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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Donnerstag, 6. April 2017

DIE VERSUNKENE STADT Z (2016)

Originaltitel: The Lost City of Z
Regie und Drehbuch: James Gray, Musik: Christopher Spelman
Darsteller: Charlie Hunnam, Robert Pattinson, Sienna Miller, Tom Holland, Angus Macfadyen, Edward Ashley, Franco Nero, Pedro Coello, Matthew Sunderland, Johann Myers, Aleksandar Jovanovic, Ian McDiarmid, Clive Francis, Daniel Huttlestone
 Die versunkene Stadt Z
(2016) on IMDb Rotten Tomatoes: 88% (7,4); weltweites Einspielergebnis: $8,8 Mio.
FSK: 12, Dauer: 141 Minuten.

Anfang des 20. Jahrhunderts bekommt der britische Offizier Percy Fawcett (Charlie Hunnam, "Pacific Rim") den Auftrag, für die Royal Geographic Society (RGS) – an der er früher selbst studierte – eine aufwendige Landvermessung in Bolivien vorzunehmen, um Grenzstreitigkeiten mit Brasilien möglichst friedlich beizulegen. Fawcett, der bereits an den äußersten Ecken des Commonwealth in Asien stationiert war, hält diesen langweilig klingenden Auftrag zunächst für unter seiner Würde, stellt aber schnell fest, daß das ein gewaltiger Irrtum war. Die Erkundung des Amazonas-Gebiets auf der Suche nach der Quelle des Rio Verde ist anspruchsvoll und gefährlich, nicht nur die unwirtliche Flora und Fauna machen Fawcett und seinen Begleitern zu schaffen, sondern auch teilweise feindlich gesonnene Eingeborenenstämme. Dennoch erreicht die Expedition ihr Ziel, an dem Fawcett zu seiner gewaltigen Überraschung und Begeisterung Überreste einer uralten, lange untergegangenen Zivilisation entdeckt. Zurück in London stellt er seine Erkenntnisse den durchaus skeptischen Mitgliedern der RGS vor und schafft es mit der Unterstützung des Antarktis-Erforschers James Murray (Angus Macfadyen, "Braveheart"), eine neue Forschungsreise auf die Beine zu stellen, die nach der versunkenen Stadt suchen soll, von deren Existenz Fawcett überzeugt ist …

Kritik:
Wissenschaftler als Helden – das gibt es, abgesehen von Biopics wie "Die Entdeckung der Unendlichkeit" (Stephen Hawking), "The Imitation Game" (Alan Turing) oder "A Beautiful Mind" (John Nash), nicht so häufig auf der großen Kino-Leinwand zu sehen. Kaum verwunderlich, ist doch Wissenschaft meist eine eher trockene Materie, die allein nur sehr bedingt zum Kinostoff taugt. Eine Ausnahme bilden allerdings solche Wissenschaftler, die als Entdecker durch die Welt reisen. Charles Darwin kommt einem da schnell in den Sinn, über dessen Reisen es aber erstaunlicherweise noch keinen großen Film gibt; der deutsche Universalgelehrte Alexander von Humboldt hat es dagegen immerhin zu einer Hauptfigur in Detlev Bucks "Die Vermessung der Welt" geschafft. Noch viel massentauglicher sind jedoch fiktive Entdecker, deren berühmtester und erfolgreichster Vertreter zweifellos der Archäologe Dr. Henry Jones Jr. ist, besser bekannt als "Indiana Jones". Und obwohl dessen Schöpfer Steven Spielberg und George Lucas nie ein konkretes Vorbild für diese Kultfigur nannten, wird interessanterweise Percy Fawcett als eine der möglichen Inspirationsquellen gehandelt. So gesehen ist es nur gerecht, daß Fawcett nun einen "eigenen" Kinofilm bekommt, in dem es allerdings keine Nazis oder biblische Artefakte gibt, sondern reichlich Dschungel und nicht immer freundliche Indiostämme. Dementsprechend erinnert "Die versunkene Stadt Z", dessen sehr britische Geschichte von dem US-Amerikaner James Gray ("Helden der Nacht", "The Immigrant") als Regisseur und Drehbuch-Autor (nach einem Sachbuch von David Grann) erzählt wird, stärker an Werke wie Werner Herzogs fiebrige Meisterwerke "Aguirre, der Zorn Gottes" und "Fitzcarraldo" oder Terrence Malicks poetischen "The New World" als an die "Indiana Jones"-Reihe. Das schränkt zwar das Publikumspotential ebenso deutlich ein wie die bewußt altmodische, realitätsnahe und somit eher unspektakuläre Inszenierung, aber Freunde klassischen Prä-Blockbuster-Abenteuerkinos bekommen mit "Die versunkene Stadt Z" einen guten Vertreter dieses nahezu vergessenen Subgenres geboten.

