Shyamalan-Twist gibt es natürlich auch in "Split", eigentlich sogar zwei davon, allerdings läuft das diesmal doch etwas anders ab als sonst. Der erste ist eigentlich eher ein Anti-Twist, der im Grunde genommen lange vorher offen angekündigt wird. Sicherlich wird dieser Nicht-Twist nicht jedem Zuschauer gefallen, aber wenn man "Split" als Genrefilm mit Mystery-Elementen betrachtet und nicht zu großen Wert auf Realismus legt, dann funktioniert er sehr gut (im Prinzip durchaus vergleichbar mit dem "10 Cloverfield Lane"-Twist). Die zweite Überraschung dagegen findet erst in der allerletzten Szene statt, womit sie inhaltlich für den Film weitgehend bedeutungslos bleibt, aber zumindest bei jenen, die sie überhaupt verstehen (was, um das mal möglichst spoilerfrei zu formulieren, ein gutes Gedächtnis voraussetzt), für vor Staunen (oder Begeisterung oder vielleicht auch Unglauben) offenstehende Münder sorgt. Ich war jedenfalls begeistert und freue mich schon auf die Fortsetzung, die angesichts des großen kommerziellen Erfolges des günstig produzierten Films (das Budget betrug keine $10 Mio.) nur eine Frage der Zeit sein dürfte! Eine Bemerkung noch zu der vereinzelt geäußerten Kritik, wonach der Film Personen mit multipler Persönlichkeitsstörung stigmatisiere und als grundsätzlich gefährlich darstelle: Ich kann schon nachvollziehen, daß Betroffene und Ärzte mit entsprechender Spezialisierung nicht überglücklich mit der Darstellung Kevins in "Split" sind, jedoch ist der Film so offensichtlich fern der Realität angesiedelt, daß es schwer vorstellbar scheint, irgendjemand könne das für bare Münze nehmen. Oder anders formuliert: Wer nur wegen "Split" Menschen mit multipler Pesönlichkeitsstörung für grundsätzlich gefährlich hält, der glaubt wahrscheinlich auch, daß alle Rothaarigen Hexen sind …

Fazit: "Split" ist ein spannender und einfallsreicher psychologischer Horrorthriller mit einem phasenweise etwas zu reißerisch gestalteten Drehbuch, aber vielen originellen Ideen und zwei exzellenten Hauptdarstellern James McAvoy und Anya Taylor-Joy.

Wertung: 7,5 Punkte.


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