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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Dienstag, 26. Juni 2012

THE SOCIAL NETWORK (2010)

Regie: David Fincher, Drehbuch: Aaron Sorkin, Musik: Trent Reznor und Atticus Ross
Darsteller: Jesse Eisenberg, Andrew Garfield, Justin Timberlake, Armie Hammer, Rooney Mara, Joseph Mazzello, Max Minghella, Patrick Mapel, Brenda Song, Wallace Langham, Rashida Jones, Scott Lawrence, Malese Jow
 The Social Network
(2010) on IMDb Rotten Tomatoes: 96% (9,0); weltweites Einspielergebnis: $224,9 Mio.
FSK: 12, Dauer: 120 Minuten.

Harvard University, zu Beginn des 21. Jahrhunderts: Der ziemlich arrogante Student Mark Zuckerberg (Jesse Eisenberg, "Zombieland", "Adventureland"), ein junges Computergenie, das bereits in der Highschool mit seinen Programmierkünsten das Interesse von Microsoft und Co. geweckt hat, ist wütend, weil seine Freundin Erica (Rooney Mara) mit ihm Schluß gemacht hat. In seiner Verbitterung programmiert er über Nacht (und das in betrunkenem Zustand) eine Internetseite, auf der die Harvard-Studenten das Aussehen all ihrer Kommilitoninnen bewerten können, deren Fotos er unerlaubterweise aus den Uni-Verzeichnissen "herausgehackt" hat. Die Aktion bringt ihm sowohl Ärger als auch Bewunderung ein. Vor allem bringt sie ihn auf jene Idee, mit der er in den kommenden Jahren zu einem der reichsten Männer der Welt werden wird: ein soziales Internet-Netzwerk zu schaffen. Zunächst ist dieses auf einige amerikanische Colleges begrenzt, später frei für alle und kostenlos in der Nutzung abgesehen von der Privatsphäre, die man freiwillig mehr oder weniger stark opfert. Die Rede ist natürlich von Facebook, Schreckgespenst zahlloser deutscher Politiker und Datenschützer, heilige Kuh von Millionen und Abermillionen vor allem Teenagern und jungen Erwachsenen auf der ganzen Welt. Gemeinsam mit einigen Freunden entwickelt Zuckerberg also Facebook, doch mit dem wachsenden Erfolg des Projekts gibt es zunehmend Probleme von juristischen Streitigkeiten bis hin zur ernsthaften Gefährdung einst enger Freundschaften ...

Kritik:
Ich persönlich finde ja Facebook in etwa so spannend wie das Telefonbuch. Deshalb war meine Reaktion auf die Ankündigung eines Films über Facebook von tiefer Skepsis geprägt. Ich fragte mich: Wer will das sehen? Dann kam David Fincher ("Sieben", "Fight Club", "Zodiac") als Regisseur hinzu, was bei mir bereits erstes Interesse weckte. Aber die Entscheidung, mir "The Social Network" tatsächlich gegen Geld im Kino anzuschauen, fiel erst mit den Lobeshymnen der Kritiker wie auch der normalen Kinozuschauer und mit der Positionierung des Films als einer der größten OSCAR-Favoriten 2011 (am Ende gab es immerhin drei Auszeichnungen, als Bester Film wurde jedoch "The King's Speech" geehrt). Und es sollte sich als eine gute Entscheidung erweisen, denn "The Social Network" ist erstaunlicherweise tatsächlich ein sehr guter Film geworden.

Ironischerweise liegt das vor allem daran, daß es darin eben nicht primär um Facebook geht. Stattdessen hat Fincher mutig einen stark an "Citizen Kane" erinnernden Ansatz gewählt. Wie in Orson Welles' Meisterwerk aus dem Jahr 1941 stehen im Zentrum der Geschichte Aufstieg und Fall eines extrem erfolgreichen und innovativen Unternehmers auch wenn besagter "Fall" hier (aufgrund der Bezugnahme auf die Realität, in der Facebook und damit auch Zuckerberg nunmal immer noch erfolgreich sind und auf nicht absehbare Zeit auch bleiben werden) auf den persönlichen und teilweise auf den juristischen Bereich beschränkt bleibt. "Citizen Kane" war seinerzeit vor allem deshalb so revolutionär, weil er seine Geschichte in Form von betont subjektiven Erinnerungen jener Menschen erzählt, die den verstorbenen Medienmagnaten Charles Foster Kane persönlich kannten. Aus der Gesamtheit dieser persönlichen Eindrücke ergibt sich ein Mosaik, das den Menschen und Unternehmer Kane zeigt wie zutreffend diese Darstellung ist, das liegt allein in den Augen des Betrachters. Jeder Zuschauer muß für sich selbst entscheiden, welchen "Augenzeugenberichten" er Glauben schenkt, welchen nicht und welchen nur teilweise.

Ähnlich gehen Fincher und Drehbuch-Autor Aaron Sorkin ("Moneyball", Schöpfer der bereits legendären Polit-TV-Serie "The West Wing") in "The Social Network" vor. Auch hier wird die Geschichte der Gründung von Facebook und des beruflichen Aufstieges von Mark Zuckerberg in Form subjektiver Rückblenden erzählt anders als in "Citizen Kane" werden diese jedoch nicht von einem neugierigen Reporter gesammelt, sondern im Rahmen der außergerichtlichen Verhandlungen bei gleich zwei Prozessen gegen Zuckerberg. Da die "Augenzeugen" somit eine viel stärkere Motivation zur Unehrlichkeit haben (sie wollen schließlich Geld von Zuckerberg) als die Befragten in "Citizen Kane", ist es logischerweise sehr fragwürdig, wie nahe an der Realität diese Erzählungen sind. Fincher und Sorkin betonen das auch noch einmal extra kurz vor Ende des Films in Form einer Anwältin (Rashida Jones), die Zuckerberg erläutert, daß ihrer Erfahrung nach 85% emotionaler Aussagen übertrieben seien und die restlichen 15% glatte Meineide. Auf diese Weise relativieren die beiden Filmschöpfer den realen Wahrheitsgehalt des von ihnen Präsentierten ausdrücklich, ohne dadurch jedoch die eigentliche Aussage des Films über den Wert der Freundschaft sowie die Verführbarkeit durch Macht, Ruhm und Reichtum anzutasten. Fraglos ein geschickter Schachzug (der so ganz nebenbei auch noch mögliche Klagen der realen Personen verhindert, auf denen der Film basiert und die teilweise alles andere als positiv dargestellt werden).

Ein Markenzeichen des Regisseurs David Fincher war schon immer sein Augenmerk auf eine sorgfältige, glaubwürdige Charakterzeichnung. Nachdem er diese in seinem vorletzten Film "Zodiac" zugunsten einer quasi-dokumentarischen Präsentation des Thrillers über die Suche nach einem Serienmörder leider stark vernachlässigt hatte, gibt er sich dieses Mal umso mehr Mühe. Und so wirken die Hauptfiguren von "The Social Network" im Großen und Ganzen sehr schlüssig und authentisch auch wenn sie, wie gesagt, nicht allzu viel mit der Realität gemein haben müssen. Zuckerberg selbst wird von Jesse Eisenberg als hochmütiger, leicht manischer, eben nicht ganz einfacher Kerl dargestellt, der speziell aufgrund seiner sehr direkten Art oft Probleme hat, mit anderen Menschen auszukommen (was übrigens eine weitere Parallele zu Charles Foster Kane ist). Aber da er gleichzeitig ein brillanter Programmierer und innovativer Unternehmer ist, der durch den geschickten Einsatz seiner Ideen und Fähigkeiten zu einem steinreichen Mann wird, fungiert er in gewisser Weise sowohl als Vorbild als auch als mahnendes Beispiel für das Publikum.

Trotz seines schwierigen Wesens hat Zuckerberg in Eduardo Saverin (Andrew Garfield, "The Amazing Spider-Man") einen loyalen Freund, der bei der Facebook-Gründung das Finanzielle übernimmt und sie somit überhaupt erst ermöglicht. Daß die Freundschaft der beiden in große Gefahr gerät, liegt einerseits am rapide zunehmenden Erfolg von Facebook mit all seinen Nebenwirkungen, andererseits am schillernden, selbstherrlichen Napster-Mitbegründer Sean Parker (stark gespielt von Justin Timberlake), der sich zwischen die beiden Freunde drängt. Die Inszenierung dieses "Dreiecksverhältnisses" ist Fincher hervorragend gelungen. Obwohl nur Eduardo wirklich sympathisch rüberkommt (dafür sorgt Zuckerbergs höchst trockener Humor immerhin für den ein oder anderen Lacher), wird man als Zuschauer in die eigentlich recht banalen Ereignisse und Entwicklungen hineingezogen, lauscht fasziniert den intelligenten, schlagfertigen Dialogen und fiebert mit den gut ausgearbeiteten Charakteren mit. Und schon bald vergißt man vollkommen, daß man hier einen "Facebook-Film" sieht. Stattdessen verfolgt man die beeindruckend clever konstruierte, bewegende Studie einer jungen, komplexen Unternehmer-Persönlichkeit, die in ihrem raschen beruflichen Erfolg nicht die Erfüllung findet, die sie in Wirklichkeit sucht. Und deshalb ist es auch vollkommen egal, ob sich Fincher und Sorkin an die realen Fakten halten oder nicht. Sie nutzen die Realität nur als Basis für eine einfache, universelle und zutiefst menschliche Geschichte.

Die darstellerischen Leistungen des großen Ensemble-Casts aus überwiegend (noch) relativ unbekannten Jungdarstellern überzeugen auf der ganzen Linie. Jesse Eisenberg empfiehlt sich nachdrücklich als ein zukünftiger "Leading Man" in Hollywood, Andrew Garfield erdet den Film als Sympathieträger der Geschichte, Armie Hammer ("Spieglein Spieglein") hinterläßt in einer Doppelrolle als die Zuckerberg verklagenden Zwillingsbrüder Tyler und Cameron Winklevoss nachhaltigen Eindruck und Newcomerin Rooney Mara konnte sich in ihrer kleinen Nebenrolle Regisseur Fincher für die Hauptrolle in seinem nächsten Film "Verblendung" empfehlen. Gelobt werden muß auch der unkonventionelle, aber zurecht OSCAR-gekrönte Soundtrack von Nine Inch Nails-Mastermind Trent Reznor und Atticus Ross, der das Gezeigte vortrefflich untermalt.

Fazit: Nachdem er zuletzt mit "Zodiac" und "Der seltsame Fall des Benjamin Button" zwei Filme in die Kinos brachte, die nicht frei von Schwächen waren, gelingt David Fincher mit "The Social Network" endlich wieder ein ganz großer Wurf. Die ebenso intelligente wie einfühlsame Charakterstudie eines getriebenen Genies begeistert mit starken darstellerischen Leistungen, gewitzten Dialogen und einer komplexen Erzählstruktur auf der ganzen Linie.

Wertung: 9 Punkte.


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