Was "Die versunkene Stadt Z" von zahlreichen themenverwandten Filmen unterscheidet, ist die Struktur der Handlung – denn es wird nicht etwa eine Expedition in den südamerikanischen Dschungel ausführlich geschildert, sondern es gibt deren gleich drei. Das ist dem realen Percy Fawcett geschuldet, wobei der sogar sieben Forschungsreisen in die Region unternahm, was für einen wenn auch mehr als zwei Stunden langen Film natürlich zu viel gewesen wäre. Aber auch mit drei Expeditionen ergibt sich ein interessantes Bild, denn die sind in gewisser Weise thematisch gegliedert, was im Zusammenspiel mit den zwischenzeitlichen Heimataufenthalten (sowie einem "Ausflug" an die Front im Ersten Weltkrieg) für lobenswerte Abwechslung sorgt. Bei der ersten Reise steht der für Fawcett noch neue Kontinent mit seinen üppigen Urwäldern im Vordergrund sowie das Kennenlernen mit seinen Begleitern und eher am Rande die relativ trockene Vermessungsarbeit. Ziel der zweiten Expedition ist die titelgebende versunkene Stadt, erschwert durch das neue und ziemlich schwierige Gruppenmitglied Murray; und die dritte und letzte Reise konzentriert sich auf das Verhältnis Fawcetts zu seinem nun erwachsenen Sohn Jack (Tom "Spider-Man" Holland), der ihn erstmals begleitet. So förderlich dieses Hin und Her zwischen den Expeditionen und den britischen Szenen – die von Fawcetts Beziehung zu seiner Frau Nina (Sienna Miller, "American Sniper") und den gemeinsamen Kindern geprägt sind – für den Unterhaltsamkeitsgrad des Films sein mögen, machen sie es doch gleichzeitig unmöglich, bei den Forschungsreisen selbst richtig in die Tiefe zu gehen und die Beschwerlichkeiten dem Publikum vollumfänglich zu vermitteln (wie es "Aguirre, der Zorn Gottes" so vortrefflich gelingt). Letztlich mußte James Gray einen Kompromiß eingehen und wenngleich man das dem Film durchaus anmerkt, hat er insgesamt eine gute Balance gefunden.

