Empfohlener Beitrag

In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Donnerstag, 6. Oktober 2016

DIE GLORREICHEN SIEBEN (2016)

Originaltitel: The Magnificent Seven
Regie: Antoine Fuqua, Drehbuch: Nic Pizzolatto und Richard Wenk, Musik: James Horner und Simon Franglen
Darsteller: Denzel Washington, Chris Pratt, Peter Sarsgaard, Ethan Hawke, Byung-hun Lee, Haley Bennett, Vincent D'Onofrio, Martin Sensmeier, Manuel Garcia-Rulfo, Luke Grimes, Matt Bomer, Cam Gigandet, Jonathan Joss, Mark Ashworth
 Die glorreichen Sieben
(2016) on IMDb Rotten Tomatoes: 63% (6,0); weltweites Einspielergebnis: $162,3 Mio.
FSK: 16, Dauer: 133 Minuten.

Der brutale Raubtier-Kapitalist und Goldminenbesitzer Bartholomew Bogue (Peter Sarsgaard, "Green Lantern") terrorisiert die kleine Ortschaft Rose Creek und bringt mit seinen Söldnern jeden um, der Widerworte wagt. In einer Mischung aus Entschlossenheit und Verzweiflung machen sich die taffe Emma Cullen (Haley Bennett, "The Equalizer") und ihr Freund Teddy Q (Luke Grimes, "American Sniper") während einer dreiwöchigen Abwesenheit Bogues auf die Suche nach Jemandem, der der todgeweihten Stadt helfen kann. Auftritt Sam Chisolm (Denzel Washington, "Flight"), Kopfgeldjäger im Dienst der Behörden. Nach anfänglichem Zögern nimmt er den mutmaßlichen Selbstmordauftrag schließlich an und sammelt sechs weitere Mitstreiter um sich: den leichtlebigen Revolverhelden und Spieler Josh Faraday (Chris Pratt, "Guardians of the Galaxy"), den kriegserfahren Scharfschützen Goodnight Robicheaux (Ethan Hawke, "Before Sunset") mit seinem tödlichen asiatischen Freund Billy Rocks (Byung-hun Lee, "Terminator: Genysis"), den mexikanischen Outlaw Vasquez (Manuel Garcia-Rulfo, TV-Serie "From Dusk till Dawn"), die Trapper-Legende Jack Horne (Vincent D'Onofrio, "Jurassic World") – der in den Indianerkriegen Hunderte Ureinwohner skalpierte – und den Komantschen Red Harvest (Model Martin Sensmeier). Mit dem Überraschungseffekt auf ihrer Seite erzielt die Truppe anfängliche Erfolge, doch dann schlägt Bogue mit all seiner Macht zurück …

Kritik:
Als renommierter afroamerikanischer Regisseur ist Antoine Fuqua noch immer eine Ausnahme in Hollywood. Mit ordentlichen kommerziellen Erfolgen wie "Shooter", "Olympus Has Fallen", "The Equalizer" oder "Southpaw" hat er sich diesen Status redlich verdient, wenngleich er bei den Kritikern nach seinem – auch eher von überragenden Darstellerleistungen getragenen – Durchbruch mit dem grimmigen Cop-Thriller "Training Day" nie mehr allzu große Begeisterung auslöste (mich selbst konnte er eigentlich nur mit "The Equalizer" so richtig überzeugen). Der Western "Die glorreichen Sieben" stellt Fuquas bislang größtes Projekt seit dem gefloppten "King Arthur" (2004) dar, wobei er sich übrigens trotz des Filmtitels nach eigener Aussage eher von Akira Kurosawas "Die sieben Samurai" (1954) leiten ließ als von John Sturges' losem Remake "Die glorreichen Sieben" aus dem Jahr 1960. Das ist sicherlich eine gute Idee, da Kurosawas vierstündiges Epos Sturges' unterhaltsamen, aber geradlinigen Westernklassiker inhaltlich locker in den Schatten stellt. In der Praxis ist von Kurosawa-Einflüssen jedoch nicht allzu viel zu erkennen, speziell bei der Gestaltung der (leider sehr blaß bleibenden) Titelfiguren richtet sich Fuqua eindeutig eher nach dem Sturges-Film; ansonsten wirkt sein Remake wie ein buntes Sammelsurium beliebter Western-Motive vom Duo John Ford / John Wayne bis hin zu Sergio Leone. Häufig hat ein solches "Best of"-Vorgehen schon zu mindestens respektablen Resultaten geführt, doch ausgerechnet bei dieser aufwendig produzierten Hollywood-Version mit hochkarätiger Besetzung – die Fuqua wieder mit seinen "Training Day"-Stars Washington und Hawke zusammenbringt kam leider nicht mehr als Mittelmaß heraus.

