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In eigener Sache: Mein neues Filmbuch

Einigen Lesern ist bestimmt aufgefallen, daß ich in der rechten Spalte meines Blogs seit einigen Monaten das Cover meines neuen Buchs präs...

Samstag, 28. Januar 2017

Nachruf: Sir John Hurt (1940-2017)

Ikonische Momente der Filmhistorie: Humphrey Bogart prophezeit am Ende von "Casablanca" auf einem Flugfeld Claude Rains den Beginn einer wunderbaren Freundschaft, während seine große Liebe Ilsa (Ingrid Bergman) mit ihrem Ehemann davonfliegt. Ein Filmproduzent erwacht in "Der Pate, Teil I", nachdem er ein "Angebot, das man nicht ablehnen kann" abgelehnt hat, mit dem abgetrennten Kopf seines wertvollen Lieblingspferdes unter der Bettdecke. Die tragische Kreatur King Kong klettert in "King Kong und die weiße Frau" das Empire State Building hoch, während sie von Flugzeugen angegriffen wird. Brad Pitt erhält am Ende von "Sieben" eine ganz besondere Postlieferung. Harold Lloyd hängt in einem halsbrecherischen Stunt (den heutzutage keine Versicherung mehr erlauben würde) in "Ausgerechnet Wolkenkratzer!" am Ziffernzeiger einer riesigen Turmuhr. Joe E. Brown reagiert in der Schlußszene von "Manche mögen's heiß" auf die Enthüllung seiner von dem als Frau verkleideten Tony Curtis verkörperten großen Liebe, daß er ein Mann ist, mit unnachahmlicher Gelassenheit: "Well, nobody's perfect". Die Titelfigur bricht in "Alien" blutig aus John Hurts Brust hervor. All das sind Bilder, die sich in das kollektive Gedächtnis aller Filmfans eingebrannt haben und von denen viele selbst jenen etwas sagen, die eigentlich gar nichts mit Filmen anfangen können. Sir John Hurt, in Ridley Scotts SciFi-Horror-Meisterwerk "Alien" beklagenswerter Protagonist in einer der schockierendsten und effektivsten Sterbeszenen der Filmgeschichte und generell eine Ikone des britischen Kinos, ist nun leider auch in der Realität verstorben.
Seinen Durchbruch im Filmgeschäft feierte der mit seiner dünnen, hochgewachsenen Gestalt, dem markanten, früh von Falten durchzogenen Gesicht und seiner tiefen Stimme geradezu für Shakespeare-Rollen (die er dann überwiegend im Theater, vereinzelt im Fernsehen übernahm) geschaffene John Hurt nach einigen kleineren TV- und Kinorollen im Jahr 1966 mit der wichtigen Nebenrolle des Lordkanzlers Richard Rich in Fred Zinnemanns mit sechs OSCARs prämiertem Historiendrama "Ein Mann zu jeder Jahreszeit". Darauf folgten zunehmend größere Rollen, ein weiterer Erfolg gelang ihm in Richard Fleischers "John Christie, der Frauenwürger von London" (1971) an der Seite von Richard Attenborough, wofür er seine erste Nominierung für den BAFTA Award (den "britischen OSCAR") erlangte. Fortan glänzte er auch mit seiner Vielseitigkeit: Im vieldiskutierten "Wie man sein Leben lebt" portraitierte er den exzentrischen Homosexuellen Quentin Crisp, in der gefeierten TV-Serie "Ich, Claudius - Kaiser und Gott" (1976) spielte er den Caligula, für Alan Parkers "12 Uhr nachts - Midnight Express" (1978) erhielt er seine erste OSCAR-Nominierung (als bester Nebendarsteller). Dazu glänzte er als Sprecher in den beiden Zeichentrickfilmen "Watership Down - Unten am Fluß" und als Aragorn in Ralph Bakshis früher und unvollständiger "Der Herr der Ringe"-Adaption.

Und dann kam "Alien". In seinem ersten großen Hollywood-Auftritt war John Hurt als Offizier Kane Teil der siebenköpfigen Besatzung des Fracht-Raumschiffs Nostromo, das fatalerweise auf einen Notruf reagiert und auf einem scheinbar unbelebten Planetoiden auf ein abgestürztes außerirdisches Raumschiff stößt. Dort treffen sie in der Tat auf Überlebende, jedoch nicht auf die offensichtlich schon sehr lange tote Besatzung, sondern auf die titelgebende merkwürdige Kreatur, die den neugierigen Kane attackiert. Und so ging John Hurt als erstes (menschliches) Opfer des langlebigen "Alien"-Franchise in die Kinogeschichte ein, befördert natürlich durch Sir Ridley Scotts genial-hinterhältige Inszenierung der entsprechenden Szenen (auch wenn diese heutzutage angesichts eines stark angestiegenen Gewalt- und Brutalitätsgrads im Genrekino auf viele Zuschauer nicht mehr ganz so schockierend wirken dürften). Es ist und bleibt, trotz vergleichsweiser kurzer Screentime, Hurts bekannteste Rolle, auf die er nach eigenen Angaben noch Jahrzehnte später regelmäßig von Fans angesprochen wurde (trotzdem war er der einzige aus dem "Alien"-Ensemble, der 2014 nicht als Sprecher seiner Figur für das Computerspiel "Alien: Isolation" zur Verfügung stand). Kurioserweise ist Hurt nun übrigens auch in der Realität der erste Verstorbene aus der "Nostromo"-Besatzung, obwohl er bei weitem nicht der Älteste war (Harry Dean Stanton ist 90, Sir Ian Holm 85, Tom Skerritt 83, Yaphet Kotto 77) ...

