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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Donnerstag, 8. Februar 2018

THREE BILLBOARDS OUTSIDE EBBING, MISSOURI (2017)

Regie und Drehbuch: Martin McDonagh, Musik: Carter Burwell
Darsteller: Frances McDormand, Sam Rockwell, Woody Harrelson, Peter Dinklage, Lucas Hedges, Clarke Peters, Sandy Martin, John Hawkes, Samara Weaving, Caleb Landry Jones, Kerry Condon, Željko Ivanek, Abbie Cornish, Amanda Warren, Darrell Britt-Gibson, Lawrence Turner, Kathryn Newton, Brendan Sexton III, Nick Searcy
 Three Billboards Outside Ebbing, Missouri
(2017) on IMDb Rotten Tomatoes: 93% (8,5); weltweites Einspielergebnis: $88,8 Mio.
FSK: 12, Dauer: 116 Minuten.

Sieben Monate ist es her, daß die Jugendliche Angela (Kathryn Newton, "Bad Teacher") an einer Straße am Rand der Südstaaten-Kleinstadt Ebbing vergewaltigt und ermordet wurde. Da die örtliche Polizei seitdem keinerlei sichtbare Fortschritte bei ihren Ermittlungen gemacht hat, ist Angelas Mutter Mildred (Frances McDormand, "Burn After Reading") frustriert und wütend und so entschließt sie sich eines Abends spontan zu einer folgenreichen Aktion: Sie mietet drei Plakatwände am Stadtrand an, die wegen einer geänderten Verkehrsanbindung seit den 1990er Jahren nicht mehr benutzt wurden, und fragt darauf in großen Lettern Sheriff Willoughby (Woody Harrelson, "Planet der Affen: Survival"), warum keine Verdächtigen ermittelt wurden. Da Mildred gleich noch einen TV-Bericht über ihre Aktion organisiert, sorgt sie damit für reichlich Wirbel – auch deshalb, weil fast jeder in der Stadt (inklusive Mildred) weiß, daß der beliebte Willoughby todkrank ist. Während er selbst ein gewisses resigniertes Verständnis für Mildreds Aktion zeigt, ist sein etwas einfältiger, ziemlich rassistischer Protegé Dickson (Sam Rockwell, "Ganz weit hinten") stinksauer und versucht mit allen Mitteln, die provokante Botschaft wieder von den Plakatwänden wegzubekommen …

Kritik:
Frances McDormand wurde im Jahr 1996 weltberühmt durch ihre OSCAR-prämierte Rolle als hochschwangere Provinzpolizistin Marge Gunderson in "Fargo" von Joel und Ethan Coen. Gut 20 Jahre später erhielt sie ihre inzwischen bereits fünfte Academy Award-Nominierung für die Rolle als wütende Mutter einer brutal ermordeten Tochter in "Three Billboards outside Ebbing, Missouri" von Martin McDonagh. Und irgendwie fühlt es sich fast an, als würde sich ein Kreis schließen, denn die Filme der irischen McDonagh-Brüder erinnern seit jeher an die der Coen-Brüder: skurril, mit knochentrockenem Humor, offensiv unbequem und politisch unkorrekt und durchsetzt mit komplex geschriebenen, hochspannenden Figuren. Anders als die seit Dekaden scheinbar unzertrennlichen Coens arbeiten die McDonaghs zwar stets getrennt voneinander, doch ihr Stil hat große Ähnlichkeiten. Eine Zeitlang dachte ich, daß Martin ("Brügge sehen … und sterben?", "7 Psychos") etwas tiefgründigere, bittersüßere Geschichten erzählt, während John Michaels Filme ("The Guard", "Dirty Cops") witziger und auf schräge Art optimistischer wirken – seit John Michaels niederschmetterndem "Am Sonntag bist du tot" läßt sich diese Einschätzung aber keinesfalls mehr halten. Martin McDonagh zeigt sich inhaltlich konsistenter und so fügt sich sein tragikomisches, moralisch ambivalentes, höchst aufwühlendes und zum Nachdenken anregendes Drama "Three Billboards …" passend in sein Œuvre ein – auch wenn "Brügge sehen … und sterben?" knapp mein Lieblings-McDonagh-Film bleibt.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, daß es gar nicht wenige Menschen – darunter auch ein paar Kritiker – gibt, die einen Film nicht wirklich genießen können, wenn es keine klare Abgrenzung zwischen Gut und Böse, zwischen Schwarz und Weiß gibt. Denen kann ich "Three Billboards …" nicht guten Gewissens empfehlen, denn hier gibt es eine so große Anzahl von Grautönen, daß man den Film mit Fug und Recht auch "Fifty Shades of Grey" hätte benennen können – wäre dieser Titel nicht bereits anderweitig vergeben. Hat zu Beginn noch wie selbstverständlich Mildred angesichts der Tragödie, die sie durchleiden mußte, alle Sympathie des Publikums auf ihrer Seite, merken wir doch schnell, daß die Sache so einfach nicht ist. Weder ist Mildred die strahlende Heldin der Geschichte noch Chief Willoughby (oder selbst der rassistische Dickson) der Bösewicht. Mildred ist schroff, ungehobelt, ein Stück weit selbstgerecht und ziemlich unfair. Läßt man ihr das zunächst angesichts der Gesamtsituation noch durchgehen, müssen wir uns doch mit jeder weiteren Enthüllung respektive Entgleisung stärker eingestehen, daß Mildred kein sehr netter Mensch ist – und dies bereits vor der Ermordung ihrer Tochter nicht war. Sie brüskiert den örtlichen  Pfarrer, der zwar etwas bevormundend daherkommt, es aber letztlich erkennbar gut meint; sie achtet nicht genügend auf die Gefühle ihres verständnisvollen Sohnes Robbie (Lucas Hedges, "Manchester by the Sea"), der durch die Billboards sogar ein Detail zum Tod seiner Schwester erfährt, das er niemals wissen wollte; und sie attackiert in vollem Bewußtsein einen todkranken Gesetzeshüter, ohne ihn vorher zur Rede stellen.