Percy Fawcett ist derweil eine sehr interessante Hauptfigur: Er ist bemerkenswert weltoffen und unangepaßt und eckt mit seiner damals nahezu unerhörten Ansicht, wonach die Indios keine minderwertigen Menschen sind, selbstbewußt bei einem Großteil der Gesellschaft, ja selbst seiner Forscherkollegen (darunter Ian McDiarmid – besser bekannt als Imperator Palpatine in der "Star Wars"-Saga – als Vorsitzender der Royal Geographic Society) an. Dieser Einsatz für die Gleichberechtigung wie auch seine erkennbare Abscheu gegenüber Sklavenhaltern wie dem Baron de Gondoriz (Franco Nero in einer Gastrolle) machen Fawcett zu einem sympathischen Protagonisten. Doch Gray macht es sich nicht so einfach, ihn einseitig als strahlenden Helden zu zeichnen; er verpaßt ihm spannende Facetten, die ihn zu einem authentischen Charakter machen. Daß Fawcett geradezu besessen ist vom Amazonasgebiet und der Suche nach "Z" und dafür immer wieder seine Familie jahrelang alleine läßt, weckt bereits gewisse Zweifel an seinem Edelmut – auch wenn ein derartiges Verhalten für Männer seiner Zeit alles andere als ungewöhnlich ist. Richtig interessant wird es aber, als er, der sich so vehement für die Rechte der südamerikanischen Eingeborenen einsetzt, seine ihm gegenüber stets nachsichtige Frau (die in früheren Jahren wohl selbst wissenschaftlich arbeitete, zumindest wird das angedeutet) mit typischen "Frauen an den Herd"-Argumenten abblitzen läßt, als sie ihm vorschlägt, ihn auf seiner nächsten Reise zu begleiten. Kein Wunder, daß Nina da stinksauer auf Percy wird – und wir gleich mit. Zugegeben, es ist keine ganz neue Idee, brillante Forscher oder Wissenschaftler als im Privatleben nicht so vorbildlich darzustellen, aber hier ist es glaubwürdig präsentiert und verleiht Percy Fawcett Tiefe.

Charlie Hunnam, bekannt geworden durch die Biker-TV-Serie "Sons of Anarchy", liefert in der Hauptrolle zwar keine begeisternde Glanzleistung ab, die Ambivalenz von Percy Fawcett bringt er aber überzeugend zum Ausdruck, auch seine an Besessenheit grenzende Leidenschaft für den oft so unwirtlichen südamerikanischen Dschungel nimmt man ihm ab. Außerdem profitiert Fawcett vom harmonischen Zusammenspiel mit seinen Reisebegleitern, allen voran dem von einem bärtigen und bebrillten Robert Pattinson ("Wasser für die Elefanten") sehr charismatisch verkörperten Corporal Henry Costin, der gemeinsam mit Corp. Arthur Manley (Edward Ashley, "Im Herzen der See") zu Fawcetts wichtigstem Vertrauten und Freund wird. Und auch Angus Macfadyen überzeugt als zwar antarktiserprobter, aber noch lange nicht dschungeltauglicher James Murray, der bei der zweiten Expedition zu einem sehr nervigen Stachel im Fleisch der Gruppe wird. Die Reisen verlaufen trotz der mal friedlichen, mal gefährlichen Zusammentreffen mit verschiedenen Indiostämmen gar nicht so aufregend, was aber durch die Interaktion der Expeditionsteilnehmer und die sehenswerten Naturaufnahmen von Kameramann Darius Khondji ("Midnight in Paris") kompensiert wird. Die sehen in ausgewählten Kinos (darunter auch mein Stammkino) übrigens sogar noch etwas schöner aus, da sie dort in der neuen, farbkräftigeren "EclairColor"-Technologie gezeigt werden, bei der die unzähligen Grün-Facetten des Urwalds naturgemäß besonders gut zur Geltung kommen. "Die versunkene Stadt Z" bietet also gute, bewußt altmodisch und entschleunigt präsentierte Abenteuer-Unterhaltung, wobei das Ende nicht gänzlich befriedigend ausfällt – was aber den historischen Geschehnissen geschuldet ist (wer kein Problem mit Spoilern hat und mehr über Fawcetts letzte Expedition wissen will, den verweise ich auf die sehr informative Wikipedia-Seite dazu).

Fazit: "Die versunkene Stadt Z" ist ein unaufgeregt, aber realitätsnah geschilderter Entdecker-Abenteuerfilm, der den Fokus auf die interessanten Charaktere und großartige Naturaufnahmen legt.

Wertung: Knapp 8 Punkte.


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