Die 1980er Jahre waren John Hurts erfolgreichste Zeit als Schauspieler mit den Hauptrollen in heutigen Klassikern wie David Lynchs "Der Elefantenmensch" (1980), in dem er einfühlsam den als Folge einer genetischen Störung mit einer schweren Gesichtsdeformation lebenden John Merrick verkörperte (dafür gab es Hurts zweite und letzte OSCAR-Nominierung, diesmal als Hauptdarsteller) und Michael Radfords dystopischer George Orwell-Adaption "1984". Auch in weiteren bekannten Filmen wie Michael Ciminos Megaflop "Heaven's Gate" (1981), Mel Brooks' "Die verrückte Geschichte der Welt" (1981, als Jesus) und "Spaceballs" (1987, als er selbst in einer Szene, die "Alien" herrlich parodiert), Sam Peckinpahs letztem Film "Das Osterman-Weekend" (1983), Stephen Frears' "Die Profi-Killer" (1984), Michael Radfords "Die letzten Tage in Kenya" (1987) oder Jim Sheridans "Das Feld" (1990) war er zu sehen und wechselte weiter zwischen Hollywood-Ware und anspruchsvollen Independent-Dramen, selbst die Hauptrolle in dem trashigen "Roger Cormans Frankenstein" (1990) von B-Film-Legende Roger Corman ließ er sich nicht nehmen.

Wie bei vielen Schauspielern wurden auch bei John Hurt mit zunehmendem Alter Hauptrollen weniger, doch blieb er bis zu seinem Tod einer der beliebtesten Nebendarsteller. Ob als fieser Markgraf in Michael Caton-Jones' Abenteuerfilm "Rob Roy" (1995), als Unternehmensmanager in Jim Jarmuschs poetischem Western "Dead Man" (1995), als Mäzen in Robert Zemeckis' philosophischem SciFi-Drama "Contact" (1997), als Zauberstab-Konstrukteur Mr. Ollivander in drei "Harry Potter"-Filmen oder als Erzähler in Lars von Triers "Dogville" (2003) und "Manderlay" (2005), John Hurt bereicherte jeden Film mit seinem Können und seinem Charisma. Auch als gutmütiger Professor Broom in den beiden "Hellboy"-Filmen hinterließ er Eindruck, ebenso als Bettlägeriger im Horrorfilm "Der verbotene Schlüssel" (2005), als Kopfgeldjäger im australischen Spätwestern "The Proposition" (2005), als mit dem Titelheld befreundeter Professor in "Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels" (2008), als Wikingerkönig in dem spaßigen SciFi-/Fantasy-Hybriden "Outlander" (2008), als Geheimdienstchef in der meisterhaften John Le Carré-Adaption "Dame, König, As, Spion", als Mentor der Protagonisten im Fantasyfilm "Krieg der Götter" und im Endzeit-Thriller "Snowpiercer" oder als Vater der Braut in Lars von Triers "Melancholia". Als König in "Hercules", als Sprecher des Drachen in der Fantasyserie "Merlin" oder als vergessener Zeitreisender im Jubiläums-Special der britischen Kultserie "Doctor Who" (2013) frönte er zudem weiterhin ausgiebig Genrestoffen. Ein ganz besonderes Highlight war 2005 James McTeigues brillante Graphic Novel-Adaption "V wie Vendetta", in der John Hurt gut 20 Jahre nach "1984" in einer nicht unähnlichen Dystopie dieses Mal nicht den Helden spielte, sondern den faschistischen Diktator Adam Sutler. Laut IMDb haben übrigens rekordverdächtige 47 von Hurts Leinwandrollen Kanes Schicksal geteilt und nicht das Filmende erlebt!

Insgesamt war John Hurt für zwei OSCARs nominiert, er gewann den Golden Globe für "12 Uhr mittags" und er erhielt in Großbritannien bei sieben Nominierungen drei BAFTA Awards sowie 2012 den Ehren-BAFTA Award für sein Lebenswerk. Im Jahr 2015 wurde John Hurt von Königin Elizabeth II. zum Ritter geschlagen und durfte sich seitdem "Sir John" nennen - im gleichen Jahr erfuhr er aber auch, daß er an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankte, den er jedoch nach eigenen Angaben nach wenigen Monaten intensiver Therapie besiegte. Von der Schauspielerei ließ er sich jedenfalls nicht abhalten, aktuell ist er als Priester im OSCAR-nominierten Drama "Jackie" in den deutschen Kinos zu sehen, außerdem werden wohl noch ein halbes Dutzend weitere Filme mit seiner Beteiligung erscheinen - der prestigeträchtigste davon ist sicher Joe Wrights Historiendrama "Darkest Hour" über Sir Winston Churchill im Zweiten Weltkrieg, in dem John Hurt Churchills Amtsvorgänger Neville Chamberlain spielt (die Dreharbeiten scheinen bereits abgeschlossen zu sein).

Am 27. Januar 2017, fünf Tage nach seinem 77. Geburtstag, verstarb Sir John Hurt in London, nachdem der Krebs offenbar zurückgekehrt war. Das britische und das weltweite Kino verlieren damit einen der ganz Großen. R.I.P., Sir John.

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