Hätte sie das getan, dann wüßte sie nämlich, daß Sheriff Willoughby eigentlich alles getan hat, was möglich war – jedoch darf man getrost bezweifeln, daß diese Auskunft Mildred genügend besänftigt hätte, um ihre provokative Aktion abzublasen. Zumal natürlich auch Willoughby nicht fehlerfrei ist: Wenngleich er im Fall pflichtbewußt ermittelt hat, ist es eindeutig sein Versagen, die arme Mildred sieben Monate lang nicht über Fortschritte oder ihr Ausbleiben zu informieren. Ganz zu schweigen davon, daß er Officer Dickson beschützt und im Dienst beläßt, obwohl die ganze Stadt weiß, daß er einen inhaftierten Schwarzen gefoltert/mißhandelt hat und auch im Alltag nicht an rassistischen Bemerkungen spart. Doch selbst mit ihm kann man phasenweise mitfühlen, ist er doch ein geistig offensichtlich nicht allzu schneller Mensch, der sich von seiner dominanten Mutter (Sandy Martin, TV-Serie "Hand of God") manipulieren läßt, allerdings in unverbrüchlicher – bedauerlicherweise etwas übersteigerter – Loyalität zu seinem Mentor und Beschützer Willoughby steht. Letztlich ist er Mildred ironischerweise gar nicht so unähnlich, denn beide handeln kompromißlos, um die Menschen, die ihnen wichtig sind, zu beschützen beziehungsweise ihnen gerecht zu werden – mit fatalen Folgen. So kommt es, daß sich die Handlung durch eine stete Aufeinanderfolge von Aktion und Reaktion von Mildred und Dickson entfaltet, wodurch sich alles immer noch weiter verschlimmert, und zwar für alle Beteiligten.

[LEICHTE SPOILERWARNUNG hinsichtlich des allgemeinen Handlungsverlaufs!]
Durch die zunehmende Eskalation der Geschehnisse wirkt McDonaghs Film – wiewohl es dank der für ihn typischen, zynisch-witzigen Oneliner, die er vor allem Mildred in den Mund legt, doch einige Lacher gibt – recht pessimistisch. Immerhin zeichnet er durchaus gesellschaftskritisch das wenig verheißungsvolle, aber wohl nicht unrealistische Bild eines rückständigen Kaffs im konservativen Mittleren Westen, in dem Polizeigewalt, Vorurteile und Alltagsrassismus ziemlich normal sind (auch wenn ich schwer hoffe, daß in der Realität jemand mit den Verfehlungen Officer Dicksons trotzdem nicht nur gefeuert, sondern sogar inhaftiert würde). Doch bevor alles den Bach runtergehen kann, geschieht etwas, worauf man kaum noch zu hoffen gewagt hatte: Sowohl Mildred als auch Dickson werden durch die Freundlichkeit und Güte anderer von ihrem (selbst)zerstörerischen Pfad abgelenkt. Dabei spielt vor allem Sheriff Willoughby eine große Rolle, aber auch etliche Nebenfiguren wie der an Mildred interessierte kleinwüchsige James (Peter Dinklage, "X-Men: Zukunft ist Vergangenheit"), der homosexuelle Werbetafel-Vermarkter Red Welby (Caleb Landry Jones, "Barry Seal") und seine Assistentin Pamela (Kerry Condon, "Unleashed"), der taffe neue Polizeichef Abercrombie (Clarke Peters, TV-Serie "The Wire"), der namenlos bleibende Polizei-Sergeant des Typs "hart aber fair" (Željko Ivanek, "Argo") und sogar Penelope (Samara Weaving, "Monster Trucks"), die entwaffnend naive 19-jährige Geliebte von Mildreds gewalttätigem Exmann Charlie (John Hawkes, "The Sessions"). Ob das ausreicht, um Dickson und Mildred wieder oder vielleicht zum ersten Mal auf die richtige Spur zu bringen, das bleibt relativ offen, auch sind ihre vorherigen (Un)taten keineswegs auf einen Schlag vergeben und vergessen – doch zumindest gibt es so etwas wie Hoffnung, womit Martin McDonagh unter all dem Zynismus seiner zentralen Protagonisten doch eine zutiefst humanistische Botschaft verbirgt.
[SPOILERWARNUNG ENDE!]

"Three Billboards …" hält die gesamten zwei Stunden über die Spannung mit überraschenden Wendungen hoch, da sich die von McDonagh kreierten komplexen Charaktere immer wieder anders verhalten als erwartet. Gleichzeitig gelingt McDonagh der Spagat zwischen einer gerade ob der höchst ambivalenten zentralen Figuren permanenten latent unbequemen Atmosphäre und bemerkenswert viel Humor wobei wie immer bei McDonagh die sich aus Carter Burwells (der auch die "Fargo"-Musik komponierte) gefühlvollem Score und einer u.a. Townes van Zandt, Joan Baez und ABBA umfassenden Songauswahl zusammensetzende Musik mit hineinspielt. Da kann man noch so unruhig auf die vermeintlich unvermeidliche nächste Eskalationsstufe warten – wenn Mildred wieder einmal einen trockenen Spruch losläßt oder einem aufmüpfigen Teenager kurzerhand mit Schmackes zwischen die Beine tritt, sorgt das definitiv für dringend benötigte Auflockerung (auch wenn einem das Lachen mitunter eher im Halse stecken bleibt). Den fiesesten, aber erinnerungswürdigsten Oneliner hat übrigens Willoughby abbekommen, als dieser sich vor Mildred dafür verteidigt, Dickson im Dienst belassen zu haben: "Würde man alle Polizisten mit rassistischen Tendenzen entlassen, blieben nur noch drei übrig – und die wären Schwulenhasser!" Naturgemäß würde ein Film wie "Three Billboards …" mit vielen unbequemen Protagonisten nur halb so gut funktionieren ohne die passenden Schauspieler. Bereits die zwei sehr verdienten OSCARs für McDormand und Rockwell sowie die Nominierung für Harrelson belegen, daß McDonagh die gefunden hat (wobei der Film bis in kleinste Nebenrollen glänzend besetzt ist). Alle drei erfüllen ihre Figuren mehr als gekonnt mit Leben, sie ermöglichen es mit ausdrucksstarker, facettenreicher Darstellung, trotz ihrer zahlreichen Charakterfehler mit ihnen mitzufühlen und Verständnis für sie aufzubringen. Dabei glänzen sie sowohl in lauten als auch in leisen Szenen, beispielsweise gehen die privaten Momente des todkranken Willoughby mit seiner Frau Anne (Abbie Cornish, "Sucker Punch") und ihren beiden Töchtern logischerweise besonders ans Herz – aber auch Mildreds Szenen mit ihrem insgesamt leider etwas zu kurz kommenden Sohn Robbie oder die Dicksons Gespräche mit seiner Mutter stärken gekonnt die emotionale Bindung des Publikums zu ihnen. Daß McDonagh an ein paar Stellen etwas dick aufträgt und zu konstruierte Drehbuchentscheidungen fällt (speziell die Rückblende zum letzten Moment, an dem Mildred und Robbie Angela lebend gesehen haben, ist meiner Ansicht nach etwas zu viel des Guten), verhindert die Höchstnote, ist aber alles in allem eine läßliche Sünde angesichts der sehr hohen Qualität eines Films, über den man nach dem Abspann noch lange nachdenken wird.

Fazit: "Three Billboards outside Ebbing, Missouri" ist eine originelle und mit knochentrockenem Humor angereicherte Tragikomödie voller wunderbar komplexer und ambivalenter Figuren, auch wenn das Fehlen eines wirklichen Sympathieträgers unter den Hauptfiguren manche Zuschauer herausfordern dürfte.

Wertung: 9 Punkte.


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