Bereits nach wenigen Minuten, nach einem noch wunderbar intensiven Beginn in der Kirche von Rose Creek, in der die Bewohner ihre wenigen Optionen gegen den Tyrannen durchgehen, geht die Subtilität mit dem ersten Aufauchen von Bogue – der die Versammlung fast buchstäblich sprengt – komplett in die Binsen. Das ist nicht Peter Sarsgaards Schuld, denn der gibt (trotz gelegentlichen Overactings, das aber eher dem Drehbuch geschuldet sein dürfte) einmal mehr einen sehr ordentlichen Bösewicht ab, der seine Hauptaufgabe problemlos erfüllt: Man haßt ihn quasi von der ersten Sekunde an und freut sich diebisch auf sein unvermeidliches Ende. Dieses rein "mechanische" Funktionieren bedeutet allerdings noch lange nicht, daß Bogue ein guter Antagonist ist. Dafür ist er zu schlecht und lieblos geschrieben, er ist ein Klischee-Bösewicht von der Stange, der Überbringer schlechter Botschaften selbstverständlich skrupellos ermordet und genüßlich an seiner Zigarette zieht, während um ihn herum Unschuldige abgeschlachtet werden. Nun waren zugegebenermaßen weder bei Kurosawa noch bei Sturges die Widersacher wirklich denkwürdig, speziell Eli Wallachs Banditenanführer Calvera wirkte aber um einiges glaubwürdiger als dieser Bartholomew Bogue, der sich als den nächsten Rockefeller sieht – daß Bogue zwischen seinem durchaus eindrucksvollen ersten Auftritt und dem bemerkenswert bleihaltigen Showdown nur noch eine kurze (sehr klischeehafte) Szene spendiert bekommt, ist naturgemäß auch nicht sehr hilfreich.

Für ein bißchen Überraschungspotential sorgt immerhin das Rätseln darum, wer von unseren sieben Helden, deren Vorstellung ziemlich unspektakulär, jedoch unterhaltsam über die Bühne geht, überleben wird. In einer ruhigen Minute vor dem (zu) langen finalen Shootout habe ich mir überlegt, wer wohl die besten Überlebenschancen hat, und obwohl ich mir bei meiner Prognose ziemlich sicher war, lag meine Trefferquote am Ende nur bei 50% – das ist im Vergleich zu anderen Filmen dieser Art ein erfreulich niedriger Wert. Und apropos Titelhelden: Mit denen qualifiziert sich Fuquas Film als vermutlich – zumindest hinsichtlich der Diskriminierung von Minderheiten – politisch korrektester Western aller Zeiten! Schließlich sind neben drei Weißen noch ein Schwarzer (sogar als Anführer), ein amerikanischer Ureinwohner, ein Latino und ein Asiate dabei. Und mit Emma kommt auch noch eine Frau dazu, die zusammen mit Teddy Q – der so ein bißchen die Rolle des übereifrigen Heißsporns übernimmt, die 1960 den Deutschen Horst Buchholz zum internationalen Star machte – dafür sorgt, daß der Filmtitel eigentlich "Die glorreichen Neun" lauten sollte. Bedauerlicherweise führt diese erschummelte Erweiterung der Hauptdarsteller-Anzahl dazu, daß die einzelnen Figuren noch weniger Gelegenheit haben, sich voneinander zu differenzieren und dem Publikum länger im Gedächtnis zu bleiben. Der alternde Scharfschütze Robicheaux ist eigentlich der Einzige, der zumindest eine kleine begleitende Hintergrundstory bekommt (die eher gewöhnlich ausfällt), der Rest wirkt ziemlich gleichförmig. Noch nicht einmal der reizvolle Kontrast zwischen dem Komantschen Red Harvest und dem berühmt-berüchtigten Indianerjäger Jack Horne wird mit mehr als einer frühen mißtrauischen Bemerkung Hornes gewürdigt, stattdessen sind die Sieben sehr schnell wie ein Herz und eine Seele, was für die Zuschauer einfach nicht nachvollziehbar ist. Das gilt umso mehr, als die Dialoge untereinander größtenteils beliebig und oberflächlich ausfallen und sich zunehmend auf dumpfe Macho-Sprüche reduzieren – kein Vergleich zu den deutlich feiner herausgearbeiteten Protagonisten bei Kurosawa (der natürlich auch doppelt so viel Zeit zur Verfügung hatte) und Sturges. Das sorgt dann auch dafür, daß die neuen Helden den Vergleich mit ihren teils klar erkennbaren Vorbildern fast durchgehend verlieren; vor allem die beiden zentralen Protagonisten schneiden mäßig ab, wobei Denzel Washington jedoch sehr wohl einen guten Westernhelden abgibt; nur strahlt er einfach nicht die unnachahmliche Coolneß eines Yul Brynner aus. Und Chris Pratt, der "neue Steve McQueen", nervt mit seinen ständigen Onelinern eher, als daß er amüsiert. Etwas besser sieht es auch dank der ethnischen Durchmischung bei den anderen aus, wobei mir Vincent D'Onofrios Jack Horne insgesamt am besten gefiel. Dennoch: Beim Gedanken, was HBO oder Netflix in einer TV-Serie aus diesem Ensemble hätten herausholen können, kommen einem fast die Tränen …

Ein weiteres großes Problem von Fuquas "Die glorreichen Sieben" ist absolut nicht neu für das aktuelle Hollywood und es hängt direkt mit der schwachen Figurenzeichnung zusammen: es wird zu stark auf Action gesetzt. Dabei konnten mich die Schießereien, wenngleich routiniert gemacht, noch nicht einmal richtig fesseln; gerät der erste Auftritt der Titelhelden noch leidlich beeindruckend, wenn auch teilweise etwas unübersichtlich choreographiert, mutiert das große Finale schnell zu einem überkandidelten, ziemlich brutal in Szene gesetzten Massengemetzel, das zwar gelegentliche kurze Höhepunkte enthält, sich insgesamt aber viel zu lang zieht. Dazu mangelt es an der nötigen inszenatorischen Finesse wie auch an emotionaler Tiefe (wiederum bedingt durch die schwache Vorarbeit in Sachen Charaktere). Das bekamen andere Western des 21. Jahrhunderts viel besser hin, etwa Kevin Costners "Open Range" – dessen epischen finalen Shootout ich für geradezu lehrbuchhaft halte – oder der dänische "The Salvation". Die musikalische Untermalung kann bei "Die glorreichen Sieben" auch nicht mehr viel retten, was umso bedauerlicher ist, als es sich um die letzte Arbeit des 2015 verstorbenen James Horner ("Titanic") handelt. Horner gab letztlich sogar die Initialzündung für das lange geplante, aber immer wieder verschobene Remake, als er auf eigene Faust einen vollständigen Soundtrack komponierte und diesen Fuqua zuschickte. Die Musik (die von dem mit Horner befreundeten Simon Franglen überarbeitet und an die Filmszenen angepaßt wurde, denn die existierten ja noch gar nicht, als Horner komponierte) ist sehr solide geraten und zeigt sich traditionsbewußt, erreicht jedoch nie die große Klasse von Elmer Bernsteins OSCAR-nominiertem 1960er-Score – dessen ikonisches Leitmotiv leider erst im Abspann dieses Remakes kurz angespielt wird. Somit bleibt Antoine Fuquas "Die glorreichen Sieben" als gut verdaulicher Western-Snack ohne jede Raffinesse im Gedächtnis, dessen klügster Schachzug das multi-ethnische Ensemble ist (auch wenn dessen erzählerisches Potential nicht einmal ansatzweise ausgeschöpft wird). Da er trotzdem ein kommerzieller Erfolg ist, könnte er aber zumindest dazu beitragen, daß in den nächsten Jahren wieder etwas mehr Western gedreht werden.

Fazit: "Die glorreichen Sieben" ist ein mittelmäßiger, wenig abwechslungsreicher Western, der trotz Starbesetzung und sehr viel Action nie die Klasse der beiden großen Vorbilder "Die sieben Samurai" und "Die glorreichen Sieben" (1960) erreicht – und damit ziemlich überflüssig wirkt.

Wertung: 6 Punkte.


Bei Gefallen an meinem Blog würde ich mich über die Unterstützung von "Der Kinogänger" mittels etwaiger amazon.de-Bestellungen über einen der Links in den Rezensionen oder das amazon.de-Suchfeld in der rechten Spalte freuen, für die ich eine kleine Provision erhalte.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen